Siegfried Kracauer

Die Angestellten

 

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*1889 in Frankfurt bis 1966 ( 77)

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Mittelschichten und Massenkultur 

Siegfried Kracauers publizistische Auseinandersetzung 
mit der populären Kultur und der Kultur 
der Mittelschichten in der Weimarer Republik

 

Henri Band 1999, Lukas Verlag   ISBN 3-931836-25-8  xxx Seiten 

 

 

Das Buch rekonstruiert Siegfried Kracauers publizistischen Beitrag zur Erfassung der modernen massen­kulturellen Phänomene der zwanziger und dreißiger Jahre. 

Besondere Rücksicht gilt der in seinen Essays wiederholt porträtierten Kultur der Mittel­schichten.

In der Monographie <Die Angestellten> untersuchte Kracauer - auf der Basis umfangreicher Recherchen in Berlin - die für das Leben der großstädtischen Angestellten charakteristische Symbiose von rationalisierten Großbetrieben, urbanen Milieus, medial bestimmter Öffentlichkeit und kulturindustriell zubereiteter Zerstreuungskultur.

Seine Kritik am Kultur- und Sportbetrieb galt den Versuchen, die Freizeitpraktiken der Massen weltanschaulich oder machtstrategisch zu instrumentalisieren und der gerade in Deutschland verbreiteten Neigung, ihre Vergnügungen künstlerisch zu adeln oder rational zu organisieren. Die Zerstreuung kann ihr emanzipatorisches Potential jedoch nur dort entfalten, wo sie ihren improvisatorischen Charakter behauptet. 

 

 

I n h a l t  

Vorbemerkung (7)    Einleitung (8)

Die biographische und geistige Ausgangslage von Siegfried Kracauers Denken  (15) 
  Zwischen Brotberuf und kulturphilosophischer Berufung  (15)
  Frühe Kultur- und Erkenntniskritik als metaphysisches Leiden an der Welt  (20)

Populäre Kulturphänomene als Probe aufs zivilisationskritische Exempel  (31) 
  Der Detektivroman. Vom Siegeszug der Ratio in den niederen Sphären des Ästhetischen ... 31
  Die Reise und der Tanz. Wandlung der raumzeitlichen Bewegungsformen im durchrationalisierten Zeitalter ... 44
  Das Ornament der Masse. Oberflächenerscheinungen als Chiffren des Epochenwandels  51

Die ideologie- und sozialkritische Inhaltsanalyse von Erfolgsfilmen und Erfolgsbüchern (61)
 Das Kino zwischen Zerstreuungskultur und Kult der Zerstreuung    62
 Erfolgsbücher und ihr bürgerliches Publikum  78

Kritik der Mythen und Mythen der Kritik  ... 94
 Publizistisches Feld und Kritik als Beruf  94
 Siegfried Kracauer und die "Frankfurter Zeitung"  106
 Mission der Intellektuellen und intellektuelle Dispositionen   112

Siegfried Kracauers Expedition in die Alltagswelt der Berliner Angestellten  ... 125
 Zur Geschichte der Angestellten und der Angestelltensoziologie   126
 Kracauer unterwegs in Berlin: Erhebungsmethoden und Erfahrungsraum   143
 Die Angestellten: Zwischen sozialökonomischer Proletarisierung und kultureller Verbürgerlichung   151
 Zur zeitgenössischen Resonanz der Angestelltenstudie   202

Schluß: Klassifikationsarbeit und Krise der Klassifikationen  ... 219

Anhang:  Abkürzungsverzeichnis   224 #  Literaturverzeichnis  224  #  Personenregister  246

 

 

Auszug  S. 151

 

Kracauer hat seiner Studie "Die Angestellten" zwei Szenen vorangestellt, die die lebensweltlichen Pole des Angestelltendaseins und das thematische Spannungsfeld der Arbeit umreißen:

I.  Eine entlassene Angestellte klagt vor dem Arbeitsgericht auf Weiterbeschäftigung oder Abfindung. Als Vertreter der beklagten Firma ist ein Abteilungsleiter erschienen, der frühere Vorgesetzte der Angestellten. Um die Entlassung zu rechtfertigen, erklärt er unter anderem: <Die Angestellte wollte nicht als Angestellte behandelt werden, sondern als Dame.> – Der Abteilungsleiter ist im Privatleben sechs Jahre jünger als die Angestellte.

II.  Ein eleganter Herr, zweifellos ein höherer Konfektionär, betritt abends in Begleitung seiner Freundin den Vorraum eines weltstädtischen Vergnügungs­etablissements. Der Freundin ist auf den ersten Blick anzusehen, daß sie im Nebenberuf acht Stunden hinter dem Ladentisch steht. Die Garderobenfrau wendet sich an die Freundin: <Wollen gnädige Frau nicht den Mantel ablegen?>.

Schriften 1: 209

 

Mit den exemplarischen Situationen lenkt Kracauer gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit auf die Grundstruktur des Ange­stellten­daseins in seiner Trennung von Arbeits- und Freizeitsphäre: auf der einen Seite die Funktionalisierung und Unterordnung der Angestellten in der rationalisierten und hierarchisch organisierten Produktion und auf der anderen Seite ihre scheinhafte Erhöhung in der Freizeit durch den bürgerlichen Abglanz der Vergnügungsstätten bzw., in diesem Falle, auch durch den Abglanz des eleganten Herrn.

Die gegensätzlichen Welten sind zugleich komplementäre Welten. Die beiden weiblichen Angestellten, die im Mittelpunkt der Szenen stehen, sind so weit auf typische Merkmale reduziert, daß sie austauschbar erscheinen. Die unterschiedliche Behandlung, die sie erfahren, läßt sich nicht auf individuelle oder allein auf sozialökonomische Charakteristika zurückführen, sondern entspringt dem jeweiligen sozialen Kontext, in dem sie mit diesen Eigenschaften stehen. 

In der symbolischen Obhut des höheren Konfektionärs und als Kundin eines weltstädtischen Vergnügungs­etablissements geadelt, hat die Garderobenfrau die Freundin des Herrn im Lichte jenes sozial aufwertenden Attributes wahrzunehmen und zu behandeln, das der entlassenen Angestellten in der Sphäre der Arbeit von ihrem Vorgesetzten verweigert wird - als gnädige Frau bzw. als Dame.

In der Arbeitswelt wiederum wird die Behauptung dieses Statusmerkmals – selbst gegenüber jüngeren Vorgesetzten – zur ungerechtfertigten symbolischen Übertretung der durch die Arbeitsfunktion definierten untergeordneten Dienststellung und als Gefährdung der Betriebsdisziplin hingestellt, die in den Augen des Vorgesetzten eine Kündigung rechtfertigt.

Dem Statusverhältnis korrespondiert ein hierarchisches Geschlechterverhältnis: In beiden Szenen sind es höherrangige männliche Angestellte, denen die eine Angestellte ihre Entlassung und die andere Angestellte die Anrede als "gnädige Frau" verdankt. Der Wechsel zwischen der Welt der Arbeit und der des gehobenen Freizeitvergnügens geht mit einem ans Paradoxe grenzenden Rollen- bzw. Identitätswechsel der Protagonistinnen einher. Damit setzt Kracauer das tragende Motiv seiner Studie ein: die Doppelexistenz der Angestelltenschaft in der sozialökonomischen Sphäre arbeitsfunktionaler Ein- und Unterordnung und der kulturellen Sphäre der scheinhaften Restitution einer verschollenen Bürgerlichkeit.

 

 

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