Barbara Heinecke  

Gestutzte Flügel  

Geschichten aus der DDR  

( "Das rote Kloster 2")

 

2000 by Reinhold Krämer Verlag, Hamburg  #  ISBN 3-89622-038-1 
Umschlag: Unter Verwendung eines Farbholzschnittes von Uta Heinecke
Druck: WB-Druck, Rieden am Forggensee  #  kraemer-verlag.de 

   

Zwickau   Kommbuch    H.htm

2000   235 Seiten  

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B.Klump Das rote Kloster

Rezensionen   

 

"Das vorliegende Buch ist ein ehrliches Buch, es dokumentiert das Leben in der DDR. Es legt Zeugnis ab von der Drangsal, die die Menschen in der DDR erdulden mußten, und von ihren Fähigkeiten, ihrem Witz und Humor, die es ihnen ermöglichten, in dieser Bedrängnis zu leben. Und es spricht auch von denen, die diese Bedrängnis nicht aushalten konnten. #  Deshalb empfehle ich dieses Buch zur Lektüre: Dem einen zur Erinnerung, dem anderen zum Studium. Besonders für den Unterricht an Schulen halte ich es für außerordentlich gut geeignet, weil es klar und einleuchtend, ohne ideologisches Sendungsbewußtsein und dabei in einer präzisen und packenden Sprache geschrieben ist."    Arnold Vaatz


Barbara Heinecke studierte Mathematik an der Technischen Universität Dresden, wurde dort promoviert und habilitierte sich an der Universität Rostock. Von 1971-1984 war sie als Oberassistent an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) tätig. 1984 verließ sie die DDR aus politischen Gründen und siedelte mit ihren zwei Kindern nach Ungarn über. Sie lebte und arbeitete vier Jahre lang in Budapest. Seit 1989 ist sie Professorin für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Hamburg. 


Inhalt

Vorwort von Arnold Vaatz (MdB)  (5) 
Die Geschichte des Buches  (9)  Einleitung

 

Das Disziplinarverfahren  (17) 

Die Sektion Mathematik an der Hochschule  17 #  Das Kindergartenmärchen 20  Ankunft im Dienst 23  Rote Wochen 24  Marxistisch-Leninistischen Abendschule 25  Kampfgruppen 27  Im Arbeitszimmer27  "Kollektiv der sozialistischen Arbeit28  Jahresendfeiern 28  "West"-Freunde (29)  

PRANGER   (30) 

Verteidigung des "TITEL"s30  DSF (Deutsch-Sowjetische Freundschaft31  Umprofilierung, Themenwechsel32  Seminargruppenberater35  Zivilverteidigung36  Biermannlieder37  Mensa39  Wir sind eine berühmte Sportnation40  Disziplinarverfahren40  Der Straßenbahnfahrer44   Dienstversammlung44  Gewerkschaftsgruppenversammlung48  Forschungsplanung51  Forum51  Wohnheim54  Nach Hause55 

DIE FREUNDE  (57) 

TAG der BEFREIUNG59  Im Haus61  Zollvergehen68  Exmatrikulation73  Westreise74  Der Justitiar76  Die Schiedskommission des Wohnbezirkes76  Professor Bart77  Exmatrikuliert78  Sekretärin aus dem Osten79  Das Disziplinarverfahren81  Die verlorene Ehre88  Pflichtverletzung - Betriebszusammenhang91  Die Konfliktkommission93  Die Sitzung der Konfliktkommission94  Ein neues Disziplinarverfahren100  Einspruch103  Aufgeben104  Kaderakte107  Abgang109

EIN ENGLÄNDER IN KARL-MARX-STADT  (113)

David113  Dresden115  Germanistikstudium116  Als Englischlehrer in die DDR117  Volkshochschule119  DDR-Leben120  An der Hochschule122  Erzgebirge122  Ein Engländer in Karl-Marx-Stadt123  Georg124  Leben in Karl-Marx-Stadt126  Carmen126  Heirat128  Rückkehr nach Großbritannien130

GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG  (131) 

Reisen - Ausreis(ß)en131  "Erster Besuch" bei Tante Paula131   Wie der Hochschuldozent Dr. L. Straßenbahnfahrer wurde136  Ausreiseantrag138  Ausreisepapiere zugesandt138  "Ich trage die Mauer in mir."  139  Sippenhaft 1983142  Verwandtenpaß142  Traurige Geschichten144  Herr Weinhold144  Der Zellenwagen146  Die 6. Armee147  Wie man in den Zellenwagen kommt147  Wirtschaftslage148  Armaturenwerk Zöblitz148  Zehn Unterlegscheiben149  Im Fotogeschäft am Markt151  Klavier151  Motor151  Exportauftrag152  Ernährungsengpaß153  Fettarme Butter154  Die Ansteher154  Schulgespräch155  Zeitungsnotiz: 156  Das Polenpaket156  Befriedigung157  In der Apotheke158  Lustige Geschichten159  Gefährliche und ungefährliche Weihnachtslieder159  Teppichverkauf in Hagenow159  Zufallskauf160  DSF161  Politische Geschichten161  Wahlkampf162  Der Panzer164  Leiter164  "Architektur"  165  Golanhöhen166  Ein Architekt berichtet169  Die Verhinderten170  Glaubensfreiheit170  Schilda 171  Die Verhinderten172  Geschichten vom Lande172  LPG-Planwirtschaft173  Besuch vom Lande174  Es fehlt immer etwas im Sozialismus174  Nachricht vom Lande177  Menschen im Sozialismus177  Roberta177  Optiker in Thüringen180  Blumenverkäufer181  Aus dem Alltag183  Liegenschaftsdienst183  Im Laden an der Ecke - Vorweihnachtszeit184  Selbstbedienungsgaststätte im Dresdener Hauptbahnhof184  Koks184  Beim Gärtner185  Beim Friseur186  Beim Arzt187  "Ruinen schaffen, ohne Waffen" 187  Intellektuelle188  Schriftstellerlesung188  Diskussion mit den Kulturschaffenden189  Gestutzte Flügel 189

Internationaler Leihverkehr  191  Schulgeschichten  192  Belehrung in der Schule  193  Was mir in der nicht Schule gefällt  193

Offizierswerbung  194  Solibasar  195  Die Schule in der DDR  196

Am Vorabend des 1. Mai  200  21. Mai 1984  200  22. Mai 1984  201  Ein Auge für die Natur  202  Ein Auge für die Natur  202

Freiberg  203

Giftküche DDR  204 

OST-WEST-PROBLEM  (205)  

Eine Begegnung in der Budapester Oper 205  Als Physiker im größten Optikwerk der DDR 207  Amboß oder Hammer 209  Gratwanderung 210  DAS SYSTEM213  Begegnung213  Die Lomonossow-Universität in Moskau214  Walja216  Tarusa an der Oka217  Die Elektritschkas219  Jasnaja Poljana219  Das Kloster Sagorsk220  Die musikalische Kultur220  Mittelasien221  KaraKum222  Software223  Das Simulationssystem225  Reiseverbot226  Essenmarken für Einstein228  Antrag auf eine Besuchsreise229  Wasserhahnstory230

ABKÜRZUNGEN UND ERLÄUTERUNGEN   (232)  

 

Anmerkung. 
Die im Buch verwendeten Abkürzungen sind mit Erläuterungen am Schluß des Buches auf den Seiten 232 und 233 zu finden.
Die Namen aller Personen wurden verändert. Es wurden auch Tatsachen variiert und abgeändert. Somit besteht kein direkter Bezug zu existierenden Personen.

 


    

Vorwort  von Arnold Vaatz (MdB)

 

 

Barbara Heinecke hat Tagebuch geführt - über ihre Erlebnisse in der DDR etwa in der Zeit zwischen 1980 und 1987. Sie legt nun das aus diesem Tagebuch entstandene Buch vor - vom Termin her gerade passend zu dem, was landauf landab zum zehnten Jahrestag der deutschen Vereinigung veranstaltet wird. Das Buch ist authentisch, geradlinig, nüchtern, und es ist packende Literatur zugleich.

Das erste Kapitel ähnelt einer Dokumentation. "Das Disziplinarverfahren" gibt einen Einblick in das Hochschulwesen der DDR. So absurd ging es wirklich zu im Osten - und zwar so ziemlich an jeder Hochschule. Auch die dickste rosa Brille, durch die man die DDR-Geschichte neuerdings vielfach entschlossen ist, zu sehen, ändert daran nichts. Barbara Heineckes Bericht ist entwaffnend klar und schlüssig, er badet nicht im Schwulst von Befindlichkeiten und Selbstverteidigungsorgien. Alle staatlichen Hochschulen wurden von der Partei gesteuert.

Im "Disziplinarverfahren" wird das Leben einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin an einem Hochschulinstitut geschildert. Da sowohl ihre dienstlichen als auch ihre privaten Sorgen erzählt werden, gibt die Geschichte gleichzeitig Einblick in die Arbeits- und Alltagswelt der DDR-Frauen, die fast alle im Berufsleben standen. Die Frauen hatten nicht nur die beruflichen und politischen allgegenwärtigen Repressionen zu ertragen, sondern auch die allgemeinen Sorgen um das tägliche Leben und die Probleme mit der Kinderbetreuung in Kindergärten und Schulen. Am Beispiel Franziskas zeigt sich das: Ihre gesellschaftlichen und privaten Zwänge wurden zur Zwangslage. In der Person der Franziska zeigt sich aber auch, daß es Personen gab, die sich unter diesem Zwang nicht verbiegen ließen. Franziska, erfüllt von dem unbändigen Glauben an das Leben und die Wahrheit, steht für Personen, die Systeme der Unterdrückung zu Fall bringen. In der DDR gab es weit mehr solcher Franziskas, als man heute vielfach vermutet.

Barbara Heinecke schildert das Alltagsleben an einer Hochschule: ML-Abendschule, Kampfgruppe, Verteidigung der Brigadetitel. Genossen und Nichtgenossen werden gegenübergestellt, die Durchdringung aller Lebensbereiche durch die allgegenwärtige Partei wird in all ihrer fatalen Normalität nacherlebbar. Die Partei regierte im Wohnbezirk, im Dienst, im Konsum und in der Polizeidienststelle.

5


Es gab zu DDR-Zeiten ein geflügeltes Wort: "Ehrlichkeit, Intelligenz und Parteimitgliedschaft schließen einander aus." War man nicht komplett vom Glauben an die Richtigkeit des Sozialismus durchdrungen, legte man sich nicht ein doppeltes Gesicht zu, vermochte man seine eigene Überzeugung nicht zu verbergen - dann wurde das Leben sehr, sehr schwer. Deshalb die vielen Ausreiseanträge, die eigentlich "Hilferufe von drüben" waren und die wohl oft als Flucht in ein besseres Wirtschaftssystem verkannt wurden.

Die Geschichte "Das Disziplinarverfahren" ist aber in erster Linie eine Hochschulgeschichte, eine Dokumentation, locker und einleuchtend erzählt, die jedoch in die Tiefe geht, sich sinngemäß auch in anderen Bereichen ereignet haben könnte, und präzise, ohne Pathos und Emotionalität die Dinge bis zum bitteren Ende verfolgt. Diese Geschichte zeigt auch, daß die Gesetze in der DDR dehnbar waren. Sie wurden "ausgelegt". Unabhängig von der führenden Partei, neutral, ohne festen Klassenstandpunkt zu urteilen, hätte ein Richter in der DDR als schweren Vorwurf gegen sich selbst empfunden. Die Justiz war ein Stück Staat und dieser nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern Machtinstrument der herrschenden Klasse. So ist "Das Disziplinarverfahren" letztlich auch ein Kriminalfall.

Das Buch ist nicht vordergründig politisch. Es fasziniert durch das alltäglich Menschliche, das im Mittelpunkt der "Geschichten aus dem Alltag" steht. Gerade deshalb müssen sich die Geschichten immer wieder in die Signaldrähte und Minenfelder der DDR-Politik verlaufen. Es geht um Menschen aus der DDR, die lustige, traurige und eben immer wieder zutiefst politische Episoden erleben. Das einfache menschliche Leben war immer der kafkasche Schlag ans Hoftor - worauf die Politik in dieses Leben trat und es nicht wieder zu verlassen gedachte. Vom ersten Schultag an wurden Schüler in diese Zwiespältigkeit getrieben, das Leben mit der doppelten Meinung begann mit dem ersten Schultag. Besonders jemand, der die DDR nicht kannte, sie aber kennenlernen will, sollte diese Geschichten lesen.

"Ein Engländer in Karl-Marx-Stadt" erzählt sehr humorvoll die Geschichte eines jungen Engländers, der an der Hochschule in Karl-Marx-Stadt unterrichten durfte, und nun als erster Engländer, als Exot, als Vertreter beinahe einer anderen Gattung Mensch, eine seltsame Überhöhung erfuhr.

6


Zwei alte Klassenkameraden, die nach dem Abitur völlig gegensätzliche Lebenswege antraten, dienen als Modell, an dem in der Geschichte "Ost-West-Problem" das Pro und Contra DDR dargestellt wird.

Die letzte Geschichte "Das System" vermittelt Einblicke in die "Freiheiten" deutscher Studenten in Rußland. Die Autorin weiß darüber aus eigenem Erleben. Und auch dort brach sich der politische Wille der Partei an einfachsten, aber mächtigen menschlichen Haltungen: Wir lesen von Walja, der KGB-Mitarbeiterin, die über die deutschen Studenten an der Lomonossow-Universität berichten sollte. Sie wurde fristlos entlassen, weil sie ihre Opfer mehr mochte als ihre Arbeitgeber. Das ließ hoffen. Menschen wie Walja untergruben die Macht der Partei und brachten das System schließlich zu Fall.

Das vorliegende Buch ist ein ehrliches Buch, es dokumentiert das Leben in der DDR. Es legt Zeugnis ab von der Drangsal, die die Menschen in der DDR erdulden mußten, und von ihren Fähigkeiten, ihrem Witz und Humor, die es ihnen ermöglichten, in dieser Bedrängnis zu leben. Und es spricht auch von denen, die diese Bedrängnis nicht aushalten konnten.

Deshalb empfehle ich dieses Buch zur Lektüre: Dem einen zur Erinnerung, dem anderen zum Studium. Besonders für den Unterricht an Schulen halte ich es für außerordentlich gut geeignet, weil es klar und einleuchtend, ohne ideologisches Sendungsbewußtsein und dabei in einer präzisen und packenden Sprache geschrieben ist.

Arnold Vaatz

7


  

Spielregeln für Intellektuelle im Sozialismus

Wenn du etwas denkst, sage es nicht. 
Wenn du etwas sagst, schreibe es nicht.
Wenn du etwas schreibst, veröffentliche es nicht.
Wenn du etwas veröffentlichst, wundere dich nicht.

(aufgeschrieben von György Dalos)

 

Die Geschichte des Buches

"Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder meine Balancierstange, 
ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre. " (Victor Klemperer: "LTI")

Die vorliegenden Geschichten wurden in der DDR mit Schreibmaschine aufgeschrieben. Sie entsprechen Tagebuchaufzeichnungen und liegen etwa 15 Jahre zurück.

Die Mühen, über die Victor Klemperer bei seinen Tagebuchaufzeichnungen berichtet, erinnerten mich auch ein wenig an meine Ängste. Auch in der DDR war es nicht ungefährlich, ein Tagebuch zu führen. Die Wahrheit, einfach aufgezeichnet, konnte leicht als Verleumdung des Staates verurteilt werden. Mit DDR-Gefängnissen wollte ich keine Bekanntschaft machen. Immer mußte ich aufpassen, daß die Geschichten verschlossen aufbewahrt wurden, daß sie keine Unbefugter zufällig entdecken konnte. Sie wurden versteckt vor Besuchern, auch vor Freunden. Wie sich später herausstellte, war das auch gut so. Sogenannte Freunde entpuppten sich als Stasi-informanden. Ich denke dabei unter anderen an eine Schriftstellerin der DDR, die - aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen (LPG) stammend - sehr vom Staat gefördert worden war. Entsprechend erwartete man Gegenleistungen von ihr. Obwohl sie ein IM war, wie sie später eingestand, hat sie uns doch nicht verraten, auch nicht unsere Pläne, die sie hätte erraten können. Mit ihr hatten wir Glück.

Auch meine Balancierstange war das Schreiben. Durch Aufschreiben wurden die Schwierigkeiten, die Ungerechtigkeiten verarbeitet und teilweise auch überwunden. Überleben durch Schreiben. Schreiben als einzige Möglichkeit der straffreien Äußerung, solange die Geschichten unter Verschluß blieben. Sich erheben über die Misere durch Aufschreiben. Dokumentation der Ereignisse.

9


"Was ist uns widerfahren in der DDR-Zeit?" Das Buch soll mit der Beschreibung und Aufzählung der alltäglichen Einzelheiten des DDR-Lebens die Situation der Menschen in der DDR schildern, vor allem das der Nicht-Genossen. Die meisten DDR-Bürger waren Nicht-Genossen (das heißt, sie waren nicht Mitglied der SED) und somit das leidtragende VOLK, das schließlich auch die "Wende" herbeiführte. Indem wir uns erinnern, erlangen wir Verständnis, auf daß Ost- und Westdeutsche sich besser tolerieren und mehr aufeinander zugehen. Das Buch ist kein Buch des Hasses, sondern ein Buch des Verstehens, ein Buch, das um Verständnis für das Leben in der DDR ringt.

Schon als Kind bekam ich von meinem Vater gelehrt: "Man muß zu seiner Überzeugung stehen." Das war aber keine brauchbare Hilfe zum Überleben in der DDR, in der Doppeldenken eine grundlegende Verhaltensweise war. Zu seiner Überzeugung stehen, führte dazu, daß man daran dachte, die DDR zu verlassen. Diesen Weg gingen vor dem Mauerbau viele Millionen Deutsche, man sprach von der "Abstimmung mit den Füßen". Später kam die Periode der Ausreiseanträge und der Besuchsreisen in die Bundesrepublik. Auf diese Periode werde ich ausführlich eingehen.

Als die Zwangslage, in die wir geraten waren, zu einem unlösbaren Problem geworden war, suchten auch wir einen Weg, die DDR zu verlassen, suchten auch wir lebenslangem Eingesperrtsein hinter Mauern, dem Ausgesperrtsein aus der "Welt" zu entkommen. Mein Alptraum in dieser Zeit, das Urteil: "Sie haben lebenslänglich DDR".

Die DDR zu verlassen, war nicht so einfach. Die Partei wachte, und die Stasi war immer einen Schritt voraus. Schließlich fanden wir eine Möglichkeit, nach Ungarn überzusiedeln. Wir wollten später in die Bundesrepublik "Weiterreisen". Wir wußten, das würde nicht leicht sein. Wie schwierig es wirklich war, stellte sich für mich und meine Kinder, 11 und 13 Jahre alt, erst in Ungarn heraus.

Als wir die DDR 1984 in Richtung Ungarn verlassen wollten, als unser Hab und Gut genauen Grenzkontrollen unterzogen werden sollte, ergab sich die Frage: Wie könnte man die DDR-Geschichten in den Westen transportieren?

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Da kam uns unser Neffe aus München zu Hilfe, das heißt zu Besuch. Er brachte uns auf die Idee, die Seiten einfach zu fotografieren. Bei seinem nächsten Besuch in der DDR erschien er mit Fotolampe und empfindlichen DIA-Filmen, und dann fotografierten wir die Seiten. Die Filmrollen beanstandete niemand an der Grenze. Später bekamen wir Nachricht von ihm: "Die Familienfotos sind ausgezeichnet gelungen".

Als wir endlich nach Ungarn übersiedelten, ließen wir die Originale der Geschichten bei einem Freund in Berlin zurück. Er war nicht zu feige, sie entgegenzunehmen, und wir danken ihm dafür.

Als wir schließlich 4 Jahre später in die Bundesrepublik kamen, schrieben wir die Geschichten mit Hilfe eines alten Computers und eines geborgten Diaprojektors noch einmal ab.

Oftmals wird ein System erst an Details erkannt. Ich erinnere mich dabei wieder an die Tagebuchaufzeichnungen von Viktor Klemperer. Daß Juden im 3. Reich verfolgt wurden, das war mir bekannt. Was sie aber wirklich gelitten haben, das habe ich erst beim Lesen der Einzelheiten, der täglichen Aufzeichnungen, durch Klemperers Tagebuch verstanden.

Als die DDR ihrem Ende entgegenging, kamen die Genossen auf die Idee, unliebsame Bürger in Internierungslagern verschwinden zu lassen. Das beweisen die nun öffentlich vorliegenden Listen aus der DDR-Zeit. Tausende von Bürgern waren DDR-weit für Lager vorgesehen. Auch Pfarrer Steiger (Name nicht geändert) aus Leipzig-Krippehna stand auf der Liste. Als "extrem staatsfeindliches Element" (zu entnehmen aus seiner Stasi-Akte) war er für ein Internie-rungslager bestimmt. Daß er nicht interniert wurde, lag an dem unvorhergesehenen Ende der DDR, an der "Wende".

Die vorliegenden Geschichten haben wieder selbst eine Geschichte, eine ist eine Biermann-Geschichte, und soll noch erzählt werden: Nicht jeder hatte das Glück - dank Solidaritätsschreiben für Wolf Biermann anläßlich seiner Ausbürgerung aus der DDR - selbst ausgebürgert zu werden. (Wie zum Beispiel Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl,... , eine lange Liste). Solidarität mit Biermann zeigten auch unbekannte Leute in der DDR. Sie wurden deshalb nicht ausgebürgert, sondern hart bestraft. Vor ihnen hatte man keine Angst.

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Als Beispiel möchte ich an zwei Studenten der Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt erinnern. Die kriminelle Tat eines Studenten bestand darin, Biermann-Tonbänder für die Studentengemeinde in seinem Studentenwohnheimzimmer zu überspielen. Bei einer Durchsuchung seines Zimmers fand man auch das Buch "1984" von Orwell. Da wußte man gleich wes Geistes Kind er war, und es wurde ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. 

Der andere Student hatte nichts verbrochen, er wohnte nur mit ihm im gleichen Zimmer. Er wurde auch zum Disziplinarverfahren gebeten. In diesem Disziplinarverfahren, veranstaltet vom Fachbereich Mathematik der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt mit großer Besetzung, wurde der Biermanntonbandüberspieler mit völliger Zustimmung seiner Seminargruppe (die gezwungenermaßen mitspielte) exmatrikuliert. Der andere auch, weil er zu wenig getan hatte, er hatte seinen Zimmergenossen nicht angezeigt (verpfiffen), als dieser die Tonbänder überspielte. Das ereignete sich zwei Monate vor ihrem Diplom. Sie wurden in die Praxis (Industrie) geschickt, um sich zu bewähren.

Kommunisten setzen in vollkommen religiöser Weise voraus, daß einem Menschen, der sich der Partei gegenüber etwas hat zuschulden kommen lassen, die Sünden vergeben werden, wenn er eine gewisse Zeit unter Landarbeitern oder Fabrikarbeitern verbringt. (Milan Kundera: "Der Scherz").

Während der erste Student, der "Schuldige", einige Jahre später das Diplom nachholte, konnte sich der andere Student, der "Unschuldige" nicht mehr dazu entschließen, zur Hochschule zurückzukehren. So war er, der gar nichts getan hatte, der sich "nur" wie ein anständiger Mensch verhalten hatte, der am meisten Bestrafte.

Über dieses Verfahren und noch weitere solcher Verfahren wird in der Geschichte "Das Disziplinarverfahren" berichtet.

Die Geschichten sind ein Zeugnis dafür, daß nicht alle DDR-Bürger dem Staate hörig waren. Sie sind ein Zeugnis für Anständigkeit und Witz der Leute hinter der Mauer - und auch ein Zeugnis für ihr alltägliches Leiden unter dem DDR-Regime.

Barbara Heinecke

 

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LEIPZIGER LOSUNGEN

auf einer der ersten demos 

aufgeschrieben von Pfarrer Steiger, Montagsdemonstrant von Leipzig 

wir wollen freie wählen 

der Staat braucht neue männer 

wir sind das volk

kirche wir danken dir 

wir fordern freiheit 

vierzehn tage nach der wende geht die diktatur zu ende 

reisefreiheit 

bildungsreform 

wir sind bereit zum Volksentscheid 

kein vertrauen zu wahlbetrügern 

mindestrente fürs zk 

egon schlag die mauer ein - wir brauchen jeden mauerstein...

stasi raus

stasi in die Volkswirtschaft... faultierfarm 

wir verdienen euer geld 

neues forum zugelassen 

ziviler ersatzdienst 

keine vormilitärische ausbildung in unseren schulen und auf unseren Universitäten 

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