George Packer

Die Abwicklung

Eine innere Geschichte des neuen Amerika

 

 The Unwinding: 

An Inner History of the New America.

Thirty years of american decline

2013

 

George Packer (2013) Die Abwicklung - Eine innere Geschichte des neuen Amerika

2013   510 Seiten 

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 2013

 

 

  

 

 

 

Audio:

Lesebericht DLF 5min  (2014)

Interview mit Autor 13 min  (2014)

Lesen beim Verlag bis S.25 

 

 

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann – wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, dass die Bande sich lösten. Dass der Glaube an die gemeinsame Zukunft nicht mehr gültig ist.

Doch irgendwann bemerkten es alle: Tammy, Fabrikarbeiterin, Dean Price, gläubiger Kleinunternehmer, Matt, Irak-Kriegsveteran, aber auch die vermeintlichen Gewinner wie Oprah Winfrey, Rapper Jay-Z oder der PayPal-Gründer Peter Thiel.

Das große Versprechen von Glück und Wohlstand für alle gilt nicht mehr. Institutionen und Werte sind ausgehöhlt. Es zählt nur noch eine Macht: das organisierte Geld.

Mittels eindringlicher Portraits schafft der preisgekrönte Autor George Packer eine einzigartige literarische Collage, die eine Nation in Auflösung zeigt. Das große Sachbuch, das über Amerika hinaus auch uns die wesentliche Frage stellt: In welcher Welt wollen wir leben?

 

 

 

 

Inhalt      Inhalt pdf 

 

Prolog (9)

 

TEIL I

1978 (15)  Dean Price (17)

Totaler Krieg: Newt Gingrich (28)    wikipedia Newt Gingrich *1943

Jeff Connaughton (38)

1984 (48)  Tammy Thomas 50  #  Was ihr gehört: Oprah Winfrey 73  #  Jeff Connaughton 79

1987 (88)  Das Handwerk des Schreibens: Raymond Carver 90 

# Dean Price 97 # Tammy Thomas 110 #  Mr Sam: Sam Walton 122

1994 (129) Jeff Connaughton 131 Silicon Valley 143

1999  (161) Dean Price 163 Tammy Thomas 174

2003 (180) Ein Mann der Institutionen (1): Colin Powell 182  Jeff Connaughton 189

 

TEIL II

Dean Price (203) 

Radieschenkönigin: Alice Waters 214 

Tampa (221) 

Silicon Valley 244

2008 (252)

Ein Mann der Institutionen (2)

Robert Rubin 254

Jeff Connaughton (263)   Tammy Thomas 268

Dean Price (279)

Rein geschäftlich: Jay-Z 293  Tampa 302

 

TEIL III

Jeff Connaughton (325)  2010 (345)

Der Bürger als Journalist: Andrew Breitbart (347)

Tampa (355)  Dean Price (369) 

Tammy Thomas (382)  Tampa (391)

Populistin aus der Prärie: Elizabeth Warren (404)  Wallstreet (411)

2012 (444)   Silicon Valley (446)  Jeff Connaughton 467

Tampa (469) Tammy Thomas 478

Dean Price  (485)


Anmerkung zu den Quellen (505) 

Danksagungen (510)

 


Leseberichte:

 


dlf amerika-besessen-vom-kult-des-geldes   Von Joachim Scholl

 

Die USA haben abgewirtschaftet - verblasst sind die Erinnerungen an Barack Obamas dynamische Rede als frisch gewählter US-Präsident. Der Autor George Packer liefert in seinem Sachbuch "Die Abwicklung" ebenso düstere wie kritische Innenansichten der amerikanischen Gesellschaft. USA - das Land der grenzenlosen Freiheit, in dem jeder werden kann, was er will?

 

Für Packer trifft das schon seit langem nicht mehr zu. In seinem neuen, mit dem National Book Award ausgezeichneten Sachbuch "Die Abwicklung", das jetzt auf Deutsch erschienen ist, beschreibt er am Beispiel verschiedener - real existierender - Protagonisten, warum "die USA kein Team mehr sind." Die große Freiheit sei "zerschellt". Das in Barack Obamas berühmter Rede von 2008 beschworene Bild von "dem einen Amerika" sei eine Illusion. "Die meisten stecken dort fest, wo sie jetzt sind", sagte Packer im Deutschlandradio Kultur. Der renommierte Journalist, der für den "New Yorker" arbeitet, konstatiert in seinem Buch gesellschaftlichen Stillstand statt dynamischer Entwicklung. Seine Landsleute seien besessen "vom Kult der Prominenten und vom Kult des Geldes".

 

 


Von Philipp Albers, DLF:

dlf sachbuch-amerika-broeckelt  Philipp Albers

Mit eindringlichen Porträts schafft der Autor George Packer eine literarische Collage, die eine Nation in Auflösung zeigt. Ein Buch, das über Amerika hinaus auch uns die Frage stellt: In welcher Welt wollen wir leben?

Die USA stecken in einer tiefen wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Krise - nicht erst seit dem Finanzcrash von 2008. Selbstvertrauen, Gemeinschaftsgefühl und das ur-amerikanische Zukunftsversprechen von Glück und Wohlstand für alle haben sich in den letzten dreißig Jahren in Luft aufgelöst. Die soziale Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander, die gesellschaftlichen Institutionen erodieren - von Politik über Gewerkschaften und Medien bis zum Bildungssystem - und der Kitt aus verbindlichen Werten und Normen bröckelt.

Die Mittelschicht, seit dem Zweiten Weltkrieg Wachstumsmotor und Stabilitätsanker, wird zerrieben. Was macht dieser schleichende Verfall mit den Menschen? Davon erzählt George Packer, Journalist beim New Yorker und einer der renommiertesten Reporter der USA, in seinem preisgekrönten Buch "Die Abwicklung". Eine schonungslose Bestandsaufnahme zur Lage der Nation in Form einer Collage eindringlicher Porträts bekannter und unbekannter Amerikaner.

Da gibt es den gläubigen Kleinunternehmer Dean Price aus Greensboro, North Carolina, der mit seiner Tankstelle scheitert, weil er von den Ölkonzernen an die Wand gedrückt wird. Oder die Fabrikarbeiterin Tammy Thomas aus Youngstown, Ohio, die durch die Deindustrialisierung ihren Job in der Stahlindustrie verliert. Oder die Motelbesitzerin Usha Patel aus Tampa, Florida, die im Strudel der Immobilienkrise in die Zwangsvollstreckung getrieben wird.

Der Willen zum Weitermachen

Packer schildert mit großem Einfühlungsvermögen diese wechselvollen Lebensgeschichten, die nicht bloß Einzelschicksale sind, sondern immer auch etwas über soziale Schichten, Landstriche, Industrien und Lebensweisen erzählen, die in den Mahlstrom der Abwicklung geraten. Der Niedergang der Stahlindustrie im Rust Belt. Die Armut der Tabakfarmer im Süden. Die über Nacht aus dem Boden gestampften gesichtslosen Siedlungen in Florida, die ebenso schnell zu Geisterstädten werden, als die Blase platzt. Die korrupte Elite in Washington, die umstandslos von der Politik in die Wirtschaft, vom Wahlkampf zum Lobbyismus und zurück wechselt.

Schuldige gibt es viele, Packer findet sie vor allem bei den Eliten, denen er mit biografischen Skizzen etwa von Newt Gingrich, Robert Rubin oder Sam Walton ebenfalls ein Gesicht gibt. Es ist nicht nur die Gier der Wall Street, die die Abwicklung vorangetrieben hat, sondern gerade auch die demokratisch geführten Regierungen, die unter Clinton den Finanzsektor deregulierten und unter Obama den Banken beisprangen.

Doch bei aller Verfallsgeschichte, die an die desolaten Bilder erinnert, die etwa die HBO-Serie "The Wire" von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, entdeckt Packer bei den "einfachen Leuten" immer auch den Willen zum Weitermachen. Dean Price sucht nach der Pleite sein Heil in der Produktion von Biodiesel und Tammy Thomas entdeckt ihr politisches Bewusstsein und engagiert sich als Aktivistin in ihrer Community. Packers ungemein dichtes, zorniges Kaleidoskop des amerikanischen Albtraums eines entfesselten Kapitalismus ist grundiert von einer tiefen Liebe zu diesem Land und seinen Bewohnern, die trotz aller Verzweiflung, die Hoffnung nicht aufgeben.


 

Sabina Matthay, DLF:

dlf die-us-gesellschaft-vor-dem-untergang  Sabina Matthay

 

 

Der Journalist George Packer schildert aktuelle gesellschaftliche Umwälzungen in den USA anhand von Porträts ganz normaler US-Bürger. Seine These: In den vergangenen 35 Jahren haben die Verlockungen eines zügellosen Kapitalismus' Amerikas demokratische Werte untergraben.

Das "neue Amerika", das George Packer in seinem ehrgeizigen Non-Fiction-Buch "The Unwinding" beschreibt, ist ein Mosaik gescheiterter Institutionen, betrügerischer Pyramidensysteme, Konkursen, Zwangsvollstreckungen, Unwissenheit und Angst.

Kurz: Ein Buch, das in Deutschland viele Freunde finden wird, denn es passt zu einem weit verbreiteten Blick auf die USA, bei dem europäische Sozialstaatsverhältnisse das Nonplusultra sind, die Wirtschaftskrise hingegen der Beweis des allumfassenden Scheiterns des amerikanischen Traums ist.

Niemand kann sagen, wann das Auseinanderdriften begann – wann die Klammer, die die Amerikaner sicher und manchmal erstickend zusammengehalten hatte, zum ersten Mal nachgab.

Gleich einem Schauerroman leitet George Packer die Schilderung einer Nation ein, deren gesellschaftlicher Zusammenhalt sich angeblich auflöst.

"Viele Amerikaner fühlen sich völlig allein, ohne jegliche Aussicht auf Hilfe, und glauben, dass sich eine Art Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft breitmacht, in der es Eliten besser und besser zu gehen scheint und normale Leute, die sich einst für Mittelschicht hielten, mehr und mehr abrackern müssen."

Packers Kernthese: In den letzten 35 Jahren haben die Verlockungen eines zügellosen Kapitalismus' Amerikas demokratische Werte, mehr noch: den social contract, der seit Franklin Delano Roosevelts Sozialstaatsreformen galt, irreparabel untergraben.

Nicht von ungefähr nimmt der Autor stilistische Anleihen bei John Dos Passos' Krisentrilogie USA aus den 1930er-Jahren, um diese These in seinem non-fiction account herauszuarbeiten.

Collagen aus Schlagzeilen, Liedertexten, Werbeslogans illustrieren Jahrestage; Kurzporträts von Politikern, Popstars und anderen prominenten Amerikanern wechseln sich ab mit breit angelegten Lebensgeschichten ganz normaler US-Bürger.

Dieses Buch, hervorgegangen aus Packers Reportagen für das Magazin "The New Yorker", ist am stärksten, wo es seinen Hauptfiguren in den Alltag folgt: Dean Price, ein unverdrossener Öko-Don-Quichote aus North Carolina; die Fabrikarbeiterin Tammy Thomas aus Ohio in der krisengeschüttelten Industrieregion im Nordosten der USA; die Sozialhilfeempfänger-Familie Hartzell aus Florida; der politische Idealist Jeff Connaughton, der sich zum wohlhabenden Lobbyisten wandelt; und der kalifornische IT-Milliardär Peter Thiel.

Ausgerechnet Connaughton und Thiel, amerikanische Erfolgsgeschichten, gehören zu den Desillusionierten in "The Unwinding". Barack Obama etwa ist für Peter Thiel alles andere als ein Hoffnungsträger:

Präsident Obama glaubte wahrscheinlich, dass man am Niedergang nicht viel mehr machen könne als ihn zu verwalten. ... Deshalb blieb sein Blick auf die Zukunft merkwürdig leer.

George Packer lässt in seinem eindrucksvollen Schnappschuss der amerikanischen Gegenwart vor allem seine Protagonisten sprechen. Deren Lebensgeschichten aber offenbaren einen Widerspruch: Gerade diejenigen, die sozial am Rande stehen, machen sich immer wieder optimistisch an die Überwindung ihrer Misserfolge.

Die Gegenwart, so Packer, sei eben doch nicht völlig düster:

"Was nicht düster ist, ist die Energie, die Lebenskraft, der Humor, die Träume. Und wenn ich das große Bild und die Institutionen und führenden Persönlichkeiten ausblende und an diese Menschen denke, die ich so gut kennengelernt habe, dann geben die mir immer noch Hoffnung."

Nicht zuletzt schreibt Packer in einer der wenigen Passagen, in denen er in "The Unwinding" selbst das Wort ergreift:

Das Auseinanderdriften ist nichts Neues. Alle paar Generationen hat es dergleichen gegeben. .... Jeder Niedergang brachte Erneuerung, jede Implosion setzte Energie frei, aus jedem Auseinanderdriften kam neuer Zusammenhalt.

Damit beschreibt George Packer, was er zuvor infrage stellt: Dass Amerika auch in den größten Krisen stets von der Hoffnung auf den Neuanfang beseelt ist. Statt auseinanderzudriften, formiert die amerikanische Gesellschaft sich einfach neu – wie schon so oft.

In den USA steht "The Unwinding" seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Die literarische Kraft der Porträts, die Packer zu einer Erzählung zusammenfügt, wird allseits gelobt.

Je weiter man sich von der linksliberal geprägten amerikanischen Ostküste entfernt, desto weniger Zustimmung findet allerdings seine These vom sozialen Auseinanderdriften. Zu wenig analytisch unterfüttert, sagen die einen Kritiker, zu selektiv Packers Beweisführung, die anderen. Doch das Buch hat ganz offensichtlich einen Nerv getroffen: "The Unwinding" passt in die rege Debatte um den Zustand der inneren pax americana, die die USA angesichts wachsender Ungleichheit seit geraumer Zeit führen.

 

 

#

In seinem aktuellen Sachbuch verortet der Journalist und Autor George Packer die USA inmitten einer Identitätskrise. Er befürchtet, dass sich die amerikanische Gesellschaft von dem löst, was sie zusammengehalten hat: dem Glauben an die gemeinsame Zukunft.

Glaubt man den amerikanischen Sachbuch-Bestsellerlisten, dann befinden die USA sich in einer ausgedehnten Identitätskrise. Das Unbehagen über die Zukunft Amerikas, die Sorge, dass der amerikanische Traum von kommenden Generationen nicht mehr verwirklicht werden kann, sind wiederkehrende Themen der politischen Literatur der jüngsten Zeit.

George Packer meint ein "Unwinding" zu beobachten: So wie sich ein Seil von der Spule abwickele, so löse sich die amerikanische Gesellschaft aus dem, was sie zusammengehalten habe.

"Das Problem war im Grunde folgendes: Die Amerikaner, die Erfinder des modernen Fließbands, des Wolkenkratzers, des Flugzeugs und des integrierten Schaltkreises, glaubten nicht mehr an die Zukunft ..."

... lässt Packer eine seiner Hauptfiguren, den kalifornischen IT-Milliardär Peter Thiel, sagen. Dem Südstaatler Dean Price folgt der Autor in dessen Heimatstadt in North Carolina, um den Untergang nostalgisch zu bebildern:

"Das Schuhgeschäft hatte zugemacht, die Rollläden vor der Apotheke waren heruntergelassen, die Restaurants waren geschlossen. Nur ein paar Leute waren überhaupt auf den Bürgersteigen. Die Männer, denen diese Geschäfte gehörten, waren die Stützen dieser Gesellschaft. Sie trainierten Jungen und Mädchen in Baseball-Mannschaften, sie saßen im Stadtrat. Jetzt sind sie fort, mit schweren Folgen für das Gemeinwesen."

Den Beginn dieses gesellschaftlichen Zerfalls datiert Packer auf das Jahr 1978, als Vandalismus die Zentren amerikanischer Städte veröden ließ, wirtschaftliche Stagnation und Inflation die Amerikaner verunsicherten und Newt Gingrich erstmals ins Repräsentantenhaus gewählt wurde.

Der gesellschaftliche Zerfall beginnt laut Packer schon 1978

Systematisch brachte der republikanische Politiker das parlamentarische System in Verruf, indem er den Stil grundlegend veränderte, wie amerikanische Volksvertreter miteinander umgehen. Er war nicht etwa nur streitfreudig, sondern kompromisslos, unversöhnlich, verbohrt. Seine Initiativen zielten darauf ab, verbrannte Erde zu hinterlassen. So treffend wie George Packer hat das noch keiner beschrieben:

"Er gab ihnen Senfgas und sie setzten es gegen jeden denkbaren Feind ein, auch gegen ihn selbst."

Der einstige republikanische Mehrheitsführer Gingrich ist einer von einem Dutzend Vertretern der amerikanischen Elite, die Packer in eindringlichen, unsentimentalen Kurzporträts darstellt.

Der anstrengungslose Wechsel des Bankiers Robert Rubin zwischen Wall Street und White House zeigt den geschlossenen Kreislauf der Macht; die Medienzarin Oprah Winfrey stellt Packer als ausbeuterische Zynikerin dar; der Unternehmer Sam Walton steht für eine skrupellose Unternehmerschicht, die sich von jeglicher sozialer Verantwortung freispricht.

Packers Sympathie gilt dagegen einer demokratischen Senatorin, die für strengere Finanzmarktregulierungen kämpft und einer Restaurantbesitzerin, die den Trend zur Rückbesinnung auf gute Ernährung einleitete.

Viel ausführlicher jedoch illustriert George Packer das unbeständige, gespaltene Amerika der Gegenwart durch seine Hauptfiguren. Neben dem IT-Milliardär Peter Thiel und dem vielfach scheiternden Unternehmer Dean Price sind das die Fabrikarbeiterin Tammy Thomas, eine alleinerziehende Schwarze aus Ohio, und der Jurist Jeff Connaughton, dem als Berater des heutigen demokratischen Vizepräsidenten Joe Biden der Idealismus abhanden kam.

Menschen aus allen sozialen Schichten kommen zu Wort

Wie Packer ihre Geschichten zu einer Erzählung verwebt, zeugt von der literarischen Versiertheit des Journalisten, der auch als Romanschriftsteller und Bühnenautor in Erscheinung getreten ist. Seine Stärke liegt in seiner Fähigkeit, ganz unterschiedliche Menschen aus allen sozialen Schichten beredt zu Wort kommen zu lassen.

Allerdings: In seinem Bemühen, seine Hauptfiguren möglichst anschaulich, ja manchmal langatmig zu zeichnen, widerlegt er die eigene These vom Niedergang des amerikanischen Traums: Gerade die am stärksten benachteiligten Protagonisten lassen sich nicht unterkriegen und können in schönster amerikanischer Tradition auf die Solidarität und tatkräftige Hilfe anderer zählen.

Auch eine eindeutige Erklärung für das von ihm konstatierte Auseinanderdriften sozialer Gruppen bleibt George Packer schuldig. Er legt nahe, dass Amerikas Establishment versagt habe, sich nicht für die Mehrheit der Bürger des Landes interessiere. Doch die Selbstbedienungsmentalität der Mächtigen ist nicht neu. Sie belegt weder Gehälterstagnation noch Rezession.

Auch an diesem Punkt scheint er sich seiner These nicht sicher zu sein, dass die US-Gesellschaft dabei sei auseinanderzubrechen. Gerade so, als könnten selbst Zerfall und Not dem amerikanischen Traum nichts anhaben, preist er geradezu hymnisch die vielen Facetten der persönlichen Freiheit. Er ist ambivalent und sieht im Niedergang die Chance.

"Das Auseinanderdriften bringt Freiheit, mehr als die Welt je zuvor gewährt hat, und für mehr Menschen als je zuvor - Freiheit zu gehen, Freiheit zurückzukehren, Freiheit die eigene Geschichte zu ändern, sich selbst ein Bild zu machen, sich anstellen zu lassen, gefeuert zu werden, sich zu berauschen, zu heiraten, scheiden zu lassen, pleite zu gehen, neu anzufangen, ein Unternehmen zu gründen, alles zu haben, bis an die Grenze zu gehen, die Ruinen hinter sich zu lassen, über alle Maßen erfolgreich zu sein und damit anzugeben, abgrundtief zu versagen und es nochmal zu versuchen."

George Packers "The Unwinding" ist ein widersprüchliches und zugleich fesselndes Buch, nicht zuletzt, weil es genau die Qualitäten demokratischer Großzügigkeit und Aufrichtigkeit herausarbeitet, die angeblich in Amerika untergegangen sein sollen.

 

 

 

 

 

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zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2015

Stefan Fröhlich findet den Ruhm, der der deutschen Ausgabe des Buches des Journalisten George Packer vorauseilt, berechtigt. Packers schonungslose und nüchterne Bestandsaufnahme zur Lage der amerikanischen Nation anhand von vierzehn prominenten wie unbekannten Biografien steht für ihn in der Tradition großer Erzähler wie John Dos Passos, Philip Roth oder John Steinbeck.

Zwischen Sachbuch und Roman angelegt, bietet das Buch ihm Einblick in den Stand der Dinge, in eine tief gespaltene Nation, bestimmt von der Resignation kleiner Leute einerseits und dem schier grenzenlosen Kapital der Großkonzerne andererseits. Die Gegenüberstellung von Milliardären wie Sam Walton oder Bill Gates und Sozialarbeitern und Kleinunternehmern liest Fröhlich nicht als Plädoyer für den Wohlfahrtstaat, sondern Aufruf zur Selbstbefähigung des Einzelnen durch die Beschneidung der Banken- und Konzernmacht.


zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2014

Mit größtem Interesse hat Rezensent Bernd Greiner George Packers Buch "Die Abwicklung" gelesen, in dem der Reporter des New Yorkers eine äußerst lesenswerte Collage über die innere Geschichte Amerikas anhand der beiden Städte Tampa in Florida und Youngstown in Ohio geschaffen hat. Der Kritiker folgt darüber hinaus den Schicksalen von dreizehn Personen aus verschiedenen Schichten, etwa Oprah Winfrey, deren amerikanischer Traum wahr wurde, oder Tammy Thomas, die in den Sozialruinen von Ohio ums Überleben kämpft.

Kopfschüttelnd liest Greiner, dass die Gründer von Walmart so viel Geld besitzen wie die unteren 30 Prozent der Amerikaner und stellt fest, dass auch dem sprachmächtigen Autor angesichts der Missstände kaum noch Synonyme für seine Empörung einfallen.

Packers These, dass die einigermaßen sozialverträgliche Regulierungen wie in den dreißiger bis achtziger Jahre an der neoliberalen Lobby aus Wirtschafts- und Finanzmagnaten scheiterten, kann der Rezensent nur zustimmen. Dieses Buch ist gewichtiger als manche politikwissenschaftliche Analyse, urteilt Greiner.


zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2014

Michael Hochgeschwender braucht einen Moment, bis sich die vielen Porträts, die der amerikanische Journalist George Packer zeichnet, zu einem einheitlichen Bild fügen, aber dann erschließt sich ihm auch die ganze Grandiosität des Buches. Denn für sich genommen, findet der Rezensent nicht alle Reportage gleich spannend, deutlich hervor stechen vier geradezu "epische Darstellungen" über einen Kleinunternehmer, eine Sozialarbeiterin, einen Politikberater und einen Internetunternehmer. Packer schreibt hier ohne alle Sentimentalitäten, mit klaren und souveränem Blick auf die Menschen, die ihm zum Sinnbild werden für den ausgeträumten amerikanischen Traums: Nach zwanzig Jahren Neoliberalismus und Finanzkapitalismus stehen Aufstieg und Erfolg längst nicht mehr jedem offen, der es aus eigenem Antrieb versucht. Und schlimmer noch als der Abbau des Sozialstaats erscheint Hochgeschwender der bröckelnde Zusammenhalt in den USA. Am schwersten trifft ihn aber das Fehlen jeglichen Optimismus, was er bei amerikanischen Autoren so noch nicht erlebt hat.


zu Süddeutsche Zeitung, 31.07.2014

George Packers "Die Abwicklung" ist ohne Frage ein wunderbares journalistisches Sachbuch, findet Jens-Christian Rabe. Der Politikjournalist analysiert darin entlang exemplarischer Biografien einiger prominenter (etwa "Talkshow-Fürstin" Oprah Winfrey, Ökonom Robert Rubin und RepublikanerColin Powell) und einiger weniger prominenter (eine Sozialarbeiterin, ein Politikberater, ein glückloser Unternehmer sind darunter) Amerikaner die diversen gesellschaftlichen Krisen der USA auf virtuose Weise, fasst der Rezensent zusammen. Warum es aber nicht reicht, ein so wunderbares Sachbuch wie dieses auch als solches zu benennen, sondern ständig von der "ganz große Erzählung der Zeit" gesprochen werden muss, will Rabe nicht einleuchten. Vielleicht hat es mit dem Anspruch der "Wahrheitlichkeit" der Literatur selbst zu tun, vermutet Rabe, die komme dieser Tage kaum ohne "Legierung mit dem Kitzel des Realen" aus. In Zeiten gleichzeitiger Desillusionierung und Ungewissheit möchten wir auf unterhaltsame Weise erfahren, was denn nun eigentlich der Fall ist, erklärt der Rezensent. Dafür brauchen wir Autoren wie Packer, die mit uns auf der "Seite der Ohnmacht" stehen, so Rabe.


zu Die Tageszeitung, 26.07.2014

Andreas Fanizadeh im Leseglück: Die hier versammelten, im Stil des New Journalism verfassten Porträts des "New Yorker"-Redakteurs George Packer lesen sich nicht nur allesamt wie aus einem sehr subjektiven Blickwinkel geschriebene Novellen, sie lassen auch tief blicken in Umbrüche und Verwerfungen der amerikanischen Gesellschaft: Hier geht es übergreifend um die "multiperspektivische Abbildung einer ganzen Nation", gerade so als würde Jonathan Franzen vom Familienroman weg hin zur Soziologie finden, meint der Rezensent. Zu diesem Zweck porträtiert Packer Gewinner und Verlierer der Umwälzungen der letzten 50 Jahre - und protokolliert damit auch das Auseinanderdriften der USA.

Packers Emphase, wenn er sich mit der hart arbeitenden, sich vom Leben jedoch nicht unterkriegen lassenden Unter- und Mittelschicht befasst, lässt den Kritiker dabei durchaus ans Sozialpathos eines Bruce Springsteen denken. Problematisch findet Fanizadeh es nur, wenn Packer sich dem Zentrum der Macht zuwendet: Je mächtiger die porträtierte Person, desto klischierter die Texte. Was aber am insgesamt positiven Gesamteindruck des Rezensenten nichts ändert: Nicht zuletzt ist dieses Buch als praktisches Exempel auch ein dankbar angenommenes Plädoyer für qualitativ guten, auf eigener Rechercheleistung basierenden Journalismus.


 zu Die Zeit, 24.07.2014

Die erste Great American Novel des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist ein Sachbuch, verkündet Michael Naumann: George Packers "Die Abwicklung" liefert in nüchternem Ton eben jenen Querschnitt der Gesellschaft, den auch die großen amerikanischen Schriftsteller freizulegen wussten, so der Rezensent. Packer entwickelt sein Buch an den Biografien von vierzehn exemplarischen Amerikanern entlang, manche berühmt, andere vollkommen unbekannt, erklärt Naumann. Besonders beeindruckend fand der Rezensent die Geschichte von Tammy Thomas, die im Schwarzenghetto der Stahlstadt Youngstown in Ohio aufgewachsen ist, einer Stadt, die nach dem Zusammenbruch der Stahlindustrie der Mafia und den Drogen zum Opfer fiel. Packer nutzt die einzelnen Biografien, um Schlaglichter auf ihren individuellen Kontext zu werfen, den er dann mit soziologischem Scharfsinn in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einbettet, lobt Naumann.


 zu Die Welt, 28.06.2014

Für Mladen Gladic ist das Buch des "New Yorker"-Redakteurs George Packer das Buch zur Krise der amerikanischen Nation. Beeindruckt hat den Rezensenten vor allem Packers Arbeitsweise. Dass der Autor Wochen mit seinen Protagonisten, geschassten Arbeitern allesamt, verbracht hat, in ihren Häusern gewohnt und ihnen zugehört hat und dass er große Sympathie für sie hat, konnte der Rezensent auf jeder Seite spüren. Gleichfalls spürbar ist für Gladic Packers Zorn auf die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes, die er für die Misere verantwortlich macht. Das Buch liest Gladic als Verfallsgeschichte am Beispiel von Helden und Schurken, als Verfall einer Wirtschaftsmacht, aber auch einer Weltanschauung: des Liberalismus.

 

 

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