Elias Canetti 

Masse und Macht

Nobelpreis für Literatur 1981 

 

 

Audio 2005 dlf  50'

 

1960    600 Seiten 

Wikipedia.Autor  *1905 in Bulgarien (jüdisch-spanische Eltern) bis 1994 (89)

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Es waren die großen Demonstrationen im Sommer 1922 nach der Ermordung des deutschen Außenministers Walter Rathenau und die Erregung der Bevölkerung Wiens anlässlich des Justizpalast-Brandes fünf Jahre danach, die Elias Canetti veranlassten, seinen viel diskutierten Essay über die Zusammen­hänge von Macht und Masse zu schreiben. 

Dabei ging es dem späteren Nobelpreisträger darum, die Masse nicht als ein Instrument politischer Macht darzustellen, sondern als eigene Existenzform, die in der Lage ist, eine bisweilen gefährliche Eigendynamik zu entwickeln. 

Canettis originäres Denken jenseits der sozial­wissen­schaft­lichen Konventionen, seine persönliche Erfahrung mit dem beschriebenen Phänomen und sein moralischer Anspruch verleihen dem Werk eine bis heute ungebrochene Aktualität. 

 


 

In der Schweiz lebte Canetti viel zurückgezogener als zuvor. Das lag zu einem guten Teil an dem glücklichen Familienleben, das er führte und das frei von den Spannungen seiner früheren Liebesbeziehungen war. Aber auch der Publikumserfolg seiner 1977 erscheinenden Autobiografie, so erfreulich er natürlich für Canetti war, legte ihm einen solchen Rückzug nahe. 

Als er 1981 für sein schriftstellerisches Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, entschloss er sich, auch keine Interviews mehr zu geben und keine Lesungen mehr zu halten. Canettis Familienidyll wurde jedoch empfindlich gestört, als seine viel jüngere Frau Hera an Krebs erkrankte, dem sie schließlich 1988 erlag.

Elias Canetti starb 1994 im Alter von 89 Jahren in Zürich und wurde dort auf dem Friedhof Fluntern beigesetzt. Sein Nachlass befindet sich auf seinen Wunsch hin in der Zentralbibliothek Zürich. Der größte Teil dieses Nachlasses (Entwürfe, Aufzeichnungen, die etwa 20.000 Bände umfassende Bibliothek) steht der Forschung zur Verfügung, doch einen bestimmten „privaten“ Teil (Canettis Tagebuch, große Teile der Briefkorrespondenz) hat Canetti für 30 Jahre nach seinem Tod gesperrt – dieser darf also erst ab 2024 eingesehen werden.  

 


 

Persönlichkeit

Das Bild seiner Persönlichkeit war lange Jahre von ihm selbst geprägt: Seine (in der Rezeption begeistert aufgenommenen) Autobiographien und das, was Besucher über ihn berichteten – wie Hans Bender oder Manfred Durzak – trugen maßgeblich dazu bei, in Canetti „nur“ den weisen, gastfreundlichen Literaturasketen zu sehen, der in einer Welt der Bücher und der jederzeit gespitzten Bleistifte lebte. Erst den aktuellen Biographien sowie den nachgelassenen Bänden veröffentlichter Briefwechsel ist es zu verdanken, dass sich dieses stilisierte Bild relativiert. Canetti – so scheint es – war nicht nur ein Forscher der Macht, sondern ein Macht-Wollender. Er galt – so dies seinen teils erschütternden Briefen zu entnehmen ist – als schwieriger, eitler und jähzorniger Mann, gleichzeitig als egoistischer Frauenschwarm, der mit Geld nicht umgehen konnte.

Seine autobiographische Werke – sofern sie überhaupt ein „ungefärbtes“ Bild seines Lebens zeigen – leben unter anderem von seinen Begegnungen mit einer Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten und seiner Fähigkeit, Menschen durch Reduktion auf charakteristische, ungewöhnliche Details und Angewohnheiten zu beschreiben (vielmehr: nach seinem Gusto zu interpretieren). Alma Mahler-Werfel, die Mutter der von ihm verehrten Anna Mahler beispielsweise bezeichnete er in seiner Autobiografie Das Augenspiel als zerflossene Alte auf dem Sofa, als strotzende Witwe, die die Trophäen ihres Lebens um sich versammelt habe. Im Porträt, das Oskar Kokoschka von seiner einstmaligen Geliebten gemalt hatte, sah er die Mörderin des Komponisten Gustav Mahler.

Einige dieser Porträts sind auch als verletzende Bloßstellungen empfunden worden, etwa die vernichtenden Passagen über Canettis ehemalige Geliebte Iris Murdoch in Party im Blitz, dem posthum erschienenen Band über seine Londoner Jahre. Viele seiner Zeitgenossen berichten von Gelegenheiten, bei denen sich Canetti anderen gegenüber bösartig oder herzlos verhalten habe; Hilde Spiel nannte ihn eine „wirkliche Giftspritze“, und der Literaturkritiker (und spätere Ehemann Murdochs) John Bayley beschrieb Canettis Rolle in der Londoner Intellektuellenszene satirisch als „the godmonster of Hampstead“. Nichtsdestrotz galt Canetti den meisten, die ihn kannten, als geistreicher und witziger Unterhalter, dessen Persönlichkeit (und kleine Statur) nachhaltig in Erinnerung blieb.

Schriftstellerisches Schaffen 

Canettis Werk fand erst spät Beachtung; die jüngsten Biographien geben Auskunft darüber, wie sehr sich seine mittleren Lebensjahrzehnte in ziemlicher Armut, Unsicherheit und Zukunftsangst abspielten. Er darf als exzentrisch gelten: Sein Leben war der Literatur geweiht; einem Brotberuf ging Canetti nicht nach. Er verfasste drei Dramen, den Roman Die Blendung (für den er 1981 den Nobelpreis erhielt und von dem er sich im Alter distanzierte), Essays und Reiseberichte, Tagebücher, Charakterminiaturen und Abertausende von Aufzeichnungen, welche heute von vielen Kritikern als der „bleibende“ Teil seines Gesamtwerkes erachtet werden. 

Canetti begann außerdem damit, einen mehrteiligen Autobiografie-Zyklus zu veröffentlichen. Der Zyklus beginnt mit der Geretteten Zunge, darauf folgten Die Fackel im Ohr und später Das Augenspiel. Canetti konnte die Reihe vor seinem Tod nicht vervollständigen, hat aber detaillierte Angaben über die Verwendung und Herausgabe seines Nachlasses hinterlegt. So erschien mittlerweile Party im Blitz. Die englischen Jahre als Fortsetzung der Lebensgeschichte, das sich jedoch durch seine Unfertigkeit formal und strukturell stark von den ersten drei Bänden abhebt – dem wurde durch den Bruch in der Titelreihenfolge Rechnung getragen.

Durchaus herauszuheben ist – neben den Aufzeichnungen – sein Werk Masse und Macht. Es ist nicht als streng soziologische Studie zu verstehen, sondern enthält viele Elemente der Psychologie, Methoden der Ethnologie und Einsprengsel aus der Zoologie. In dem Werk geht Canetti einem Thema nach, das ihn 30 Jahre lang beschäftigte, seitdem er 1922 eine Demonstration anlässlich der Ermordung Walther Rathenaus und 1927 in Wien den Massenaufruhr vor dem brennenden Justizpalast miterlebt hatte. 

Was ist eine Masse? Warum geht von einer Masse eine Faszination aus, der man sich als Einzelner kaum entziehen kann? Wie bildet sich eine Masse und welchen „Gesetzmäßigkeiten“ folgt die eigentlich chaotische Menschenansammlung? Massenbewegungen sind ein Phänomen der Moderne. Die Beschäftigung mit dem Thema ist in den 1930er bis 1960er Jahren sehr populär. Die politische Wirksamkeit von Massenbewegungen sind seit der Französischen Revolution unbestritten. Mit der Herausbildung der Arbeiterklasse wird die gesellschaftliche Rolle der Masse noch mehr betont. Grundthese Canettis ist, dass das auf räumliche Abgrenzung bedachte Individuum in der Masse seine gesellschaftlichen Zwänge ablegen kann. Soziale Unterschiede werden nivelliert, und es erhält seine Freiheit zurück.

Den psychologischen Prozess, der sich innerhalb der Masse abspielt, nennt Canetti „Entladung“. In Anlehnung an Freud entwickelt er die These, dass Menschen neben den Grundbedürfnissen nach Essen, Trinken und Zuneigung auch einen Massentrieb besitzen. 

Dabei verliert die Masse ihre ursprüngliche negative Konnotation. Massen erscheinen als etwas Natürliches und Notwendiges.

aus wikipedia 2011

   

 

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