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Vorwort

 

(1991) Von Rudolf Bahro 

 

9-14

An meiner für den Osten bestimmten <Alternative> hat mich hinterher die enthusiastische Aufnahme bei den linken und grünen Kreisen der westlichen Welt überrascht. Ja, sie hat Lateinamerika erreicht und ist bis nach Japan vorgedrungen. Meine zehn Jahre später geschriebene <Logik der Rettung> zielte auf die Umkehr in den <Metropolen>, das heißt im Zentrum des Zyklons, den das Imperium des weißen Mannes darstellt. 

Und dann habe ich im Herbst 1989, wiederum überrascht, verstanden, daß dies Buch zwar nicht nur, aber nicht zuletzt meine Vorbereitung auf die Rückkehr in den Osten Deutschlands — damals noch die DDR — war. 

Nun handelt es (LdR) gewiß nicht von der besonderen Malaise* der alten Heimat und ihres Untergangs, auch nicht von der volkseigen­tümlichen Art Umwelt­katas­trophe hier, sondern von der allgemeinen Malaise des industriellen Erfolgs, der die Zivilisation zur Todesspirale macht. Es (LdR) fragt, ob und wie der Mensch sich in seinem apokalyptisches Finale noch auffangen kann.

Doch hat gerade die Horizonterweiterung von der spezifischen Depression in der ursprünglich ja nicht einmal armen DDR auf die allgemeine Depression der welt­zerstörerischen Moderne zunächst etwas Therapeutisches und Erlösendes: Es geht also auch Leuten, die sich allem Anschein nach weit besser befinden, mindestens ebenso schlecht. War nicht die Perspektive der Ex-DDR der ersehnte Anschluß ans Weltniveau? Wenn schon Weltuntergang, dann nicht als schlechte Kopie, sondern in der Perfektion des Originals.

Sehr viele DDR-Menschen haben ja erst seit der Wende den Glauben erlangt, daß der Westen tatsächlich so ist — nicht wie gewisse parteioppositionelle Sozialismus­reformatoren letzthin erhofft hatten, sondern, — wie Karl Eduard von Schnitzler schon immer gewußt hat. Andererseits mußte ich ja bei der Verhandlung im Sommer '90, als sie mein Urteil von '78 kassierten, zugeben, daß ich seinerzeit offenbar doch mit der Vorbereitung der Konterrevolution beschäftigt war, wie es Honecker und die Seinen gleich verstanden hatten.

Im Dezember '89, als ich ungeliebter Gast auf dem Sonderparteitag der SED-PDS war, ist mir das noch dunkel gewesen. Sonst hätten meine Vorschläge für einen ökosozialen Sektor nicht stillschweigend vorausgesetzt, es könnte noch ein halbwegs souveränes Subjekt gesellschaftlicher Planung für das DDR-Territorium geben. 

* (d-2012:)   wiktionary.org / Malaise  Misere 


Erst über eine etwas depressive Phase Anfang '90 hat sich dann für mich erhellt, daß die Chance für eine menschliche, geistig-seelische Erneuerung umso größer ist, je vollständiger alle haltgebenden alten Strukturen ausfallen. Wer die Kraft hat, kann einen ganz neuen Weg einschlagen. Mit größter Wahrschein­lichkeit wäre eine reformierte Machtstruktur in der DDR ganz ähnlich im Sumpf der Trägheitskräfte steckengeblieben wie der Anlauf Michail Gorbatschows.

Tatsächlich hatte ich dann später im Auditorium maximum der Humboldt-Universität wie auch bei einigen intimeren Zusammen­künften ein paarmal das paradoxe Empfinden der Anwesenheit von »viel mehr DDR« als je zu Zeiten ihrer realen Existenz, und dies, obwohl der politische Prozeß bei all diesen Zusammen­künften vordergründig kaum je auch nur im Vorübergehen Thema war. Die Atmosphäre in dem vollen Saal ist nie so ge- und bedrückt gewesen, wie es für Versammlungen bald nach der Wende charakteristisch wurde. Sie war auf Besinnung aus, oft hoffnungsvoll, manchmal sogar unter verhangenem Himmel heiter.

 

Ende Oktober '89, als sich mir zunächst wider Willen die Entscheidung aufzwang, in die DDR zurückzu­kehren, war ich - ohne private Unbescheidenheit - sicher, dort etwas anbieten zu können, zu sollen, zu müssen, was derzeit so niemand anderes auf dem Programm hatte. 

Das, was ich theoretisch versuche, ist zwar nicht beispiellos — ich denke etwa an den Weg Roger Garaudys in den letzten 20 Jahren —, aber doch verhältnis­mäßig selten: nämlich eine Neubegründung des Politischen aus dem Punkte, in dem sich die Wesenskräfte der menschlichen Existenz mit <Gott>, mit dem <Dau>, mit <Brahman>, mit der <kosmischen Intelligenz> berühren. 

Platons <Politeia> ist mit der abendländischen Zivilisation erschöpft. Eine neue <Politeia> muß nicht nur Griechenland, sie muß den ganzen abend­ländischen Weg transzendieren, der ins Aus geführt hat. Die Welt braucht eine andersartige Vernunft, eine anders in ihre Kompetenz aufgestiegene, anders mit ihrem tragenden körperlichen und seelischen Grund vermittelte, vor allem eine davon unabgetrennte. 

Asien, etwa das <Dau De Dsching>, bietet da Beispiele, und ich fühle, daß es eine Schicht in unserem eigenen Kulturboden gibt, in dem sich eine fruchtbare Verbindung damit ergeben kann. Der »Dialog der Zivilisationen«, den Garaudy propagiert, meint keine Verstandes­dialektik, keine Dogmenvergleiche und womöglich -versöhnungen (an die ich nicht glaube), sondern die Konvergenz der Gotteserinnerung und -erfahrung bzw. der Strebungen in unserem höheren Selbst.

Im Westen ist meine Position mehr oder weniger ein <Geheimtip> geblieben, am ehesten noch — ablehnend — von gewissen ihrerseits fundamentalistischen Protagonisten der individualistischen Moderne als bedrohlich <fundamentalistisch> erkannt. 

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Im Osten, das wußte ich, würde meine Sicht der Dinge von vielen Menschen unmittelbar auf- und angenommen werden — nicht als noch ein interessanter Diskussions­beitrag mehr auf dem Markt der intellektuellen Möglichkeiten, sondern als die Bestätigung einer schon in ihnen selbst heranreifenden Position. Hilfreich, aber nicht ausschlag­gebend dafür würde sein, daß meine Denkhaltung begründet »antiwestlich« im Sinne von antikolonialistisch ist, und darüber hinaus antipatriarchal (ohne feministisch im Sinne eines weiteren »ismus« zu sein). 

Ich gehe tatsächlich davon aus, daß das Insgesamt der euroamerikanischen Zustände, einschließlich ihrer Butterseite, um die rücksichtslose Selbstsucht des weißen Mannes herum organisiert ist — als um den Strudel, der die ganze Menschheit, die ganze lebendige Erde mit sich in die Tiefe des unerfüllten Abgrunds reißt. Ich propagiere die Selbstaufgabe des weißen Mannes, der nach Günther Nenning »prometheisch kriminell« geworden ist und die Haupt­verantwortung dafür trägt, daß wir als eine Art herauskommen, die buchstäblich ihren Kredit bei der Natur überzieht, vielmehr bereits überzogen hat.

 

Die Bevölkerung Ostdeutschlands hat in zwei Jahren zwei Wellen kolonialistischer Hybris erlebt, zuerst ihre eigene Vergewaltigung und Enteignung durch die D-Mark, das heißt durch die Gesetze, die den Weltmarkt regieren, dann die Vergewaltigung einer arabischen Bevölkerung durch die amerikanische »Gerechtigkeit« (von der Erbärmlichkeit der UNO will ich lieber schweigen), vermehrt um die »Gerechtigkeit« der alten Kolonialmächte England und Frankreich sowie um die des deutschen und des japanischen Geldbeutels. 

Sie hat auf dem Bildschirm halb ungläubig, halb chloroformiert jene selbst­verständlich rücksichtslose, an kein Tabu gebundene, machtwillige »Unwider­stehlichkeit« erlebt, mit der der vital eher armselige weiße Mann sei's mit Geld-, sei's mit Bombenteppichen flächendeckend jeden Widerstand, jede Alternative zu seiner todbringenden Lebensform niederwalzt. 

Ich bin sicher, daß da unterschwellig mehr angekommen ist, als sich politisch artikuliert. Selbst der Westen Deutschlands ist ein Stück mehr von der Inkarnation abgerückt, die der weiße Mann als <homo americanus> schon in den Augen des Cheafs Seattle besaß. Was immer die Propaganda an Gleichschaltung geleistet haben mag, Ostdeutschlands Seele ist noch weniger mitgewesen bei dieser massen­mörderischen Strafaktion im Ursprungsland der Kultur. Sie empfindet aus der Perspektive der Kolonisierten. Je mehr sie des Hasses ledig wird, das heißt nicht zuletzt, die Verantwortung für ihre Lage übernimmt, um so aufnahmefähiger wird sie sein für das jetzt eigentlich Notwendige. In diesen Raum hinein habe ich gesprochen, und die Resonanz hat vieles von dem bestätigt, was ich bis dahin über die Motive nur hatte vermuten können.

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Die Ursache der drohenden Realapokalypse ist der Mensch selbst. Die ökologische Krise ist nur ein Hinweis darauf — allerdings einer, in den sich aller Schrecken der bisherigen Geschichte zusammenfaßt —, daß das im sozialökonomischen Selbstlauf materiell Entfaltete von einem übergeordnet Politischen (Politik von polis) wieder eingeholt werden muß. Und der Staat seinerseits ist keine unabhängige, aus sich selbst begründete Dimension der menschlichen Existenz, sondern eine »Angelegenheit der Götter« (Sokrates, der das gerade noch festhielt, während die Griechen dabei waren, den Kontakt zu verlieren). 

Nicht aus der Ökonomie, nicht aus irgendwelchen »Problemen«, die wir uns in einer gottfernen Struktur geschaffen haben, sondern nur aus dem Geist, der zugleich menschheitsimmanent und -transzendent ist, kann, jenseits aller Korrumpiertheit (aufgrund unmittelbarer Bedürftigkeiten), eine Ordnung neu geschaffen werden, mit der es überhaupt eine Zukunft gibt. Nur Menschen des Weges, die sich statt an irgendwelchen Instanzen der äußeren Welt (gar der von uns als Ganzes falsch geschaffenen sozialen) an ihrem mit der universellen Intelligenz verbundenen höheren Selbst orientieren, können das erlangen, was etwa in der anfänglichen chinesischen Kultur »Mandat des Himmels« hieß.

Der Zusammenbruch der DDR hat einmal für ein Teilvolk der reichen Ersten Welt einen Augenblick der Tabula rasa erzeugt, eine Gnade für all jene, die in der Summe der Enteignungen von Besitzständen aller Art, gerade auch der institutionellen Sicherungen, einschließlich des auf der industriellen Todesspirale verorteten Arbeitsplatzes, die Stunde erkennen können, von der gesagt ist, »wer sein Leben verlieren kann, der wird es gewinnen«.

Was auch immer ich selbst zunächst gedacht haben mag, als ich zurückkehrte — ich war rechtgeleitet worden. Deutschland als ganzes ist ein besonderer Ort in der Geographie der globalen Krise (ich fühle das, obwohl sich auch Argumente nennen lassen aus dem Schicksal unseres Volkes). Und das Gebiet, das bisher fehlbenannt Deutsche Demokratische Republik hieß, während es eine Art asiatischer Kontinuität durchs westliche 20. Jahrhundert wahrte, ist ein besonderer Ort in Deutschland, jetzt mehr denn je, da das Gebilde alle Realität verlor außer seiner wesentlichen Wirklichkeit in den Menschen.

Ich bedaure es nicht, daß sich die Vereinigung auf dem niedrigsten Steuerungsniveau, unter den in einem reichen Land größt­möglichen Friktionen vollzieht, daß sich die Wunde der Teilung, die vernarbt und drahtvernäht war, nach ihrer Öffnung alles andere als leichthin schließen wird. Es will da im Gegenteil noch viel Gift heraus, das älter als bloß 45 Jahre ist, und älter als bloß zwölf Jahre mehr. Hat nicht jeder mittelalterliche Kreuzzug mit einem Judenpogrom in den eigenen Städten begonnen? 

Und hat sich der Rauch der Hexenfeuer schon wirklich verloren?

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Auch ich habe eine Weile gedacht, die westdeutsche ökonomische »Gesundheit« würde — obwohl in sich selbst prominentestes Symptom der westlichen Krankheit zum Tode — immerhin ausreichen, um den vordergründigen Unterschied des Lebens­standards (was immer das sei) in fünf Jahren auszugleichen. Inzwischen sieht es eher so aus, als würde die gesamte »bewährte« Wirtschaftsordnung der bisherigen Bundesrepublik in ihrer kolonialistischen Grund­verfassung gewogen und für zu leicht befunden im eigenen Lande.

Statt als das Heilmittel wird die Ökonomie (die D-Mark ihr Repräsentant) erkannt als der Eiterherd, und es wird spürbar für alle, daß wir zur politischen, zur moralischen, zur geistigen, ja geistlichen Entscheidung gerufen sind. Und diese Entscheidung kann natürlich ihr Kriterium nur in der Gesamtheit der Heraus­forderung finden. Deutschland braucht eine Ordnung, die mit dem Natur- und Menschheitswesen als Ganzem harmoniert, fürs erste wenigstens der Idee nach vereinbar ist. Diese Herausforderung ist unendlich viel größer als die im Augenblick der Wende von vielen Seiten ins Auge gefaßte Verbesserung des Grundgesetzes durch tatsächliche oder scheinbare Errungenschaften der halben Revolution nach '45 und der Viertelrevolution von '89 im Osten.

Aber das in der Realgeschichte der DDR — und dahinter natürlich der Sowjetunion — Unabgegoltene, das in ihrer Realgestalt Unerfüllbare ihres Auftrages, äußert sich jetzt als eine Gewissensfunktion von gesamtdeutscher Bedeutung. Und die besten Geister des ganzen Landes werden sich davon belehren lassen, wie schwer sich so eine Wunde schon im eigenen Lande schließt und welches Maß an Demut nötig ist, um die Heilung zu befördern.

Für alle, die nicht schlafen oder in selbstgerechter Arroganz versteinert sind, ist in diesem Lande offenbar, was für eine satanische Verirrung etwa die Belehrung der Araber durch die High-Tech-Höllenmaschine des Westens war. Immerhin scheint, daß »wir« uns so halbseiden an dem Verbrechen beteiligt haben, ein Zeichen zu sein, daß wir nicht mehr ganz an unser Recht glauben, diese unsere verheerende alltägliche Lebensweise zu verteidigen.

Selber Beelzebub, der oberste der Teufel, verdienen wir es natürlich, von irgendeinem Unterteufel, den wir genährt haben, aufgespießt zu werden. Und im Grunde unseres Herzens wissen wir das ganz genau. Es wird Mächtigeres über uns und unsere israelischen Vettern und Komplizen kommen als der irakische <Abu Scud>, wenn wir nicht umkehren.

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Trotz allen Wissens um das Notwendige meiner Position war ich natürlich im Sommer '90, als ich für meine Vorlesungen im Herbst das Auditorium maximum belegte, den offiziell immer noch nach Marx und Engels bemannten größten und repräsentativsten Raum der Humboldt-Universität, doch nicht sicher gewesen, wie weit psychologisch tragen würde, was ich zu sagen habe — zumal meine Einsicht unmittelbar »pessimistisch« ist. Muß ich doch sagen, daß ich den homosapiens — unweise, wie er nun einmal ist; soweit sich sein Verhalten statistisch messen läßt — bereits verloren sehe. 

Mit den von den Erfindern selbst kaum noch geglaubten Panazeen politik- und sozialwissenschaftlicher Provenienz, die medial dargereicht werden, sind die ungeheueren Trägheitskräfte, die sich in Kilogramm und Kilowatt pro Kopf rechnen, nicht einmal mehr auch nur abzubremsen, geschweige denn aufzuhalten.  wikipedia  Panazee Allheilmittel ]

Abgebremst wird durch die ideologischen Beschwörungen, die sich neuerdings ökologisch geben, nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit, wie sie in uns und außer uns tatsächlich ist. Produziert werden falscher Trost und falsche Hoffnung.

Die Medien sind ein System der Betäubung und Immunisierung von Geist und Seele, Herz und Bauch gegen den Einbruch vielleicht noch lebensrettender Wahrheit. 

Umweltschutz ist theoretisch wie praktisch ein selbstbetrügerischer Flop. Kann es dennoch anziehend sein, das zu enthüllen, die Illusion zu zerstören? 

Ja, hat sich herausgestellt, wenn die einzige Instanz angerufen wird, in uns, die den ebenfalls in uns verorteten Quell des Unheils austrocknen oder vielmehr transformieren kann. 

Und die Anziehung beruhte nicht auf Diskurs (wie die Orientierung an der antagonistischen Diskussion gewöhnlich genannt wird), sondern auf dem Konsen­scharakter der Kommunikation. 

Nicht die Disputation über gegensätzliche Standpunkte, sondern das Gespräch im Geiste wechselseitiger Ergänzung und Vertiefung würde vorherrschend. 

So wäre das Ereignis, das meine Vorlesungen Unter den Linden werden konnten, zwei Kilometer weiter westlich schwerlich möglich gewesen, obgleich keine Mauer mehr da ist. 

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