Uwe Dittmer 

Die Utopie 

des Reiches Gottes

Politik mit der Bibel 

 

Mit einem Vorwort 
von Jürgen Moltmann 

Als PDF von Homepage Dittmer:  

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1997    205 Seiten

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Wikipedia Reich Gottes 

lembeck.de /Verlag/Utopie.html  

udpotsdam.de  HP Dittmer *1934 in Berlin  

 

detopia:  D.htm 

Utopiebuch  

Bibel   Jesus   E.Bock  F.Alt   F.Buggle  

 

 

 

 

Uwe Dittmer war von 1966 bis 1999 ev. Pfarrer in Potsdam, daneben Studenten- und Jugendpfarrer und Dozent für Neues Testament an der kirchlichen Fachhochschule für Kinder- und Jugendarbeit und im Burckhardthaus (beides in der DDR).

In diesem Buch wird gezeigt, daß und wie die "Utopie des Reiches Gottes" die Voraussetzung für eine menschliche und darum erstrebenswerte Gesellschaft in Europa und auf unserem Globus darstellt. Dafür gibt die Bibel, die ein umfassend politisches Buch ist, Richtung und Wegweisung an.

Uwe Dittmer, geb. 1934 in Berlin, 1959–1966 Pfarrer in Sperenberg, 1966–1996 in Potsdam als Gemeinde-, Jugend- und Studentenpfarrer, Dozent für Neues Testament, ein Jahr Pfarrer der United Church of Christ (USA), seit 1996 ehrenamtlicher Gemeindepfarrer in Potsdam. Veröffentlichungen: „Im Blickpunkt: Abendmahl“ (1973), „Im Blickpunkt: Sünde und Vergebung“ (1981), „Glauben verstehen“. Ein Katechismus für junge Leute (1984).

Politik mit der Bibel klingt in vielen Ohren nach Fundamentalismus.
Und Utopien haben nach Meinung vieler endgültig ausgedient.

Wer so denkt, muß freilich die Bibel in die zweite Reihe des Bücherschranks verbannen und ihr jegliche Gegenwartsbedeutung absprechen. In diesem Buch wird ohne fundamentalistische und parteipolitische Ambitionen gezeigt, daß und wie die „Utopie des Reiches Gottes“ die Voraussetzung für eine menschliche und darum erstrebenswerte Gesellschaft in Europa und auf unserem Globus darstellt. Dafür gibt die Bibel, die ein umfassend politisches Buch ist, Richtung und Wegweisung an.

„Während viele Kirchenleitungen entmutigt nur noch die Schrumpfungsprozesse ihrer Gemeinden registrieren und die Zahl der Pfarrer und Pfarrerinnen und auch der Gemeinden kürzen, schreibt hier ein Theologe ohne Entmutigung und Kleinglaube über die Hoffnung und Zukunft für alle und die Notwendigkeit neuer, mobilisierender „Realutopien“. Das Buch sollte von allen, denen es in der Kirche um mehr als Kirche geht, gelesen werden.“ Jürgen Moltmann

"Wir erwarten das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, weil wir glauben, dass wir erwartet werden. Wir hoffen auf die Zukunft Gottes, weil wir glauben, dass Gott uns nicht aufgegeben hat, sondern auf uns wartet und seine Hoffnung auf uns gesetzt hat. Diese Hoffnung ist der Realgrund für unsere Utopien vom besseren und gerechteren Leben und für unseren Protest gegen die Verarmung und Entwürdigung des menschlichen Lebens. Aus ihm entspringen immer neue Zukunftsvorstellungen und werden alte revidiert. Wir leben von der Hoffnung und gehen an der Apathie unserer Herzen zugrunde."   

Aus dem Vorwort von Jürgen Moltmann 

Jürgen Moltmann

Wiederentdeckung der Erde - Neue Spiritualität

dike.de/akut/AKUTe/00-3-19.htm 

Die Zerstörung der Umwelt, die wir Menschen durch das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem anrichten, wird mit Sicherheit das Überleben der Menschheit im 21. Jahrhundert ernsthaft gefährden. Die moderne Industriegesellschaft hat den Organismus der Erde aus dem Gleichgewicht gebracht und ist auf dem Wege in den universalen ökologische Tod, wenn wir die Entwicklung nicht verändern können. Wissenschaftler beweisen, dass die CO2-Abgase und die Methangase die Ozonschicht der Atmosphäre zerstören, dass die Verwendung chemischen Düngers und diverser Pestizide den Boden unfruchtbar machen, dass sich schon jetzt das Weltklima verändert und wir immer mehr von Menschen verursachten »Naturkatastrophen« wie Dürre und Überschwemmungen erleben werden, dass die Eisschichten der Arktis und Antarktis schmelzen werden, dass Küstenstädte wie Hamburg und Küstenregionen wie Bangladesch und viele Südseeinseln im nächsten Jahrhundert überflutet sein werden und alles in allem, das Leben auf dieser Erde selbst bedroht ist. 

Die Menschheit kann aussterben wie vor Jahrmillionen die Dinosaurier. Was den Gedanken so beunruhigend macht, ist die Tatsache, dass wir die Gifte, die in die Ozonschicht der Erde aufsteigen und die Gifte, die in den Boden einsickern, nicht mehr zurückholen können und wir also nicht wissen, ob die Entscheidung über das Schicksal der Menschheit nicht schon gefallen ist.

Ich glaube, dass die »ökologische Krise« der Erde eine Krise der modernen »wissenschaftlich-technischen Zivilisation« selbst ist. Das große Projekt der modernen Welt droht zu scheitern. Darum handelt es sich auch nicht nur um eine amoralische Krise«, wie Papst Johannes Paul II. sagte, sondern tiefer noch um eine religiöse Krise dessen, worauf die Menschen in der westlichen Welt vertrauen.

Die religiöse Krise der modernen Welt

Das lebendige Verhältnis einer menschlichen Gesellschaft zu ihrer natürlichen Umwelt wird durch die menschlichen Techniken bestimmt, durch die sich Menschen ihre Lebensmittel von der Natur erarbeiten und ihre Abfälle wieder an sie zurückgeben. Dieser »Stoffwechsel mit der Natur«, der an sich wie das Ein- und Ausatmen der Luft ganz natürlich ist, wird seit Beginn der Industrialisierung immer stärker nur noch vom Menschen, nicht mehr auch von der Natur bestimmt und gelenkt. In unserer Wegwerfgesellschaft meint man zwar, was man wegwirft, sei »weg«. Aber aus etwas wird nicht nichts, und darum ist nichts »weg«, was man wegwirft. Es bleibt irgendwo in der Natur. Wo bleibt es? Alles kehrt in den Kreisläufen der Erde wieder. In die menschlichen Techniken sind die Naturwissenschaften investiert. Technologie ist angewandte Naturwissenschaft, und alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse werden einmal technisch angewendet und nutzbar gemacht, denn »Wissen ist Macht« (Francis Bacon).

Naturwissenschaft ist »Verfügungswissen«, »Herrschaftswissen«. Philosophie und Theologie sind ihr gegenüber Orientierungswissen und Wissenschaften vom Sinn der Wirklichkeit.

Technologien und Naturwissenschaften werden immer aus bestimmten menschlichen Interessen heraus entwickelt. Es gibt sie nicht wertfrei. Interessen gehen ihnen voran, leiten sie und nehmen sie in Dienst. Diese menschlichen Interessen werden ihrerseits von den Grundwerten und Überzeugungen einer Gesellschaft reguliert. Diese Grund- werte und Überzeugungen sind nichts anderes als das, was alle Menschen in einer Gesellschaft für selbstverständlich halten, weil es in ihrem System selbstevident und plausibel ist.

Wenn es nun in einem solchen Lebenssystem, das eine menschliche Gesellschaft mit der umgebenden Natur verbindet, zu einer Krise im Absterben der Natur kommt, dann wird sie logischerweise zu einer Krise des ganzen Systems, der Lebenseinstellungen, des Lebenswandels und nicht zuletzt der Grundwerte und der Überzeugungen. Dem Sterben der Wälder draußen entspricht die Ausbreitung der seelischen Neurosen drinnen. Der Verschmutzung der Gewässer entspricht das nihilistische Lebensgefühl vieler Bewohner der Massenstädte. Die Krise, die wir erfahren, ist also nicht nur eine »ökologische Krise«, und sie ist auch nicht nur technisch lösbar. Eine Umkehr in den Überzeugungen und den Grundwerten ist ebenso notwendig wie eine Umkehr in der Lebenseinstellung und im Lebenswandel und Lebensstil.

Welche Interessen, welche Werte regieren unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation? Um es einfach zu sagen: Es ist der grenzenlose Wille zur Herrschaft, der die modernen Menschen zur Machtergreifung über die Natur der Erde getrieben hat und weiter treibt. Im Konkurrenzkampf ums Dasein werden wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Erfindungen vom politischen Willen zur Macht gebraucht, zur Sicherung der Macht und zu ihrem Ausbau verwendet. Wachstum und Fortschritt wird bei uns immer noch an der Steigerung der Macht, der wirtschaftlichen, finanziellen und militärischen Macht gemessen.

Vergleichen wir unsere Zivilisation mit vormodernen Kulturen, dann fällt der Unterschied sofort ins Auge: Es ist der Unterschied zwischen Wachstum bei uns und Gleichgewicht dort. Jene vormodernen Kulturen waren keineswegs primitiv oder »unterentwickelt«, sondern vielmehr hochkomplizierte Gleichgewichtssysteme, die die Verhältnisse der Menschen zur Natur, zueinander und zu den Göttern und Dämonen regelten. Erst die modernen westlichen Zivilisationen sind einseitig auf Entwicklung, Wachstum, Expansion und Eroberung neuer Märkte usw. programmiert. Das hat seinen tiefsten Grund vermutlich in der Religion, im Gottesbild der modernen Menschen.

Seit der Renaissance wurde Gott in Westeuropa immer einseitiger als »der Allmächtige« verstanden. Omnipotenz galt als die vorzügliche Eigenschaft seiner Göttlichkeit: Gott ist der Herr, die Welt ist sein Eigentum, und Gott kann mit ihr machen, was er will. Er ist das absolute Subjekt, und die Welt ist das passive Objekt seiner Herrschaft. In der westlichen Tradition rückte Gott immer mehr in die Sphäre der Transzendenz, und die Welt wurde rein immanent und diesseitig verstanden. Gott wurde weltlos gedacht, und folglich konnte die Welt gottlos aufgefasst werden. Sie verlor ihr göttliches Schöpfungsgeheimnis, die »Weltseele«, und konnte wissenschaftlich »entzaubert« werden, wie Max Weber diesen Prozess treffend beschrieb.

Als Gottes Ebenbild auf Erden muss sich der Mensch ganz entsprechend als Herrscher verstehen, als Subjekt von Erkenntnis und Wille, und sich seine Welt als sein passives Objekt gegenüberstellen und unterwerfen.

Denn nur durch seine Herrschaft über diese Erde kann er Gott, dem Herrn der Welt, entsprechen. Wie Gott der Herr und Eigentümer der ganzen Welt ist, so muss der Mensch sich bemühen, zum Herrn und Eigentümer der Erde zu werden, um sich als Ebenbild seines Gottes zu beweisen. Nicht durch Güte und Wahrheit, nicht durch Geduld und Liebe, sondern durch Macht und Herrschaft wird der Mensch seinem Gott ähnlich. So rühmte zu Beginn der Neuzeit Francis Bacon die Naturwissenschaften seiner Zeit: »Wissen ist Macht«, und durch seine Macht über die Natur werde des Menschen Gottebenbildlichkeit wieder hergestellt.

Vergleichen wir damit die berühmte anklagende Rede des Indianerhäuptlings Seattle aus dem Jahre 1855 dann wird sofort klar, wohin wir uns bewegt haben: »Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern ... Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme der Ponies - und des Menschen -, sie alle gehören zur gleichen Familie«.

Damit stehen wir heute vor der entscheidenden Frage: Ist die Natur unser Eigentum, mit dem wir machen können, was wir wollen - oder sind wir Menschen ein Teil der größeren Familie der Natur, die wir zu respektieren haben? Gehören die Regenwälder uns Menschen, so dass wir sie abholzen und abbrennen können - oder sind die Regenwälder auch die Heimat für viele Tiere, Pflanzen und Bäume und gehören der Erde, zu der wir auch gehören? Ist diese Erde »unsere Umwelt« und »unser planetarisches Haus« oder sind wir Menschen nur Gäste, sehr spät gekommene Gäste auf dieser Erde, die uns bisher immer noch so geduldig und so gnädig erträgt?

 

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Drei christliche Perspektiven zur Anerkennung der Erde, zu ihrer Befreiung und zum Zusammenleben mit der Erde

Kosmische Spiritualität

Die erste Umkehr beginnt im Gottesbild, denn so wie wir über Gott denken, denken wir auch über uns selbst und die Natur. »Sage mir, woran du glaubst, und ich sage dir, wer du bist«. Der Glaube an den allmächtigen Herrgott im Himmel hat zur Säkularisierung der Welt geführt und der Natur ihr göttliches Geheimnis geraubt. Was wir theologisch brauchen, ist die Wiederentdeckung des dreieinigen Gottes.

Vater, Sohn und Heiliger Geist leben miteinander, füreinander und ineinander, in der höchsten und vollkommensten Gemeinschaft der Liebe, die man sich denken kann: »Ich bin in dem Vater, der Vater ist in mir«, sagt der johanneische Jesus. Wenn das wahr ist, dann entsprechen wir Gott nicht durch Herrschaft und Unterwerfung, sondern durch Gemeinschaft und lebensförderliche Beziehungen. Nicht das einsame menschliche Subjekt, sondern die wahre menschliche Gemeinschaft ist Gottes Ebenbild auf Erden. Nicht einzelne Teile, sondern die Schöpfungsgemeinschaft als ganze spiegelt Gottes Weisheit und seine dreieinige Lebendigkeit wider.

Nach christlichem Verständnis ist die Schöpfung ein trinitarischer Vorgang: Gott der Vater schafft durch den Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes. Von der anderen Seite her gesehen heißt das: Alle Dinge sind darum »von Gott« geschaffen, »durch Gott« geformt und existieren »in Gott«.

Es kommt heute darauf an, die Immanenz des Schöpfers in seiner Schöpfung wiederzuentdecken, um die ganze Schöpfung in die Ehrfurcht vor dem Schöpfer hineinzunehmen. Durch wen oder was hat Gott die Welt geschaffen? Nach Sprüche 8, 22-31 hat Gott die Welt durch seine Tochter, die Weisheit, geschaffen:

»Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, war ich da. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang, vor der Erde ... Da war ich der Werkmeister bei ihm und hatte meine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit, und spielte auf seinem Erdboden, und meine Lust ist bei den Menschenkindern«. Diese göttliche Tochter Weisheit wurde von Philo mit Logos übersetzt. Wo im Neuen Testament, wie im Johannes-prolog, »der Logos«, »das Wort«, steht, ist an »die Weisheit« zu denken.

Christliche Theologie hat in Christus nicht nur persönliches Heil, sondern auch die kosmische Weisheit wiedererkannt, durch die alle Dinge existieren, wie der Kolosserbrief zeigt. Christus ist das göttliche Geheimnis der Welt. Wer Christus verehrt, verehrt auch alle geschaffenen Dinge in ihm und ihn in allen geschaffenen Dingen. Wo war Jesus nach der teuflischen Versuchung in der Wüste? »Er war bei den Tieren und die Engel dienten ihm« (Mk 1, 13).

 

 

Im apokryphen Thomasevangelium, Logion 77, sagt Jesus: »Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All, das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir zurückgekehrt«.

»Spalte ein Holz: ich bin da.
Hebe einen Stein auf, und ihr werdet mich finden«.
Was wir also der Erde antun, das tun wir Christus an.

 

Wo das Wort Gottes ist, da ist auch der Geist Gottes. Der Schöpfung durch das Wort geht nach Gen 1, 2 die vibrierende Energie des Geistes Gottes voran. Gott schafft alle Dinge durch seine benennenden, unterscheidenden und urteilenden Worte. Darum sind alle Dinge individuell verschieden, »jedes nach seiner Art«. Gott spricht aber stets im Atem seines Geistes, der lebendig macht. Wort und Geist ergänzen sich im Blick auf die Schöpfungsgemeinschaft: Das Wort spezifiziert und differenziert, der Geist verbindet und formt Übereinstimmung. Wie beim menschlichen Sprechen sind die Worte verschieden, sie werden aber im gleichen Atemzug mitgeteilt. Im übertragenen Sinn kann man darum sagen: Gott spricht durch die einzelnen Geschöpfe, und »Gott atmet durch die ganze Schöpfung«, wie eine englische Hymne sagt. Die Ganzheit der Schöpfung, die ich hier »Schöpfungsgemeinschaft« nenne, wird durch den Atem des Geistes Gottes getragen (Ps. 104, 30): »Du sendest deinen Atem aus und erneuerst das Antlitz der Erde.«

Aus dieser Sicht des Geistes Gottes in allen Dingen und der Bereitung aller Dinge zur Wohnung Gottes folgt eine kosmische Verehrung Gottes und eine Verehrung Gottes in allen Dingen. Was die Gläubigen in den Kirchen tun, ist stellvertretend auf den ganzen Kosmos bezogen. Die Kirche ist von ihrem Grund und Wesen her kosmosorientiert. Es war eine gefährliche, moderne Verengung, die Kirche nur auf die menschliche Welt zu beschränken. Ist aber die Kirche kosmosorientiert, dann ist die »Ökologische Krise« der irdischen Schöpfung auch ihre eigene Krise, denn es wird durch diese Zerstörung der Erde »Fleisch von ihrem Fleisch und Bein von ihrem Bein« zerstört. Sterben die schwächeren Geschöpfe, dann leidet die ganze Schöpfungsgemeinschaft. Versteht sich die Kirche als Repräsentant der Schöpfung, dann wird dieses Leiden der schwächeren Geschöpfe in ihr zum bewussten Schmerz und sie muss diesen Schmerz im öffentlichen Protest herausschreien.

Neue Erdwissenschaft: die »Gaja-Hypothese.«

»Die Erde« hat für uns zwei Bedeutungen: Einmal meinen wir den Erdboden, auf dem wir stehen, zum anderen meinen wir den Planeten Erde, mit seiner Biosphäre und seiner Atmosphäre, in denen wir leben. Bilder, die von Satelliten oder vom Mond aus von der Erde gemacht werden, zeigen unseren Planeten mit seiner sehr dünnen Lufthülle, in der sich alles Leben abspielt. In dieser zweiten Hinsicht leben wir nicht »auf« der Erde, sondern »in« der Erde. Die Vorstellung ist gebildet worden, dass die Biosphäre der Erde zusammen mit der Atmosphäre, den Ozeanen und den Landflächen ein einziges komplexes System bildet, das sich auch als einzigartiger »Organismus« auffassen lässt, denn es besitzt die Fähigkeit, diesen Planeten als eine geeignete Stätte des Lebens zu erhalten. Durch die ständige Aufnahme von Sonnenenergie wird Leben entwickelt und erhalten. Das ist die anerkannte These des englischen Wissenschaftlers James E. Lovelock: »Gaja - a New Look at Life on Earth«, Oxford 1979. Eigentlich wollte er das Erdsystem ein »universelles biokybernetisches System mit Tendenz zur Homöostase« nennen. Sein Nachbar, der Dichter William Golding, gab ihm jedoch den alten griechischen Namen der Erdgöttin »Gaja«. So wurde diese These als »Gaja-Hypothese« bekannt.

Die Gaja-Hypothese bietet, wie Lovelock selbst sagt, eine Alternative zu jener modernen Sicht, nach der Natur nur eine primitive Kraft verkörpert, die es zu unterwerfen und zu beherrschen gilt. In Wahrheit bietet die Gaja-Hypothese aber eine auch wissenschaftlich nachprüfbare Alternative zum Anthropozentrismus, der für die moderne Zivilisation grundlegend ist und nötigt dazu, biozentrisch oder besser erd-orientiert zu denken.

Man kann also sagen, dass die Erde selbst »lebendig« ist. Nach Genesis 1, 24 ist sie von Gott als »Hervorbringerin« der lebendigen Wesen geschaffen. Das wird von keinem anderen Geschöpf gesagt. Nach einer rabbinischen Tradition schafft Gott zusammen mit der Erde (Gen. 1, 26: Lasst uns Menschen machen) die Menschen.

Die Bedeutung der Gaja-Hypothese ist kaum zu überschätzen:

1. Sie macht es möglich, die lokalen und regionalen Ökosysteme in ihren globalen Funktionen zu erkennen, und hindert, sie zu isolieren.

2. Sie kehrt die Methode der Wissenschaften um: An die Stelle der Aufsplitterung in immer detaillierteres Wissen der Spezialisten treten Kooperation und Integrationen wissenschaftlicher Disziplinen zu »Erdwissenschaften« bei der Erforschung der größeren Zusammenhänge im Erdsystem.

3. Integriertes Wissen ist nicht weniger wissenschaftlich als isoliertes Wissen. Es dient aber nicht mehr dem Herrschaftsinteresse nach der Methode »divide et impera«, sondern dem Interesse am gemeinsamen Leben und Überleben durch Kooperation und Symbiose.

4. Die Gaja-Hypothese nötigt zur Auflösung des anthropozentrischen Selbstverständnisses und Verhaltens der Menschen und zu ihrer demokratischen Einordnung in das Gesamtleben der Erde.

5. Politisch hatte die drohende nukleare Katastrophe dazu genötigt, nationale Außenpolitik als Teil einer gemeinsamen »Weltinnenpolitik« neu zu konzipieren (Chr. Graf von Krockow, C. Fr. v. Weizsäcker). Die drohende ökologische Katastrophe nötigt dazu, diese gemeinsame Weltinnenpolitik als »Erdpolitik« zu verstehen (E. v. Weizsäcker). Ohne Demokratie ist Biokratie nicht lebensfähig. Erst wenn wir uns als Spezies »Mensch« als »Erdgeschöpfe«, und nicht länger als »Völker«, »Nationen« oder »Rassen« verstehen, können wir in Beziehung zu den anderen Spezies des Lebendigen treten und uns als eine Lebensgestalt unter und mit anderen Lebensgestalten der Erde begreifen.

Bund und Sabbath Gottes

Der Bund Gottes schafft Gerechtigkeit in der Welt der Menschen und der Natur. Wir glauben, dass Gott seine Schöpfung liebt und ihr Leben zur Entfaltung bringen will. Kein Geschöpf ist gleichgültig in seinen Augen. Jedes Geschöpf hat seine eigene Würde und seine eigenen Rechte. Denn sie sind alle in seinen Bund eingeschlossen. So heißt es in der Noahgeschichte: »Siehe«, spricht Gott, »ich richte einen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen lebendigen Wesen« (1. Mose 9, 9-10).

Aus diesem Bund »mit uns« folgen die grundlegenden Menschenrechte. Aus diesem Bund »mit uns und unseren Nachkommen« folgen die Rechte künftiger Generationen. Aus diesem Bund »mit uns und unseren Nachkommen und mit allen lebendigen Wesen« folgen die Rechte der Natur.

Vor Gott, dem Schöpfer, sind wir und unsere Nachkommen und alle lebendigen Wesen gleichberechtigte Partner seines Bundes. Die Natur ist nicht unser Eigentum. Aber wir sind auch nicht nur ein Teil der Natur. Alle Lebewesen sind auf je ihre Weise Bundesgenossen Gottes. Alle Lebewesen müssen von den Menschen als Partner und Bundesgenossen Gottes respektiert werden: Die Erde ist die Hervorbringende, die Menschen sind das Bild Gottes auf der Erde. Wer die Erde verletzt, verletzt Gott. Wer die Würde der Tiere verletzt, verletzt Gott.

Es ist heute an der Zeit, nach der Anerkennung der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 eine »Allgemeine Erklärung der Rechte der Natur« zu entwerfen und allgemein anzuerkennen. Sofern die Natur - Luft, Wasser und Land, Pflanzen und Tiere - der menschlichen Gewalttat ausgeliefert sind, muss sie durch die menschliche Rechtsordnung geschützt werden. Einen ersten Versuch, die Natur von menschlicher Willkür zu befreien, stellt die »Weltcharta für die Natur« dar, die am 18. Oktober 1982 von der UNO vereinbart worden ist. Zwar geht diese Charta noch nicht so weit, der Natur eigene Rechte zuzubilligen und sie als ein Rechtssubjekt anzuerkennen, aber es finden sich in ihr Ansätze, um über die anthroponzentrische und egoistische Ansicht der modernen Welt hinauszukommen, nach der die Natur nur als »herrenloses Gut« für den Menschen da ist. »Der Mensch ist ein Teil der Natur«, sagt die Präambel. »Alle anderen Lebensformen der Natur sind vom Menschen zu achten, unabhängig von ihrem Wert für den Menschen«.

Dieser richtige moralische Appell muss aber auch rechtlich verankert werden, damit die Natur nicht vom Wohlwollen der Menschen abhängig ist, sondern als Subjekt mit eigenen Rechten anerkannt wird. Wir schlagen darum folgende Sätze zur Aufnahme in unsere Verfassung vor: »Die natürliche Welt steht unter dem besonderen Schutz der Regierung. Durch seine Aktionen respektiert der Staat die natürliche Umwelt und schützt sie vor Ausbeutung und Zerstörung durch Menschen um ihrer selbst willen«.

Die demokratische Regierung hat zwei Aufgaben: den Schutz des Volkes und den Schutz des Landes.

Das Deutsche Tierschutzgesetz von 1986 ist der erste deutsche Gesetzestext, der Tiere nicht mehr nur als Eigentum von Menschen, sondern als »Mitgeschöpfe« der Menschen ansieht und in dieser Würde schützt: »Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.« Werden Tiere »Mitgeschöpfe« genannt, dann werden der Schöpfer, das Geschöpf und die Schöpfungsgemeinschaft anerkannt. Der theologische Ausdruck »Schöpfung« ist besser als der philosophische Ausdruck »Natur« geeignet, weil er Gottes Recht auf seine Schöpfung respektiert und deshalb die Rechte der Menschen begrenzt: Gott hat Eigentumsrecht, die Menschen nur das Nutzungerecht!

Der Sabbath der Erde:  die göttliche Ökologie

Seit langer Zeit haben Menschen die Natur und ihren eigenen Leib nur im Interesse der Arbeit angesehen. Darum nahmen sie nur die nützliche Seite der Natur und nur die instrumentelle Seite ihres Leibes wahr. Es gibt aber eine alte jüdische Weisheit, um die Natur und sich selbst wieder als Schöpfung Gottes zu verstehen. Das ist die Feier des Sabbath, des Tages der Ruhe, an dem Mensch und Tier zur Ruhe kommen und die Natur in Ruhe lassen.

Nach der ersten Schöpfungsgeschichte »vollendet« der Schöpfer die Schöpfung der Welt durch die Feier des Weltensabbath: »Und Gott ruhte von allen seinen Werken«. Und Gott segnete seine Schöpfung durch seine ruhende Gegenwart. Gott handelte nicht mehr, aber Gott war ganz gegenwärtig als Gott selbst.

Der siebte Tag wird mit Recht das »Fest der Schöpfung« genannt. Er ist die »Krone der Schöpfung«. Um dieses Festes willen wurde alles geschaffen, was da ist. Um dieses Fest nicht allein zu feiern, schuf Gott den Himmel und die Erde, die tanzenden Sterne und die wogenden Meere, die Wiesen und die Wälder, die Tiere, die Pflanzen und zuletzt die Menschen. Sie alle sind zu seinem Sabbathfest geladen. Sie alle sind je auf ihre Weise - seine Festgenossen. Darum hat Gott, wie es in den Psalmen heißt, »Wohlgefallen« an allen seinen Werken, darum »rühmen« auch die Himmel des Ewigen Ehre. Zur Freude Gottes ist alles geschaffen, was da ist, denn alles, was ist, kommt aus der Liebe Gottes.

Dieser göttliche Sabbath ist die »Krone der Schöpfung«. Der Mensch ist nicht die »Krone der Schöpfung«, vielmehr werden die Menschen zusammen mit allen anderen Geschöpfen durch die göttliche »Königin Sabbath« gekrönt. Durch seine Ruhe am Sabbath kommt der schöpferische Gott zu seinem Ziel, und Menschen, die den Sabbath feiern, anerkennen die Natur als Gottes Schöpfung und lassen sie Gottes geliebte Schöpfung sein. Der Sabbath ist weise Umweltpolitik und eine gute Therapie für unsere eigenen ruhelosen Seelen und verspannten Körper.

Es gibt aber auch noch eine andere Bedeutung des Sabbath: Es ist die Bedeutung des Sabbathjahres für das Land und die Menschen, die vom Land leben. Leviticus 25, 4: »Das siebte Jahr soll das Land seinen großen Sabbath dem Herrn feiern«. Nach dem Buch Exodus 23, 10-11 soll Israel das Land in jedem siebten Jahr nicht bestellen, sondern zur Ruhe kommen lassen, »damit die Armen eures Volkes zu essen haben«.

Nach dem Buch Leviticus 25,17 soll Israel das Land in jedem siebten Jahr nicht bestellen, damit »das Land zur Ruhe komme«. Die soziale Begründung wird um die ökologische Begründung ergänzt.

Für das Buch Leviticus (Kap. 26) ist diese Sabbatruhe des Landes von größter Bedeutung. Alle Segnungen Gottes werden von den Gehorsamen erfahren, aber Gott wird die Ungehorsamen bestrafen. Wie? Leviticus 26, 33 ff: »Und ich will euch unter die Heiden zerstreuen ... und euer Land soll wüst sein und eure Städte zerstört.« Warum? »Alsdann wird das Land sich seine Sabbathe gefallen lassen, solange es wüst liegt und ihr in der Feinde Land seid, dann wird das Land feiern und sich seine Sabbathe gefallen lassen«.

Dies ist eine bemerkenswerte - wir können sagen - ökologische Interpretation des Exils Israels in Babylon: Gott wollte sein Land retten. Darum lässt Gott es zu, dass sein Volk besiegt und in die Gefangenschaft deportiert wird. Siebzig Jahre lang soll Gottes Land unbearbeitet bleiben, dann hat es sich erholt, und Gottes Volk kann ins verheißene

Land zurückkehren! Das Sabbathjahr für das Land kann man Gottes Umweltpolitik für seine Geschöpfe und für seine Erde nennen.

Alle alten landwirtschaftlichen Kulturen kannten die Weisheit der Brache, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhalten. In meiner Jugend lag in Norddeutschland in jedem fünften Jahr das Ackerland unbebaut, so dass Pflanzen und Tiere zurückkehren konnten und wir Kinder darauf spielen durften. Nur die großen Imperien haben die fruchtbaren Regionen ohne Unterbrechung ausgebeutet, um ihre Armeen und ihre Hauptstädte zu ernähren, bis der Boden erschöpft war und zur Wüste wurde. So ist es in Persien, Rom, Babylon und vielleicht auch auf der Halbinsel Yucatan den Mayas geschehen.

Heute ist das Brachlandprinzip fast vollständig aus der Landwirtschaft verschwunden. Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat mehr und mehr chemische Dünger in die Böden gebracht. Monokulturen haben die alten Fruchtfolgen abgelöst. Das Resultat ist die Intensivierung der künstlichen Düngemittel und die steigende Vergiftung der Böden und der Ernten.

Wie wäre es, wenn wir in die Feste des Kirchenjahres einen »Tag der Erde« zur Feier der von uns Menschen gequälten Schöpfung hineinnähmen? In Amerika wird inoffiziell ein solcher TAG DER ERDE am 22. April von vielen Gemeinden gefeiert: Wie wäre es, wenn wir in Europa den 27. April, den Tag von Tschernobyl, dazu erklärten?

Am Tag der Erde sollen wir uns vor der Erde verneigen und sie um Verzeihung für das Unrecht bitten, das wir ihr angetan haben, damit wir wieder in ihre Gemeinschaft aufgenommen werden. Am Tag der Erde sollen wir den Bund erneuern, den Gott mit Noah und der Erde geschlossen hat.

Ein zweiter Vorschlag betrifft uns selber. Wie wäre es, wenn wir im Berufsleben alle 7 Jahre ein Sabbathjahr einlegen würden? Die Sabbathregeln sind nach der Bibel Gottes ökologische Strategie, um das Leben zu bewahren, das Gott geschaffen hat. Der Sabbath ist mit seiner Ruhe und seinem Zeitrhythmus auch die Strategie, die aus der ökologischen Krise herausführt und uns nach den einseitigen Fortschritten zu Lasten der Natur die Werte der dauerhaften Entwicklung und des Einklangs der Natur zeigt.

Und der Segen könnte dann so formuliert werden: Und der Friede Gottes sei mit dem Land und der See, mit den Wäldern und den Wiesen, mit den Blumen und den Tieren. Der Friede Gottes sei mit uns Menschen in der Gemeinschaft mit allen anderen Geschöpfen im Himmel und auf Erden.

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(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Pfarrerblatts. Quelle: Deutsches Pfarrerblatt, 95. Jg., Feb 1995, H.2, 51-54 Beim Tag der Württembergischen Pfarrerinnen und Pfarrer am 10. Oktober in Ulm hielt Prof. Dr. Jürgen Moltmann das Hauptreferat, das hier gekürzt wiedergegeben ist.)

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Aus  http://www.philos-website.de/autoren/show.php?id=moltmann_c.htm&q=Kirche

"Christus ist unsere Hoffnung, denn Christus ist unsere Zukunft. Das heißt: wir warten und hoffen auf seine Wiederkunft und beten: Komm, Herr Jesu, komm zur Welt, komm zu uns! Wie der Auferstehungsglaube Hoffnung begründet, so bestimmt die Wiederkunft Christi den Horizont dieser Hoffnung. Ohne Erwartung der Wiederkunft Christi gibt es keine christliche Hoffnung, denn ohne sie vertraut die Hoffnung nicht auf eine radikale Alternative zum Zustand dieser Welt.

War es nicht ein Zeichen der Verbürgerlichung des Christentums, als die Parusieerwartung kraftlos wurde, als sie verdrängt und aufgeklärt wurde und dann zu den sog. Sekten im religiösen Untergrund der bürgerlichen Gesellschaft auswanderte? Wer keine wirkliche Umkehr sucht oder keine Umkehr nötig zu haben glaubt, der kann auf die alternative Zukunft im Bild des wiederkehrenden Christus verzichten. Er braucht sie nicht. Wer sich aber vorbehaltlos auf die Umkehr einläßt, dem wird die Wiederkunft und das messianische Reich Christi wichtig. Er braucht den Halt dieser Zukunft, um sich von der Gegenwart zu lösen, um der Gegenwart frei entgegentreten zu können. Die Zukunft Christi ist ihm wichtiger als die Gegenwart der Welt. Darum betet er: &#187;Dein Reich komme, und es vergehe diese Welt&#171;. Für die Erwartung der Parusie Christi und seines Reiches ist freilich die Übersetzung >Wiederkunft< unglücklich. Sie setzt voraus, daß Christus jetzt fort ist und dann wieder kommt. Das aber entspricht nicht der Erfahrung seiner Gegenwart im Geist. Darum finde ich die alte Übersetzung von Luther und Paul Gerhardt besser: sie sprachen von der Zukunft Jesu Christi. Das setzt seine Gegenwart voraus.

Auf die Erwartung der Zukunft Christi haben sich in der Geschichte und auch bei verschiedenen christlichen Gruppen der Gegenwart die verschiedensten Motive versammelt. Die Erwartung des kommenden Christus kann gewiß nicht ein Rachetraum der Zukurzgekommenen sein: >Einst kommt der Tag der Rache...< Sie kann auch kein Allmachtstraum der Ohnmächtigen sein: >Dann werden wir herrschen und unsere Feinde hinrichten.< Endlich kann sie nicht gut eine Kompensation der Enttäuschten sein: >Im Himmel wird es besser werden!< In der Erwartung und im Gebet um die Zukunft Christi vollendet sich vielmehr allein jene Hoffnung, die aus der Auferstehung Christi geboren wurde. Der Auferstandene >muß herrschen<, bis ihm alle Feinde zu Füßen liegen; das ist der Grund für die Parusiehoffnung des Apostels (1 Kor. 15,25). Ist aber Christus um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden und herrscht er durch die Freiheit, zu der er uns befreit hat, dann können wir von seiner Zukunft doch nichts geringeres und auch nichts anderes erwarten als die Vollendung der Rechtfertigung und ein Reich der Freiheit, das auch die >seufzende Kreatur< umfaßt. Gewiß wird mit dem Kommen Christi in Herrlichkeit auch das Gericht erwartet: &#187;von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten&#171;.

Zur Vollendung des Heils gehört auch die Beendigung des Unheils. Zum Reich Gottes gehört sein Gericht. Es gibt keinen Grund, das auszulassen oder zu verschweigen oder als altertümliche Apokalyptik zu entmythologisieren. Es gibt aber noch viel weniger Grund, vor dem >Jüngsten Gericht< in Angst und Panik zu fallen und es sich mit den schauerlichen Höllenvisionen mittelalterlicher Bilder auszumalen. Auch das kommende Gericht über Lebendige und Tote ist ein Gegenstand der Hoffnung, der Sehnsucht und des Gebetes: &#187;Herr komm bald!&#171; Denn wer ist der Richter? Es ist derselbe Christus, der sich für die Sünder in den Tod gegeben und unsere Schmerzen und Krankheiten getragen hat. Wie soll man sich seinem Gericht nicht freudig anvertrauen?!

Wonach wird der Gekreuzigte denn richten? 

Nach dem Gesetz oder nach seinem Evangelium? Nach unseren Taten oder nach seinem Leiden für uns? Wie sollte man dem Weltenrichter nicht mit Freude entgegengehen, der doch der für uns Gekreuzigte ist?! 

Und endlich: wozu wird er denn richten Zur Bestrafung der Bösen und zur Belohnung der Guten oder um seine Gerechtigkeit in allen und überall durchzusetzen? Wird er richten, um hinzurichten oder um aufzurichten? 

Gibt es im Jüngsten Gericht eine andere Gerechtigkeit Gottes, als sie im Geschehen der Rechtfertigung der Sünden hier erfahren wird? Die Erwartung des Jüngsten Gerichtes soll nicht zu einer Projektion unserer verdrängten Schuldangst werden. Sie kann auch nicht eine Projektion unserer notorischen Selbstentschuldigung werden. Gründet sie in der Erinnerung und der gegenwärtigen Erfahrung Christi, dann erst richtet sie sich auf seine Zukunft: Seine Gerechtigkeit wird siegen! Er, der Gekreuzigte, wird richten! Er wird nach seinem Evangelium richten! Die Verkündigung des kommenden Gerichtes ist eine frohe und befreiende, keine bedrohende und einschüchternde Botschaft. Darum singen wir Adventslieder. Auf das Gericht Christi dürfen wir ebenso fröhlich hoffen wie auf sein Reich. Was auch kommen mag und wer wir auch sein werden:  unser Herr kommt. Gott sei Dank!"

 

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