Toralf Staud

 

(Nick Reimer, Stefan Kreutzberger)

 


 

Wir Klimaretter. So ist die Wende noch zu schaffen. 2007. 320 Seiten. DNB.Buch

 


 

Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen

Lügen, bis das Image stimmt

2009 bei Kiepenheuer. 270 Seiten

DNB.Buch.  +  Audio 2009 dlf 

 

Wikipedia.Staud  (*1972) 

DNB.Staud  (10 Publi)

Amazon.Staud  

wir-klimaretter.de  

 

detopia

S.htm  

Klimabuch   Umweltbuch 

Grünimage-Hartmann.2018 

Schmidt-Bleek-2014

Wir-Wettermacher.2005

Wir-Klimamacher.1990

 

 

 

Stefan Kreutzberger

Die Öko-Lüge

Wie Sie den grünen 
Etikettenschwindel 
durchschauen

Econ-Verlag, 288 S.

Amazon Kreutzberger 

 

 

 

 

 

 

 

dradio.de/dlf/sendungen/andruck/969119    

ANDRUCK   25.05.2009   Von Sandra Pfister 

 

Ökologisches Handeln ist in. Bewusstes Konsumieren auch. Und schon im Supermarkt lässt sich dieser Anspruch direkt umsetzen. Die Bio-Marken sind die größten Absatzträger im Nahrungsmittelbereich. Doch in die vermeintlich heile Welt des verantwortungsvollen Kunden brechen nun zwei Bücher ein, die hinter die Kulissen blicken und aufdecken, dass längst nicht alles grün und ökologisch ist.

 

Wenn sich jemand richtig mit Ablasshandel auskennt, dann ist es die katholische Kirche. Der Vatikan verkündete Ende 2007, von nun an klimaneutral zu sein. Die täglichen CO2-Sünden soll ein neuer paradiesischer Wald ausgleichen. Ein ungarisches Unternehmen ist damit beauftragt, so viele Bäume zu pflanzen, dass damit der gesamte CO2-Ausstoß des himmlischen Stadtstaates absorbiert wird. Anstatt selbst zu verzichten oder kürzer zu treten, bezahlt man jemand anderen dafür.

Stefan Kreutzberger nennt es modernen Ablasshandel - wer viel fliegt, kann sein Öko-Gewissen damit beruhigen, dass er dafür Bäumchen im Regenwald pflanzen lässt. So, wie wir uns damit selbst einlullen, umgarnt uns mittlerweile eine Phalanx von Unternehmen mit dem Versprechen, der Umwelt etwas Gutes zu tun. Die Werbewirtschaft hat dafür längst einen eigenen Begriff erfunden: Greenwashing.

"Greenwashing ist ein englischer Begriff, der nicht besonders schön ist, im Deutschen nennt man es am besten Grünfärberei, und unter Grünfärberei versteht man die Versuche von Unternehmen, Konzernen, aber auch Politikern, das eigene Handeln umweltfreundlicher darzustellen, als es in Wirklichkeit ist."

Der Journalist Toralf Staud umschreibt damit ein Phänomen, dem sich in diesem Bücherfrühjahr gleich zwei Neuerscheinungen widmen: Sein eigenes Buch mit dem Titel "Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen" und "Die Öko-Lüge" von Stefan Kreutzberger, ebenfalls Journalist. 

Der Tenor beider Bücher ist gleich: Sie beschreiben eine Werbewelt, in der plötzlich fast alle Unternehmen vorgeben, das Klima zu retten. 

Viele Werbeagenturen haben sich fürs grüne Marketing eigene Abteilungen zugelegt.

Viele Produkte sind aber einfach nicht grün. Die Verbraucher hinterfragen das Greenwashing nicht, meint Autor Kreuzberger. 

Toralf Staud pflichtet dem bei:

Bei der Grünfärberei, das ist das Perfide, fehlt das Opfer. Einen geschädigten Verbraucher gibt es nicht. Bei falscher Werbung mit Sozial- oder Umweltversprechen sind die Geschädigten weit weg - etwa die ausgebeuteten Arbeiter in der Dritten Welt - oder ganz stumm. Denn das Klima jammert nicht. Es kippt halt irgendwann um.

Und wenn es kippt, dann hat die Automobilindustrie daran einen großen Anteil. Die Firma Audi beispielsweise, die es geschafft hat, den Kohlendioxidverbrauch ihrer Neuwagenflotte zwischen 2002 und 2007 sogar steigen zu lassen. 

2008 sorgte Audi deshalb dafür, dass Al Gore, das personifizierte Klima-Gewissen, bei einem Besuch in Holland mit der neuen Oberklasse-Limousine A6 durch die Gegend chauffiert wurde - was Audi dann später zur Grünfärbung seines Spritfresser-Images nutzte. 

Diese Art von Greenwashing ist noch leicht zu durchschauen. Verzwickter wird die Sache beim Ökostrom. Eine gute Sache - oder?

 

Es ist deprimierend: Ob ich meinen Strom von einem konventionellen Stromversorger beziehe oder aus Überzeugung einen Vertrag mit einem Ökostromanbieter abgeschlossen habe - es kommt der gleiche Energiemix aus "dreckigem" und "sauberen" Strom aus der Steckdose. Der Grund dafür: Es gibt nur ein Übertragungsnetz und das befindet sich im Besitz der vier Energieversorger E.ON, RWE, ENBW und Vattenfall, schreibt Stefan Kreutzberger. 

Staud ergänzt:

Der wahrscheinlich häufigste Trick ist es, klitzekleine Modellprojekte, Mini-Versuche, die mittlerweile alle Energieversorger und auch mittlerweile alle großen Autohersteller haben, aufzublasen. Die Investitionen in Erneuerbare Energien hochzurechnen. Über mehrere Jahren die Investitionssummen zusammenzurechnen, da kommen dann ganz beeindruckende Millionen- oder Milliardenbeträge zusammen, aber in den Anzeigen steht dann nicht, wie viel E.ON, Vattenfall oder RWE gleichzeitig für Kohle ausgeben, das ist nämlich ein Vielfaches dessen, was sie in saubere Energien stecken.

 

Staud und Kreutzberger verarbeiten die Ergebnisse ihrer Recherchen auf unterschiedliche Weise: Staud, indem er einzelne Fallbeispiele schildert, alphabetisch sortiert, in kleinen Häppchen konsumierbar. Zwischen zwei Buchdeckeln wird daraus ein kenntnisreiches, äußerst gut lesbares Kompendium, dessen Einzelfallschilderungen allerdings Episoden bleiben, und nicht die Strukturen ganzer Branchen aufdecken. 

Zusammenfassende Passagen - wie hier im Gespräch - sind selten.

"Es gibt sehr einfaches und durchschaubares Greenwashing, es gibt aber auch sehr geschickte und knifflige Strategien. Wirkliche Lügen oder Falschaussagen unterlaufen den Profis in der Politik, in der Werbung natürlich kaum noch. Viel geschickter ist es einfach, Fakten wegzulassen, oder Worte zu verwenden, die in zweierlei Richtung verstanden werden können, und da erlebt man wirklich sein blaues oder grünes Wunder."

Stauds Journalistenkollege Kreutzberger geht systematischer vor: 

Er gliedert einerseits nach Branchen und deren Produkten: Energiebranche und Ökostrom, Autoindustrie und Biosprit, andererseits nimmt er sich Güter des täglichen Bedarfs vor, um am Beispiel von Baumwolle oder Discount-Lebensmitteln zu zeigen, wie wir Verbraucher selbst uns gerne etwas vormachen lassen.

Das unterscheidet die beiden Bücher im Grundsatz: Staud geht nur die Unternehmen an, die sich grüner darstellen, als sie sind. Kreutzberger tut das auch, aber er nimmt uns auch als Verbraucher in die Pflicht: Wir könnten wissen, dass viele Produkte so umweltfreundlich nicht sind, wie wir und die Industrie uns vormachen. 

Einige Beispiele:

Die Einführung eines staatlichen Ökosiegels brachte einen Bio-Boom auf den Weg, dem sich heute kein Billig-Discounter mehr entziehen kann. So positiv diese Entwicklung im Allgemeinen zu bewerten ist, so sehr wird auch klar, dass damit nur Mindeststandards gesetzt wurden und die massenhafte Produktion biologischer Lebensmittel und deren Weiter­verarbeitung an ihre Grenzen stößt und den ökologischen Grundgedanken in Frage stellt.

Man kann andererseits seine Lebensmittel immer schön im Bio-Supermarkt kaufen und sich gleichzeitig beim Kleiderkauf ökologisch völlig daneben benehmen. Nur 0,2 Prozent der Weltproduktion von Baumwolle werden ökologisch angebaut.

Die Baumwollproduktion ist zum Symbol einer großen Ökokatastrophe geworden. Da die Baumwollpflanzen sehr viel Wasser benötigen, müssen künstliche Bewässerungen geschaffen werden. Dabei benötigt man im Endeffekt bis zu unglaubliche 25.000 Liter, um ein Kilogramm spinnfähige Faser zu erhalten. Die Bewässerungsanlagen der Baumwollfelder wirken katastrophal auf die lokalen Ökosysteme. Baumwolle ist die am stärksten behandelte Kulturpflanze überhaupt. 22,3 Prozent aller weltweit verkauften Insektizide enden als Sprühregen auf den Baumwollfeldern. Wer 100 Prozent Baumwolle trägt, gilt aber als qualitätsbewusst und naturnah.

Kreutzberger und Staud unterstellen vielen Verbrauchern durchaus guten Willen. Oft stoße der aber an seine Grenzen. Wer durchblicke schon zum Beispiel, ob eine Geldanlage ein ökologisch korrektes Investment darstellt? Kaum eine Bank, die nicht einen Öko- oder Klimafonds auf den Markt geworfen hat. Vieles bekomme ein grünes Mäntelchen umgehängt, aber ein Ökosiegel für Finanzprodukte gibt es in Deutschland nicht.

Die große Illusion kleiner Kapitalanlieger in grüne Investments ist es zu glauben, dass sie mit ihrem Einsatz irgendwie die ökologische Sache befördern würden und damit Gutes tun. Dem ist leider nicht so. Und nur weil ein Ökofonds Anteile von Siemens, Bayer oder BP kauft, ändert sich die Geschäftspolitik der Konzerne noch lange nicht. Die zusätzliche "grüne" Nachfrage hat so gut wie keine Auswirkung auf die Kurse von großen börsennotierten Gesellschaften.

Kreutzberger gibt dem Leser für jede einzelne Branche ein paar Verhaltens- und Prüfempfehlungen mit; er nimmt ebenso detailliert die Ökostromanbieter auseinander, wie er die verschiedenen Labels für Schnittblumen analysiert oder Standards zur Orientierung bei ökologischen Geldanlagen auflistet. Seine Hinweise wirken manchmal kleinteilig und banal, aber als Zusammenstellung sind sie doch sehr verbraucherorientiert und verdienstvoll. 

Darin geht Kreutzbergers Buch weit über das hinaus, was Toralf Staud leisten will. 

Letzterer hinterfragt zwar viel und deckt auf, lässt den Verbraucher aber mit all seinem neugewonnenen Misstrauen alleine. Neu in ihren detailreichen Analysen, packend und gut geschrieben sind beide Bücher.

Sie ersparen dem Leser nichts, nicht mal die wirklich unbequeme Wahrheit, 

"dass viele Hartz-IV-Empfänger eine bessere Klimabilanz haben als die Ökomuttis, die im Hybridgeländewagen zum Biomarkt fahren und mitten im Winter fair gehandelte Erdbeeren aus Ägypten kaufen. - <Strategischer Konsum> kann auch sein, nichts zu konsumieren. Für das Klima ist deshalb oft die Werbeanzeige die beste, die gar nicht erst erscheint." 

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