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Teil 1    Das Erbe des Neandertalers

 

1. Die Zeit vor unserer Zeit

  2.Nische   3.Urhorde

 

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Unsere Erde ist eine Dame mittleren Alters. Sie wurde vor ungefähr viereinhalb Milliarden Jahren geboren. Stellen Sie sich diese Zeit der Einfachheit halber als horizontale Linie von viereinhalb Kilometern Länge vor. Ein Millimeter entspricht tausend Jahren, ein Meter einer Million Jahre.

   

Leben auf der Erde

Ganz am Anfang ist die Erde heiß und unbewohnbar. Aber nach etwa einem Kilometer hat sich eine Kruste ge­bildet — und diese Kruste ist von Wasser bedeckt. Es entsteht Leben — auf dem Meeresgrund, in den dunklen Tiefen der Ozeane, an Stellen, wo aus unterirdischen Quellen heißes, mineral­stoff­reiches Wasser ins Meer strömt. Hier nimmt alles, was sich später auf diesem Planeten bewegen wird, seinen Anfang — mit Bakterien­stämmen, die man noch heute dort unten finden kann.

Lange Zeit gibt es nur im Meer Leben. Es ist zunächst noch keine Atmosphäre mit Sauerstoff und Ozonschild vorhanden, welche Leben an der Oberfläche ermöglichen würde. Und im Meer gibt es die längste Zeit nur einfache, einzellige Organismen. Aber nach etwa dreieinhalb Kilometern findet ein Quanten­sprung statt: Es entwickelt sich plötzlich — man weiß heute noch nicht genau, warum — eine großartige Vielfalt von Lebewesen mit wesentlich komplizierteren Bauplänen: Würmer, Polypen, Schnecken, Quallen, Muscheln, Krebse, etwas später auch Fische. Es wimmelt im Meer förmlich von Leben.

Erst auf den letzten 400 Metern — vor 400 Millionen Jahren — ist es dann soweit: An Land entwickeln sich erste Pflanzen. Kurz danach beginnen die ersten Tiere, das Land zu besiedeln — zuerst Amphibien, dann Rep­tilien. Und 200 Meter vor dem Ende der Strecke — vor 200 Millionen Jahren — findet man neben Vögeln und kleinen Säugetieren vor allem Saurier — in allen möglichen Formen und Größen, zum Teil harmlose Vegetarier, zum Teil furchterregende Räuber. Sie beherrschen über eine längere Strecke das Geschehen an Land.

 

Das Ende der Saurier

65 Meter vor dem Ende unserer Strecke, also vor 65 Millionen Jahren, schlägt ein riesiger galaktischer Irr­läufer — ein Komet oder ein Meteor von ungefähr zehn Kilometern Durchmesser — mit einer Geschwind­igkeit von 100.000 Kilo­metern pro Stunde in die Erde ein. Es entsteht ein Krater mit einem Durchmesser von 180 Kilometern. Unvorstellbar hohe Schockwellen, die mehrfach um die ganze Erde laufen; extreme Hitze und Stürme; massenhaft ausgelöste Vulkanausbrüche; eine fast vollständige, vermutlich monatelange Verdunkelung der Atmosphäre durch aufgeworfene Staub- und Aschepartikel; anschließend ätzend saurer Regen und schwere Kälteeinbrüche vernichten schlagartig 90 Prozent aller Arten. Nur kleinere Lebewesen, mehrheitlich Meeres­bewohner überstehen die Katastrophe. Dies ist das Ende der Saurier.

Was sich danach, also auf den letzten 65 Metern unserer Strecke abspielt, kann man als die Ära der Säugetiere bezeichnen. Nachdem durch das Aussterben der Saurier große Lebensräume frei geworden sind, entwickelt sich aus einigen mausartigen Kleinst­säugern eine beeindruckende Artenvielfalt. Auf den letzten 40 Metern finden wir — neben vielen anderen, großen und kleinen Säugetieren — affenartige, auf Bäumen lebende Arten. Einige von ihnen wagen sich mit der Zeit aus dem Wald in die Savanne hinaus. Sie richten sich auf und beginnen, sich auf zwei Beinen fortzubewegen. Auf den letzten Metern entwickelt sich eine Art, die lernt, Werkzeuge zu gebrauchen und herzustellen. Es sind Menschen, die in kleinen Horden zunächst als Sammler, später auch als Jäger, auf ewiger Wanderschaft große Gebiete durchstreifen.

Auf dem letzten Zentimeter läuft die Entwicklung plötzlich aus dem Ruder. Die Menschen lernen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, und beginnen, seßhaft zu leben. Diese Revolution der Nahrungs­beschaffung sowie insbesondere die neue Errungen­schaft der Vorratshaltung führen zu einer explosions­artigen Vermehrung der Bevölkerung.

Stellen Sie sich die Größe der Weltbevölkerung auf unserer Entwicklungslinie als senkrechten Strich vor: Ein Millimeter entspricht einer Million Menschen. Über eine Strecke von zwei Metern hinweg sind die senkrechten Striche nie länger als ein Millimeter.

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Auf den letzten 50 Zentimetern — die Menschen haben gelernt, das Feuer zu beherrschen, und können sich deshalb auch in kühleren Regionen verbreiten — messen die Striche vielleicht zwei bis drei Millimeter. Aber auf dem letzten Zentimeter verlängern sie sich plötzlich in kurzen Abständen: ein Zentimeter, zehn Zentimeter, ein Meter. Der letzte Strich, am Ende des letzten Zentimeters, mißt sechseinhalb Meter! Dies ist das Jahr 2000. Und nur Bruchteile eines Milli­meters weiter wird der nächste Strich neun oder zehn Meter betragen. Der letzte Zentimeter der viereinhalb Kilometer langen Entwicklungslinie ist die Geschichte der menschlichen Zivilisation.

 

Es war einmal ein Spitzhörnchen

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß Sie Eichhörnchen besonders reizend finden? Nun, dafür gibt es einen guten Grund: Der Urahn aller affenartigen Tiere, aus denen auch wir Menschen uns entwickelt haben, war ein Spitzhörnchen.* Dieses auf Bäumen lebende Tierchen hatte mehrere Eigenschaften, die für die eindrucksvolle Evolution bis hin zu uns Menschen entscheidend waren: nach vorne gerichtete Augen und, damit verbunden, die Fähigkeit des räumlichen Sehens; Distanzen präzise abschätzen und Dinge — zum Beispiel einen Ast oder eine Nuß — gezielt greifen und festhalten zu können; zu Greifwerkzeugen ausgebildete Vorder­pfoten; und die Fähigkeit, sich aufzurichten und auf den Hinterbeinen zu stehen.

Diese besonderen Eigenschaften waren unabdingbare Voraussetzungen für das Leben auf Bäumen. Sie haben sich im Über­lebens­kampf hervorragend bewährt. Viele neue Arten, nicht zuletzt alle Affen, haben sich auf­grund dieser Fähigkeiten entwickeln und über Jahrmillionen durchsetzen können. Ohne dieses Instrument­arium würde es uns nicht geben. Auch die Entwicklung unserer Intelligenz, auf die wir uns so viel einbilden, hängt unmittelbar mit dem räumlichen Sehen und der Fähigkeit zu greifen zusammen. Begreifen — das heißt verstehen — hat in der Tat etwas mit greifen zu tun. Am schönsten kann man dies bei Babies beobachten, die mit ihren Händchen zu spielen, zu greifen und Zusammenhänge zu erkennen beginnen.

* (d-2008) Spaß muß sein!  Saufende Spitzhörnchen (2008)  heise.de artikel / 28/28429/1  +  als pdf bei detopia 

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Unsere Ahnengalerie

Das erste, wovon wir Abschied nehmen müssen, wenn wir uns die Geschichte des Menschen vor Augen führen, ist die Vorstellung, es gebe so etwas wie eine gerade Abstammungslinie, die von irgendeiner bestimmten, früher lebenden Art direkt zu uns modernen Menschen führt. Unser Stammbaum ist vielmehr ein völlig unübersichtliches Gewirr von Ästen und Zweigen, die teils weiterführen, teils irgendwo plötzlich enden. Die Evolution produziert laufend und massenhaft Sackgassen. Die verschied­ensten Affen- und Menschen­affenarten sind entstanden und wieder ausgestorben. Die Entwicklung von affenartigen zu menschen­ähnlichen Wesen hat sich im Laufe von 25 Millionen Jahren über viele Haupt- und Nebenstränge vollzogen. Unter­schiedlich entwickelte menschenähnliche Arten haben zum Teil während Millionen von Jahren gleichzeitig gelebt. Wer sich wann mit wem vermischt hat, und wer mit wem nicht, ist nicht geklärt und wird voraus­sichtlich nie geklärt werden können.

Als unser unmittelbarer Urahn gilt ein Frühmensch, dem die Wissenschaft den Namen Homo habilis gegeben hat. Die ersten Spuren hinterließ er vor zweieinhalb, die letzten vor eineinhalb Millionen Jahren. Er konnte Steinwerk­zeuge herstellen, betrieb Rudeljagd und wies bereits ein höher entwickeltes Sozialleben auf. In Feuerland, Patagonien, Neuguinea und Tasmanien finden sich noch heute Reste von Urvölkern, die nicht über diese frühe Stufe des Werkzeug­gebrauchs hinausgelangt sind.

Der vielleicht bekannteste Frühmensch ist der Neandertaler. Er ist vor rund 100.000 Jahren aufgetaucht und vor 35.000 Jahren wieder verschwunden. Er hat bereits wesentlich feinere Steinwerkzeuge hergestellt, sich mittels einer ausgeprägten Sprache verständigt, die Treibjagd beherrscht und Fallgruben gebaut. Bei ihm finden sich erste Hinweise auf religiöse Riten, insbesondere auf das Begraben der Toten. Aber ausgerechnet der Neandertaler figuriert nicht in unserer Ahnenreihe. Mit ihm verbinden uns lediglich gemeinsame Vorfahren. Vieles deutet sogar darauf hin, daß der Neandertaler von frühen Populationen des Neuzeit­menschen verdrängt, möglicherweise ausgerottet worden ist.

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Zu Besuch bei Verwandten

Unsere Ahnenreihe ist keineswegs lückenlos dokumentiert. Von einigen Vorfahren finden sich Fossilien, von anderen nicht. Wir wissen einiges über frühe, menschenartige Affen — und dann wieder allerhand über die frühen eigentlichen Menschen. Dazwischen — für die Zeit von vor fünf bis sechs Millionen Jahren — klafft eine Lücke. Die Wissenschaft spricht vom "missing link", dem fehlenden Bindeglied.

Nun haben wir aber im Tierreich außerordentlich nahe Verwandte, und zwar die Schimpansen. Ihre Entwick­lungs­linie hat sich sehr viel später von der unseren abgespalten als beispielsweise diejenige der Paviane, Orang-Utans oder Gorillas. Jüngere, gentechnische Untersuchungen haben die äußerst nahe Verwandtschaft zwischen Menschen und Schimpansen bestätigt: 98,4 Prozent der Gene sind identisch. Dies hat in den letzten Jahren zu einer intensiven wissen­schaftlichen Beschäftigung mit diesen Tieren geführt — und zu aufregenden Ergebnissen.

Schimpansen können nicht nur Werkzeuge einsetzen, sondern teilweise sogar Werkzeuge herstellen und zum Gebrauch an der richtigen Stelle bereitlegen. Sie brechen sich aus Pflanzenhalmen Röhrchen zurecht, die sie als Geruchssonden verwenden, um Termitenhügel nach lebenden Termiten abzusuchen. Sie schlagen mit Steinen Nüsse auf. Sie verwenden Blätter, um ihren Hintern von Fäkalienresten zu säubern. Sie basteln aus Pflanzenfasern eine Art Schwamm, um Wasser aufzunehmen und zu trinken. Schimpansen wurden beobachtet, wie sie mit Hölzern, die sie als Hebel benutzten, eine Lebens­mittelkiste aufbrachen; andere, wie sie aus herum­liegenden Ästen eine Art Leiter bauten, um aus einem Gehege zu entkommen. Dies alles zeugt von einem planenden Vorausdenken, das man bislang ausschließlich dem Menschen zugebilligt hatte.

Schimpansen zeigen aber auch ein hochentwickeltes Sozialleben. Sie verfügen über eine besonders ausgepräg­te Fähigkeit zu sozialem Lernen. Ihre Formen des Zusammenlebens sind wesentlich flexibler, ihre Formen der Verständigung untereinander differenzierter als diejenigen anderer Affenarten. Und im Gegensatz zu allen anderen Affenarten können sich Schimpansen an auffallend unterschiedliche Umweltverhältnisse anpassen — eine der hervorstechendsten Eigenschaften der frühen Hominiden.

Aufgrund der bisherigen Ergebnisse hält man es mittlerweile für möglich, daß die Schimpansen der geheimnis­vollen Übergangs­population sehr nahe kommen, über die wir auf dem Wege fossiler Funde bis heute nichts erfahren konnten. Es könnte sein, daß die Schimpansen Abkömmlinge gemeinsamer Vorfahren sind, die sich — im Gegensatz zum Zweig der Hominiden — wenig oder gar nicht verändert haben.

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2  Die Nische der Hominiden 

 

 

Eigentlich dürfte es uns gar nicht geben. Die frühen Menschen waren den damals lebenden Raubtieren an Größe, Kraft und Schnelligkeit weit unterlegen. Für die Jagd waren sie viel zu langsam und schwerfällig. Ander­er­seits waren sie bei weitem groß genug, um selbst auf größere Distanz gesehen zu werden — und sie lebten auf der ebenen Erde, und nicht etwa, wie viele Affenarten, zurückgezogen im Geäst hoher Bäume. Vor allem aber waren sie viel zu groß, um wie Kleingetier — Bakterien, Insekten oder Mäuse — ihre Art durch Massen­fortpflanzung erhalten zu können. Im Gegenteil, sie lebten in kleinen Gruppen, weit verstreut über große Gebiete. 

Eine Frau konnte im Laufe ihres kurzen Lebens vielleicht drei bis vier Kinder großziehen — immer nur eines auf einmal, denn ein Kind mußte während der ersten Jahre seines Lebens auf den weiten Wander­ungen der Sippe Schritt für Schritt getragen werden. Während Jahrmillionen gab es insgesamt nie mehr als einige Hunderttausend Exemplare — ein verschwindend kleiner Bestand im Vergleich zu demjenigen aller damals lebenden größeren Säugetiere. Unter derartigen Voraus­setzungen zu überleben, war in der Tat eine nicht zu überbietende Glanzleistung.

 

Weltmeister der Anpassung

Die Strategie, die dieses Kunststück möglich machte, heißt Anpassung. Wir waren und sind — wie die Schimp­ansen — Alles­fresser. Unsere Vorfahren konnten sich von Früchten, Nüssen, Blättern, Wurzeln und Knollen oder aber von Eiern, Fleisch oder Fisch ernähren — je nachdem, was gerade verfügbar war. Sie setzten scharfe Steine als Werkzeuge ein, um Wurzeln zu zerkleinern, Tiere zu erschlagen, Knochen aufzubrechen, Kadaver zu häuten und Tierfelle zu säubern. 

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Sie waren in der Lage, Essbares zu sammeln und mit sich zu tragen — erste Formen der Vorratshaltung. Mit der Zeit lernten sie, in Rudeln zu jagen, und etwas später, Tiere gezielt in eine Falle zu treiben. Nach rund zwei Millionen Jahren lernten sie sogar, das Feuer zu beherrschen. Danach verbreiteten sie sich innerhalb kürzester Zeit — in wenigen Tausend Jahren — bis in die kältesten Regionen unseres Planeten.

Dies alles setzte besondere Fähigkeiten voraus: zum einen bewußte, der jeweiligen Situation entsprechende Entscheidungen anstelle eines ein für allemal genetisch festgelegten Verhaltens­programmes; zum zweiten die Fähigkeit, zu lernen — das heißt Informationen aufnehmen, im Gedächtnis behalten und weitergeben zu können; und drittens, besonders wichtig: die Fähigkeit zur Fürsorge und Zusammenarbeit. 

Gemeinsam ist man stark — dies war das Überlebens­rezept des vergleichsweise schwächlichen und verletzlichen frühen Menschen. Gemeinsam wurde gejagt, gemeinsam wurde die Nahrung verteilt und verzehrt, gemeinsam verteidigte man sich gegen Raubtiere oder Gruppen feindlicher Stämme. Kein Tier hat je ein so hochentwickeltes Sozialleben gehabt wie die Hominiden. Zusammenhalt und koordiniertes Vorgehen haben es den Menschen ermöglicht, unter den verschiedensten Bedingungen zurecht­zukommen und sich gegen alle damals lebenden Tiere — auch gegen so große wie die Mammuts und so gefährliche wie die Säbelzahntiger — erfolgreich durchzusetzen.

 

Der aufrechte Gang

"Sich auf die Hinterbeine stellen" ist noch heute der Ausdruck für Selbstbehauptung und Durchsetzungs­willen — und genau dies war notwendig, wenn man sich als affenartiges Wesen von den Bäumen herab in die Savanne hinaus wagte. Man mußte sich aufrichten, um im meterhohen Gras Überblick zu gewinnen, oder aber, um durch Markieren von Größe Raubtiere abzuschrecken. Hin und wieder für kurze Zeit aufzustehen genügte nicht. Man mußte sich auf zwei Beinen fortbewegen können. Damit wiederum war ein entscheidender Vorteil verbunden: Die Hände waren frei zum Greifen, Tragen oder Werfen von Gegenständen.

Wer beides konnte, sich auf den Hinterbeinen fortbewegen und gleichzeitig die Hände gebrauchen, der hatte bessere Aussichten zu überleben. So haben die Hominiden im Laufe der Evolution beides perfektioniert. Dazu war allerdings eine entsprechende Koordination der Bewegungsabläufe erforderlich.

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Im übrigen mußte man ein ausgeprägtes Raumgefühl, insbesondere ein Gefühl für "oben" und "unten" ent­wick­eln. Mit der Ausgestaltung des Bewegungs­apparates ging deshalb eine Vergröß­erung und Differenz­ierung des Gehirns einher.

Die frühen Hominiden waren allerdings noch keine Jäger. Sie konnten nur an eiweißreiche, tierische Nahrung heran­kommen, wenn sie diese greifen konnten: Eier, Insekten, Larven sowie kleine, verletzte oder tote Vögel und Säugetiere. Ihre Hauptnahrung war vegetarischer Natur. Um aber in der Savanne genügend Eßbares zu finden, mußten sie weite Gebiete durchstreifen. Unsere Vorfahren waren nicht besonders schnelle, dafür aber außerordentlich ausdauernde Läufer — und ständig in Bewegung.

 

Die frühe Geburt

In der ökologischen Nische, in der sich die Hominiden befanden, waren Größe und Leistungsfähigkeit des Gehirns die entscheidenden Vorteile im Kampf ums Überleben. Doch da gab es ein Problem: Einerseits war Nachwuchs mit besonders gut ausgebildetem Gehirn gefragt; anderseits war damit ein größerer Kopf verbunden. Doch die Öffnung, durch die das Kind bei der Geburt aus dem Mutterleib kommen sollte, war anatomisch begrenzt und aus konstruktiven Gründen auch nicht beliebig erweiterbar. Eine Veränderung des Beckens hätte bei der Mutter unausweichlich zu einer Beeinträchtigung der Fort­bewegungs­fähigkeit geführt.

Die Evolution hat einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden: eine immer frühere Geburt. Die besten Über­lebens­chancen hatten diejenigen, die erstens ein gut ausgebildetes Gehirn besaßen, zweitens so früh geboren wurden, daß sie gerade noch durch die enge Öffnung schlüpfen konnten, und drittens von der Mutter entsprechend intensiv und lange ernährt, gepflegt und beschützt wurden. Jahrelang. Denn die neugeborenen Menschen waren in Tat und Wahrheit Frühgeburten und nicht — wie beispielsweise ein Fohlen — zum Zeit­punkt der Geburt bereits weitgehend ausgereifte und selbständig fortbewegungsfähige Lebewesen.

Ausgerechnet dieses scheinbare Handicap hat in der Folge zur Entwicklung entscheidender Überlebens­vorteile geführt. Menschen­kinder werden besonders früh in ihrer Entwicklung mit der lebendigen Umwelt konfrontiert. Sie beginnen sehr viel früher zu lernen. Sie werden sehr viel länger und intensiver von ihrer Mutter betreut und entwickeln deshalb eine ausgeprägte Fähigkeit, stabile emotionale Beziehungen einzugehen. Sie haben eine besonders lange Kindheit, während welcher sie von der Mutter auf das Leben vorbereitet werden.

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Sie können sehr viel komplexere Strategien, nicht zuletzt im Umgang mit anderen Menschen, lernen und einüben. Das Wesen, welches besonders hilflos und verletzlich zur Welt kam, war, wenn es die Kinderstube verließ, besonders gut vorbereitet auf die Überraschungen und Gefahren, die das Leben in der freien Natur bereithielt.

 

Die Weitergabe von Wissen

Eine der wesentlichsten, aber auch anspruchsvollsten Fähigkeiten, die im Laufe der Kindheit erlernt werden mußte, war die Verständigung mit Artgenossen. Mitteilungen über die eigene Befindlichkeit sowie über Verhält­nisse im Umfeld zu machen, aber auch solche Mitteilungen empfangen, speichern und gegebenen­falls an Dritte weitergeben zu können — dies sind Höchstleistungen der Kommunikation, die den frühen Menschen gewaltige Vorteile gegenüber jedem anderen Lebewesen verschafften.

Die hochentwickelte Kommunikation ermöglichte ganzen Menschengruppen, in schwierigen Situationen — etwa bei der Jagd oder bei drohender Gefahr — abgestimmt und koordiniert vorzugehen. Die Sprache ermöglichte aber auch eine ungleich intensivere und vielfältigere Gestaltung der Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen. Freundschaften konnten entstehen, vorübergehende Koalitionen ausgehandelt, dauerhafte Partner­schaften eingegangen werden. Das Beziehungs­gefüge in einer Gruppe von Menschen war und ist nicht nur vielfältiger und flexibler, sondern auch persönlicher und intensiver als in irgendeinem Rudel von Tieren.

Die Fähigkeit der Menschen zum Speichern und Weitergeben von Wissen hatte eine weitere Konsequenz: Wissen und Erfahrungen konnten von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Die Kultur einer menschlichen Population enthielt das gespeicherte Wissen nicht nur der lebenden Individuen, sondern auch ihrer Vorfahren. Und solange das gespeicherte Wissen sich bewährte, wurde es beibehalten. Traten im Umfeld entscheidende Veränderungen ein, kam neues "Wissen" dazu. Die Kultur entwickelte sich weiter. Wenn dagegen das Umfeld stabil blieb, konnte eine Kultur unverändert große Zeiträume überdauern. Zu allen Zeiten haben menschliche Populationen mit unterschiedlich entwickelten Kulturen gleichzeitig gelebt. Die letzten Stein­zeit­kulturen gehen in unseren Tagen als Folge der Zersiedelung unseres Planeten zugrunde.

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Fürsorge, Zusammenarbeit und Konfliktregelung

Zusammenleben in einer Gruppe bedeutet nicht nur Zuwendung, Rücksichtnahme sowie wechselseitige Für­sorge, Hilfe und Unter­stützung, sondern auch Streit, Intrigen, Konkurrenz und Konflikt. Geselligkeit ist nicht ein gleichbleibender Zustand der Nähe und des Wohlbefindens, sondern ein ununterbrochener Prozeß wechselnder Nähe und Distanz, der Zuneigung und der Abneigung, des Streitens und des Friedenschließens, des Eingehens von Kompromissen, des Vermittelns und des Aushandelns allseitig tragbarer Lösungen. Dies alles zu beherrschen, und zwar so, daß man selbst auf seine Kosten kommt, gleichzeitig aber den Zusammen­halt in der Gruppe nicht gefährdet — das will gelernt sein.

Die Fähigkeit, Konflikte offen, aber unblutig auszutragen und wieder beizulegen, ist hierbei ebenso wichtig wie die Fähigkeit, sich um andere zu kümmern, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen, anderen zu helfen. Diese Fähigkeit, die unsere Vorfahren zur dominierenden Art auf diesem Planeten gemacht hat, kommt uns heutzutage schrittweise, aber unaufhaltsam wieder abhanden.

Soziale Intelligenz, wie wir sie heute nennen, ist mehr und mehr Mangelware. Kommunikations­trainings, Seminare für Gesprächs­führung oder Kon­flikt­management sowie Therapien aller Art — vom Urschrei bis zur Psychoanalyse — haben Hoch­konjunktur. Der Neandertaler würde einen Lachkrampf kriegen.

Das Darwinsche Prinzip "Survival of the fittest" — das Überleben des jeweils Stärkeren — bedeutet nicht von vornherein das Überleben des stärksten oder intelligentesten Individuums. Es bedeutet bei verschiedenen Tier­arten — und ganz speziell beim Menschen — das Überleben der am besten funktionierenden Zusammen­arbeit. Die sozialsten und kooperativsten Gruppen haben sich durchgesetzt und konnten sich erfolgreich weiter­entwickeln.

Daß heute immer mehr Menschen heranwachsen, die nur das Recht des Stärkeren und die Durchsetzung eigener Interessen mit Gewalt gegen andere kennen­gelernt haben, und die all das nicht mehr beherrschen, was jeder Frühmensch im Laufe seiner Kindheit gelernt und eingeübt hat, ist ein entscheidender Aspekt des Dramas, dem dieses Buch gewidmet ist. 

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Symbole, Normen und Rituale

Die menschliche Sprache ist ein Code. Sie besteht aus einer Menge abstrakter Symbole, die wir verwenden, um anderen Infor­mationen über uns selbst oder über Verhältnisse im Umfeld weiterzugeben. Das Symbol für "Regen" kann unterschiedlich lauten: "Pioggia", "Rain" oder "Pluie". Entscheidend ist aber, daß die Mitglieder einer Gruppe, die sich unter­einander verständigen müssen, alle den gleichen Code, die gleichen Symbole verwenden. Sie brauchen eine gemeinsame Sprache. Sonst ist eine erfolgreiche Verständigung nicht möglich.

Außerdem brauchen sie gemeinsame Spielregeln. Sie müssen wissen, wie man sich — wenn man zu dieser Gruppe gehört — in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Es ist für das Überleben der Gruppe letztlich nicht entscheidend, ob man sich bei der Begrüßung die Hand gibt, die Nase reibt oder die Faust erhebt; ob Monogamie oder Polygamie angesagt ist; und ob Sex vor der Ehe verboten ist oder gezielt organisiert wird. Entscheidend ist aber, daß diese Dinge von allen Mitgliedern einer Sippe gleich gehandhabt werden. Sie brauchen ein gemeinsames Konzept, wie eine Behausung gebaut werden und aussehen soll. Und sie brauchen eine gemeinsame Vorstellung davon, was als "schön" und was als "häßlich" zu betrachten ist. 

All dies erleichtert das Zusammenleben und Zusammenwirken ganz außerordentlich. Die Komplexität, die entstünde, wenn nichts festgelegt wäre, würde nie und nimmer bewältigt werden können. Es käme zu einer babylonischen Verwirrung.

Wenn Menschen den Zusammenhalt in der Gruppe stärken, die Gemeinschaft pflegen wollen, dann müssen sie sich auch gemeinsam freuen und gemeinsam trauern können. Sie müssen gemeinsam Feste feiern, Musik machen, singen und tanzen. Und wenn sie religiöse Gefühle haben, brauchen sie gemeinsame Anlässe, um diesen Gefühlen gemeinsam Raum und Ausdruck zu geben. Die Menschen brauchen, um die Zusammen­gehörig­keit zu stärken, ihre kleinen und großen Rituale. Denn der Zusammen­halt ist nicht durch Instinkt, durch genetisch festgelegte Verhaltens­programme gewährleistet. Er muß laufend gepflegt und gefestigt werden.

Menschen sind nicht wie Bienen oder Ameisen, die ebenfalls ein beeindruckendes Sozialleben entwickelt haben, genetisch und hormonell gesteuerte Automaten. Ihr Verhalten wird durch bewußte, situative Entscheidungen sowie durch die in ihrem sozialen Umfeld herrschende Kultur gesteuert — durch ganz bestimmte Symbole, Normen und Rituale. Diese können von einer Population zur anderen diametral verschieden sein. 

Wenn ein Ire Sie auf der Straße respektvoll grüßt, schüttelt er den Kopf — genau so, wie jeder normale Deutsche dies tun würde, wenn er zum Ausdruck bringen möchte: "Was sind Sie doch für ein Vollidiot!". Menschen­fleisch zu verspeisen, kann höchster Genuß im Rahmen eines Festessens oder absolutes Tabu sein. Aber innerhalb einer bestimmten Gruppe gibt es kein Sowohl-als-auch.

Der Zusammenhalt verlangt einheitliche Regelungen, die klare Ver­hältnisse schaffen und jedem Mitglied der Gruppe sagen, was "gut" und "böse", "erlaubt" und "verboten" ist. Eindeutige Regelungen reduzieren den Auf­wand für Klärungen und Diskussionen. Sie reduzieren die soziale Komplexität auf ein erträgliches Maß.

Kultur ist die Gesamtheit der Sitten und Gebräuche — der Symbole, der Werte und Normen, der Tabus und Rituale — die ein Volk oder eine Menschen­gruppe im Laufe der Zeit entwickelt hat, um das Zusammenleben zu regeln. Die gemeinsame Kultur ist das, was die Menschen verbindet. Sie gibt ihnen eine gemeinsame Identität. Sie gewährleistet Zusammenhalt nach innen und Stärke nach außen.

Der Mensch ist ein Kulturwesen. Er besitzt die Fähigkeit, Kulturen zu entwickeln und zu verändern. Aber genau hier liegt auch eines unserer größten Probleme: Menschliche Kulturen können so verschieden sein, daß sie nicht mehr miteinander vereinbar sind. Fremdheit erregt Mißtrauen und führt leicht zu Abstoßung. Dieser in Jahrmillionen durch die Evolution entwickelte Mechanismus setzt der Gemeinsamkeit, der Solidarität und dem Frieden zwischen Menschen klare Grenzen.

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3. Die Urhorde 

 

 

Gesellschaft der Mütter

Ob man es als Mann in einer patriarchalischen Gesellschaft gerne hört oder nicht: Die Entstehung unserer Art, insbesondere unsere Kulturfähigkeit, ist im wesentlichen das Werk der Frauen. Wir haben Grund zu folgenden Annahmen:

Die frühen Hominiden lebten aller Wahrscheinlichkeit nach in matriarchalischen Rudeln oder Sippen. Der Kern des sozialen Gefüges war eine Mutter mit ihrem Kind. Mehrere Mütter mit ihren Kindern haben, je nach Verhältnissen, kleinere oder etwas größere Gruppen gebildet. Die Frauen waren die aktiven Gruppen­mit­glieder. Sie haben ihre Kinder mit Nahrung versorgt, betreut, beschützt und unterrichtet. Die Frauen innerhalb einer Sippe haben untereinander ein soziales Netzwerk gebildet. Sie haben die Sippe nach außen gemeinsam verteidigt. Sie waren die "wichtigen" Individuen in der Gruppe. Sie gaben den Ton an.

Die Männer haben im wesentlichen sich selbst versorgt und waren im übrigen dazu da, als Samenspender Nach­wuchs zeugen zu helfen. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß es damals bereits zur Bildung von stabilen Familien — Vater, Mutter und Kind — gekommen ist. Es gab auch noch keine Jagd, und schon gar nicht eine Rudeljagd, durch welche die Männer sich als besonders nützlich und wertvoll hätten erweisen können. Wahrscheinlich waren sie teilweise sogar Einzelgänger. Viele von ihnen mußten ohnehin auf der Suche nach Sexualpartnern die Sippe verlassen, in der sie aufgewachsen waren. Die Sippen waren zu klein, um genügend vielfältige Paarungs­möglichkeiten und eine genügende Durchmischung der Gene zu gewährleisten.

Zweierlei hat die Menschheit in ihrer Entwicklung entscheidend vorangebracht — und bei beidem haben die Frauen die ent­scheidende Rolle gespielt. 

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Erstens, die "Erfindung" des Sammelns: das Zusammentragen und Mitführen von Eßbarem — die Urform der Vorratshaltung. Dies war eine gewaltige Innovation gegenüber dem bisher üblichen, sofortigen Verzehr gefundener Nahrung vor Ort. Es waren mit an Sicherheit grenzender Wahrschein­lichkeit die Frauen, denen diese Errungenschaft zu verdanken ist, denn sie mußten nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder sorgen und Nahrung beschaffen. 

Zweitens: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, daß ausschließlich Größe und Stärke der Männer den Frauen imponierten, haben die Frauen ihre männlichen Sexualpartner auch nach anderen Kriterien ausgewählt. Sie haben sich für Männer entschieden, die bereit waren, Nahrung zu teilen; Männer, welche die Kinder nicht vertrieben, sondern eventuell beschützen halfen; und die der Frau gegenüber auch dann ein gewisses Interesse zeigten, wenn es nicht gerade ums Kopulieren ging. Die Frauen haben durch ihre Partnerwahl dafür gesorgt, daß Männer mit besonders günstigen Anlagen für die Entwicklung sozialer Intelligenz ihre Gene weitergeben konnten. 

Die Frauen hatten damals die höher entwickelte soziale Intelligenz. Und sie haben sie noch heute.

 

Jäger und Sammlerinnen

Erst verhältnismäßig spät, vielleicht vor zwei oder zweieinhalb Millionen Jahren, bahnte sich der gesell­schaft­liche Umbruch an. Es kam zur Bildung von Familien innerhalb der Horden sowie zur Rudeljagd. Sowohl die Bildung stabiler Familien als auch die gemeinsame Jagd waren nur möglich, nachdem die Männer höhere kommunikative und soziale Fähigkeiten entwickelt hatten.

Dieser Umbruch hatte eine Reihe von Konsequenzen. Die Menschen kamen jetzt häufiger, viele sogar regelmäßig zu hoch­wertiger, eiweißreicher Nahrung. Dies hat die weitere Ausgestaltung und Anpassung sowohl des Bewegungs­apparates als auch des Gehirns entscheidend gefördert. Es bildete sich eine Arbeitsteilung unter den Geschlechtern heraus. Jagd und Verteidigung war mehr und mehr Sache der Männer, die Frauen haben Eßbares und Brauchbares gesammelt und die Kinder betreut.

Durch die Übernahme derart wichtiger und im übrigen gefährlicher Aufgaben im Dienste der Allgemeinheit, haben die Männer einen immer höheren sozialen Status erworben. Neben dem Sichern des Revieres und der Verteidigung der Gruppe nach außen war das wertvollste zweifellos die Beschaffung von Fleisch. Fleisch war, wie der Forscher Richard Leakey es einmal ausdrückte, die "harte Währung" der damaligen Zeit. Wer die hochwertige Hauptnahrung beschaffte, erwarb sich hohes soziales Ansehen.

Es sind wahrscheinlich solche Faktoren, die im Laufe der Zeit zu patriarchalischen Strukturen menschlicher Gesellschaften geführt haben. 

* (d-2015:)  R.Leakey bei detopia 

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Die Horde und der Stamm

Ob beim Tier oder beim Menschen: Das Zusammenleben in einer Gruppe stellt hohe Anforderungen an die Kommu­nikations­fähigkeit der Mitglieder. Der zentrale Erfolgsfaktor heißt Vertrauen

Jedes Gruppen­mitglied kennt jedes andere persönlich. Tiere, die in Rudeln leben, geben sich zwar keine Namen, aber sie erkennen und behandeln sich wechselseitig als Individuen. Alle wissen genau, wer zur Gruppe gehört und wer nicht. Fremde werden von weitem erkannt — am Aussehen, am Geruch, an den Bewegungen. Der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und die Stärke der Gemeinschaft nach außen beruht auf einem tiefen Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Vertrauens. Man weiß, daß man sich aufeinander verlassen kann. 

Persönliches Vertrauen aber muß gepflegt werden. Es entsteht durch regelmäßige, intensive Kommunikation. Dialog ist die Grundlage erfolgreichen Zusammenlebens — im Tierreich genau so wie bei uns Menschen.

Die Notwendigkeit stabiler, intensiv gepflegter persönlicher Beziehungen ist aber gleichzeitig ein limitierender Faktor. Sie setzt bezüglich der Größe erfolgreicher Gruppen verhältnismäßig enge Grenzen. Sobald eine Gruppe eine gewisse Größe erreicht, wird es für ihre Mitglieder immer schwieriger, zu allen anderen vertrauensvolle Beziehungen zu unterhalten. Wenn eine Elefantenherde immer größer wird, kommt es irgendwann zu Reibereien, Rangeleien und Streitereien. Die Gruppe wird in ihrer Funktions­fähigkeit beeinträchtigt, mit der Zeit gelähmt. Sie bricht auseinander — in zwei oder drei Teile, die ihrerseits nun wieder klein genug sind, um eine funktionsfähige Gemeinschaft zu bilden. 

So ist es nicht nur bei den Elefanten, den Wölfen und anderen in Rudeln lebenden Tieren. So war es auch bei den Hominiden.

Die menschlichen Urvölker haben immer in Rudeln, Horden oder Sippen gelebt, in verhältnismäßig kleinen, über­schau­baren Überlebens­gemein­schaften. Diese funktionierten wie eine Großfamilie. Die Urhorde bestand in der Regel aus 15 bis 25 Individuen. Manchmal war eine Horde auch etwas größer — 30, 40 oder 50 Individuen. Aber das war bereits die Ausnahme.

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In einer so kleinen Gemeinschaft läßt sich aber das demographische Gleichgewicht kaum dauerhaft aufrecht­erhalten. Mal sterben zu viele, die Gruppe fällt unter die kritische Größe. Mal läßt ein Geburtenüberschuß die Gruppe zu groß werden. Mal werden zufälligerweise fast nur Jungen oder lauter Mädchen geboren, und schon klappt es nicht mehr mit der Fortpflanzung. Unsere Vorfahren haben deshalb bereits früh gelernt, mit anderen Sippen ein lockeres, aber friedliches Netzwerk zu bilden. Mehrere Sippen mit gleicher oder ähnlicher Sprache und Kultur bildeten einen Stamm. Sexualpartner konnten dann außerhalb der eigenen Sippe gesucht und gefunden werden.

Aber die Anzahl der Horden oder Sippen, die friedlich miteinander kooperieren konnten, war begrenzt. Die Außen­beziehungen zu den einzelnen Nachbargruppen mußten gepflegt werden, damit das Vertrauen aufrecht­erhalten werden konnte. Man konnte aber nicht mit hundert anderen Gruppen intensive Beziehungen pflegen. Damit war die Größe der Stämme ebenfalls klar begrenzt. Ein großer Stamm umfaßte 20 oder äußerstenfalls 25 Sippen. 

Und nur wer zum Stamm gehörte, war ein "Freund" — ja mehr noch: Nur wer zum Stamm gehörte, wurde als "Mensch" wahrgenommen.

Wir sind von der Evolution dafür ausgestattet worden, in kleinen, überschaubaren Gemeinschaften zu leben und mit einer äußerst begrenzten Anzahl anderer Gruppen freund-nachbarliche Beziehungen zu pflegen — und auch dies nur, solange diese Nachbarn die gleiche Sprache sprechen und gleich oder ähnlich leben wie wir selbst. Auch das menschliche Gehirn — ein absolutes High-Tech-Produkt der Evolution — kann nur ein begrenztes Maß von Komplexität bewältigen.

 

Kampf ums Überleben

Der Mensch hat im Laufe der Evolution nicht nur gelernt, mit Artgenossen gefühlvolle Beziehungen aufzu­bauen, stabile Partner­schaften einzugehen und engste Gemeinschaften zu bilden. Er hat nicht nur die Fähigkeit zur Liebe, Zärtlichkeit, Fürsorge und Zusammenarbeit erworben. Er war gleichzeitig der brutalste Totschläger, den man sich vorstellen kann. Das Leben der Menschen war immer auch durch Haß und Aggression geprägt. Der Mensch hat sich seit seinen frühesten Anfängen durch eine besondere Brutalität sowohl gegen Tiere als auch gegen fremde Artgenossen ausgezeichnet. Und seit der Mensch Formen intelligenter Organisation gefunden hat, hat er auch Mord und Totschlag effizient organisiert. 

Wenn es in der Geschichte des Menschen Beispiele friedlichen Lebens gegeben hat, dann waren es vorübergehende Aus­nahme­erscheinungen; andere Hinweise beruhen auf Geschichtsfälschungen.

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Ob es uns paßt oder nicht: Wir sind nicht nur das sozialste, sondern auch das tückischste, rücksichts­loseste und brutalste Lebewesen auf diesem Planeten. Gewalt in allen nur denkbaren Formen — Kopfjagd, Kannibal­ismus, Folter, Blutrache, Vergewaltigung, Menschenraub und Massenmord — zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Menschheits­geschichte, von den frühesten Anfängen bis heute. Wenn Sie Mühe haben sollten, dies zu glauben, empfehle ich Ihnen ein besonders blutrünstiges Geschichtsbuch zum sorgfältigen und vorurteilslosen Studium — nämlich die Bibel, vorab das Alte Testament

Die Wirklichkeit war allerdings noch viel schlimmer, als die Bibel sie beschreibt. Die ursprünglichen Bibeltexte sind innerhalb der christlichen Kultur mehrmals redigiert und geschönt worden. Die Bibel, die Sie heute kaufen und lesen können, ist bereits ein jugendfrei zensiertes Werk. Aber soviel zeigt sie doch: Mord und Totschlag, Krieg und Unterwerfung gehören genauso zum spezifisch Menschlichen wie die Herstellung eines Werkzeugs oder das Malen eines Bildes. Der lateinische Spruch "homo homini lupus" hat es auf den Punkt gebracht — in freier Übersetzung: Der Mensch ist des Menschen ärgster Feind.

Die farbenprächtigen Fische, welche die Korallenriffe bevölkern, sind bekannt für ihre Revierverteidigung. Jeder beansprucht einen oder einige wenige Quadrat­meter Lebensraum, die er besetzt und gegen jeden Eindringling, insbesondere gegen Art­genossen, verteidigt. Der Sinn dieses Verhaltens: Die Fische verteilen sich einigermaßen gleichmäßig über das Riff. Nur so ist gewährleistet, daß möglichst viele Platz haben und Futter finden. Nur so kann die Art überleben.

Eine Sippe unserer Vorfahren benötigte größere Reviere, um genügend Nahrung zu finden — je nach Pflanzen­bestand sowie Art und Dichte der Fauna 20, 50 oder 100, in Dürregebieten bis zu 1000 Quadrat­kilometer. Revierüberschreitungen fremder Stämme und Gruppen waren gang und gäbe. Nicht überall war genug Nahrung vorhanden. Tierherden waren weitergezogen. Das Wasser war versiegt. Man mußte weiter­ziehen. Doch jeder fremde Eindringling wurde sofort verjagt — und wenn er sich nicht verjagen ließ, kam es zum Kampf. Dabei ging es für beide Seiten um Sein oder Nichtsein. Rücksichtnahme oder Mitleid gegenüber Fremden war ein Über­lebens­nachteil. Töten oder getötet werden, hieß die Devise. Wer raffinierter, hinterlistiger, aggressiver und brutaler kämpfte, hatte ein Revier und überlebte.

Die Köpfe von Feinden waren begehrte Trophäen. Feinde wurden verzehrt, sei es, um sie endgültig und zweifelsfrei zum Verschwinden zu bringen, sei es, um sich ihren Mut und ihre Kraft einzuverleiben. Ihre Populationen wurden oft ausgelöscht — mit Kind und Kegel totgeschlagen. Mit der Zeit sind die Methoden, sich auf Kosten anderer Menschengruppen Vorteile zu verschaffen, immer raffinierter geworden. Man hat gelernt, andere nicht einfach zu töten, sondern sie zu unterwerfen und auszubeuten. Kriege wurden geführt, nicht nur um Territorien zu besetzen, sondern um Sklaven zu gewinnen — Frauen als Sexualobjekte, Männer als Arbeitstiere.

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Gewalt — ein Element der Gesellschaftsbildung

Eines ist über die Jahrhunderttausende geblieben: Die Gefühllosigkeit und Brutalität gegenüber fremden Menschen, die Abstoßung des Andersartigen, die Hinterlist und die Tücke bei der Unterwerfung, Unter­drückung und Auslöschung anderer. Der Krieg in all seinen Formen und mit all seinen entsetzlichen Begleit­erscheinungen ist nicht irgendeine seltene, abartige Entgleisung menschlichen Verhaltens. Er ist vielmehr Teil unserer Entwicklungs­geschichte. Liebe nach innen und Haß nach außen haben uns über Jahrmillionen zu dem gemacht, was wir sind.

Es ist heute Mode, so zu tun, als wäre Gewalt von jeher reine Männersache gewesen — und als würden wir, wenn es nach den Frauen gegangen wäre, auf diesem Planeten alle miteinander in der friedlichsten aller Welten leben. Dies ist natürlich eine grandiose Augenwischerei. Die Rollenteilung zwischen den Geschlecht­ern, die sich bei unseren Vorfahren herausgebildet hat, bedeutet noch lange nicht, daß die Frauen Gewalt grundsätzlich abgelehnt hätten. Die Frauen haben zu allen Zeiten Gewalt gegen Fremde und Andersartige nicht etwa widerwillig hingenommen, sondern beifällig unterstützt. Die Frauen waren zu allen Zeiten die Erzieherinnen des männlichen Nachwuchses zu Helden, Beschützern und Eroberern. In der freien Natur, in der Gewalt allgegen­wärtig ist, hätten die Frauen auch gar nicht überlebt, wenn die Horde nicht von gewalt­bereiten Männern verteidigt und beschützt worden wäre.

Gewalttätige Rituale — Menschenopfer, Kannibalismus, Folterungen sowie Pogrome gegen Minderheiten — waren zu allen Zeiten wichtige Elemente der Gesellschafts­bildung. Die Abfuhr von Aggression nach außen war unumgänglich, um den Zusammenhalt nach innen zu gewährleisten. Wo vorhanden, wurden zu diesem Zwecke Feinde gesucht, verfolgt und getötet. Wenn keine äußeren Feinde verfügbar waren, richtete sich die Gewalt immer wieder auch nach innen. In menschlichen Kulturen, die isoliert lebten, waren rituelle Menschenopfer aus den eigenen Reihen das notwendige Ventil. 

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Und bis heute ist jeder, der Volksmassen hinter sich bringen will, als erstes darum bemüht, ein klares Feindbild aufzubauen, gegen das der Haß der Menschen gerichtet werden kann. Dann — und nur dann — lassen Menschen­massen sich nämlich problemlos führen.

Dieser Mechanismus hat mit männlich und weiblich wenig zu tun. Er ist ganz einfach menschlich. Er war es zu allen Zeiten und ist es noch heute. Wenn im alten Rom Menschen den Löwen zum Fraß vorgeworfen, wenn später Menschen durch den Strang öffentlich hingerichtet oder Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, haben nicht nur Männer zugesehen. Und wenn Sie in Spanien einem Stierkampf beiwohnen, werden Sie dort ebenfalls nicht nur Männer antreffen.

Die Frauen übernehmen bei der Entwicklung von Gewalt in unserer Kultur eine ganz spezifische Rolle. Wer hier Anschauungs­unterricht sucht, findet ihn bei der Entwicklung von Gewalt unter den Jugendlichen. Besonders gewalttätige junge Männer haben fast durchweg eine feste Freundin und häufig auch noch eine umfangreiche weibliche Fangemeinde um sich versammelt. Nicht gewalttätige Kollegen dagegen müssen allzu häufig als Mobbing-Opfer herhalten. Da muß man schon erhebliche geistige Verrenkungen bewerkstelligen, um die These aufrechtzuerhalten, Gewalt sei eine einseitig männliche Angelegenheit. Aber dieses Thema ist in unserer Gesellschaft tabuisiert.

Daß Frauen weit weniger als Männer zu aktiver, physischer Gewalt neigen, und daß Frauen, wenn wir eine weniger gewalttätige Gesellschaft haben wollten, mehr Einfluß gewinnen müßten, steht auf einem anderen Blatt. Aber eine solche Entwicklung beginnt nicht mit simplen Clichés. Gewalt war immer ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Kulturen — und menschliche Kulturen sind immer von beiden Geschlechtern, wenn auch mit verteilten Rollen, gestaltet worden. Der Sache des Friedens wäre besser gedient, wenn wir versuchen würden, die Entstehung von Aggression und Gewalt im sozialen Gesamt­zusammenhang zu verstehen.

 

Im Einklang mit der Natur

Der Mensch ist auch nicht erst in den letzten hundert Jahren zum rücksichtslosen Zerstörer seiner Umwelt geworden. Bereits die frühen Menschen haben mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, Raubbau betrieben. Sie haben riesige Tierherden dezimiert oder ausgelöscht, nur um vielleicht ein paar Tierkadaver zu verwerten. Manch eine menschliche Population ist verhungert, weil sie ihre eigenen Lebensgrundlagen fahrlässig aufs Spiel gesetzt hat.

Trotzdem lebten die Menschen über Jahrmillionen und bis noch vor ganz kurzer Zeit im Einklang mit der Natur. Die techno­logischen Möglichkeiten der Menschen und ihr Aktionsradius waren trotz allem sehr begrenzt. Einzelne Menschengruppen fanden zwar mal hier und mal da vorübergehend einen Überfluß an Wasser und Nahrung. Aber insgesamt mußte man für das eigene Überleben ununterbrochen hart arbeiten — und meistens sehr weit laufen.

Vor allem aber: Es gab niemals so viele Menschen, daß diese auch nur im entferntesten in der Lage gewesen wären, der Natur irgendeinen ins Gewicht fallenden Schaden zuzufügen. Eine Sippe von zwanzig Menschen bevölkerte den Großraum Berlin. In Europa gab es zeitweise nur zehn- bis zwanzigtausend Menschen. Die Weltbevölkerung betrug rund ein Sechstausendstel dessen, was sich heute auf diesem Planeten tummelt. Von jedem größeren Säugetier — ob Pferd, Hirsch, Büffel oder Elefant — gab es hundert- oder tausendmal so viele wie Menschen. 

Es hat nie ein Lebewesen gegeben, das so große Gebiete so dünn besiedelte wie der Mensch.

Der Mensch war im damaligen ökologischen System eine Randerscheinung, die es halt auch gab, aber die nicht den geringsten Einfluß nehmen konnte auf das Gesamtgeschehen in der Natur. Wären grüne Männchen vom Mars zu Besuch auf die Erde gekommen, wäre es ein großer Zufall gewesen, wenn sie überhaupt einen Menschen zu Gesicht bekommen hätten.

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Christoph Lauterburg  1998 -  www.detopia.de