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6. Die Degeneration der amerikanischen Demokratie  

Theo Roszak 2003

 

»Aber man muss eine solche Fuchsnatur zu verschleiern wissen und ein großer Lügner und Heuchler sein: Die Menschen sind so einfältig und gehorchen so sehr den Bedürfnissen des Augenblicks, dass derjenige, welcher betrügt, stets jemanden finden wird, der sich betrügen lässt.« 

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Niccolo Machiavelli in Der Fürst

»Die bewusste und gezielte Manipulation der Gewohnheiten und Ansichten der Masse ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. Wer immer diese unsichtbaren Mechanismen der Gesellschaft steuert, schafft damit eine unsichtbare Regierung, welche die eigentliche Macht in unserem Lande innehat. [...]

Wir werden beherrscht, unser Geist wird geformt, unser Geschmack, unsere Ideen werden uns suggeriert, und zwar von Menschen, von denen wir noch nie gehört haben. Dies ist das logische Resultat der Organisationsform unserer demokratischen Gesellschaft. Zahllose menschliche Wesen müssen auf diese Art und Weise zusammenwirken, wenn die Gesellschaft als solche funktionieren soll. [...]

Bei fast jedem Akt unseres täglichen Lebens, ob es nun um Politik oder Geschäft, Sozialverhalten oder Ethik geht, werden wir von einer kleinen Anzahl von Menschen gesteuert, welche die mentalen Prozesse und sozialen Verhaltensmuster der Massen kennen. Sie sind es, welche die Drähte ziehen, um die öffentliche Meinung zu lenken.« 

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Edward Bernays, Vater der Public-Relations, in seinem Buch Propaganda

 

 Politik als Budenzauber  

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Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts besitzt der amerikanische Durchschnittsbürger ein höheres Bildungsniveau als je zuvor in der Geschichte dieses Landes. Mehr als die Hälfte der amerikanischen Wähler hat einen College-Abschluss. (1960 waren es weniger als 25 Prozent.) Amerikanische Universitäten platzen aus allen Nähten, weil so viele Studenten sich dort auf ihre berufliche Karriere vorbereiten.

Jede hoch industrialisierte Wirtschaft braucht gut ausgebildete Arbeitskräfte, doch in Amerika ist mittlerweile auch für Stellen, die früher von Highschool-Absolventen besetzt wurden wie zum Beispiel Bankkassierer, Versicherungskaufmann oder Abteilungsleiter, ein Universitätsabschluss vonnöten. Außerdem sind die Vereinigten Staaten das Herz der neuen Hightech-Wirtschaft, die ohne entsprechend ausgebildete Arbeitskräfte einfach undenkbar wäre.

Zahlen wie diese lassen eigentlich erwarten, dass es zu einer Intellektualisierung des Wahlverhaltens kommen sollte. So betrachtet müsste jeder Wahl eine ernsthafte Diskussion über die anstehenden Aufgaben der Politik vorangehen, und die schließlich gewählten Volksvertreter wären ausschließlich gebildete Männer und Frauen von hoher Intelligenz.

Vor etwa dreißig Jahren, als die damalige junge Generation mit ihren Universitätsdiplomen in der Tasche in die Welt hinausströmte, zumindest teilweise erfüllt von einem beträchtlichen sozialen Idealismus, meinte so mancher, dass wir nun auf dem besten Weg in ein neues Zeitalter der Aufklärung seien, in dem die wüsten Betrügereien, die krassen Lügen der Vergangenheit bald von der politischen Bühne verschwunden sein würden.

Stattdessen leben wir in einer Zeit, in der die Demokratie in einem erschreckenden Auflösungsprozess begriffen ist, einer Abwärtsspirale, die Gaunern und Dummköpfen erlaubt, die Bevölkerung auszubeuten wie eh und je. Die Wahldebatten in Amerika verlieren von Jahr zu Jahr an Niveau. Ihr Hauptziel scheint nachgerade zu sein, in jedem einzelnen Wähler die dumpfsten Ressentiments zum Vorschein zu bringen. Wahlkampagnen sind pure Medienspektakel und werden von denselben kommerziellen Interessengruppen gemanagt, die ansonsten Waschmittel und andere Konsumgüter an den Mann beziehungsweise die Frau bringen.

Die Generation der hochgebildeten Amerikaner, die in den sechziger Jahren aus den Universitäten kamen, ist zwischenzeitlich mehr oder weniger zu einer überarbeiteten, übergeschäftigen, geistig und körperlich ausgelaugten Klasse von Workaholics mutiert, die nur noch damit beschäftigt sind, Karriere zu machen, ihr Investment-Portfolio zu managen, ihre Schäfchen am Grundstücksmarkt ins Trockene zu bringen und sich im Ruhestand ein komfortables Auskommen zu sichern.

Was ihre Kinder betrifft, die so genannte »Generation X«, so sind diese — ebenfalls mehr oder weniger — noch weit schlimmer dran. Diese Generation ebenso orientierungsloser wie zynischer Schmollmünder, die sich ständig um ihren Job sorgt, lebt im Glauben, dass die menschliche Kultur rundum nur ein Zentrum kennt: das World-Wide-Web. Das schicke Design einer Webseite scheint ihnen weit mehr Zeit und Mühe wert zu sein als jedes gute Buch.

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Im Ergebnis ist die seit jeher gefährdete Grenze zwischen Politik, Werbung und Entertainment nun endgültig gefallen. Wir sind in eine Phase des höheren Analphabetismus eingetreten, eine Art von elektronischem Banausentum, das kommerziell sehr nachhaltig ausgebeutet und politisch klug genutzt wird.

Wir erleben heute den Höhepunkt eines Trends, der sich in den Vereinigten Staaten schon im frühen zwanzigsten Jahrhundert abzeichnete. Bei der Präsidentschaftswahl von 1920 schuf Warren G. Harding, ein politisch konturloser Senator aus Ohio, ein Novum: Er war der erste Kandidat, der seine Kampagne von einer Werbeagentur managen ließ. Die Agentur war mit ihrer Werbung für eine Zahncreme namens Pepsodent bekannt geworden. Und Harding besaß die eine Eigenschaft, die für Präsidentschafts-Wahlkampagnen unverzichtbar ist: Er sah aus wie ein Präsident. Mit seinem guten Aussehen, dem silbernen Haar und dem kräftigen Kinn hätte jedes Casting-Team Hollywoods ihn für diese Rolle ausgewählt.

Doch hinter der schönen Fassade verbarg sich wohl einer der größten Dummköpfe, die je ein öffentliches Amt bekleidet hatten. Er selbst räumte ein, von den wichtigen Themen seiner Zeit überhaupt nichts zu verstehen. Er war ein Trinker, Frauenheld und zwanghafter Pokerspieler. Seine engsten politischen Berater — die »Ohio Gang«, wie man sie nannte — landeten später durchweg wegen diverser Korruptionsskandale vor Gericht. Einige dieser Gesetzesbrüche wurden direkt vor der Nase des Präsidenten begangen. Doch der clevere Wahlkampf und sein blendendes Äußeres brachten Harding ins Weiße Haus. Damit wurde er zum Wegbereiter einer bestimmten Entwicklung. Sein Sieg inspirierte nämlich auch den nächsten Anwärter auf den Präsidentenstuhl — Calvin Coolidge, eine der farblosesten Gestalten, die je ins Weiße Haus eingezogen war — dazu, sich ebenfalls an eine Werbeagentur zu wenden. Und Coolidge heuerte den Besten an: Edward Bernays.

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Der in Österreich geborene Bernays gilt als Vater der Public-Relations-Industrie. Ganz sicher aber war er eines der größten Werbetalente des zwanzigsten Jahrhunderts. Außerdem war er der Erste, der erkannte, dass Propaganda in der Politik dieselbe Rolle spielte wie Werbung in der Wirtschaft. Er sah nicht nur vorher, dass Werbung und Politik bald Hand in Hand gehen würden, er hielt diese Liaison sogar für erstrebenswert, weil seiner Ansicht nach eine Demokratie nur so wirklich funktionieren könne. Er war überzeugt, dass die Zukunft demokratischer Gesellschaften davon abhinge, wie gut ein Politiker »Mehrheiten herstellen« könne. Männer wie er selbst, Experten im Fein-Tuning von Geschmack und Meinung, würden in diesem Gesellschaftsmodell zur neuen Elite aufsteigen, die mit raffinierten psychologischen Methoden Meinungen schufen. Er drückte dies so aus: »Wenn wir die Verhaltensweisen und Motive des Gruppengeistes verstehen, können wir die Massen kontrollieren und beherrschen, ohne dass sie es merken.«

Es ist Franklin D. Roosevelts Verdienst, dass er Bernays' Dienste ablehnte, als dieser sie im Zweiten Weltkrieg der Regierung anbot. Traurigerweise aber scheint Bernays die Zukunft der Demokratie klarer vorausgesehen zu haben, als Thomas Jefferson oder James Madison, die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, dies ahnen konnten. Nach 1920 engagierten Politiker immer öfter Werbefachleute für ihre Kampagnen sowie ihre Fernseh- und Radiospots. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts war die politische Kampagne zum Marketingfeldzug verkommen, in der das Bild des Kandidaten und unterschwellig gesendete Signale den politischen Erfolg bestimmten.

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Die Demokratie hat an den Bürger immer schon höhere Anforderungen gestellt, als die politischen Denker der Liberalen eingestehen mochten. Eine vernünftige Wahlentscheidung zu treffen erfordert weder ein Uni-Diplom noch Expertenwissen. Doch ein wenig gesunden Menschenverstand und eine grundlegende Bildung braucht es schon. Außerdem funktioniert Demokratie nicht ohne eine gewisse Selbstreflexion. Der Wähler muss wissen, wer er ist und welche grundlegenden Bedürfnisse er hat.

Mit diesem Wissen um die eigene »Identität« meine ich hier sowohl Eigenschaften, die wir mit anderen teilen (wie zum Beispiel Rassen- oder Geschlechtszugehörigkeit oder ein Bewusstsein der eigenen gesellschaftlichen Klasse), als auch unsere besonderen Qualitäten als autonomes Individuum. Es bedeutet, dass wir eine klare Vorstellung von unseren Rechten und Pflichten innerhalb der Gemeinschaft haben. Hier handelt es sich nicht um Merksätze, die man in der Schule lernt, vielmehr sollte dieses Bewusstsein der eigenen Rechte und Pflichten der unmittelbaren Einsicht entspringen. Wenn also die Identität einer Person verletzt wird, wenn ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden, sollte der daraus entstehende Schmerz so real sein wie der Hunger, den wir empfinden, wenn wir nichts zu essen bekommen.

Was aber geschieht in einer Gesellschaft, die eine ganze Industrie hervorbringt, um die Identität der Menschen zu manipulieren und ihren Kopf mit falschen Bedürfnissen zu füllen? Denn genau das ist schließlich Sinn und Zweck der Werbung.

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Werbung, die in einer hoch entwickelten Konsumgesellschaft unabdingbar zu sein scheint, benutzt jeden bekannten psychologischen Trick, um die Identität der Menschen zu verändern.

Sie hält den Menschen verführerische Bilder vor, zeigt ihnen Männer und Frauen, die zum Vorbild für Aussehen, Verhalten, ja das ganze Leben werden. Sie beschwört den Bedarf an jenen Gütern, die sie verkaufen will, überhaupt erst herauf. Werbung sucht nach den Schwächen der Menschen. Sie erforscht Mittel und Wege, wie man die Reflexe des Menschen so einsetzen kann, dass am Ende das Bedürfnis nach dem Kauf einer bestimmten Ware steht.

Werbung ist professionelle Täuschung zum Zwecke des Profits.

Und ihre Techniken beschränken sich keineswegs auf den Waren- und Dienstleistungsmarkt. Mit denselben Methoden lassen sich nämlich auch politische Programme und Strategien verkaufen, ja letztlich der Politiker selbst. Ist Wählen denn letztlich nicht dasselbe wie Shopping? In den Vereinigten Staaten wird heute jeder Politiker bis ins Kleinste durchgestylt. Er muss im Fernsehen gut »rüberkommen«. Was er sagen darf, wird ihm im Wortlaut vorgeschrieben. Eine kluge (gut einstudierte) Antwort oder ein Bonmot in einer Talkshow zählen mehr als inhaltliche Substanz.

Die Wirkung jeder Rede wird vorher Wort für Wort an einer focus group getestet, Kleingruppen, deren Zusammensetzung in etwa dem amerikanischen Durchschnitt entspricht. Per Knopfdruck signalisieren sie Zustimmung oder Ablehnung. George W. Bush zum Beispiel erhielt den Tipp, in seinen Reden nicht mehr den Begriff »Mütter und Väter« zu verwenden, sondern stattdessen von »Eltern« zu sprechen, weil dies bei den focus groups besser ankam.

Auch politische Maßnahmen und militärische Aktionen werden so benannt, dass sie in der Öffentlichkeit Zustimmung finden: »Operation Wüstensturm« für den Golfkrieg, »Freiheit für den Irak« für den Irakkrieg sind einige Beispiele.

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Es gibt Marketingexperten, die sich auf die Wirkung einzelner Silben spezialisiert haben. Welche Silben transportieren die richtige Stimmung, das richtige Gefühl für ein bestimmtes Produkt, eine bestimmte Idee? »K« zum Beispiel klingt knackig und nach Geschäftsleben, »M« dagegen nach Entspannung und Wohlfühlen.

Die Geschichte des politischen Denkens hat die Demokratie sicher nie als Spielball solch gewerbsmäßiger Taschenspielerei gesehen. Eine politische Maßnahme zu »verkaufen« hatte immer schon den Beigeschmack billiger Marktschreierei um Autos, Klamotten oder Schönheitswässerchen. Doch war es lediglich eine Frage der Zeit, bis Politik und Marketing eine Liaison eingehen würden. Und wer hätte besser vermocht, uns ins Wunderland der Budenzauberpolitik zu geleiten, als der »große Kommunikator«?

Ronald Reagans Budenzauber begann im Jahr seiner Wahl 1980. Damals standen drei ernst zu nehmende Kandidaten zur Wahl: ein Republikaner, ein Demokrat und ein Kandidat einer unabhängigen Wählergruppe. Schließlich gewann Reagan die Stimmen von etwa 28 Prozent der Wahlberechtigten bei einer Wahl, bei der nur etwa die Hälfte der Wahlberechtigten sich überhaupt an den Urnen einfand. Der Prozentsatz der Nicht-Wähler war also größer als derjenige derer, die für ihn stimmten. Dies war ein Wendepunkt in der Geschichte Amerikas. Von der Wahl im Jahr 1980 an wurde das Nicht-Wählen zur »größten Massenbewegung unserer Zeit«, wie ein Politologe meinte.

Reagan und seiner Partei war das allerdings ziemlich egal. Als geübter Schauspieler wusste er das Ergebnis so zu verkaufen, als habe er einen wahren Erdrutschsieg eingefahren. Und er interpretierte seine Wahl als Mandat zur Abschaffung sämtlicher Sozialgesetze, die seit Roosevelts New Deal in den dreißiger Jahren beschlossen worden waren.

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Seine Redenschreiber bemühten Roosevelt selbst, um Reagans Politik zu rechtfertigen — wahrlich ein demagogisches Kunststück. Trotzdem schienen diese faulen Tricks seine Popularität nie zu beeinträchtigen. Die Medien fassten ihn mit Samthandschuhen an. Die Bevölkerung schien ihn viel zu sehr zu lieben, sodass man ihm seine häufigen dümmlichen und ignoranten Bemerkungen nicht zum Vorwurf machen konnte.

Reagans Präsidentschaft markierte den Beginn eines merkwürdigen Trends in der amerikanischen Politik: der schamlosen Verwandlung von Politik in Show. Als wünschten die Menschen eine Politik im Hollywoodformat. Reagan vermischte gern Dichtung und Wahrheit. So behauptete er zum Beispiel, im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen zu sein. Als er den vierzigsten Jahrestag der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie zelebrierte, tat er so, als wäre er dabei gewesen. Das stimmte natürlich nicht. Reagan hatte die Uniform nur in einigen seiner Filme getragen, aber er hatte niemals in Übersee gedient. Erschreckender als diese Traumtänzerei ist jedoch die Tatsache, dass die Mainstream-Medien seine Behauptungen niemals in Zweifel zogen. Das wäre ja auch nicht besonders nett gewesen.

Mitte der Achtziger setzte Reagan all seinen Ehrgeiz in die Verwirklichung des astronomisch teuren SDI-Projekts, eines satellitengesteuerten Raketenverteidigungssystems. Wissenschaftler und Techniker (die nicht auf der Lohnliste des Militär-Industrie-Komplexes standen) waren sich einig, dass dieses System nicht umsetzbar ist. Nichtsdestotrotz präsentierte Reagan öffentlich Computersimulationen dieser angeblich unfehlbaren Waffe.

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Diese Simulationen erinnerten stark an die Spezialeffekte in Science-Fiction-Filmen. Daher erhielt das System den Beinamen »Star Wars«, der von der Presse geprägt wurde, um den protzigen, futuristischen Charakter des Projekts zu unterstreichen. Auch hier schien die Öffentlichkeit willens, ein Fantasieprodukt zu akzeptieren, das sie mehr als 1 Billion Dollar kosten sollte. Und wäre nicht die Sowjetunion während Reagans Amtszeit in die Knie gegangen, hätten die Vereinigten Staaten wohl zumindest versucht, SDI zu bauen.

1984 ließ Reagan dann die kleine Karibikinsel Grenada angreifen, weil dort angeblich kubanische Truppen amerikanische Studenten als Geiseln genommen hatten. Das war zwar falsch, doch Reagan tat einfach so, als stimmte es. Für diesen Auftritt errichtete man ihm eine fantastische Bühne. Er erhielt einen richtigen Befehlsstand im Weißen Haus, voller Fernsehschirme, Landkarten und aktuellster Kommunikationsmittel. Hier konnte er als Oberbefehlshaber echte Marine-Manöver koordinieren, um Amerika vor dem gottlosen kommunistischen Pack zu erretten.

Als der Staub sich gelegt hatte, stellte sich heraus, dass es keine kubanischen Truppen auf Grenada gab. Ein paar kubanische Arbeiter hatten am Flughafen beim Bau einer Landebahn die Spitzhacke geschwungen. Das war die ganze Gefahr gewesen. Die Aktion gegen Grenada war nichts anderes als ein Operettenkrieg, doch die amerikanische Öffentlichkeit feierte ihren großen Sieg.

Doch dies ist beileibe nicht das einzige Beispiel für diese Art von nettem kleinem Scharmützel. Der ältere George Bush knüpfte sich auf diese Weise einmal Panama vor. Er ließ die Truppen über Nacht einfallen, um den unliebsamen Diktator Manuel Noriega in die Vereinigten Staaten zu schaffen.

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Präsident Clinton veranstaltete Bombenangriffe auf Somalia und den Balkan, die nicht ein einziges amerikanisches Opfer forderten. Im April 2003, nur wenige Tage vor dem Fall von Bagdad, versuchte Präsident George W. Bush dann, Reagan mit dessen ureigensten Mitteln zu übertrumpfen. Dazu beraumte er ein spektakuläres militärisches Foto-Shooting an. Er ließ sich auf einen Flugzeugträger bringen, der angeblich weit draußen auf See kreuzte, um den Sieg über den Irak zu verkünden. Bush, der seine Militärzeit bequem in der Etappe verbracht hatte, drehte die Dinge so, als habe er das Flugzeug geflogen, das ihn auf dem Flugzeugträger abgesetzt hatte. In Fliegerdress und Helm ließ er sich unter einem Banner ablichten, auf dem stand: »Mission erfüllt«. Die Truppen auf dem Schiff jubelten ihm zu. Das Militärorchester spielte. Der Oberbefehlshaber hielt eine Rede, in der es hieß, dass »der Hauptteil der Kampf­handlungen« im Irak vorüber sei. Diese Worte sollte er später bereuen.

Das ganze Szenario war gestellt.

Bush hatte das Flugzeug nicht geflogen. Er war nur als Co-Pilot dabei gewesen. Und der Flugzeugträger war auch nicht auf hoher See. Er lag lediglich ein paar Meilen vor der Küste. Seine Pressemannschaft hatte dafür gesorgt, dass der Träger wendete, sodass San Diego im Hintergrund auf den Bildern nicht zu sehen war.

Gewinnt man mit dieser Art betrügerischer Augenwischerei wirklich Wahlen? Kann so etwas tatsächlich die Politik bestimmen? Ich fürchte, die Antwort hierauf lautet Ja.

Die Fachleute für Wahlkampagnen haben sogar die feine Kunst des Wähler-Abschreckens perfektioniert. Wenn es sinnvoll ist, so viele der eigenen Wähler wie nur möglich zu mobilisieren, dann ist es ebenso sinnvoll, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Wähler der Gegenseite zu Hause bleiben.

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Gibt es also tatsächlich Mittel und Wege, eine niedrige Wahlbeteiligung zu bewirken?

Aber natürlich. In diesem Fall muss man Wahlen als sinnloses, schmutziges Geschäft hinstellen. Man spielt also die Negativtrümpfe aus. Bei einer solchen Negativkampagne werden Themen nie offen angesprochen oder ausdiskutiert. Man bewirft den Gegenkandidaten nur eimerweise mit Dreck, umgibt ihn mit dem Ruch von Korruption und Skandal. Mit dem einzigen Zweck, seine Anhänger dazu zu bringen, nicht zur Wahl zu gehen.

Dieser Schuss kann natürlich auch nach hinten losgehen. Wenn nämlich beide Kandidaten diese Strategie einschlagen — was heute gar nicht so selten ist —, dann bleiben immer mehr Wähler zu Hause. Und genau das geschieht im Moment.

Natürlich gibt es auch genügend gut informierte Amerikaner, die sich ihre eigenen Gedanken machen. Doch ihre Zahl reicht längst nicht mehr aus, um das politische Schicksal des Landes entscheidend zu beeinflussen. Mittlerweile genügt es, dass die amtierende Partei bei Wahlen das Sternenbanner schwenkt und dem Volk einen Sündenbock vorsetzt, den es hassen kann (wahlweise Kommunisten, Terroristen, Sozialbetrüger, Zuwanderer, Schwule, Feministinnen und so weiter).

In diesem patriotischen Rausch haben die Stimmen jener Wähler, die die Verfassung der USA kennen, genügend Geschichtskenntnisse besitzen, um wenigstens vier Präsidenten zu nennen, jener Wähler, die wissen wo sie China auf der Landkarte suchen müssen, kein entscheidendes Gewicht mehr.

Das Ausmaß an Desinformation auf Seiten des amerikanischen Wählers kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

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Jahr für Jahr gibt es weniger informative Zeitschriften und Zeitungen auf dem Markt. Jene, die es schaffen zu überleben, tun dies mit einem Publikum, das gerade mal einige Hunderttausend Leser umfasst. Dagegen blüht der Markt für Schund. Banalitäten und Starkult beherrschen das, was von der Lesekultur noch übrig ist. Das Weltwissen der meisten Amerikaner wird vor der Mattscheibe erworben.

Doch was einst »Nachrichten« waren, ist heute nur noch ein billiger Verschnitt aus lokalen Skandalen, Sensationsberichterstattung, Frivolität und endlosen Werbespots. Ein typisches Nachrichtenmagazin — und die wenigsten Menschen unter 35 schalten ein solches überhaupt ein — sendet heute in erster Linie Nachrichten, die man auf Video aufzeichnen kann, vorzugsweise also Gewalt oder Pornografie und andere Dinge, die den Zuschauern einen Nervenkitzel verschaffen. Da geht es um Autojagden, Schießereien, Bandenkriege, Drogenhandel, Raubüberfälle und Vergewaltigungen. Darüber wird dann minutenlang ausführlich berichtet — möglichst noch mit Interviews von Augenzeugen. Intellektuelle »Klugschwätzer« — sowie deren Analysen und Meinungen — sind hier nicht gefragt.

Der Irakkrieg war für die meisten großen Fernsehanstalten eine heiße Sache. Die besten Reporter der einzelnen Sender akzeptierten die Einladung des Militärs und zogen als »eingebettete« Journalisten mit den Einheiten in den Krieg. Dementsprechend sah die Berichterstattung aus: Action, Action, Action. Hintergrundberichte oder gar eine kritische Position zu diesem Krieg waren kaum zu haben. Den meisten Menschen schien das auch zu genügen. Wie sich später herausstellte, informierten die Amerikaner sich über den Irakkrieg nicht bei den großen Gesellschaften, die sich zumindest noch ein Minimum an Kritikvermögen bewahrt hatten, sondern bei Rupert Murdochs Fox Television Network.

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Fox wurde gegründet, um vorzugsweise die junge Generation anzusprechen, also in erster Linie männliche Zuschauer zwischen 18 und 35 Jahren. Der überwiegende Teil des Programms ist schlicht Trash. Wenn das Zeitgeschehen dies erfordert — wie am 11. September oder während des Irakkrieges —, wird rund um die Uhr berichtet. Ein fernsehtechnisches Flächenbombardement, das vor allem auf die emotionale Seite abhebt, auf Action und Patriotismus. Auf Fox wird gekämpft und die Fahne geschwenkt.

Der Sender setzt auf die gängige Überfüllung des Bildschirms mit einer verwirrenden Vielzahl von Informationen. Zwei bis drei Bildfenster, ein News-Ticker unten, dazu noch eingeblendete Schlagzeilen oder Aufzählungen. All diese Elemente konkurrieren um das Interesse des Zuschauers, dessen Aufmerksamkeitsspanne so sehr in Anspruch genommen wird, dass vielschichtige Analysen oder auch nur ein Minimum an Kontinuität unmöglich werden. Und wenn es mal Kommentare geben sollte, dann sind diese harsch, aggressiv und voller Hurra-Patriotismus.

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Wie schaffen die Menschen es, mit einem derart eingeschränkten Wirklichkeitsverständnis zu überleben? Möglicherweise gleichen sie eine Illusion mit einer anderen aus, egalisieren Orientierungs­losigkeit mit tröstlichen Träumen. Der einlullendste Traum aller Amerikaner ist jedenfalls die Hoffnung auf Glück.

Im neunzehnten Jahrhundert schrieb der Schriftsteller Horatio Alger über dreihundert Kinderbücher, in denen mehr oder weniger immer dieselbe Geschichte erzählt wird: Wie ein hungriger Straßenbengel es durch eigene Anstrengung vom Tellerwäscher zum Millionär bringt.

Damit strickte Alger einen amerikanischen Mythos, der heute noch virulent ist: Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

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Amerika, das Land, in dem persönliche Anstrengung sich lohnt. Über Generationen hinweg hörten die Amerikaner immer wieder, dass sie, wenn sie nur hart arbeiteten und geduldig wären, am Ende auch belohnt oder »entdeckt« würden. Eben diese Geschichte erzählen sich viele von Wunschdenken geblendete Amerikaner heute noch. Die meisten scheinen sogar zu glauben, sie seien schon reich. So führte ein großes amerikanisches Nachrichtenmagazin 2001 eine Umfrage durch, in der folgende Frage gestellt wurde: »Gehören Sie zum vermögendsten Hundertstel der Bevölkerung?« Fast 20 Prozent der Befragten glaubten dies tatsächlich. Weitere 20 Prozent meinten, dass sie irgendwann in näherer Zukunft zu den Reichsten des Landes gehören würden. Diese Umfrage legt nahe, dass etwa 40 Prozent der Bevölkerung — also etwa 100 Millionen Menschen — glauben, ganz an der Spitze zu stehen.

Vielleicht fanden deshalb so viele Amerikaner die weit reichenden Steuersenkungen der Bush-Regierung so gut. Sie stimmten sogar der Abschaffung der Erbschaftssteuer zu, die in Amerika nur von Millionären gezahlt wird. Zahlreiche Kritiker argumentierten, dass diese Steuersenkungen fast nur dem reichsten Prozent der Bevölkerung zugute kommen würden. Aber wie wir eben gesehen haben, glauben nun einmal viele Amerikaner, zu diesem reichsten Hundertstel zu gehören. Auch die Abschaffung der amerikanischen Grundsteuer, einer Art Erbschaftssteuer, welche nur die reichsten Bürger der USA bezahlen, schien sie nicht zu stören.

In jenen Staaten, in denen die Menschen sich weigerten, höhere Steuern zu bezahlen, werden Schulen und andere Ausgaben für das Gemeinwohl durch staatliche Lotterien finanziert.

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Amerikaner sind zwanghafte Lotteriespieler und geben viel Geld dafür aus. Regelmäßige Spieler zahlen mehr an die Lotterieverwaltung als an die Steuerkasse. Trotzdem werden die Lotterien immer beliebter. Schließlich versprechen sie, dass man einige Millionen Dollar gewinnen kann. Die glücklichen Gewinner, die den Jackpot von mitunter 100 Millionen Dollar geknackt haben, werden natürlich im Fernsehen gezeigt, wie sie strahlend ihren Gewinn entgegennehmen. Ihre Geschichte steht neben der vom erfolgreichen Filmschauspieler oder Rockstar oder Spitzensportler, die sich alle ihren Weg ganz nach oben erkämpft haben und jetzt Millionen verdienen.

Am populärsten sind heute Fernsehshows, in denen unbekannte Amateure auf der Bühne um die Gunst des Publikums kämpfen. Jeder Zuschauer wählt seinen Sänger, Musiker oder Komiker. Der Gewinner erhält einen Plattenvertrag, eine Show oder eine Konzerttour. So wird die Ethik des Erfolgs immer weiter verbreitet. Solche Sendungen suggerieren, dass die Gelegenheit ja immer da ist. Sie wartet nur auf diejenigen, welche die Energie und das Talent haben, sie beim Schopf zu packen. Die Botschaft dahinter ist klar und deutlich: Nur Loser brauchen Sozialpolitik. Wenn Sie keinen Erfolg haben, dann muss das an Ihnen liegen. Es würde mich nicht überraschen, wenn die Telefonwähler, die für »ihren« Star voten, das für einen demokratischen Akt halten.

Jahr für Jahr steigen die Summen, die Politiker und Parteien in den USA investieren müssen, wenn sie gewählt werden wollen. Eine Kandidatur um einen Gouverneursposten in einem größeren Staat oder einen Senatssitz verschlingt mittlerweile an die 100 Millionen Dollar.

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Wahlkampagnen für das Präsidentenamt kosten ein Mehrfaches. Und wofür braucht man all das Geld? Zunächst einmal für die Medien, die aus politischen Kampagnen enorme Profite schlagen, weil sie von den Kandidaten Preise verlangen, die denen einer kommerziellen Werbekampagne in nichts nachstehen. Obwohl dieser Sachverhalt schlichtweg skandalös ist, blieb er doch weitgehend unbeachtet. Technisch gesehen gehört der Äther, durch den sich die Radio- und Fernsehwellen ausbreiten, dem Volk und muss daher dem Gemeinwohl dienen. Das bedeutet, dass die Kandidaten über kostenlose Sendemöglichkeiten verfügen sollten. Doch diese Praxis scheint schon lange in Vergessenheit geraten zu sein. Steht ein neuer Wahlkampf an, haben die Medien die erheblichen Einnahmen für die Sendezeit, die sie den Kandidaten einräumen, schon fest einkalkuliert. Sie machen breite Front dagegen, dass den Kandidaten um die Präsidentschaft alle vier Jahre Sendezeit für die üblichen Debatten zur Verfügung steht, weil diese — noch — nicht bezahlt wird.

Diese hohen Summen, die sie für ihre Medienpräsenz hinlegen müssen, hat zur Folge, dass die Kandidaten ihren Geldgebern noch mehr verpflichtet sind. Und wer bezahlt? Die großen Konzerne natürlich, die mittlerweile schon Spendengelder an beide politische Parteien fließen lassen (auch wenn die Republikaner immer noch mehr bekommen als die Demokraten), um sich in der nächsten Regierung auf jeden Fall Macht und Einfluss zu sichern. Darüber hinaus werden die Kandidaten so immer abhängiger von findiger Imagepflege mittels der Medien. Seit den Tagen Ronald Reagans werden Wahlkampagnen immer professioneller geplant: Nur der richtige Kamerawinkel, die richtige Replik, der richtige Schnitt zählen.

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Letztlich geht es nur darum, die Aufmerksamkeit und die Reaktionen der Konsumentengemeinde zu steuern wie bei jeder normalen Werbekampagne. Das heißt auch, dass Mittel und Wege gefunden werden müssen, die eventuelle Skepsis des Publikums zu beschwichtigen.

Wie jeder Werbestratege, so geht auch der Manager politischer Kampagnen zunächst einmal davon aus, dass das Publikum misstrauisch ist, dass es Sprücheklopfer meilenweit gegen den Wind riecht und weiß, dass es belogen und manipuliert werden soll. Das also ist der Ausgangspunkt. Eine merkwürdige schweigende Übereinkunft führt dazu, dass die Zuschauer den Werbespots ihre Aufmerksamkeit schenken und sich sogar davon überzeugen lassen. Einzige Voraussetzung ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern, dass alle dieses Ritual wechselseitiger Erniedrigung akzeptieren, das mit Wahrheit oder Aufrichtigkeit nicht mehr das Geringste zu tun hat. Wer führt da nun wen aufs Eis? Schwer zu sagen. Eins aber ist sicher: Zynismus heißt heute die harte Währung im Politgeschäft. Mit dem Ergebnis, dass die Wähler — von den ewigen Täuschungs- und Vernebelungstaktiken eingelullt — bei jeder Wahl noch flachere Spots akzeptieren als bei der vorhergehenden.

 

 Eine Nation im Rausch der Fiktion 

 

Demokratie lebt von Information. Doch in unserer Zeit kämpft die Information gegen Ungeheuer, die sie selbst geboren hat. Die Menschen in den hoch industrialisierten Staaten — vor allem in den USA — haben sich zum eigenen Vergnügen im Wunderland Fantasien niedergelassen, einem weltumspannenden elektronischen Environment, in dem alles simuliert, nachgemacht, kopiert und eingefügt, angepasst, verdreht, gespiegelt, upgedatet und verbessert werden kann.

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Man kann also nicht länger davon ausgehen, dass ein Foto, eine Fernseh- oder Filmaufnahme tatsächlich das Abbild eines realen Vorgangs ist. Es kann im Schneideraum oder schlicht am eigenen Computer einer gewollten Manipulation unterworfen worden sein. Aber wenn wir alles, auch das wirkliche Leben, nachmachen können, woher wollen wir dann noch wissen, wenn etwas nicht simuliert ist? Oder könnte es gar sein, dass uns die Simulation besser gefällt, weil sie aufregender ist und uns jetzt augenblicklich den erwünschten Kick verschafft?

Die Medien rechtfertigen diese neue Achtlosigkeit vor den Tatsachen vor allem damit, dass es uns, dem Publikum, sowieso egal ist.

Als Autor bittet man mich des Öfteren zu Interviews oder Talkshows im Radio beziehungsweise Fernsehen. Die Menschen, die ich dort antreffe, sind meist sehr viel cleverer, als sie ihr Publikum wissen lassen. Sie reden uns nieder, sei es nun auf dem Bildschirm oder in den Spalten der Zeitungen. Sie bombardieren uns einfach mit Botschaften, denn die Meinungsforscher sagen ihnen, dass wir Fiktionen lieben.

Mitte der siebziger Jahre wurde Paddy Chayefskys Drehbuch Network verfilmt.

 wikipedia  Paddy_Chayefsky     wikipedia  Network Film 

In der Mediensatire ging es darum, dass aus den Medien bald ein Nachrichtenzirkus werden würde, der Meldungen erfindet, nachstellt, umschreibt und pusht. Journalisten würden darin die Rolle der Clowns und Schauspieler übernehmen. Und nur Meldungen, die hohe Einschaltquoten bringen, würden überhaupt den Weg ins Fernsehen finden.

Ein anderer Film, David Mamets Wag the Dog, zeigt, wie Chayefskys Prophezeiungen Wirklichkeit geworden sind.

wikipedia  David_Mamet     wikipedia  Wag_the_Dog_-_Wenn_der_Schwanz_mit_dem_Hund_wedelt 

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In Wag the Dog geht es darum, wie ein Präsident, dessen Umfragewerte sich im Sinkflug befinden, einen Hollywood-Produzenten engagiert, um die Öffentlichkeit mit einem Fernsehkrieg von seinen Sexskandalen abzulenken. Der Plan geht auf. Die Öffentlichkeit akzeptiert den Krieg als real. Und der Chefberater des Präsidenten wiederholt immer wieder den Satz: »Es muss wahr sein. Schließlich war es im Fernsehen.«

Als der Film in die Kinos kam, ordnete Präsident Clinton gerade an, dass amerikanische Flugzeuge im Kosovo eingreifen sollten. Um die Öffentlichkeit von dem Sexskandal abzulenken, der sich im Weißen Haus gerade herauszukristallisieren begann? Hier imitiert das Leben die Kunst.

Haben die Herrn der Medien Recht?

Vielleicht wollen die Leute wirklich lieber inhaltsleere Schlagworte, seichte Berichte und den Aufmarsch von Berühmtheiten.

Ich frage mich manchmal, ob irgendetwas am Fernsehen den Verstand einlullt.

Als ich eines Tages zu einem Interview in der morgendlichen Nachrichten-Talkshow Today eingeladen war, einer der meistgesehenen Sendungen in den USA, starrte ich während der Aufnahme auf einen freien Platz hinter den Kameras, wo Tag für Tag ein paar Hundert Menschen auftauchen, die winken, seltsame Hüte tragen und scheinbar witzige Fahnen schwenken. Sie versuchen komisch zu wirken, nur damit eine der Kameras sich für den Bruchteil einer Sekunde auf sie richtet — kurz bevor die Werbepause beginnt. So fallen auch für sie ein paar Brosamen vom Berühmtheitskuchen ab. »Nimm mich mit«, schreit ihre Miene, »mit nach Fantasien!«

Konsequent zu Ende gedacht geht diese Art der Sensationsnachrichten direkt ins Reality-Fernsehen über, im Augenblick das beliebteste TV-Format in den Vereinigten Staaten.

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Die Reality-Shows kommen aus Europa: In den zahllosen Container-Shows beobachten Kameras Nicht-Profis, die wegen ihres Witzes oder Aussehens ausgewählt wurden. Das Publikum lässt sich deren Possen aus dem »wirklichen Leben« vorführen. Auf diese Weise hat jeder die Möglichkeit, voyeuristisch Einblick auch in die intimsten und idiotischsten Aktivitäten seiner Mitmenschen zu nehmen. Am reizvollsten scheint natürlich das implizite Versprechen, jungen, gut aussehenden Menschen heimlich beim Geschlechtsverkehr zuzusehen. Das ist an sich schon ein schäbiger Ersatz für gute Unterhaltung.

Leider nimmt in der Folge auch der Realitätsbegriff Schaden, denn die meisten dieser Shows werden professionell aufgezeichnet und natürlich auch geschnitten. Ihre Spontaneität ist gestellt, die scheinbare Offenheit künstlich. Merkwürdigerweise weiß das Publikum Bescheid und spielt trotzdem mit. Und wieder fragt man sich letztlich, wer hier wen zum Narren hält. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage meinten jüngere Zuschauer, sie sähen fern, um den Problemen des Alltags zu entfliehen. Und wo führt ihre Wirklichkeitsflucht sie hin? Direkt in die nächste Reality-Show.

Natürlich hat dieses Format auch in der Politik großen Erfolg. In Amerika werden Politiker heute von Journalisten mit Minikameras rund um die Uhr gefilmt. Meist wird dabei auf die Privatsphäre keinerlei Rücksicht genommen. Einige beschweren sich schon, dass sie mittlerweile damit rechnen müssten, zu jeder Tages- und Nachtzeit gefilmt zu werden, sodass jeder kleinste Fehler, jede ungeschickte Bemerkung, jeder dumme Gesichtsausdruck im Fernsehen landen könnte. Genau das ist der Stil des Reality-TV.

Und welchen Effekt wird dies auf die Politiker ausüben?

Letztlich wird nur noch der Kandidat Chancen haben, der es erträgt, rund um die Uhr gefilmt zu werden und dabei stets gewitzt, nett und charmant zu wirken. Oder die Politiker werden um das Recht kämpfen müssen, ihre Darstellung in den Medien vor jeder Sendung überprüfen zu dürfen.

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Doch wer immer die Loslösung von den Problemen des Alltags sucht, wendet sich heute sowieso ans Internet — zumindest wenn er ausreichend verzweifelt ist. Es gibt bereits eine Reihe ernst zu nehmender Untersuchungen über das Suchtpotenzial, das bestimmte Internet-Aktivitäten wie Chatten oder Auktionen für deren Millionen Nutzer haben. Besonders Rollenspiele haben diesbezüglich ein hohes Gefährdungspotenzial. Solche Spiele, bei denen der Spieler in Märchenszenarien voller Fabelwesen eintaucht, können endlos dauern und Stunden erfordern — Tag für Tag. Obwohl Rollenspiele ursprünglich für Jugendliche entwickelt wurden, üben sie auch auf erwachsene Spieler eine steigende Faszination aus.

Die Spielergemeinde reklamiert für sich, dass Rollenspiele eine wunderbare Möglichkeit seien, »die eigene Identität abzustreifen« und ein abenteuerlicheres Leben zu führen. Was stellen sie denn schon Schlimmes an?

Nun, sie werden zu Dauerbewohnern von Fantasien. Und dies ist ein erschreckender Gedanke. Während amerikanische Soldaten in fernen Ländern töten und sterben, weil sie einer Politik Gehorsam leisten, die eigentlich nach einer breiten demokratischen Diskussion verlangt, jagen zu Hause Millionen von Bürgern Drachen und maskierte Schurken durch die Chimärenlandschaften des World-Wide-Web, suchen dort nach verborgenen Schätzen, magischen Hilfsmitteln und einem kosmischen Glorienschein aus einer weit, weit entfernten Galaxis.

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Manchmal ergreift die Fantasiewelt auch vom realen Leben Besitz, was nicht selten weit reichende Konsequenzen mit sich bringt.

Nehmen wir nur einmal die Faszination der Amerikaner für den schicken schweren Geländewagen, den übelsten Spritfresser, der je erfunden wurde. Bush kam an die Macht, weil er der Nation versprach, sie von der Abhängigkeit von fremdem Öl zu befreien. Daher rühren seine Pläne für Ölbohrungen in den unberührtesten und schönsten Landschaften Amerikas wie in den tiefsten Tiefen des Ozeans.

Gleichzeitig zieht Amerikas Automobilwirtschaft in den Vermarktungskampf um den Geländewagen, der etwa fünfundzwanzig Liter Benzin auf hundert Kilometer verbraucht. Diese schweren Allradfahrzeuge werden auf Truck-Rahmen montiert. Konzipiert für Fahrten in unwegsamem Gelände wie Wüsten, Berg- oder Sumpflandschaften, werden sie kaum je für diese Art der Fortbewegung genutzt. Die meisten dieser Geländewagen werden von Frauen gefahren, die den Wagen zum Einkaufen brauchen oder um die Kinder in die Schule zu bringen. Obwohl diese Fahrzeuge sowohl in der Anschaffung wie im Unterhalt teuer sind, gehören sie in Amerika zu den beliebtesten Autos auf dem Markt.

Was aber lässt den Geländewagen seinen Fahrern so attraktiv erscheinen? Ganz einfach: Er vermittelt die Illusion von Macht und Unverwundbarkeit. Er fährt sich wie ein Militärfahrzeug. Ein Marketingexperte hat sogar vorgeschlagen, die Geländewagen noch größer zu machen und einen angedeuteten Geschützturm obendrauf zu setzen. Und genau das ist dann auch geschehen. Der größte und schwerste dieser Wagen, der Hummer, wurde dem Hum-Vee nachgebaut, einem echten Militärfahrzeug, das jetzt im Irak von amerikanischen Truppen eingesetzt wird.

In Wirklichkeit sind diese Geländewagen gar nicht so sicher, wie sie wirken. Bei Unfällen haben sie die Tendenz, sich zu überschlagen. Aber das zählt letztlich nicht. Die Illusion ist wichtiger. Auf den Freeways und in den Städten genießen die amerikanischen Autofahrer das Gefühl von beeindruckender Größe und Stärke. Denn eben dieses Bild vermitteln die Werbespots für Geländewagen. Sie zeigen Fahrer, die über das offene Feld rasen, Flüsse durchqueren, Bergpässe hinter sich lassen, kleinere Wagen überholen und sie an den Straßenrand quetschen.

Der kanadische Kultur- und Medientheoretiker Marshall McLuhan nannte die Medien einmal »die Erweiterung des Menschen«.

Aber was wurde denn da erweitert? Die menschliche Gier, Verrücktheit, Eitelkeit, Verzweiflung?

Hier handelt es sich um eines der großen und Besorgnis erregenden Paradoxa der modernen Welt. Da die Erfahrungswelt der Milliarden Menschen in den Städten immer mehr von den Medien vermittelt wird, die ihren Werkstoff mit immer größerem Geschick verformen, geraten immer weniger Menschen in echte Berührung mit der Wirklichkeit außerhalb ihres Kopfes.

Doch wenn es um die Verteidigung der eigenen Interessen geht, um den Lebensunterhalt, die Gesundheit, die Kindererziehung, um geistige Gesundheit und Würde, dann müssen wir nun einmal differenzierte Entscheidungen über reale Probleme treffen.

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6. Die Degeneration der amerikanischen Demokratie