Dietmar Kesten

Science Fiction

und Realität

 

Gelsenkirchen im Oktober 2002
trend onlinezeitung 10/2002  

Foto von detopia eingefügt

2002

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detopia: 

K.htm    Utopiebuch 

Wuckel.SciFi   Chlada  

Maresch/Rötzer   Zacharias  

 

 

 

Je näher das Jahr 2004 rückt, umso deutlicher wird eine Parallele, die einem schon in dem Roman des englischen Schriftstellers George Orwell '1984', auf Schritt und Tritt begegnet: das Bewusstsein von der Allmacht des Staates, dass Bewusstsein von Diktaturen und machtbesessener Herrschafts­apparate, das Bewusstsein einer allgegen­wärtigen Angst vor der Zukunft. 

Und doch ist '1984' nichts anderes als ein Roman, wenn man so will, nicht als bestimmtes Datum zu sehen, sondern als Umdrehung der Jahreszahl in dem der Roman geschrieben wurde. In '1984' gibt es zwar Zukunftsaussagen (wie z.B. den Televisor), aber im Grunde ist '1984' eine überspitzte Darstellung und Erzählung, wie der Alltag im Jahre 1948 und früher aussah. Orwell beschreibt darin eine totalitäre Diktatur, in dem Gedankenfreiheit zuerst ein tödliches Verbrechen ist, später aber durch gezielte Sprachmanipulation nur noch ein Begriff sein wird und letztendlich gar nicht mehr vorhanden sein kann. Die Welt ist in drei Machtblöcke aufgespaltet: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Diese drei Länder führen im ständigen Bündniswechsel gegeneinander Krieg, um die Bürger ihrer Länder durch einen allgegenwärtigen Überwachungs­apparat unterdrücken zu können. 

'1984' will sicher als Warnung verstanden werden. Als eine Warnung vor dem, was kommen sollte, was gekommen ist, was kommen wird, was wir eigentlich doch schon längst akzeptiert haben. 

Jeder Mensch kann von Spionagesatelliten aus Tausenden von Metern Höhe beobachtet, jedes Gespräch kann abgehört werden. Je perfekter die Technik und die wissen­schaftlichen Voraussetzungen dafür sind, je intensiver die Produktivkräfte greifen, um so besser werden die Möglichkeiten des Staates, den Bürger durchsichtig werden zu lassen.

ORWELL, 1903 geboren, erlebte als britischer Militärpolizist in Indien die widerwärtigen Methoden der Kolonialmacht gegenüber seinen Untertanen. Nach mehreren Romanen, in denen er seine Erlebnisse aufarbeitete, folgte schließlich 1944 die geniale Fabel 'Die Farm der Tiere', mit der er über Nacht berühmt wurde. Vor der schottischen Westküste, auf der Insel Jura, stellte er 1948 den wohl berühmtesten Science-Fiction-Roman, den es je gegeben hat, '1984', fertig. Er starb 1950. (1)  

 

Science-Fiction ist nichts anderes als der Abgesang von dieser Welt, meistens mit einer Flucht aus der gegen­wärtigen Realität verbunden, um gleichzeitig über Raum- und Zeitfahrten, Marsmännchen, Roboter­zivilisationen und Supermenschen jenseits der Milchstraße kennen zu lernen, wobei diese Sucht gerade darin besteht, etwas zu erfahren was nie erfahrbar ist.

In der Science-Fiction Literatur ist diese Darstellung zur Gewohnheit geworden. Von einem solch ungeheuren Ausmaß, dass der Verdacht nahe liegt, dass die dort auftretenden atomisierten Geheimagenten irgendwo immer eine symbolische Ähnlichkeit mit den Phantomgesichtern von Politikern und Staats­oberhäuptern auf dem gebeutelten Planeten Erde haben.

Schaut man hinter die Projektionsleinwand der Auditoren, dann mag die Feststellung getroffen sein, dass man sich die Landung auf dem ausgewählten Planeten mit einer beträchtlichen Anzahl von Leuten teilen muss, und womöglich sich auch oftmals bei einer Landung ganz woanders wiederfindet. Nur eines ist bei dieser offensichtlich: Science-Fiction-Figuren tragen oftmals gleiche Züge wie die Erdmenschen, und ihre Staatsmaschinerie vermittelt keine neuen Einsichten, außer der, dass die Spielregeln sich gleichen.

Immer geht es um das Zerschlagen einer persönlichen Existenz. Alles ist so wie auf dem Heimatplaneten: Krieg bedeutet Frieden - Freiheit ist Sklaverei - Unwissenheit ist Stärke! Vielleicht sind es diese apokalyptischen Visionen, die einer der Gründe für das plötzliche Interesse am Leben auf anderen Sternen ist. 

In der Science-Fiction Literatur ist das selbstverständlich nicht neu. Schon im zweiten Jahrhundert hatte LUKIAN (2) eine Geschichte geschrieben, die sich mit einer Reise zum Mond befasste. SWIFT (3) schrieb Science-Fiction, Jules VERNE, H.G. WELLS, Aldous HUXLEY und natürlich Georg ORWELL. (4)  

Moderne Science-Fiction nimmt ihr Massenpublikum ziemlich ernst. Man denke etwa an Stanislaw LEM (5) oder an Isaac ASIMOV. (6) Und sie halten auch immer bestimmte Spielregeln ein, sonst werden sie von den Kritikern verrissen.

Die Grundregel war bisher, dass der Autor nur mit zukünftigen Erfindungen, Geräten, Maschinen oder Dingen operieren darf, die Extrapolationen, das heißt logische Erweiterungen bestehender Erfindungen sind, und die nicht gegen die Naturgesetze verstossen.  

Damit ist seit geraumer Zeit Schluss. Kein Science-Fiction Autor käme heute auf die Idee, eine Reise zum Mond zu beschreiben; denn sie dürfte nichts anderes mehr als eine einfache Reportage sein. 

Der erste Blick der Leser auf diese Form der Unterhaltung dient nicht mehr der wissenschaftlichen Genauigkeit. Wer sollte sie auch vermitteln? Worauf alles hinausläuft, das ist die Verdrängung von disziplinierter Phantasie - die Wachträume einer Gesellschaft -, die sich in der ungezügelten Phantasie der Science-Fiction Literatur niederschlägt.  

Natürlich erwartet man, dass (erfundene) Beschreibungen nichtmenschlicher Gesellschaften als Hauptziele dieser Literatur angegeben wird. Auf fremden Planeten in unserer modernen Zeit zu überleben, sozusagen zu 'überwintern', das wird in der Zwischenzeit nicht nur von Pseudo­wissen­schaftlern á la Johannes von Buttlar für möglich gehalten.

Doch man muss all diejenigen, die davon träumen, enttäuschen. Und zwar aus einem einfachen Grund: unsere Vorstellungskraft ist begrenzt; wir können uns eben sowenig in die fernste Zukunft versetzen wie in die ferne Vergangenheit.

Darum dürfte Science-Fiction irgendwann nicht mehr gelesen werden; weil wir nicht im Stande sind, uns mit einer so fremden Welt zu befassen, in der noch erschwerend der Mutant hinzukommt. Erst recht werden wir keine Identifikationsmerkmale finden, die den Kitzel der Neugierde befriedigen kann. Er wird bald der Langeweile weichen.

Die Marshelden mögen vier Augen haben und eine grüne Haut - nichts könnte uns gleichgültiger sein; und doch sind sie in der Allegorie gedeutet, Vertraute, weil ihre Techniken der Zukunft die Seltsamkeit unserer Welt ausmachen, und weil fremde Welten nur als Hintergrund oder Vorwand für eine gesellschaftskritische Botschaft dienen. Es ist die paradoxe Lektion, die aufrührt: wenn wir nach den Sternen greifen, wird unsere Begrenztheit auf groteske Weise sichtbar; die Helden der Science-Fiction haben uneingeschränkte Macht über Krieg, Freiheit und Unwissenheit; sie haben phantastische Möglichkeiten, aber ihre Gefühle und Gedanken sind bei WINSTON, (7) ihr enger Bereich, in dem sie sich bewegen ist der 'oligarchische Kollektivismus', (8)) und Reisen sollen ein Allheilmittel sein, der Melancholie zu entfleuchen; und wenn ihre Raumschiffe und Zeitmaschinen keine Kriege mehr führen können, dann sieht sie einfach der 'Grosse Bruder' an.  

Die augenscheinliche Gewissheit als Narren unter Narren zu leben, lässt die apostrophierten Gestalten aus dem Marsinneren mit Gewissheit blind leben; und da mag Ödipus ruhig über die Schwerkraft triumphieren, über sein Schicksal triumphierte er nie. Sie haben alles unter der Sonne versucht, erlebt, gesehen und gesagt. Und alles, was ihnen noch zu tun bleibt, ist aus Langeweile zu sterben, der Langeweile der Phantasie. Doch haben sie uns das Martyrium hinterlassen, das, wovon die Science-Fiction voll ist. Und was sie uns hinterlassen hat, ist die zackige Narbe der Menschheitsgeschichte. Denn die Wiedererrichtung von Eurasien oder Ozeanien ist das Jonglieren mit den zwei Unbekannten.  

Alles löst sich in der Science Fiction in Nebel auf. Die Vergangenheit wird ausradiert, auf den europäischen Kontinenten ist es einem Regime gelungen, Völker nahezu auszurotten. Deshalb bleiben sich in ihr Tod und Leben gleich. Der höchste Punkt wird immer erreicht. Und gegen einen Teil der Bevölkerung oder gegen alle, wird immer protestiert, weil sie als unbequem gelten. Wenn zudem noch der 'Rebell' in Gestalt eines WINSTON auftritt, ist die Überwachung und die Ausleuchtung perfekt. Es ist wie im gesellschaftlichen Leben. Verleugnung der Solidarität oder feige Kapitulation? Aus einem krummen Holz wurde noch nie etwas gerade gemacht. Die lange Reise ins Ungewisse anzutreten, hat indes nichts damit zu tun, eine Rettergestalt in dem ängstlichen Denken irgendwelcher Marsmenschen zu vermuten. Die Ungewissheit über das Schicksal des Planeten und damit der Menschen, liegt immer in den Händen des Staates.  

Da ist es gleich, ob er in der Science Fiction als machtlüsterne Generalidee auftritt, oder als ökonomische Entfesselung, als autistischer Wahn oder als warenproduzierendes Elend.  

Der geistige Exodus der Science Fiction Literatur wirft mehr Fragen auf, als man beantworten könnte: einerseits die, dass manche der hier genannten Ansichten nicht zivilisiert und nicht vernünftig sind, während bei anderen die Konzilianz vorherrscht und nur noch das Bedauern hilft.  

Die Zukunft hat eben 1000 Augen. Und damit ist das Ende jedes Privaten eingeläutet. Das war eben nicht nur dem berühmten ORWELL klar, sondern auch all denen, die in der Science-Fiction 'Land in Sicht' vermuteten. Und während gewisser administrativer und ideologischer Unklarheiten für ein wenig (ver-)erlaubte Verworrenheit sorgten, wurden sie für einen modernen Staat so lebenswichtig wie die Sicherheitsventile in einem Atomkraftwerk. Aber die harte, unmenschliche Präzision der totalitären Ideologien machte aus dem liberalen Kopf das Fragezeichen. Und so ging es gar nicht mehr um das Sicherheitsventil, sondern auf einmal um Kolben, Dichtringe, Federn, Stössel, Druck, Energie Stromlieferanten, Staatsabgaben, Steuern, Bürger. Der Kreislauf schloss sich. Planung wurde höchste Ordnung, Kontrolle und Bürokratie - und dann auch Staatsversagen, Staatskrise. Und die staatliche Gängelung wurde totalitär.  

Die menschliche Schwäche, peinliche Entscheidungen und Verantwortung zu vermeiden, wurde plötzlich als Tugend und Quintessenz der Demokratie angesehen. Der liberale Kopf auf dem Rückzug verlangt nicht mehr Beteiligung an der Wahl, was er verlangte, war Befreiung von der Wahl. Das Produkt eines totalitären Geistes dümpelte in einem Vakuum - die Gedanken­verbrecher lieferten ein Verbrennungssystem nach dem anderen, und Computer mit Energie versorgt, halfen mit, die unerhörten Aufbewahrungsgefäße für Nachrichten als verschlüsselte Information weiterzugeben. Unwissenheit wurde Stärke - Kameras in jeder Ecke, in jedem Raum. 

 

   Videoüberwachung und Parallelbildschirme  

 

Die TRUMAN Show (9) des 21. Jahr­hunderts ist nun gerade keine Science Fiction, sondern alltägliches Beispiel der Vernetzung der Welt. Es gibt kein Entrinnen: Kameras auf jedem Hausdach, auf Brücken, Kreuzungen, auf Fußballplätzen, bei Demonstrationen, in Großraumbüros, Kantinen, Vergnügungsparks und Einkaufszentren. 

Das Szenario wird schon gar nicht mehr wahrgenommen. So perfekt ist das in der Zwischenzeit geworden. Die Marktforschung speichert elektronisch jene Personen, die sich politisch unorthodox verhalten. Zig Millionen Mitglieder der gesetzlichen Rentenversicherung sind registriert, die Arbeitsämter wachen über Arbeitslose, die Finanzämter haben die Lohnsteuer-Jahres­ausgleiche von fast allen Erwerbstätigen im Computer. Über allem legt sich ein Netz der elektronischen Augen über die Städte der westlichen und östlichen Welt. 

Der Technikschub der 3. technologischen Revolution hat Kameras, Videokameras, Mikrophone und Wanzen noch kleiner, intelligenter, seh- und horchsicherer gemacht. Per Internet lassen sich ihre Bilder, die wie an einem Popcornautomaten ausgespuckt werden, von überall her abrufen: die Lust am Überwachen und die Lust am überwacht werden, bringt die unvorstellbare Zentralisierung des Wissens und der Macht in wenigen wirtschaftlichen und politischen Händen. Diese beschriebene Gefahr in der Science Fiction verschwindet selbst in der Privatsphäre immer mehr. Der Bürger ist noch nicht einmal im Ehealltag sicher. Die totale Öffentlichkeit ist die Schau in das Prismenglas, wo alle Ecken und Kanten verschwinden und jede Fläche ausgeleuchtet wird.  

Vor allem aber die Tatsache, dass das Leben aller Menschen nach einem festumrissenen Schema abläuft, und ständig mehr und mehr computerkundig wird, fördert die Gefahr des 'Grossen Bruders', der eigentlich schon alles über uns weiss. Und dort, wo einst der Traum der Politiker angesiedelt war, die Menschen mit Hilfe von Videoanlagen in den Griff zu bekommen, ist jetzt der einzelne Mensch aufgeblättert und durchsichtig wie auf einem Röntgenschirm. Der Hausarzt stellt ein Gesundheitsdossier aus, der Psychiater hält die geheimsten Ängste fest; Banken- und  Kreditinstitute, die Polizei, wissen alles über Einkommen, Schulden und Schuldner, Besitz. Die Bundeswehr hat die Daten über ihre Zöglinge gespeichert, über die Verweigerer und die besonders 'harten'. Wer umzieht, muss Meldung beim Einwohnermeldeamt erstatten, und wer mal mit dem politischen Kommissariat in Konflikt gerät, ist mit Lichtbild und Fingerabdrücken dabei.

Millennium ist nicht nur das futurologische, mystisch-mythologische; Träumerei und Zwangsvorstellung, moralisierter Wahnsinn, Verwirrung oder anmutende Pathologie. Nein, es ist eine Epidemie der Moderne mit Überwachungs­einrichtungen und -fallen, die Bürger zu Geständnissen zu zwingen, die sie im allumfassenden Apparat abzugeben haben.  

Politiker hatten schon immer die Vision, die Bürger eines Staates mit Hilfe von Kameras in ihre Fänge zu bekommen. Das stiess in Deutschland zunächst auf enorme technische Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Computertechnologie; denn die ersten Geschwindigkeitsrechner waren noch mit grossvolumigen Vakuumröhren bestückt und füllten deshalb ganze Stockwerke. Die Technokraten in den Regierungen strebten die Konzentration von Informationen in einer einzigen riesigen Datenbank an; und 1969 rechtfertigten sie bereits einen Planungsstab des damaligen Bundeskanzlers KIESINGER, einen solchen 'Staatscomputer' bauen zu lassen. Die Konsequenz dieser Datenkonzentrations­diskussion gipfelte bekanntlich in dem Vorhaben des BKA, (10) für die zu erwartende terroristische Entwicklung in der BRD, Daten elastisch und transparent anpassen zu können, sie zentral zu verwalten und zu registrieren, und mit ihnen ein künftiges Vorgehen gegen Gewalttäter in die Wege zu leiten. Wie sehr ist ORWELL doch dem heutigen gesellschaftlichen Zustand nahe gekommen.  

Einen ersten Großcomputer bekamen dann auch die Staatsschützer. Und es war das Faible von BKA-Chef HEROLD, diesen ab Mitte der 70er Jahre zu einem Datenkommando­unternehmen auszubauen, ihn mit Daten zu füttern und ihn dann prall gefüllt auf die Rote Armee Fraktion (RAF) anzusetzen. Der allwissende Polizeistaat strebte jenes nationale Datenzentrum an, dass auf die geistige Verwandtschaft mit der ORWELLschen Technikversion verwies: die Gesellschaft als sein Alptraum wird von den Objektiven der heutigen allmächtigen Polizei kontrolliert, der nichts entgeht. 

Und noch mehr: die Kameras scheinen aus den eigenen vier Wänden verbannt zu sein. Dafür stehen sie jetzt in jeder Polizeidienststelle. Das Gesetz >Über den Grossen Lauschangriff< von 1997, lässt die Telefonüberwachung zur Routine für Beamte werden, der totale Überwachungsstaat mit der Einschränkung aller Persönlichkeitsrechte ist Wissens- und Machtstrategie der im übertragenen Sinne ORWELLschen Gedankenpolizei. Damit war dann auch endgültig die Unantastbarkeit der Privatsphäre für alle Zeiten aus dem Repertoire der einstigen verbrieflichten bürgerlichen Rechte (11) verschwunden.  

Die Durchlässigkeit der Wirklichkeit bahnte sich mit unfehlbarer Strenge den Weg. Aufhänger für den >Grossen Lauschangriff< war die Verbrechensbekämpfung, mit dem Ziel, den Täter dingfest zu machen. Doch wie immer suchte der Staat nach Vorwänden, um Grundrechte ausser Kraft zu setzen. Wie viele Überwachungskameras in Miniform jetzt schon in Büros, Betrieben, Verwaltungen, Einkaufszentren usw. installiert sind, kann niemand so genau schätzen. Sie sollen allein in Deutschland bei ca. 1 Million liegen.  

Der amerikanische Autor John GRISHAM (12 hat mit seinem Kriminalroman <Der Klient> (13) sehr nachdrücklich und real beschrieben, was so ein Lauschangriff anrichten kann, und wie Normalbürger zu Gejagten werden; ein Leben wie in einem Vakuum, in einer Luftblase mit dem Blick nach draussen. Nirgendwo können sie sich sicher sein; niemandem kann man mehr trauen, niemandem kann man sich anvertrauen. Ein erschreckendes Zukunftsbild.  

Die moderne Warenproduktion ist selbstredend eine Gesellschaft mit totalitären Zügen, die sich anschickt, den Weg in das barbarisierte Elend nicht nur zu gehen, sondern ihn zu vollenden. Die Kräfte, die die globale Wirtschaft freigesetzt hat, sind inzwischen stark genug, um die materiellen Grundlagen der Menschen, die Erde, des Planeten zu zerstören. Das 20. Jahrhundert hat die Lebensgrundlagen der Menschen, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die Abnutzung des Geldes zurückzuführen ist, selbstmörderisch zerstört. Man könnte auch sagen: der selbstgeschaffene Wert wird zum selbstzerstörten. Und dieser Weltmarkt scheint im 21. Jahrhundert für die Verteilung von immer mehr materiellen Gütern und deren Vernutzung schier ungeeignet zu sein.

Es gibt nichts mehr zu verteidigen, auch nichts mehr zu verteilen. Der Mensch erkennt nur noch die Bereitschaft, sich widerstandslos (durch die Imagination des Geldes) in sein unausweichliches Schicksal einzufügen. Die Moderne hat das bestens erkannt und mit Deutlichkeit diese bedauernswerten Geschöpfe der nationalen/nationalistischen Zurichtung zugeführt, bis zu den abstrusesten Ideen von Opfern für das Vaterland, die in die immer währenden Kriege einmünden.

 

 

 

Ende

 

Anmerkungen 

(1) Neben <1984> und <Farm der Tiere> veröffentlichte ORWELL, der einen reichhaltigen Nachlass hinterliess, Essays, Reportagen, Betrachtungen über Literatur, Politik und Kunst, handschriftliche Notizen, die er als Redakteur für verschiedene Zeitungen, edierte. 

(2) LUKIAN: Griechischer Schriftsteller (um 120 n. Chr.).  

(3) Jonathan SWIFT: (1667-1745), irisch-engl. Schriftsteller. Sein wohl bekanntestes Werk war der Reiseroman 'Gullivers Reisen' (1726).  

(4) VERNE, WELLS, HUXLEY. 
Jules VERNE: (1828-1905), französischer Schriftsteller und Autor zahlreicher Science-Fiction Werke. Er schrieb u. a. -Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864), -20.000 Meilen unter den Meeren (1869/1870, -Reise um den Mond (1870), -Der Kurier des Zaren (1876).  
H. G. WELLS: (1866-1946), irischer Autor. Wells gilt als einer der Begründer der Science-Fiction. Er schrieb u.a.: -Krieg der Welten, -Stern der Vernichtung,  -Die Zeitmaschine.  
Aldous HUXLEY: (1894-1963). Sein bekanntesten Romane waren Schöne neue Welt (1953), Das Genie und die Götter (1958),  

(5) Stanislaw LEM: (Geb. 1921 in der Ukraine), lebt in Polen, seit 1973 Dozent für polnische Literatur in Krakau. LEM gilt als einer der bekanntesten Science-Fiction Autoren. Er schrieb u. a. (Auswahl):  -Der Unbesiegbare (1969),  -Solaris (1972),  -Die Stimme des Herrn (1981),  

(6) Isaac ASIMOV: (geb. 1920 in der UdSSR, starb 1992 in New York). ASIMOV schrieb unzählige Science-Fiction Romane. u.a.:  -Der Tausendjahresplan (1951),  -Alle Wege führen nach Trontor (1963),  -Die schwarzen Löcher (1979),  - Ausserirdische Zivilisationen (1981),  -Die Apokalypsen der Menschheit (1982).  

(7) WINSTON: Romanfigur aus 1984.  

(8) Vgl. ORWELL, S. 169 (Ullstein Ausgabe, 1950).  

(9) TRUMAN Show (vgl. mein Artikel in trend 11/1998)  .  

(10) BKA: Bundeskriminalamt.  

(11) Vgl. Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche(nparlament) von Mai/Juni 1848 und den dort beschlossenen Grundrechten (u. a. die Unverletzlichkeit der Wohnung).  

(12) John GRISHAM: Amerikanischer Schriftsteller (Geb. 1955).  

(13) Der Klient (1993), wurde 1994 verfilmt. GRISHAM schildert hier die dunklen Politmachenschaften der US-Justiz inmitten eines Mafiakomplotts.

 

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 wikipedia  Marxistisch-Leninistische_Studenten  (mit Kesten)

 

https://www.mao-projekt.de/Infos/Rezensionen/Kesten_Rezension_MLPD-Geschichte.shtml 
Rezension 2006 von Kesten zu einem Buch 1985

 

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 (Ordner)   www.detopia.de 

Kesten, Dietmar (2002) Science Fiction und Realität - Gelsenkirchen