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Nachwort von Jürgen Rühle 

 

Jürgen Rühle: *1924 in Berlin bis 1986 (61, Herzinfarkt)

Nachruf: spiegel.de  print  d-13517976  

Nachwort in der KiWi-Ausgabe von 1972 und unverändert in der Auflage 2000. 

 

213-224

Die Moskauer Literatur-Enzyklopädie von 1929/39 nennt den Schriftsteller Samjatin einen Renegaten und Konterrevolutionär; sein Roman <Wir> sei eine niederträchtige Schmähschrift auf die sozialistische Zukunft. »Die Theorien Samjatins«, heißt es da, »sind eine bloße Maskierung der sehr prosaischen und sehr verständlichen Sehnsucht der Bourgeoisie nach dem verwirkten Wohlstand und ihres Hasses auf diejenigen, die sie dieses Wohlstandes beraubt haben.« 

Das war die letzte öffentliche Erwähnung Samjatins in der Sowjetunion; sein Roman ist dort niemals erschienen. Sehen wir uns den Lebensweg dieses Renegaten und Konterrevolutionärs, maskierten Bourgeois' mit der verständlichen Sehnsucht nach Wohlstand einmal näher an.

 

Jewgenij Iwanowitsch Samjatin (1884-1937) wurde in der mittelrussischen Provinzstadt Lebedjan geboren. Er war von Beruf Schiffbauingenieur. Während seiner Studienzeit am Polytechnischen Institut in St. Petersburg, dem heutigen Leningrad, schloß er sich der Sozial­demokrat­ischen Partei Rußlands, der Fraktion der Bolschewiki, an. Er arbeitete in den revolutionären Studenten­zirkeln, trat als Agitator in den Arbeiterbezirken auf und war als Organisator an der legendären Meuterei des Panzerkreuzers <Potemkin> beteiligt. 

Er veröffentlichte satirische Erzählungen, eine davon trug ihm ein Gerichtsverfahren wegen Beleidigung der russischen Armee ein. Im ersten Weltkrieg wurde er von der Regierung nach England geschickt, um dort den Bau von Eisbrechern für die russische Flotte zu überwachen. 1917 stand er in den Reihen der Revolutionäre. 

Als alter Kommunist Freund Gorkis spielte er in den ersten Jahren des bolschewistischen Regimes eine führende Rolle im literarischen Leben Moskaus; er hielt Vorlesungen im Haus der Kunst und beeinflußte zahlreiche junge Schriftsteller. 

1920 schrieb er den Zukunftsroman <WIR>, der zum Bruch mit seinen bisherigen Genossen führte. 

 

   Was ist das für eine Zukunftswelt, 
die Samjatin visionär gestaltet?

 

Die Menschen des kommenden Jahrtausends, nicht mehr nach Namen, sondern nur nach Nummern unterschieden, leben in einer lichtdurchfluteten, gläsernen Stadt, in lang­gestreckten kubischen Wohnblocks, in schnurgeraden Straßen, über die sich nach den Rhythmen der Musikfabrik graublau uniformierte Marschkolonnen bewegen.

Eine Gesetzestafel, gegen die das »größte aller erhaltenen Denkmäler der alten Literatur«, der Eisenbahn-Fahrplan, nur ein stümperhafter Vorläufer ist, bestimmt minuziös den Tageslauf der Nummern; Millionen stehen zu ein und derselben Stunde, zu ein und derselben Minute, ja Sekunde auf. Wie ein Mann führen sie alle zur gleichen Sekunde den Löffel mit der künstlichen Naphtha-Nahrung an den Mund; zur gleichen Sekunde treten sie zur Arbeit an und legen sie die Arbeit nieder, gehen sie spazieren, besuchen sie die Schulungsauditorien, legen sie sich schlafen. 

Sogar das Liebesleben ist mathematisch geregelt: der Staat gibt — auf Grund exakter Analysen des Hormonhaushalts — rosa Bons für Sexuelle Stunden aus. So hat die Menschheit endlich die jahr­tausende­alten Stacheln der Unzufriedenheit, Hunger und Liebe, besiegt. 

»Worum haben die Menschen von Kindesbeinen an gebetet, wovon haben sie geträumt, womit haben sie sich gequält? Daß irgendeiner ihnen ein für allemal sage, was das Glück ist, und sie mit einer Kette an dieses Glück schmiede. Und ist dies nicht gerade das, was wir tun? Der uralte Traum vom Paradies ...«

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Doch für ihr materielles Wohlergehen, ihr mathematisches Glück haben die Menschen ihre Freiheit opfern müssen. »Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück — eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« 

Ein unbarmherziger Wohltäter herrscht über den Einzigen Staat, der durch eine Grüne Mauer von der übrigen Welt, von den letzten, in barbarischer Wildheit lebenden Menschen des vormathematischen Zeitalters abgetrennt ist. Durch die Glaswände der Häuser kontrollieren Beschützer jede Regung der Bewohner, damit sie nicht durch Eigenmächtigkeiten, störende Abweichungen von den Normen der Gesetzestafel den reibungslosen Ablauf ihres Wohlergehens gefährden.

Elektrische Vernichtungsmaschinen und Gaskammern sorgen auf hygienische Weise für den immer neuen Triumph der Vernunft. Denn, offen gesagt, eine endgültige, hundertprozentige Lösung des Problems Glück haben selbst die Menschen des Einzigen Staates noch nicht gefunden. Noch immer vernimmt man irgendwoher aus der Tiefe, aus dem Abgrund unter dem gläsernen Parkett der technisch perfekten Gesellschaft das »wilde Echo des Affen«, den verbrecherischen, atavistischen Ruf nach Freiheit. »Wir sind noch einige Schritte vom Ideal entfernt. Das Ideal ist dort, wo nichts mehr geschieht (das ist klar), bei uns hingegen ...«

Liest man heute den Roman, ist man überrascht und bestürzt, welche Fülle technischer und politischer Prognosen Samjatin 1920 getroffen hat: Von der Weltraumrakete, der Gehirnchirurgie und der Elektronen­musik bis zur Geheimpolizei, dem Eisernen Vorhang und den Einheitswahlen, den Konzentrations­lagern und Gaskammern. 

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Woher hatte er diese prophetische Gabe?  

Offenbar war es zuerst einmal der Umstand, daß er Revolutionär und Ingenieur, Politiker und Techniker war, der es ihm ermöglicht hat, die politischen und die technischen Perspektiven unseres Zeitalters vorwegzunehmen. Hinzu kam die Intuition des großen Schriftstellers. Als Russe stand er in der Tradition Gogols, Leskows und Dostojewskis. 

Gogols Pandämonium der Bürokratie, Leskows Blick für das Abgründige im Menschen, seine Meisterschaft in der Sektion der Seelen, Dostojewskis düsterer Haß auf den Fortschritts­optimismus und das politische Schwärmertum — all das hat offensichtlich auf Samjatin eingewirkt, nicht nur weltanschaulich, sondern bis in die literarische Gestaltung hinein. In England lernte er die sozialkritisch-utopischen Romane von H.G. Wells kennen, die ihn stark beeindruckten; er hat später eine Studie über Wells geschrieben.

Hinzu kam ferner der ernüchternde Einblick in die Realität des von ihm erträumten und erkämpften Sowjet­staates: immerhin wirkte schon damals, wenn auch noch weit entfernt von ihrer späteren Perfektion, die Geheimpolizei, die Tscheka; wurden schon damals die Massen unter dem Vorwand der endlich befreiten Arbeit kolonnenweise zu den Roten Subbotniks, unbezahlten Arbeitsleistungen nach Feierabend, getrieben; war die Kunst zu Agitprop (Agitation und Propaganda), die Liebe zu einem physiologisch-hygienischen Bedürfnis degradiert worden (»wie das Trinken eines Glases Wasser«). 

Daß die kommende Welt technisch und industriell sein würde, wurde nirgends deutlicher als in diesem Rußland, das aus seiner jahrhundertealten trägen, verschlafenen Behäbigkeit plötzlich zu berstender Energie, zur Leidenschaft des Bergeversetzens erwachte. All diese Erfahrungen und Eindrücke vorausgesetzt, bleibt das Genie Samjatins, der viele Jahre vor dem totalitären Staat Stalins und Hitlers, vor der perfekten Massengesellschaft der zweiten industriellen Revolution die Hybris unserer Zeit bis in die Agonie verfolgte.

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Zwölf Jahre nach Samjatins WIR schrieb Aldous Huxley Brave New World, achtundzwanzig Jahre später George Orwell 1984. Beide Werke verraten den Einfluß des Russen (die englische Ausgabe von WIR ist 1925 erschienen). Wie bei Samjatin der Wohltäter über den Einzigen Staat, herrscht bei Huxley der Weltaufsichtsrat über den Weltstaat, bei Orwell der Große Bruder über Eurasien. Die Primitiven hinter der Grünen Mauer kehren bei Huxley als die Eingeborenen der Reservationen, bei Orwell als Proles wieder. Man könnte die Übereinstimmungen bis in zahlreiche Details nachweisen. 

 

Dennoch bestehen grundlegende Unterschiede zwischen den drei Werken

Samjatins prophetische Leistung steht weit über der der beiden andern: Als er seinen Roman schrieb, existierte der Totalitarismus erst im Embryonalzustand — als Huxley schrieb, hatte die monopol­kapitalistische Rationalisierung in Amerika ihren ersten Höhepunkt erreicht (Ford), als Orwell schrieb, stand der Stalinismus im Zenit der Macht. Dafür konnten die beiden Engländer das Antlitz der modernen Welt präziser und pointierter zeichnen.

Doch ging diese Zuspitzung des Zukunftsbildes bei Huxley und Orwell mit einer Begrenzung des Aspektes einher: Brave New World ist ganz auf den modernen Kapitalismus, 1984 ganz auf den politischen Totalitarismus stalinistischer Prägung zugeschnitten. Bei Samjatin werden auch andere Möglichkeiten angedeutet, z.B. der Nationalsozialismus, (Mutternormen, operative Eingriffe in die Persönlichkeitsstruktur, technische Massenvernichtungsmittel) und der nachstalinistische Bolschewismus, d.h. der Bolschewismus im Auflösungsstadium. Auf diese Weise wird die gemeinsame Wurzel aller Übersteigerungs­formen der Massen­gesell­schaft sichtbar — und man begreift, daß der Totalitarismus ein politischer Ausdruck der technischen Welt ist.

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Offensichtlich ist auch die weltanschauliche Problematik bei Huxley anders gelagert als bei Samjatin. Die Brave New World hat tatsächlich das vollkommene Glück ihrer Bürger verwirklicht, in dieser Welt gibt es kein Leid mehr. Selbst die Epsilon-Kretins aus dem Bokanowsky-Verfahren, die in einem animalischen Zustand gehalten werden, sind mit ihrem Dasein zufrieden, denn diese Zufriedenheit wird ihnen ja in der Schlafschule angenormt. Nur wer außerhalb dieser Welt steht — wie der Wilde aus der Reservation oder der heutige Leser — oder wer unter einem technischen Webfehler zu leiden hat — wie Sigmund Marx, der aus Versehen einen Schuß Alkohol ins Blut bekommen hat —, mißbilligt die Perfektion des Glücks; er mißbilligt sie im Grunde aus Ressentiment. 

Erinnern wir uns an das zentrale Gespräch des Rebellen Michel mit dem Aufsichtsrat Mustafa Mannesmann:

»Ich brauche keine Bequemlichkeiten. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde.«
»Kurzum«, sagte Mustafa Mannesmann, »Sie fordern das Recht auf Unglück.«
»Gut denn«, erwiderte der Wilde trotzig, »ich fordere das Recht auf Unglück.«
»Ganz zu schweigen von dem Recht auf Alter, Häßlichkeit und Impotenz, dem Recht auf Syphilis und Krebs, dem Recht auf Hunger und Läuse, dem Recht auf ständige Furcht vor dem Morgen, dem Recht auf unsägliche Schmerzen jeder Art?«
Langes Schweigen.
»Alle diese Rechte fordere ich«, stieß der Wilde endlich hervor.
Mustafa Mannesmann zuckte die Achseln und sagte:
»Wohl bekomm's!«

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Ganz anders bei Samjatin. Das wesentliche Manko seines Einzigen Staates ist, daß er das Glück nur halb verwirklicht.

»Aus der wilden, unbekannten Weite jenseits der Grünen Mauer weht der Wind gelben Blütenstaub herüber. Dieser süßliche Staub macht die Lippen trocken — man muß sie alle Augenblicke mit der Zunge anfeuchten —, alle Frauen, die mir begegnen, haben diese süßen Lippen. Das verwirrt das logische Denken ein wenig.«

Es ist etwas in der Welt, was in der Rechnung des vollkommenen Staates nicht aufgeht. Die Menschen sehnen sich nach Liebe, nach Mutterschaft, nach Poesie, nach Freiheit, weil diese Regungen eben nicht weggenormt, sondern nur unterdrückt werden können. Von den Menschen hinter der Grünen Mauer, die im »unzivilisierten Zustand der Freiheit« leben, heißt es einmal: »Das ist die Hälfte, die wir verloren haben.«

Samjatin weist am Beispiel der Wurzel aus minus eins nach, daß selbst die Mathematik sich nicht in purem Rationalismus erschöpft. So kommt es, daß der Konstrukteur D-503, dessen Geschichte in dem Roman erzählt wird, aus heiterem Himmel von einer unheilbaren und ansteckenden Krankheit befallen wird: es hat sich bei ihm »eine Seele gebildet«.

Zur Erläuterung der von Samjatin aufgeworfenen Problematik kann man einen Gedanken von C.G. Jung anführen, der den unaufhebbaren Widerspruch zwischen Massennorm und Individualität als die Ursache für das Unbehagen und die Pervertierung des Menschen in der modernen Welt ansieht:

»Die statistische Methode vermittelt zwar die ideale Durchschnittlichkeit eines Sachverhalts, nicht aber ein Bild von dessen empirischer Wirklichkeit. Sie gibt zwar einen unanfechtbaren Aspekt der Wirklichkeit, kann aber die tatsächliche Wahrheit bis zur Irreführung verfälschen. Die wirklichen Tatsachen zeichnen sich durch ihre Individualität aus; überspitzt ausgedrückt könnte man sagen, daß das wirkliche Bild sozusagen auf lauter Ausnahmen von der Regel beruhe...

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Eine im Prinzip naturwissenschaftliche Bildung gründet sich in der Haupt­sache auf statistische Wahrheiten und abstrakte Erkenntnisse, vermittelt also unrealistische, rationale Welt­anschauung, in welcher der individuelle Fall als bloßes Randphänomen keine Rolle spielt. Das Individuum aber ist als eine irrationale Gegebenheit der eigentliche Wirklichkeitsträger, d.h. der konkrete Mensch, im Gegensatz zu dem nicht wirklichen Ideal- bzw. Normalmenschen, auf den sich die wissenschaftlichen Aussagen beziehen ... 

Unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Voraussetzung erleidet nicht nur die Psyche, sondern der individuelle Mensch, ja das individuelle Ereignis überhaupt eine Nivellierung und Unkenntlichmachung, welche das Wirklich­keits­bild zu einer Durchschnittsidee entstellt ...« 

(Gegenwart und Zukunft, 1957).

 

Im Unterschied zu Huxley steht Orwell in der echten Nachfolge Samjatins. Beide, Samjatin wie Orwell, sind Sozialisten und Revolutionäre, wenn auch enttäuschte. Sie fordern nicht das Recht auf Unglück, sondern das Recht auf Glück, freilich auf ein richtig verstandenes, universales, humanistisches Glück, das sie dem vom Staate gelieferten Surrogat entgegensetzen. Jener beunruhigende Frühlingshauch bei Samjatin kehrt bei Orwell in den verwehten Fetzen eines alten Kinderliedes wieder, die irreguläre Liebe des Konstrukteurs D-503 und der Revolutionärin I-330 findet ihre Entsprechung in der Liebe von Winston und Julia. Doch ist nicht zu verkennen, daß die Atmosphäre bei Orwell düsterer und bedrückender, schier hoffnungslos ist; bei ihm liefert die Menschlichkeit, so scheint es, ihr letztes Gefecht. Orwells Zukunftsvision ist völlig überschattet von der beängstigenden Allmacht der totalitären Apparate, gegen die zur Zeit der Niederschrift von 1984 ein Widerstand kaum möglich schien.

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Bei Samjatins Roman handelt es sich dagegen um eine optimistische Tragödie. Nicht allein die Protagonisten, sondern eine Unzahl von Nummern, ja eigentlich alle handelnden Personen, werden vom Nonkonformismus befallen. Tausende von Nummern rebellieren gegen die Einheitswahl. Es kommt zur Revolution, die den ganzen Staat erfaßt und am Schluß des Romans noch längst nicht niedergeschlagen ist. Der Einzige Staat ist auf dem Rückzug: »Wir müssen handeln, die Sache duldet keinen Aufschub, denn in den westlichen Vierteln gibt es immer noch Chaos, Gebrüll, Leichen und leider auch eine bedeutende Zahl von Nummern, die die Vernunft verraten haben. Aber es ist uns gelungen, auf dem 40. Prospekt eine provisorische Mauer aus Starkstrom zu errichten. Ich hoffe, daß wir siegen ...« 

Daß diese Hoffnung schließlich illusorisch sein wird, drückt Samjatin wieder mathematisch aus, in dem Gespräch zwischen D-503 und I-330:

»Das ist ja Wahnsinn! Ist dir nicht klar, daß das, was du da planst, eine Revolution ist?«
»Ja, es ist eine Revolution! Und warum soll es Wahnsinn sein?«
»Weil unsere Revolution die letzte war. Es kann keine neue Revolution mehr geben. Das wissen alle.«
Sie zog spöttisch die Augenbrauen hoch: »Mein Lieber, du bist doch Mathematiker, mehr noch, du bist ein Philosoph. Bitte nenn mir die letzte Zahl.«
»Was meinst du damit? Ich verstehe nicht ... Die Anzahl der Zahlen ist doch unendlich. Was für eine letzte Zahl willst du also?«
»Und was für eine letzte Revolution willst du? Es gibt keine letzte Revolution, die Anzahl der Revolutionen ist unendlich.«

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Die Geschichte hat Samjatin recht gegeben. Der Rote Oktober war nicht die letzte Revolution. Vielleicht war diese Prophezeiung, mit der Samjatin weit über seine Nachfolger hinausging, die genialste Leistung. Ja, er spezifizierte sogar den Grund für den Aufstand auf eine unwahrscheinlich aktuelle Weise.

»Ihr seid krank«, heißt es in einer Verlautbarung der ›Staatszeitung‹, »Eure Krankheit heißt Phantasie ...« Damit hat Samjatin den Impuls der Revolutionen in Polen und Ungarn, die von Schriftstellern und Intellektuellen entzündet wurden, um ein Menschenalter vorweggenommen. Wohl ordnet dann der Einzige Staat die Große Operation, die Amputation der Phantasie, an — eine Große Operation, wie sie Chruschtschow meinte, als er den sowjetischen Schriftstellern mit Erschießung drohte. Aber, so drängt sich die Frage auf, ist ein moderner Staat denkbar ohne die Phantasie? Wer wird, nachdem der Konstrukteur D-503 durch die Große Operation in einen ergebenen Staatsbürger verwandelt wurde, die Weltraumschiffe bauen?

Samjatin sieht die Ohnmacht des Apparates gegenüber dem Menschen. Da helfen keine Gehirnchirurgen und keine »Ingenieure der menschlichen Seele«, wie Stalin sie nannte. Es gibt eine berühmte bolschewistische Losung: »Die Kader entscheiden alles!« Wer aber sind die Kader? Halten etwa Rädchen und Schräubchen den Mechanismus des totalitären Staates in Gang? Nein, es sind Menschen. Samjatin zeigt, daß der Techniker, der Arzt, der Dichter, selbst der Geheimpolizist dieses Staates, im letzten unzuverlässig sind. Und wer ist schließlich der Diktator selbst, der furchtgebietende, allmächtige, mythenumwobene große Wohltäter? 

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Eines Tages steht D-503 ihm gegenüber: 

"Ich .... blickte auf. Vor mir saß ein Mensch mit einer Glatze wie Sokrates, und auf der Glatze standen kleine Schweißperlen. Wie einfach alles war, wie banal und lächerlich einfach. Vor Lachen fast berstend, hielt ich die Hand vor den Mund und rannte hinaus."

So hat Samjatin die Magie des Apparats durchstoßen.

 

  Die letzten Jahre  

 

Es gelang Samjatin, sein Manuskript ins Ausland zu schmuggeln. Als es 1929 — nach vorausgegangener englischer, französischer und tschechischer Ausgabe — in gekürzter und entstellter Form in einer russischen Emigrantenzeitung erschien, schlug über dem in der Sowjetunion lebenden Autor eine Welle der Diffamierung zusammen. 

»Wie seinerzeit die Christen zur bequemeren Versinnbildlichung jegliches Bösen den Teufel geschaffen haben, so hat die Kritik aus mir den Teufel der Sowjetliteratur gemacht«, schrieb Samjatin. »Den Teufel anzuspeien wird als gute Tat angerechnet, und jeder spuckt, wie er nur kann.« 

In Samjatins Idee der unendlich vielen Revolutionen entdeckten die Parteiideologen — übrigens zu Unrecht — eine Verwandtschaft mit Trotzkis häretischer Theorie der permanenten Revolution. Samjatin reagierte auf die Angriffe mit Würde, er sagte sich vom Bolschewismus los und trat aus dem sowjetischen Schriftsteller­verband aus, da es ihm unmöglich sei »einer literarischen Organisation anzugehören, die — wenn auch nur mittelbar — an der Verfolgung eines ihrer Mitglieder teilnimmt«. Zu guter Letzt gelang es Samjatin, wie in seinem Roman so auch in seinem persönlichen Leben den Fetischzauber des Apparates zu durchstoßen. 

Er schrieb 1931 einen offenen Brief an Stalin:

"Ich weiß, daß ich eine sehr unbequeme Angewohnheit habe, nicht das zu sagen, was in dem gegebenen Augenblick von Vorteil ist, sondern das, was ich für die Wahrheit halte. Besonders habe ich nie meine Haltung gegenüber der literarischen Servilität, der Liebedienerei und Schönfärberei verheimlicht: Ich bin der Meinung — und bleibe der Meinung —, daß dies in gleichem Maße den Schriftsteller wie die Revolution erniedrigt ... "

Die Atmosphäre einer systematischen, von Jahr zu Jahr sich steigernden Hetze mache es ihm unmöglich zu schreiben, bedeute seinen Tod. Er bitte, dieses »höchste Strafmaß« durch Verbannung ins Ausland zu ersetzen, damit er zurückkommen könne, »sobald es bei uns möglich sein wird, der Literatur mit großen Ideen zu dienen«.

Erstaunlicherweise erhielt Samjatin noch im selben Jahr die Genehmigung, die Sowjetunion zu verlassen; die Fürsprache Gorkis mag ihm geholfen haben, aber auch Stalin selbst war in persönlichen Dingen oft von einer bemerkenswerten Toleranz.* Der Schrift­steller ließ sich in Paris nieder; dort ist er 1937 gestorben.

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Jürgen Rühle

 

 

*detopia-2010:  Stalins "Toleranz" tut weh, aber vielleicht hatte er sie noch im Jahr 1931. 

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