Mike Davis

Vogelgrippe

Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien

2005 first:
The Monster at Our Door. The Global Threat of Avian Flu
Das Monster vor unserer Tür - Die globale Bedrohung durch die Vogelgrippe

2005 im Assoziation-A-Verlag, Hamburg


2020 Mike Davis

Covid-19, Vogelgrippe und die Plagen des Kapitalismus

Mike Davis (2005) Vogelgrippe  - Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien

2005    170 Seiten

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2020-Monster-Davis

 

Verlag mit Volltext 2020
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Inhalt    Inhalt.pdf      wikipedia PIETA Schmerzensmutter 

 

Die Pietà (9)  Vorwort

 

1. Die Evolution auf der Überholspur (14)

2. Die Virulenz der Armut (25)

3. Die falschen Lehren (33)

4. Die Vögel von Hongkong (45)

5. Eine schmutzige Geschichte (55)

6. Pandemische Überraschung (65)

7. Das Dreieck des Todes (75)

8. Seuche und Profit  (87)

9. Am Rande des Abgrunds  (101)

10. Die Verunsicherung im eigenen Land  (111)

11. Strukturelle Widersprüche (121)

12. Das Titanic-Paradigma (131)

 

Im Jahr des Hahns (141) Fazit

Anmerkungen (151)   Glossar (165)

 

 

Lesen Sie dieses Buch, und atmen Sie nach den unvermeidlichen Albträumen tief durch. Dann drängen Sie Ihre Politiker, es zu lesen und etwas zu unternehmen, bevor eine Grippepandemie Millionen von Menschenleben fordert.

"Read this book, and after inevitable nightmares, take a deep breath. Then start pestering your politicians, demanding they read it and do something, before pandemic influenza claims million of lives."

KLAPPENTEXT

Mike Davis zeichnet die Ausbreitungsformen und virologischen Zusammenhänge nach, die vor dem Hindergrund der schnell voranschreitenden evolutionären Entwicklung der Krankheit bis heute bekannt sind.

Waren Mediziner noch vor kurzem davon ausgegangen, dass eine Übertragung des Vogelgrippevirus auf den Menschen äußerst unwahrscheinlich sei, so muss man heute eingestehen, dass sich die Übertragungen von Mensch zu Mensch nicht mehr ausschließen lassen.

Davis bleibt nicht bei den medizinischen Implikationen stehen, sondern stellt den Zusammenhang mit dem Agro- und Pharmabusiness sowie den Politikformen her, die eine wirksame Bekämpfung und Prävention der Krankheit behindern.

Er beschreibt die Veränderung der Nahrungsmittelprodukion in Asien in den 90er Jahren und die damit einhergehende Veränderung der sozialen Verhältnisse in Südchina. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2008 von Matthias Gräbner

Wo die neuen Infektionskrankheiten herkommen    

Die Bakterien und Viren, die uns und unsere Kinder in einigen Jahren umbringen werden,
kommen aus asiatischen Hühnerkäfigen - und aus dem Krankenhaus um die Ecke


Als vor einer Ewigkeit - also gut vier Jahren - das SARS-Virus weltweit Schlagzeilen machte, bestätigte sich erneut ein Muster, das schon die Erforschung von Ebola und AIDS gezeichnet hatte: Da war wohl wieder mal ein Erreger vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Fledermäuse und Schleichkatzen gelten hier als die Hauptverdächtigen - und als begünstigender Faktor wurde schnell das enge Zusammentreffen von Mensch und Tier ausgemacht. Aus diesen Erfahrungen erklärt sich auch die Aufmerksamkeit, die schließlich der Vogelgrippe zuteil wurde - obwohl daran weit, weit weniger Menschen starben als an der gewöhnlichen Grippe.

Dass regelmäßig neue, manchmal auch für die menschliche Spezies gefährliche Krankheiten entstehen, ist nicht verwunderlich - die Verwandlungsfähigkeit von Bakterien und Viren ist schon seit längerem bekannt. Wo die Krankheiten aber herkommen, das hat erst jetzt zum ersten Mal ein internationales Forscherteam systematisch untersucht. Die Ergebnisse veröffentlicht die aktuelle Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature [1].

Dazu haben die Forscher alle seit 1940 verzeichneten Ausbrüche neuartiger Seuchen ausgewertet - immerhin 335 solcher Ereignisse konnten sie nachweisen. 60 Prozent dieser Krankheiten waren so genannte Zoonosen [2] - dabei sprangen also Erreger von einer Tierart auf den Menschen über.

Fast drei Viertel dieser Zoonosen hatte ihre Quelle in der Wildnis und nicht bei Haustieren. Einbezogen haben die Wissenschaftler dabei auch das Auftreten neuer Stämme von Krankheitserregern, etwa die Entwicklung neuer, Chloroquin-resistenter Malaria-Erreger, sowie Krankheiten, die in der menschlichen Population schon lange bekannt sind, aber erst kürzlich verstärkt aufgetreten sind, wie etwa die Lyme-Borreliose [3], die durch Zecken übertragen wird.

Unter den bakteriellen Vertretern taten sich statistisch vor allem neue Stämme hervor, die sich von bekannten Antibiotika nicht mehr bekämpfen lassen. Solche Bakterien befallen ihre Opfer nicht beim Urlaub im Kongo, sondern bei der harmlosen Standard-OP im Krankenhaus seines Vertrauens, zunehmend sogar im Sportclub oder im Schwimmbad - etwa bei einer pathogenen Variante des eigentlich harmlosen Escherichia-Coli-Bakteriums [4].

Überraschenderweise erkannten die Forscher nur in einem Viertel der Fälle Viren und Prionen als Übeltäter - zunächst hatte man vermutet, dass diese wegen ihrer gestaltwandlerischen Fähigkeiten für die Mehrzahl neuer Infektionskrankheiten verantwortlich sein könnten. Zu Bakterien und Viren gesellen sich aber auch noch Protozoen (Einzeller, die im Gegensatz zu Bakterien einen Zellkern besitzen), Pilze und Endoparasiten (etwa Würmer).

Tatsache ist offenbar auch, dass das Auftreten neuer Krankheiten seit 1940 zugenommen hat - mit einem Maximum in den 1980ern. Dabei konnten die Wissenschaftler ausschließen, dass wir in jüngster Zeit einfach nur genauer hinsehen. Eine Beziehung zwischen dem Klimawandel und der Häufigkeit neuer Krankheiten scheint ebenfalls zu existieren - das konnten die Forscher aber nicht mit letzter Sicherheit bestätigen. Vor allem aber ist die Bevölkerungsdichte entscheidend, wenn es um den Ort des Auftretens geht - die neuen Krankheiten scheinen ein Teil des Preises zu sein, den wir für die Ausbreitung der Menschheit zu zahlen haben.

Was den Forschern in diesem Zusammenhang Sorgen bereitet, ist die Ungleichverteilung der Ressourcen zur Erforschung dieser Trends. In vielen der tropischen Gebiete, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch künftig Quelle neuartiger Keime sein werden, sind die Möglichkeiten zu deren Beobachtung arg begrenzt.


Wo die neuen Infektionskrankheiten herkommen | Telepolis (2008) 

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https://www.heise.de/-3417465 

Links in diesem Artikel: 

[1] http://www.nature.com  [2] http://de.wikipedia.org/wiki/Zoonose  [3] http://de.wikipedia.org/wiki/Lyme-Borreliose  [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Escherichia_coli

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Mike Davis 2005

EUROPA UND DIE VOGELGRIPPE

Die Gefahr aus den Megastädten

WOZ - Die (Schweizer) Wochenzeitung 

Nr. 43/2005 vom 27.10.2005


Die europäischen Staaten haben eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung der Vogelgrippe. Sie dürfen nicht länger Zeit mit nationalistischer Politik verlieren.

woz.ch/0543/europa-und-die-vogelgrippe/die-gefahr-aus-den-megastaedten


Die Vogelgrippe begehrt Zutritt nach Europa und wird nicht abgewiesen werden können - auch wenn Tierärzte und Gesundheitsbehörden tapfer versprechen, die Grenzen dichtzumachen und Ausbrüche im Keim zu ersticken. Das Virus H5N1 hat eine fast unbezwingbare Macht.

Schon letztes Jahr hatten erfahrene Forscher davor gewarnt, dass die Vogelgrippe bei Wildvögeln und domestiziertem Geflügel nicht mehr ausgemerzt werden kann. Diesen Frühling entdeckten chinesische Forscher eine riesige Epidemie am Qinghai-See in Westchina. Zu Beginn war die Seuche auf eine kleine Insel in dem riesigen Salzsee beschränkt, wo Gänse plötzlich unter Krämpfen zusammenbrachen und starben. Doch schon Mitte Mai war die ganze Vogelpopulation des Sees angesteckt, tausende von Vögeln starben. Ein Ornithologe nannte es die grösste und tödlichste Vogelgrippe, die je bei Wildvögeln beobachtet worden ist.

Yi Guan, der Leiter des weltbekannten Vogelgrippe-Forscherteams in Hongkong, das seit 1997 eine Pandemie zu verhindern sucht, beklagte sich im Juli in der britischen Tageszeitung «The Guardian» über die ungenügende Reaktion der chinesischen Behörden auf den Flächenbrand am Qinghai-See. In einem Artikel in der Zeitschrift «Nature» enthüllten Yi Guan und seine Kollegen, dass der Bakterienstamm von Qinghai wahrscheinlich seinen Ursprung in kürzlich aufgetretenen Fällen von Vogelgrippe in Südchina hat, über die offiziell nie berichtet worden ist. Damit bestätigte sich der Verdacht, dass die chinesischen Behörden weiterhin den Ausbruch von Seuchen vor dem Rest der Welt verbergen - ähnlich wie das 2003 mit Sars geschehen war. Die Bürokratie reagierte auf die wissenschaftliche Redlichkeit von Yi Guan mit Repression: Sie schloss eines seiner Laboratorien an der Shantou-Universität und verlieh dem konservativen Landwirtschaftsministerium neue Kompetenzen bei der Grundlagenforschung in der Veterinärmedizin.

Während Peking Forschungsresultate unter Verschluss hielt, breitete sich das menschliche Epizentrum der Vogelgrippe aus: Mitte Juli bestätigten die indonesischen Gesundheitsbehörden, dass ein Vater und seine kleinen Töchter in einem reichen Vorort von Jakarta an Vogelgrippe gestorben waren. Besonders verstörend daran ist, dass kein Kontakt der Familie mit Geflügel bekannt ist.

Ausgeklügelte Suchmaschine
In der Zwischenzeit hatten sich die Vögel vom Qinghai-See in ihre Winterquartiere auf fünf Kontinenten aufgemacht. H5N1 tauchte vereinzelt in der Umgebung der tibetischen Hauptstadt Lhasa auf; wurde in der westlichen Mongolei und in Kasachstan entdeckt und begann Hühner und Wildhühner nahe des sibirischen Nowosibirsk zu töten - also auf halbem Weg zum Schwarzen Meer und nach Südeuropa. Als Nächstes könnte die Seuche im Nildelta, in Südindien, in Bangladesch, Australien, Alaska, Nordkanada und schliesslich der ganzen Welt ankommen.

Robert Wallace untersucht an der University of California, wie sich eine Grippepandemie ausbreiten könnte. Wallace sagte zu mir, H5N1 sei eine «darwinistische Suchmaschine, die ausgeklügelter ist als Google». Nach Wallace gibt es mehrere Wege, wie das Virus uns überlistet. Erstens bewege sich das Virus unterhalb des «sozialen Radars»: Menschen sind noch keine angesteckt, aber der Bakterienstamm sät sich grossflächig aus. Er verändert sich nicht nur auf der molekularen, sondern auch auf der epidemiologischen Ebene. Zweitens erweitert das Virus die «Operationsbasis für eine Pandemie», indem es sich geografisch ausbreitet und mehr und mehr Hühner ansteckt. Die Strategie der Weltgesundheitsorganisation WHO, ein verseuchtes Gebiet mit dem Medikament Tamiflu zu «imprägnieren», sei zwecklos, wenn H5N1 weltweit präsent ist. Drittens wird das Virus bei seiner weltweiten Ausbreitung auch auf Länder übergreifen, die keine Erfahrung mit der Entdeckung von Seuchenherden und dem Umgang damit haben.

Vervielfachung der Krisenherde
Entscheidend ist, dass jeder neue Vorposten von H5N1 eine weitere Gelegenheit für das sich schnell entwickelnde Virus ist, das Gen oder - noch einfacher - die Aminosäure zu bilden, die es braucht, um die verwundbaren Menschen zu massakrieren. Diese exponentielle Vervielfachung von Krisenherden und «stillen Reservoirs» ist der Grund dafür, dass in den Gesundheitsministerien auf der ganzen Welt die Alarmglocken läuten.

Natürlich gibt es SkeptikerInnen, die argumentieren, die Vogelgrippe sei eine rein «theoretische Bedrohung», und die die Existenz eines «Faktors X» vermuten, der die Übertragung des Virus auf den Menschen verhindert. Tatsächlich sind viele Forscher erstaunt, dass noch keine Pandemie ausgebrochen ist. Aber es gibt wenig Hinweise für die Existenz dieses «Faktors X»: Ein riskantes wissenschaftliches Experiment vom August hat bestätigt, dass es erschreckende Ähnlichkeiten gibt zwischen der Vogelgrippe und der Grippeepidemie von 1918, bei der 40 Millionen bis 100 Millionen Menschen starben. Ein Jahrzehnt haben Jeffrey Taubenberger und sein Team am Washingtoner Armed Forces Institute of Pathology Lungengewebeproben von Opfern der Grippe von 1918 untersucht. Diesen Sommer gelang es ihnen, das ganze Genom des Virus zu entschlüsseln. Das schockierende Ergebnis war, dass es sich beim Virus von 1918 um einen Bakterienstamm der Vogelgrippe handelte, der seine Übertragbarkeit auf Menschen durch überraschend simple Mutationen erlangt hatte und nicht etwa durch die Verbindung von Vogelgrippe mit einem menschlichen Grippevirus. Das bedeutet, dass H5N1 sich gar nicht mit den Genen eines menschlichen Virus vermengen muss. Es kann eine pandemische Beschleunigung durch die eigene, bescheidene Entwicklung erlangen.

Jetzt, da H5N1 an den Rändern Europas angekommen ist, müssen offizielle Warnungen von der WHO und unzähligen Experten, eine Pandemie stehe unmittelbar bevor, ernst genommen werden. «Unmittelbar» - das kann diesen Winter bedeuten oder 2007.

Lange haben die EU-Gesundheitsminister so gehandelt, als gebe es die EU nicht. Jede Regierung prüfte die Gefahr unabhängig von der anderen und reagierte entsprechend darauf. Überdies arbeiten die europäischen Regierungen gegeneinander: Sie konkurrieren um die knappen Grippemittel und streiten sich darüber, ob die Hühner eingesperrt werden sollen oder nicht. Und vor allem hat die EU nicht zur Kenntnis genommen, dass alle Produktionsstätten zur Herstellung von Tamiflu und auch alle wichtigen Impfstofffabriken auf europäischem Boden stehen.

Die Überwachung des Geflügels ist wichtig. Doch wirklich entscheidend ist die Rolle der riesigen, in Europa ansässigen Pharmakonzerne. Als Anfang des Jahres Thailand und Südafrika an einer WHO-Konferenz die Frage nach der Produktion von Tamiflu-Generika in der Dritten Welt aufwarfen, taten sich Frankreich und die USA zusammen und blockierten die Anfechtung des Monopols des Schweizer Pharmamultis Roche.

Als ich im August das Influenzaprogramm der WHO in Genf besuchte, sagte man mir, die WHO habe vorläufig jegliche Hoffnung auf einen weltweiten Impfstoff gegen Vogelgrippe aufgegeben - vor allem, weil sie nicht mit der Bereitschaft der EU rechne, ihre Impfstoffproduktion mit voller Kraft voranzutreiben.

Versäumnisse der USA

In den USA stehen die Dinge noch schlimmer: Bushs «Homeland Security»-Staat hat es versäumt, Vorräte an antiviralen Mitteln anzulegen oder die Kapazitäten zur Impfstoffproduktion wieder aufzubauen - nachdem Milliarden Dollar für eine imaginäre Bedrohung durch Bioterrorismus und für die «Erziehung zur Abstinenz» zum Fenster hinausgeworfen worden sind. Es ist zu erwarten, dass Washington die AmerikanerInnen, besonders wenn sie arm und schwarz sind, im Stich lassen wird.

Doch Europa strebt angeblich nach einem anderen Modell der Zivilisation als dem der neoliberalen Brutalität und Vernachlässigung, das man zurzeit in den Strassen von Bagdad und New Orleans beobachten kann. In Bezug auf die Vogelgrippe würde diese moralische Verantwortung bedeuten, dass die EU ihre ausserordentlichen pharmazeutischen und wissenschaftlichen Kapazitäten zum Wohle der gesamten Menschheit mobilisiert.

Die gefährlichste Wanderung des H5N1-Virus in den letzten Wochen ist seine unerbittliche Bewegung in Richtung der Megastädte in Afrika und Südasien. Der unmittelbar bevorstehende Zusammenprall von städtischer Armut und Vogelgrippe ist explosiv und äusserst Besorgnis erregend.

Slums als Risiko
Das dringend nötige gemeinsame Handeln der europäischen Staaten würde aber nicht mehr viel nützen, falls eine Seuche vergleichbar mit derjenigen von 1918 in den riesigen Slums von Kinshasa oder Bombay ausbrechen würde. Da können alle Hühner Europas sicher eingesperrt sein - wenn sich das H5N1-Virus bei der bereits von HIV verheerten Bevölkerung südlich der Sahara einnistet, sitzt es schon bald im nächsten Flugzeug nach Rom, London oder New York.

Weder ein festungsähnlicher epidemiologischer Nationalismus noch die idiotische Ehrfurcht vor den Profiten der Pharmariesen (vor allem von Roche) dürfen das Prinzip der menschlichen Solidarität angesichts der kommenden Seuche(n) über den Haufen werfen. Unser gemeinsames Überleben verlangt nach einer adäquaten Versorgung mit Impfstoff, antiviralen Mitteln und Antibiotika. Es ist ein Menschenrecht. Es ist eine Schande, dass hunderte Millionen von Armen zurzeit nicht einmal Zugang zu Trinkwasser oder Aspirin haben. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, im Bestreben nachzulassen, so schnell wie möglich einen weltweit zugänglichen Grippeimpfstoff zu entwickeln.


Mike Davis ist Professor am Department of History an der University of California in Irvine. Dieser Tage ist von ihm «Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien» beim Verlag Assoziation A erschienen.

 

 

 

 

 

 

mit Mike Davis

 

 

 

 

Perlentaucher zu Frankfurter Rundschau, 02.11.2005

Was seinen Instinkt für Themen betrifft, dürfte ihm keiner was vormachen, gesteht Harry Nutt dem öko-marxistischen Stadtsoziologen Mike Davis zu, dessen Essay zur Vogelgrippe ungefähr zeitgleich mit der Krankheit Europa ankommt.

Für Davis - erklärt uns Nutt die Eckpunkte seiner Überlegungen - ist die Vogelgrippe wie andere Epidemien auch nicht biologisch, sondern gesellschaftlich produziert. Sie ist für ihn Ergebnis einer "kapitalistischen Marktdynamik", der industriellen Massentierhaltung, mangelnder Hygiene und der abrupten Veränderung traditioneller Arbeits- und Lebensbedingungen.

Zu beweisen versucht Davis dies am Beispiel der südchinesischen Stadt Guangdong, dem Zentrum der chinesischen Geflügelproduktion - mehr als 700 Millionen Hühner werden hier gehalten. Doch überzeugen konnte Nutt Davis' Erklärung nicht, zu dick sind ihm bei diesem "Katastrophenbild" die ideologischen Farben aufgetragen.

perlentaucher.de/buch/mike-davis/vogelgrippe.html 


 

Leseberichte bei amazon

aus Deutschland 2006

Der kalifornische Öko-Marxist Mike Davis (geb. 1946) veröffentlichte im September 2005 sein Buch zur aktuell breit diskutierten Vogelgrippe.
Nach einem knappen naturwissenschaftlichen Überblick (Kapitel 1) beschreibt Davis im Stile eines Krimis die gesellschaftlichen Ursachen der Vogelgrippe. Er verweist auf die Ursprünge von H5N1 im Jahr 1997 im chinesichen Guangdong und geht in diesem Zusammenhang auf die rasante Entwicklung der Massentierhaltung in den siebziger Jahren in Asien ein.

Die Region des Ausbruchs entspricht einem jener Orte der Welt mit den meisten Hühner(farmen) auf einem Fleck. Davis geht auf Vertuschungen ein, zitiert aus Science-Artikeln und asiatischen Medien und zeichnet den Weg bis zum Herbst 2005 minutiös nach. Dabei schießt er mitunter auch übers Ziel hinaus, wenn er etwa, zwar nicht ernsthaft aber doch, auf Aliens eingeht (S. 20 und S. 49) bzw. auf Zitate in diesem Zusammenhang verweist.
Mike Davis liefert mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verstehen von Entstehen von Massenseuchen durch Massentierhaltung, ähnlich wie es der Princeton-Professor Peter Singer an anderer Stelle bereits getan hat. Somit ergeben sich mitunter interessante Parallelen zwischen BSE, Schweinepest und Vogelgrippe.
Eine fundierte wissenschaftliche Zitierweise und ein Glossar runden das Büchlein ab, das abseits der massenmedialen Hysterie Einblicke in die Welt des industriellen Lebens(mittel)komplexes gibt.


 Über Seuchen und Profite  #  2006 von Stefan Kühner

...
Mit seiner amerikanischen Regierung, der Bush-Administration, geht Davis hart ins Gericht. Fehlende Impfstoffproduktion, zurückgefahrene Impfprogramme, ungenügende Bevorratung von Grippemitteln und den Abbau von Pflegepersonal und Krankenhausbetten hält er auch den Regierungen der anderen reichen Länder vor. Am schlimmsten empfindet es Davis allerdings, dass die reichen Staaten die armen Länder in Asien und Afrika alleine lassen - allen voran Vietnam, dem die US-Regierung Unterstützung zur Überwachung und Bekämpfung der Vogelgrippe verwehrt.

Mike Davis geht das Thema Vogelgrippe äußerst gründlich aber ohne jegliche Panikmache an. Obwohl es sich um ein solch bedrohliches Thema behandelt, verzichtet er völlig auf Schreckensszenarien und Spekulation. Er trägt Fakten zusammen und reiht diese sachlich aneinander.

Vier Hauptaspekte arbeitet er in seinem Buch heraus. Ausgehend von der großen Grippeepidemie von 1918, die zwischen 40 und 100 Millionen das Leben kostete, zeigt er auf, dass alle tödlichen Grippeviren bis zum heute grassierende H5N1 - Virus durch Mutationen und Veränderungen auseinander hervorgegangen sind. Er weist auch nach, dass die Viren längst zwischen den Arten (Huhn, Ente, Schwein, Katzen, Hund, Pferd, Mensch) hin- und her gesprungen sind. Fachlich fundiert greift er dabei auf biochemische bzw. biogenetische Erkenntnisse zurück.

Im zweiten Teil erklärt er welche Rolle der schnell anwachsende Verzehr von Fleisch sowie die industrielle Massenproduktion von Tieren für die Ausbreitung der Geflügel- und Schweinepest (ausgelöst durch Influenza Viren) spielen. Profitgier führte nicht nur dazu, dass Tierepidemiefälle verschwiegen wurden sondern die Enge der Tierhaltung ist nach seinen Ausführungen auch eine extrem gefährliche Basis für eine unkontrollierbare Mutation des Vogelgrippevirus.

Der dritte Gedankengang befasst sich mit den Mechanismen die eine Pandemie auslösen und zum Sturm werden lassen könnten - die Verstädterung der dritten Welt und Rolle der Megaslums in Asien. Sie sind nach Davis' Meinung mindestens ein eben so großer Gefahrenherd, wie die Gräben im Weltkrieg I, welche die Grippe von 1918 befeuerten. Gepaart mit dem Massentourismus könnte das Virus in wenigen Tagen um die Welt jetten.

Im vierten Teil befasst sich Davis mit den Versäumnissen der Regierungen der reichen Länder. Sie vernachlässigen die Prophylaxe. Ihre auf neoliberalen Denkweisen basierende Achtlosigkeit gegen den Armen dieser Welt wird nach Davis dazu führen, dass vor allem diese Armen beim Ausbruch einer Pandemie die höchste Zahl an Toten zu beklagen hätten.

Wie bereits gesagt, wer Horrorszenarien sucht, kann das Buch auf der Seite liegen lassen. Wer fachliche und kompetente Fakten erwartet, findet sie in diesem Buch zuhauf. Es zu lesen fordert allerdings ein bisschen Konzentration. Ein einfach verständlicher Schreibstil und ein sehr gutes und verständliches Fachwort-Glossar halfen mir, auch die Passagen gut zu verstehen, in denen Inhalte behandelt werden, die sonst von Experten und Wissenschaftlern diskutiert werden.

Politiker, Politikerinnen und Fach- und Führungskräfte im Gesundheitswesen sollten sich dieses Buch zur Pflichtlektüre machen.

 

 

 

 

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