Prof. Dr. Martin Sabrow 

Direktor des Zentrums für 
Zeitgeschichtliche Forschung
in Potsdam 

Wikipedia.Autor  *1954 in Kiel

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Martin Sabrow, geb. 1954, ist Professor für Neueste und Zeitgeschichte an der Universität Potsdam und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam. Er war Vorsitzender der Expertenkommission der Bundesregierung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

 

 

 

 

 

Martin Sabrow

Der Stellenwert der NVA-Geschichte für die DDR-Geschichte 

Stellenwert NVA als pdf       MGFA, Hans-Meier-Welcker-Saal, 30.1.2007

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr Ehlert,  

mit dem 50. Geburtstag verliert man auch als Historiker das Recht, als Geburtstagskind angesprochen zu werden, und wird zum Jubilar. Noch einmal 10 Jahre später - zum 60. Geburtstag - sind so viele Fragen diskutiert, so viele Projekte bearbeitet, so viele Beiträge kritisiert und selbst geschrieben, dass der Blick sich immer stärker auf die großen Fragen des Faches richten kann, und so hatte seinen guten Sinn, dass wir zu Ihrem heutigen Geburtstag, lieber Herr Ehlers, eine theoretische und wissenschafts­strategische Frage in den Mittelpunkt stellen, nämlich die nach dem Stellenwert der NVA-Geschichte für die DDR-Geschichte. 

Ob ich dafür eigentlich der geeignete Referent bin, kann freilich füglich bezweifelt werden, denn weder bin ich schon in den olympischen Kreis der Sechzigjährigen eingetreten noch etwa gar als Experte für Militärgeschichte einschlägig ausgewiesen. So sind die folgenden Bemerkungen zum Stellenwert der NVA-Geschichte für die DDR-Geschichte in doppelter Hinsicht die eines Außenseiters. Vielleicht lässt sich aber gerade von dieser Seitenposition aus ein Einblick in die Rolle gewinnen, die die Geschichte der Nationalen Volksarmee für die Geschichte der zweiten deutschen Diktatur spielt.

1.

Tatsächlich klafft eine große Kluft zwischen der historischen und der historio-graphischen Bedeutung des Militärs für die Geschichte der zweiten deutschen Diktatur. Schon bei flüchtigem Hinsehen fällt auf, dass in unserem DDR-Bild militärische Aspekte eine eher geringe Bedeutung einnehmen: Weder in der universitären Lehre noch in der öffentlichen Gedenkkultur spielt die militärische Seite DDR eine wesentliche Rolle. 

Noch ist die neue Dauerausstellung des militärhistorischen Museums in Dresden im Liebeskindbau nicht eröffnet (und wir werden darauf auch noch bis 2009 oder gar 2010 warten müssen), und ein anderer gedenkkultureller Ort von ähnlicher Ausstrahlung steht in der deutschen Erinnerungslandschaft nicht zur Verfügung, auch wenn die Wechselausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zum Thema Alltag und Herrschaft sich auch dem Militärkomplex zuwenden wird. 

Unter den gegenwärtig betriebenen Gedenkorten birgt das privat betriebene DDR-Museum in Pforzheim dem Vernehmen nach auch allerlei Kriegsgerät der Nationalen Volksarmee. Wohl existiert im Internet ein NVA-Forum, das neben einem NVA-Chat auch einen regen Geschichtstourismus pflegt, in dem beispielsweise Führungen zum Raketenobjekt Neuthymen oder zum Sprengkopflager Dannenwalde angeboten werden.

1


Ein so genanntes Bunkerforum erschließt Erinnerungsorte in Beton wie die Kommandozentrale, und manche Stadt- oder Heimatmuseen bewahren - wie etwa das Potsdam Museum - eine Vielzahl von Relikten der sowjetischen und DDR-Militärpräsenz in Brandenburg. 

Davon abgesehen, lässt sich sagen: Die NVA ist kein Erinnerungsort im Sinne von Pierre Nora. Weder in ihren materiellen Überresten noch in ihren politischen Symbolen bildet sie einen Anknüpfungspunkt des kollektiven Gedächtnisses in der vereinigten Bundesrepublik. 

Die geschichts- und gedenkpolitischen Debatten der letzten Jahre kreisten um die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR, um das Verhältnis von Alltag und Diktatur und um die Bedeutung von Mauer und Grenze; für das militärhistorische Erbe der DDR war in diesen Debatten kein Platz. Auch die ausführlichen Erhebungen der Experten­kommission zur Zukunft der DDR-Aufarbeitung, deren Votum im letzten Jahr öffentlich breit diskutiert wurde, sah in seinen drei Schwerpunkten "Repression und Überwachung", "Mauer und Grenze", "Gesellschaft, Widerstand, Alltag" keinen eigenen systematischen Ort des Militärkomplexes für das Verständnis der untergegangenen SED-Diktatur und ihrer Gesellschaft vor. 

Auch Leander Haussmanns Filmkomödie NVA von 2005 ist nach dem Urteil der Filmkritik im Genre einer "theaterhaft überspitzten Nummernrevue" nicht hinaus­gekommen und wurde als "flottes Ost-Schmunzelstück über den real existierenden Soldaten-Sozialismus" abgebucht, das keine bleibende Wirkung entfaltete. Gleichwohl stehen öffentliche erinnerungspolitische Diskussion und gesellschaftliche Aneignung der DDR mit dieser Leerstelle keineswegs allein da; auch wissen­schaftlich abgesicherte Überblicks­darstellungen zur DDR wie etwa die jüngst erschienene Deutsche Geschichte in einem Band von Reclam kommen für den Abschnitt DDR ohne Erwähnung der NVA aus. 

 

2.

Das ist ein zunächst erstaunlicher Befund. Er kontrastiert in denkbar scharfer Weise mit der realen historischen Bedeutung des Militärs für die DDR-Geschichte auf den unterschiedlichen Ebenen von Staat und Gesellschaft. Die DDR war, wie Torsten Diederich, Hans Ehlert und Rüdiger Wenzke im "Handbuch der bewaffneten Organe der DDR" schreiben, "durch eine nahezu alle staatlichen und gesellschaftlichen Bereiche umfassende Militarisierung gekennzeichnet", und sie erklären mit Recht die "hypertrophe Aufblähung des Gewaltapparates, der mit einer ganzen Fülle von bewaffneten Organen den Schutz des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden nach außen und [...] die Sicherung des politisch- gesellschaftlichen Systems und der Macht der führenden Partei nach innen zu gewährleisten hatte", zu einem wesentlichen Charakteristikum der DDR.1)

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Die mit der Proklamation der "nationalen Streitkräfte" 1952 vorbereitete und zum 1.3.1956 gegründete Nationale Volksarmee war mit ihrer durch­schnitt­lichen Personalstärke von 170.000 Soldaten ein innen- und außenpolitischer Machtfaktor ersten Ranges, der zugleich tief in die Gesellschaft eindrang und seit der Umwandlung in eine Wehrpflichtarmee 1962 jeden wehrtauglichen männlichen Jugendlichen für 18 Monate an sich zog. Nicht weniger als zweieinhalb Millionen DDR-Bürger dienten in den 34 Jahren zwischen 1956 und 1990 in der NVA. 

Ihrem Selbstverständnis nach war die NVA in der DDR das Machtinstrument der Arbeiterklasse zur Sicherung der sozialistischen Errungenschaften vor äußeren Angriffen und diente der Verteidigung der DDR und der übrigen Warschauer Vertragsstaaten gegen eine "imperialistische Aggression". 1989 gebot die NVA über 6 Divisionen, 1719 Kampfpanzer, 2792 gepanzerte Gefechtsfahrzeuge, 887 Artilleriesysteme, 394 Kampf- und Übungskampfflugzeuge, 64 Kampfhubschrauber und 131 Kampfschiffe/Boote. Mit einem Mobilisierungsfaktor von 2,5, demzufolge die Truppenstärke für den Kriegsfall auf 430.000 bis 460.000 Mann erhöht werden sollte, nahm die NVA in den achtziger Jahren eine Spitzenstellung im Warschauer Pakt ein.

Die Rolle des Militärs für die Geschichte des zweiten deutschen Staates war so groß, dass die Forschung die von Michael Mann geprägte Formel vom militarisierten Sozialismus der DDR übernahm. Nicht weniger als 10% der erwerbstätigen Bevölkerung 1989 waren in irgendeiner Weise in die militärischen und paramilitärischen Strukturen der DDR beschäftigt. Schätzungen zufolge lag der Anteil des militärischen und paramilitärischen Personals an der Gesamtbevölkerung in den Warschauer-Pakt-Staaten etwa doppelt so hoch wie in den Nato-Staaten.2) Die gesellschaftliche Einbindung der Armee war erklärtes Ziel der Partei und Staatsführung, die zu Anfang der 60 er Jahre die sozialistische Landesverteidigung als »integrierten Bestandteil des Gesamtsystems des Sozialismus voll zu entwickeln« proklamierte. 

Bei einem Truppenbesuch 1978 sprach Erich Honecker davon, "dass es keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens gebe, der nichts von den Belangen der Landesverteidigung durchdrungen" sei.3)

 

1) Torsten Diedrich/Hans Ehlert/Rüdiger Wenzke (Hg.), Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998, Seite IX.

2) Torsten Dietrich/Hans Ehlert/Rüdiger Wenzke, Die bewaffneten Organe der DDR im System von Partei, Staat und Landesverteidigung. Ein Überblick, in: Diedrich/Ehlert/Wenzke, Im Dienste der Partei, S. 1.

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Tatsächlich beschränkte die Militarisierung des Realsozialismus keineswegs auf die Armee alleine; einen wichtigen Bestandteil der Diktatur macht bildeten die Grenztruppen der DDR, und sie wurden unterstützt von den damit Flak- und Schützenwaffen ausgerüsteten "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" mit 1980 immerhin über 190.000 Mann ebenso wie von den kasernierten Einheiten des Ministeriums des Inneren in Gestalt der sogenannten VP-Bereitschaften und Kompanien der Transportpolizei. Gesellschaft für Sport und Technik,

 

Mehrfach spielte die NVA eine bedeutsame Rolle in der Geschichte der DDR: Die kasernierte Volkspolizei beteiligte sich an der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17.6.1953. Zusammen mit der Volkspolizei und SED-Betriebskampfgruppen war die NVA war im August 1961 für die Abriegelung Ost-Berlins und den Bau der Mauer zuständig; die 7. Panzerdivision und die 11. Motorisierte Schützendivision der NVA waren 1968 für militärische Aktionen zur Niederschlagung des Prager Frühlings vorgesehen und standen an der Grenze bereit, um einzugreifen, falls der tschechoslowakische Volksaufstand im Falle außer Kontrolle geraten sollte. 

Im Herbst 1981 stand die NVA bereit, um gegebenenfalls an der Seite der Sowjetarmee in Polen einzugreifen. Mehrere Male befand sich die NVA über einen jeweils längeren Zeitraum im Zustand der erhöhten Gefechtsbereitschaft, so 1961 während und nach dem Bau der Mauer, 1962 während der Kubakrise und 1968 bei der Intervention von vier Warschauer-Vertrags-Staaten in der ČSSR. Im Vorfeld der friedlichen Revolution von 1989 schließlich standen die bewaffneten Kräfte des SED Staates vermutlich unmittelbar vor ihrer Bewährungsprobe als innenpolitisches Machtorgan: als nämlich an jenem historischen 9. Oktober 1989 Polizei und Militäreinheiten in den rückwärtigen Straßen des Leipziger Altstadtringes auf ihren Einsatzbefehl warteten, den ein Leipziger Kampfgruppen­kommandeur in den Tagen davor in einem Leserbrief mit den Worten angekündigt hatte, den Sozialismus wenn nötig auch mit der Waffe zu verteidigen.

Wie durchgreifend die DDR-Gesellschaft vom Militär geprägt war, zeigte sich in der sozialistischen Wehrerziehung, die vom so genannten Wehrkundeunterricht für die neunten und 10. Klassen der polytechnischen Oberschule bis zur militärischen Ausbildung in der Gesellschaft für Sport und Technik und der Qualifizierung von Studenten zur Reserveoffizieren ebenso wie in der Förderung von Wehrsportarten wie Geländelauf, Hindernislauf und Handgranatenweitwurf reichte. Die sozialistische Militarisierung schlug sich in der bellizistischen Sprache der SED-Führung und selbst dort nieder, wo es scheinbar um die Propagierung des Friedens ging. 

 

3)  Zitiert nach Diedrich / Ehlert / Wenzke, S. 35.

4


Mit den Worten "Volksarmee schaffen - ohne Geschrei. Pazifistische Periode ist vorbei"4) leitete Moskau nach der Mitschrift Wilhelm Piecks 1952 die umfassende militärische Aufrüstung der stalinisierten DDR ein, die die Parteiführung sich in den folgenden Monaten als den eigentlichen Kern ihr Friedensrhetorik offenbarte: «Die Partei war nie pazifistisch. Es gab wohl manchmal pazifistisches Gequatsche. Natürlich wurden bei manchen Menschen bei der breiten Entfaltung des Friedenskampagne vorhandene pazifistische Auffassungen gefördert. Wenn man aber die prinzipiellen Losungen der Partei richtig betrachtet, sind nie pazifistische Losungen herausgekommen.«5)

Auch der von der SED proklamierte Friedenskampf der achtziger Jahre ging einher mit der Forderung, die »Bereitschaft und Fähigkeit der Bürger zur Landesverteidigung weiterzuentwickeln«, und korrespondierte mit einem weiteren Ausbau des inneren Repressions- und Überwachungspotential.6 Doch nicht in der Sicherung des SED Staates, sondern ironischerweise in seiner Auflösung sollte die NVA ihre wichtigste historische Rolle spielen. Als direkte Reaktion auf die Einführung des Wehrkunde-Unterrichts bildeten sich in der evangelischen Kirche der DDR die ersten Friedenskreise und bald darauf die Friedensbewegung, deren Erkennungszeichen »Schwerter zu Pflugscharen« zum Symbol des friedlichen und am Ende erfolgreichen Widerstandes gegen die SED-Diktatur wurde.

Schließlich zählt zu einem noch so kurzen Überblick über die NVA in der DDR-Geschichte natürlich ein Blick auf ihre alltagsgeschichtliche Präsenz. 25 Geburts­jahr­gänge der männlichen Jugend wurden in der DDR-NVA sozialisiert; die Fahne und der EK Entlassungskandidat waren im Alltagsleben der DDR omnipräsent. Das Bild des Militärs spielte in der Inszenierung des SED Staates eine große Rolle; die alljährliche Truppenparade zum Republikgeburtstag ebenso wie der Wachaufzug an der Neuen Wache unter den Linden in Berlin wurden zur festen Bestandteilen des DDR Bildes nach innen und außen. Militärisch geprägt war das Leben der Kinder und Jugendlichen in der DDR, angefangen von der Uniformierung als junge Pioniere und FDJler bis zu den schulischen Fahnenappellen und der Einbeziehung in die militärischen Ausbildungslager der Gesellschaft für Sport und Technik. Auch der Buchmarkt spiegelt die die gegenüber der Bundesrepublik so viele höhere Stellung des Militärischen in der DDR-Gesellschaft, für dessen Propagierung die Publikationspolitik des Militärverlags der DDR mit jährlich durchschnittlich 175 Titeln sorgte.

 

4)  Ulrich Mählert, Kleine Geschichte der DDR, München 3 2001, S. 61.
5)  Ebd., S. 62.
6)  Zitiert nach: Diedrich/Ehlert/Wenzke, die bewaffneten Organe, S. 54 f.

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3.

Wie ist dieses krasser Missverhältnis zwischen historischer Bedeutung und historiographischen Würdigung des militärischen Faktors in der DDR Geschichtsschreibung zu erklären? Ich sehe vier Gründe, die ich kurz anreißen möchte:

 

Die Spezialisierung der Militärgeschichte

Zum einen ist hier, wie in der Literatur häufig angemerkt, die fortgeschrittener Spezialisierung der Geschichtswissenschaft und ihre Fragmentierung in unterschiedlichen Fachkulturen mit eigenen Fragestellungen zu nennen. Die moderne Militärgeschichte ist eine noch junge Disziplin, deren nicht zuletzt am im MGFA vorangetrieben Ablösung von der traditionellen Kriegs- und Wehrgeschichtsschreibung und die Hinwendung zu übergreifenden historischen Fragestellungen auch innerhalb der Zeitgeschichte noch längst nicht im wünschenswerten Maße rezipiert worden ist.

Quellenzugangsprobleme  

Auf der Hand liegt ein zweiter Grund: Im Bereich der Zeitgeschichte leidet zudem gerade die militärhistorische Forschung darunter, dass ihr Gegenstand traditionell mit besonderen Quellenschwierigkeiten und Geheimhaltungsproblemen zu kämpfen hat. Dies gilt natürlich erst recht für die DDR, deren militärischer Seite vor 1989 ebenso wie die Staatssicherheit weit gehend eine tabula rasa der Forschung bildete. Das hat sich nach dem Zusammenbruch der DDR geändert, aber noch 1998 mussten Diedrich/Ehlert und Wenzke resümieren, dass der Komplex der Militär und Sicherheitspolitik zu den unbekanntesten Bereichen der DDR-Wirklichkeit zählt.

Mangelndes Skandalisierungspotential  

Manche dieser Probleme teilt die Militärforschung mit der Geheimdienstforschung. Aber sie unterscheidet sich von ihr in einem wesentlichen Punkt: Die Geschichte der NVA enthält nur ein geringes Skandalisierungpotenzial. Die die Geschichte der NVA ist die Geschichte einer Armee, die keinen Krieg geführt hat. Weder im ostmitteleuropäischen Diktaturenvergleich noch gar im Vergleich zwischen den Rechts und Links-Diktaturen des 20. Jahrhunderts kann die Geschichte der NVA als kriegsgeschichtliche Vergleichsgröße dienen. Nicht zufällig wuchs das Interesse der Öffentlichkeit und der allgemeinen Zeitgeschichte in den letzten Jahren immer dann beträchtlich, wenn die Rolle der NVA beim Einmarsch in der CSSR oder bei der Verhängung des Kriegsrechts in Polen neue Nahrung erhielt. Auch innenpolitisch blieb die eindrucksvolle Militärmacht des SED-Staates letztlich im entscheidenden Moment nur virtuell; da die Revolution des Herbstes 1989 friedlich blieb, kann sich unser Interesse an der Rolle des Militärs am Zusammenbruch des SED Staates auf Fragen der innere Auflösung, die nachlassende Disziplin und Gefechtsbereitschaft konzentrieren; die Angst demonstrierender Massen vor heranmarschierenden Truppen, der Sturm auf Kasernen, der Haß auf regimetreue Offiziere, die Entwaffnung von Soldaten und Plakate mit der Aufschrift »Brüder, nicht schließen!« gehören zur Revolution von 1918, nicht zu der von 1989.

NVA kein moralisches Unterscheidungskriterium 

Die NVA wurde nach 1990 geräuschlos abgewickelt beziehungsweise in die Bundeswehr überführt, ihre materiellen Hinterlassenschaften zu großen Teilen vernichtet oder konvertiert; nie wurde sie in ähnlicher Form wie das MfS als das Zentrum der Machtsicherung des SED-Regimes betrachtet, und es bedurfte eines eigenen Gesetzes, um die Führung von NVA-Diensträngen in der Bundesrepublik zu untersagen. Über die Systeme hinweg hat sich ein begrenztes gemeinsames Verständnis für die Belange des Militärischen erhalten, das den NVA-Angehörigen die Aufgabe des kommunistischen Feindbildes im Zuge des Systemwechsels maßgeblich erleichterte. 

»Alltag und Binnenstruktur (wiesen) weitgehende Parallelen mit anderen hochtechnisierten Wehrpflichtarmee hinauf, während die propagierten Soldatentugenden mit Mut, Kameradschaft, Disziplin und Opferbereitschaft weitestgehend traditioneller Natur waren«, resümiert Christian Müller in seinem Buch »Tausend Tage bei der "Asche"«.7) 

Zudem taugt die NVA als Wehrpflichtigen-Armee nicht oder nur sehr begrenzt als Unterscheidungsmerkmal zwischen moralischer Lauterkeit und moralischem Versagen in der Diktatur, wie die öffentliche Kontroverse vor einigen Jahren über die Eignung von DDR-Offizieren als Zeitzeugen hier in Potsdam eindrucksvoll vor Augen führte. Vielmehr stellt sie eine gemeinsame Erfahrung missmutiger Fügsamkeit im geteilten Deutschland dar, die in Ost und West mit denselben Insignien wie Maßband, Tagezahl oder Entlassungsritual operierte und vergleichbare Erfahrungen im Verhältnis von dienstälteren und dienstjüngeren Wehrpflichtigen machten. Diktaturspezifische Erinnerungsorte finden daher nicht eben leicht einer Anknüpfung am Militärkomplex der DDR.

 

7)  Müller, 1000 Tage, S. 380.

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Ebenso wenig ist die NVA freilich ein Gegenstand nostalgischer Erinnerung geworden. Dazu war die oft von schwerer Krisenerfahrung gekennzeichnete Trennung von der zivilen Umwelt denn doch für die Mehrheit der Wehrpflichtigen, Reservisten und auch der Unteroffiziere nicht hinreichend attraktiv und die Allgegenwart von Langeweile, Gängelung und Unterdrückung im militärischen Alltag zu hoch, um im lebensgeschichtlichen Rückblick als Identifikationspotenzial zu taugen. 

Hierzu trägt sicherlich auch die kulturelle Entmilitarisierung bei, die die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in ganz Deutschland und darüber hinaus kennzeichnet. Unser Zeitgeist akzeptiert das Militärische als politisches Instrument, aber nicht mehr als soziale Lebensform, und auch dies macht die Erinnerung an die NVA in unserer Vergangenheits­vergegenwärtigung vielleicht nicht wortlos, aber doch weitgehend ortlos.

 

4.

Sie sehen also: Den zuletzt aus dem MGFA geltend gemachten Einwand, dass die Expertenkommission zur Zukunft der DDR Aufarbeitung die NVA zu Unrecht übergangen habe, möchte ich an den Gegenstand selbst weitergeben. Nicht die Gedenkpolitik und auch nicht die Erinnerungskultur sind für die geringe öffentliche Präsenz des Militärischen in unserem heutigen DDR-Bild zuständig, sondern ereignis- und transformationsgeschichtliche Faktoren, die außerhalb der Macht von Experten­kommissionen liegen.

Umso wichtiger scheint es mir, zu klären, welchen Beitrag die zeithistorische Militärforschung zum wissenschaftlichen Verständnis der DDR-Geschichte insgesamt leisten kann. Dieser Beitrag besteht natürlich in erster Linie in der weiteren, Außen- und Binnenperspektive verklammernden, herrschafts- wie gesellschafts­geschichtlichen Erforschung von Rolle und Funktionsweise der bewaffneten Organe selbst, wie dies programmatisch von Hans Ehlert und Armin Wagner in ihrem Beitrag zur Bilanz der DDR-Forschung vor kurzem festgehalten worden ist.8)

Wenn ich darüber hinaus als Leiter eines dem im MGFA eng verbundenen zeitgeschichtlichen Institutes an dieser Stelle Wünsche äußern darf, dann sind es vor allem zwei übergreifende Fragenkomplexe, zu deren Klärung mir die Zeitgeschichte auf den Beitrag der Militärhistoriker in besonderer Weise angewiesen zu sein scheint. Zum einen ist es die Verortung der DDR im 20. Jahrhundert und der säkularen europäischen Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur. 

 

8) Hans Ehlert/Armin Wagner, äußere Sicherheit und innere Ordnung. Armee, Polizei und paramilitärische Organisationen im SED Staat, in: Rainer Eppelmann/Bernd Faulenbach/Ulrich Mählert (Hg.), Bilanz und Perspektiven der DDR Forschung, S. 141 - S. 150, hier S. 141.

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Gerade weil die Funktion des Militärischen in der DDR in der teleologischen Zurichtung auf die Ziele des Kommunismus ganz und gar nicht aufgeht, eignet es sich in besonderem Maße für systemübergreifende und transformationsgeschichtliche Fragestellungen. 

Spricht die charakteristische Pflege militärischer Zeremonien und Verhaltensformen im Alltagsleben der DDR ebenso wie die gezielte Nutzung preußischer Identifikations­symbole wie Scharnhorst und Gneisenau dafür, dass die DDR letztlich der deutschere deutsche Staat, eben das rote Preußen gewesen ist? Oder verweist umgekehrt die geräuschlose Abwicklung der NVA nach 1990 und das rückstandslose Verschwinden eines kulturellen ostdeutschen Militarismus in der vereinigten Bundesrepublik darauf, dass die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit des SED-Regimes und der soziale Eigensinn gegenüber politischer Überformung größer und konstitutiver war, als alle totalitarismustheoretischen Modelle hergeben?

Ein zweiter Fragenkomplex betrifft die wechselseitige Durchdringung von Militär und Gesellschaft in der DDR. Die geläufige Rede vom militarisierten Sozialismus identifiziert in starkem Maße politische Intention und gesellschaftliche Realität. Bis heute noch nicht voll geklärt bleibt allerdings, wie tief der Militarismus von links zu welcher Zeit tatsächlich in die DDR-Gesellschaft eindrang. Inwieweit vermochte er in der Zeit des kalten Krieges zur Systemintegration des zweiten deutschen Staates beizutragen, und inwieweit reduzierte er sich in den 40 Jahren der zweiten deutschen Diktatur mehr und mehr zu einem bloßen Oberflächenphänomen, das mit dem Untergang des Staates auch seine gesellschaftliche Bedeutung gänzlich verlor? 

Gerade mit Hinblick auf die Bedeutung der Friedensbewegung für den Zusammenbruch des Regimes lässt sich doch mit Grund umgekehrt die Frage stellen, ob nicht gerade die forcierte Militarisierung der Gesellschaft zum Sargnagel des Regimes geworden ist, weil sie auf einen Zeitgeist der europäischen Zivilisierung traf, die dem Drohpotenzial der Systemkonfrontation längst entwachsen war und die Berufung auf dieses Drohpotenzial als Ausdruck historischer Überlebtheit bewertete und gegen das SED-Regime kehrte. Inwieweit der militarisierte Sozialismus die zweite deutsche Diktatur auf der einen Seite zu etablieren und stabilisieren geholfen hat und inwieweit er sie auf der anderen Seite ökonomisch legitimatorisch unwillentlich zu untergraben half, wird eine der großen Fragen der DDR Militärgeschichte bleiben.

Nicht in der weiteren Spezialisierung wird also die wichtigste Entwicklung der DDR-Militärgeschichte liegen, sondern vielmehr in der arbeitsteiligen Mitarbeit an den übergreifenden Fragen einer Herrschafts- und Gesellschaftsgeschichte der DDR und ihres historischen Kontextes. Was eine so verstandene Militärgeschichte zum Verständnis des SED Staates in Zukunft leisten wird, muss sich erweisen. 

Aber wenn Sie, lieber Herr Ehlert, zusammen mit Ihren Kollegen in einem jüngeren Grundsatzpapier davon ausgehen, dass "das Zusammenwirken aller jener Faktoren, die über 40 Jahre die Stabilität oder zumindest die Fortexistenz der DDR garantiert haben, [...] auch im Kern eine modernen Militärgeschichte des SED Staates stehen" sollen,9) dann bin ich um die Beantwortung dieser Frage nicht bange.

Mit der Frage ob »die Sicherheit der DDR in letzter Instanz auf die Marionette der sowjetischen Armee stürzte, oder ob die DDR eine eigenständige Lebensfähigkeit besaß«, schließt die unter ihrer Führung als Amtschef betriebene Militärgeschichte am MGFA an die großen Fragen der DDR-Gesellschaftsgeschichte an und leistet einen unentbehrlichen Beitrag zum Gesamtverständnis der DDR, zu dem wir in Potsdam sicherlich auch weiterhin gut und erfolgreich zusammenarbeiten werden.

 

9) Heiner Bröckermann u.a., die Zukunft der Militärgeschichte. Gedanken zu Stand und Perspektiven der Forschung. Unveröffentlichtes Manuskript, November 2006.

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