Nikolai Fjodorow

 

Die Philosophie der

gemeinsamen Tat (1906)

 


Die Frage der Bruderschaft oder der Verwandtschaft, der Ursachen des unbrüderlichen und unverwandtschaftlichen, d.h. des unfriedlichen Weltzustandes und der Mittel zur Wiederherstellung der Verwandtschaft.

Memorandum der Nichtgelehrten an die Gelehrten, die geistlichen und weltlichen, an die Gläubigen und Nichtgläubigen. (Suhrkamp 2005)

Fjodorow-Denkmal in Borowsk bei Kaluga

wikipedia.Autor  Bibliothekar, *1829 in Südostrussland bis 1903 in Moskau (74)

DNB  Autor 

Google.Autor  Bing.Autor

 

detopia:

Ökobuch   Utopiebuch  

F.htm     Sterbejahr 

Malzew.Fjodorow 

 

Groys.Biopolitik  

Andrej.Platonow   Nikolaj Gogol    W.Solowjew   P.Sorokin    W.Wernadski   Tichomirow

 

 

Dissertation 1989 Marburg, 550 Seiten:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aus Wikipedia-2019

Fjodorow war uneheliches Kind der russischen Adeligen Elizaveta Ivanova und des Fürsten Pavel Gagarin.

Aufgewachsen in Okna bei der Familie Gagarin, besuchte er von 1836 bis 1842 die Schule in Eack und anschließend bis 1849 das Gymnasium in Tambow.

1849 bis 1852 studierte er Verwaltungswissenschaft an der Richelieu-Hochschule in Odessa. Dort entwarf er bereits die Grundideen seiner „unsystematischen Philosophie“. 

Nach der Hochschule, die er ohne Abschluss verließ, arbeitete Fjodorow an mehreren Provinzschulen als Geschichtslehrer. 

1868 zog er nach Moskau, wo er Privatunterricht gab und 1869 eine Anstellung als Hilfsbibliothekar in der Tschertkow-Bibliothek fand. 

1874–1899 arbeitete er als Bibliothekar im Rumjanzew-Museum, wo er als erster einen systematischen Buchkatalog erstellte. Während seiner letzten Lebensjahre war er Bibliothekar im Lesesaal des Moskauer Archivs des Außenministeriums.

Fjodorows Philosophie, die unter anderem auch im Werk von Boris Pasternak zu spüren ist, verbindet christliche und philosophische Konzepte, unter anderem auch die Idee der Auferstehung des Körpers oder die Vorstellung eines Weltbewusstseins (Noosphäre).

 


 

aus Malzew-1981

Fjodorow hat schon vor hundert Jahren über Probleme nachgedacht, die erst heute weltweite Aktualität erlangt haben, wie die Ökologie, das Bevölkerungs­wachstum, die Eroberung des Weltraums, usw.  

In seiner <Philosophie der gemeinsamen Tat> versuchte er eine Antwort auf die Frage zu geben, wie man das Leben besser machen und umge­stalten könnte, wie die Feindseligkeit unter den Menschen, wie überhaupt alle Leiden der menschlichen Existenz abgeschafft werden könnten. 

Er war der Überzeugung, daß sich dazu nicht in erster Linie die Beziehungen der Menschen untereinander ändern müßten, sondern das Verhältnis der Menschen zur Natur und der Natur zum Menschen, wobei er unter Natur nicht nur die Umwelt, sondern auch die Instinkte und das Unbewußte im Menschen selbst verstand. 

Fjodorow wandte sich gegen ein passives Verhältnis zur Natur, gegen den blinden Fatalismus des modernen Menschen. »Die gemeinsame Tat« der ganzen Menschheit — so nannte er die von ihm geforderte aktive Tätigkeit aller mit dem Ziel, allen Menschen ein gesundes und glückliches Leben zu sichern, den Hunger, die Krankheiten, die Unzulänglichkeiten des menschlichen Organismus, das Altwerden, zuletzt sogar den Tod abzuschaffen.

Erst wenn dieses Ziel erreicht sei, wären die Ursachen für Bosheit und Feindschaft unter den Menschen beseitigt, erst dann könne sich ein natürliches Fundament der Moral und der Brüderlichkeit unter den Menschen festigen.

Fjodorow bestritt jede Möglichkeit, das menschliche Leben durch eine wie auch immer geartete Umgestaltung der Gesellschaft glücklich zu machen, weil die Wurzeln des Übels für ihn tiefer liegen — nämlich in der Natur selbst, in dem unerkannten und unbewußten Wesen der Natur. 

Die Menschheit — eine im ganzen Kosmos einzigartige Erscheinung — soll dem höchsten Schöpfer selbst gleich werden und die ganze Welt neu machen, jeder einzelne Mensch soll nicht für sich selbst und soll auch nicht für andere leben (Altruismus), sondern für alle (Brüderlichkeit); nur die freiwillige Vereinigung aller Menschen zur gemeinsamen Tat vermag diese titanische Aufgabe zu bewältigen. 

 

Die Menschheit muß den Tod überwinden, und sie muß darüber hinaus ihre Pflicht gegenüber den Toten erfüllen und sie wieder zum Leben erwecken — doch diese Wiedererweckung soll sich nicht als ein Wunder vollziehen, sondern als das natürliche Resultat der menschlichen Erkenntnis, der Überwindung der blinden, todbringenden Gewalt der Natur. 

Der Mensch muß lernen, alle Moleküle und Atome zu lenken, um das Zerstreute zu sammeln, das Zerlegte zusammenzufügen, also auch im Körper der Vorfahren. Die Moral muß auf die gesamte Natur ausgedehnt werden. Die Toten wiederzuerwecken — das bedeutet, die Geschichte aufzuheben, die Evolution, den Fortschritt, den Prozeß des Werdens und Vergehens, denn alle Geschichte bis auf den heutigen Tag ist gegenseitige Vernichtung. 

Die Erde, die so viele Generationen verschlungen hat, wird, gelenkt von dem Wissen und der erkennenden Liebe ihrer Kinder, nach und nach alle wieder hergeben, die sie zu sich genommen hat. Und dann wird der Mensch, nachdem er die Materie und die in ihr verborgenen Kräfte erkannt, seinen Körper umgeformt, die Toten auferweckt hat, beginnen, die Planeten und Sterne zu bevölkern, die dann nicht mehr, wie heute noch, seelenlos, kalt und feindlich aus unergründlicher Ferne auf uns herabblicken werden. 

Wenn für Dostojewskij das erste und Wichtigste das menschliche Leiden ist, die Unmöglichkeit, sich mit einer Welt zu versöhnen, in der Unschuldige leiden müssen, so ist es für Platonow wie für Fjodorow unmöglich, sich mit einer Welt abzufinden, in der man sterben muß; sie weigern sich, den Tod und die blinde Sinnlosigkeit des Daseins hinzunehmen. #

 


 

Boris Groys (Hg.), Michael Hagemeister 

Die Neue Menschheit 

Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts 

Kartoniert, 688 Seiten,

KLAPPENTEXT 

Um 1900 entwarfen russische Autoren radikale Projekte einer totalen Umgestaltung des Lebens, vor deren Hintergrund heutige Biopolitikdebatten geradezu bescheiden wirken. So ersann Fedorow das "Projekt der gemeinsamen Tat", dessen Ziel es war, mittels moderner Technik alle Toten künstlich auferstehen zu lassen; die "Biokosmisten" proklamierten den Kommunismus als Weg zur Erlangung der Unsterblichkeit und Tsiolkowski, der Vater des sowjetischen Raketenprogramms, hatte die Vision, andere Planeten mit auferstandenen Menschen zu bevölkern. 

Der Band stellt diese und andere biopolitisch-utopischen Entwürfe vor und veranschaulicht die hierzulande kaum wahrgenommene ideologische Komponente der kommunistischen Weltanschauung, die bis in die postkommunistische Gegenwart wirkt. 

 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.03.2006:

 

"Die neue Menschheit" ist Teil eines dreibändigen Projekts, mit dem der Philosoph und Medienwissenschaftler Boris Groys die "geistige Situation in Osteuropa und ihre kulturhistorischen Voraussetzungen" zu fassen versucht, und Rezensent Ulrich M. Schmid ist höchst zufrieden mit den gehaltvollen Ergebnissen. Dieser von Michael Hagemeister zusammengestellte Band versammelt Dokumente und Analysen zur Biopolitik, zu der der Kommunismus eine große Affinität hatte. Schmid nennt nur die abstrusesten Fantasien: Nikolai Fjodorows Plan etwa, die verstorbenen Väter biotechnisch wieder aufzuwecken oder Konstantin Ziolkowski Utopie, interstellare Kolonien als neue Lebensräume für den Menschen zu errichten.

 


Schreibweisen für Fjodorow:

Fedorov, N. F. Fedorov, Nikolai Fedorovich (AACR) Fedorov,

Nikolaj Fedorovic (Vollständiger Name) Fyodorov,

Nikolay Fyodorovich Fjodorov, N. F. Fjodorov, Nikolaj Fjodorovic Fjodorow.


The Philosophy of the Common Task


englische Encyclopedia der Philosophie:

 https://www.iep.utm.edu/fedorov  


 

2017 in Berlin Haus-KW mit Hagemeister 

hkw.de/de/programm/projekte/veranstaltung/p_135477.php

Fr, 01. September 2017 mit AUDIO

 

 

Nikolai Fjodorow und sein Projekt der “Gemeinsamen Tat”

Vorträge & Gespräch mit Angeliki Charistou, Anastasia Gacheva, Michael Hagemeister, moderiert von Margarete Vöhringer

Anastasia Gacheva: Die Kunst als Überwindung des Todes: Von Nikolai Fjodorow zu den Kosmisten der 1920er Jahre

Die unsterbliche Ausrichtung des russischen Kosmismus zeigt sich in seiner Ästhetik. Nikolai Fjodorow und seine Nachfolger*innen gingen davon aus, dass die Kunst „aus der Trauer des Sohnes über den Tod des Vaters“ geboren wird und somit der Versuch einer „imaginären Auferstehung“ ist. So deklarierten sie die reale Wiederherstellung und Verwandlung des Lebens zur „Kunst der Zukunft.“ Der Mensch erscheint hierbei sowohl als Subjekt des Schaffens als auch als Objekt der Anwendung künstlerischer Energien. Die Kosmisten stellten der „Kunst des Abbilds“ die „Kunst der Realität“ gegenüber und bestanden darauf, dass die Gesetze des künstlerischen Schaffens zu Gesetzen der Realität selbst werden müssen. Die kreative Tätigkeit der Menschheit, die Entropie und Tod besiegt, führe zur Vergeistigung der Materie und zum Triumph der Schönheit an jedem Punkt des natürlichen Universums. Der Übergang zu einer harmonischen synthetischen Tätigkeit, die sowohl weltordnend als auch künstlerisch ist, erforderte nach Auffassung der Kosmisten eine enge Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Aus diesem Grund führte der Kosmismus den Begriff der theoanthropologischen Kunst ein, in dem die schöpferische Energie der Gottheit und die schöpferische Energie des Menschen die Welt wieder in den Zustand „unvergänglicher Herrlichkeit“ versetzen, „in dem sie sich vor dem Verfall befunden hat.“

Anastasia Gacheva ist habilitierte Philologin und leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Weltliteratur A.M. Gorki der Russischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist Mitherausgeberin der Werkausgabe Nikolai Fjodorows, der Anthologien Der russische Kosmismus (1993) und N.F. Fedorov: pro et contra (2004-2008). Gacheva ist Spezialistin und Herausgeberin des literarisch-philosophischen Nachlasses der Kosmisten der 1920er und 1930er Jahre. Sie hat Arbeiten zum geistig-schöpferischen Dialog Fjodorows mit Dostojewski und Solowjow veröffentlicht sowie zur Historiosophie und Ästhetik des russischen Kosmismus und den Strömungen der russischen Emigration in den postrevolutionären Jahren.

Michael Hagemeister: Nikolai Fjodorows Projekt der Welterlösung und der „Russische Kosmismus”

In seiner Philosophie der Gemeinsamen Aufgabe (1906/1913) rief Nikolai Fjodorow, der heute als Begründer des Russischen Kosmismus gilt, alle Lebenden dazu auf, den Tod mit wissenschaftlich-technischen Mitteln zu überwinden und sämtliche verstorbene Vorfahren wiederauferstehen zu lassen. Er war überzeugt, dass sich das Paradies auf Erden erst einstellen könne, wenn alle Menschenwesen in Zeit und Raum vereint werden. Nur so entkomme man der Aporie aller bisherigen Theorien des Fortschritts und der Erlösung, nämlich deren unvermeidlicher Voraussetzung von „Verdammten“ oder „Opfern der Geschichte“. Fjodorows Ideen zur „Lösung“ des Todesproblems vertrugen sich jedoch nicht mit denen eines anderen bedeutenden Kosmisten, Konstantin Ciolkovskij. Es stellt sich also die Frage, ob es den Kosmismus als solchen überhaupt je gegeben hat. Hagemeister beschreibt diese Denkrichtung in seinem Vortrag als eine hybride Ideologie aus späteren sowjetischen Zeiten, die nach dem Ende der Sowjetunion einen nationalistischen Diskurs der russischen Identität wesentlich geprägt hat.

Michael Hagemeister ist Historiker und Slawist. Er promovierte mit einer Arbeit über den russischen Philosophen Nikolai Fjodorow und verfasste zahlreiche Publikationen zur russischen Philosophie und Geistesgeschichte, zum utopischen und apokalyptischen Denken in Russland sowie zu den Protokollen der Weisen von Zion. Gemeinsam mit Boris Groys gab er den Band Die Neue Menschheit (2005) heraus. Nach Forschungs- und Lehrtätigkeit an zahlreichen Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeitet er derzeit am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum über das antimoderne und antiwestliche Denken in Russland.

Angeliki Charistou: Die „Philosophie der gemeinsamen Tat” und der Weg zur Nichtobjektivität: Begriffe von Zeit und Raum

Nikolai Fjodorow entwarf in seiner Philosophie der gemeinsamen Tat auf der Grundlage christlichen Gedankenguts Mittel und Wege, um das ultimative Ziel seiner Zeit zu erreichen: die Wiederauferstehung der Toten und das Weiterleben der Menschheit in Verwandtschaft, Solidarität und Liebe. Für ihn bestand die höchste Pflicht der Menschheit darin, ein geistiges Niveau zu erreichen, das die wissenschaftlichen und technologischen Voraussetzungen für die Verwirklichung dieses Zieles mit sich bringen würde. Daraus ergaben sich zwei Konsequenzen: Erstens hätte die Wiederbelebung der Toten und die Unsterblichkeit aller Menschen zur Folge gehabt, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschmelzen und so wäre auch das Verständnis von Zeit ein anderes geworden. Zweitens wäre es zu einem Mangel an Lebensraum gekommen: Denn die Erde hätte kaum alle wiederauferstanden, lebenden und zukünftigen Generationen gemeinsam beherbergen können. Deshalb forderte Fjodorow dazu auf, den unendlichen Kosmos zu erforschen, ihn zu erobern und zu kolonisieren. Die Gemeinsame Tat forderte von den Menschen also mehr, als sich im Inneren zu wandeln; sie sollten auch ihr Verhältnis zur Natur und zu den Bedingungen ihres eigenen physischen Daseins in der Natur neu bestimmen. In ihrem Vortrag erörtert Charistou Fjodorows philosophische Auffassung von Zeit und Raum sowie seine Vision eines „neuen Menschen“ und lotet dabei Schnittstellen zu künstlerischen Konzepten der russischen Avantgardekunst aus.

Angeliki Charistou hat Archäologie und Kunstgeschichte an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki und der Saint-Andrews Universität studiert, wo sie 2004 ihren Master mit einer Arbeit zur russischen Avantgarde abschloss. Nach ihrem Studium hat sie am Staatlichen Museum für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki (SMCA) und der Teloglion Stiftung (A.U.Th.) gearbeitet. Seit 2007 ist sie Kuratorin der Costakis Collection am SMCA. 2015 war sie als Ausstellungsregistrarin für den Pavillon der Republik Armenien auf der 56. Biennale in Venedig tätig, der den Goldenen Löwen für den besten nationalen Pavillon gewann. Zurzeit ist sie Doktorandin an der Universität Makedonien in Thessaloniki und arbeitet an einer Arbeit zum Kosmismus und der russischen Avantgarde.

Margarete Vöhringer ist Professorin für "Materialität des Wissens" an der Georg-August-Universität in Göttingen. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie, Philosophie und Ästhetik sowie Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach der Promotion 2006 an der Humboldt Universität zu Berlin lehrte sie an den Universitäten Berlin (FU, HU, UdK), Weimar, Zürich und Moskau. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart und Kulturwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf visueller Kultur. Zu ihren Publikationen gehören Wissenschaft im Museum – Ausstellung im Labor (hg. mit Anke Te Heesen) von 2014 und Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente in der frühen Sowjetunion (2007).

 

^^^^

www.detopia.de     (Ordner)