Jürgen Fuchs

Das Ende einer Feigheit

 wikipedia  Seelingstädt

1988 im Rowohlt Verlag 

 

(d-2018)  Wenn ich richtig nachgerechnet habe, dann mußte Fuchs im Herbst 1972 nach Seelingstädt (zwischen Gera und Zwickau gelegen).

 

1988   224 Seiten

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s022   s058 

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Der Weg ist eng geworden. Hinter dem Zaun die Straße, hinter der Straße die Neubauten, in denen die Wismutarbeiter wohnen mit ihren Familien. Im Lager die Baracken, der Sportplatz, die Sturmbahn. Du bist drin, befindest dich in einer Stube, Betten stehen herum, Hocker, ein Tisch, Schränke aus altem, grobem Holz, zerfurcht, zerkratzt von Stiefelspitzen und Stahlhelmen. Gelbbraunes Holz mit schwarzen Stellen, abgebeizt, hingestellt. Ecken, Risse, kahle Flächen, Gräben, kein Wohnen, keine Höhle, kein Wald. Ausrüstungs­gegenstände, Inventar einer Soldatenstube. Da sind Pilz, Specht, Schonwald und Schenck, auch Inventar.

In Unterhemden, in Socken spielen sie Skat, packen ihre Wäsche zusammen, haben etwas zu reden. Kommilitonen, Studenten, Soldaten... Genossen? Kameraden? EKs? «Halt die Klappe, Kumpel, morgen geht's nach Hause!» Pilz lacht, hat Freude, ist groß, über zwei Meter, breite, graue Träger hat er an den ausgebeulten Uniformhosen. «Heimgang, Jungs, Heimgang!» bestätigt Schonwald, Amateurfunker, Chemiestudent wie Pilz, rundes Gesicht, gekräuseltes Haar, mittelgroß, dick, sehr laute Stimme, «...achtzehn, zwanzig...» Schenck paßt, Sektion Technologie, er redet wenig, hört zu, liest in Autozeitschriften, vergleicht technische Daten. Sein Bruder ist Opernsänger in Eisenach. Bei <Opernsänger> lächelt er, es ist ein freundliches, verlegenes Lächeln: Ich kann nichts für meinen Bruder, das ist auch ein Beruf, singen... Schonwald macht das Spiel, Grand Hand. Auf dem Korridor schlagen Türen.

Auf dem Bett liegen, es ist Abend, auf das Geflecht der Stahlmatratze starren über dir, auf diese enge, festgezurrte Landschaft. Liegen und starren.

Die Bilder kommen, haben viel Macht. Draußen, drinnen, hin und her, die Straße, die Neubauten, die Pflastersteine, ihr nasses Glänzen, das ölige Schillern der Benzinflecken, dunkle Kreise im Sand, Reifenspuren. Morgen ist der einundzwanzigste. In den Zug steigen, endlich nach Jena zurückfahren. Endlich! Schon einmal standen Sonderzüge bereit, Zwickau, Johanngeorgenstadt, Plauen, neunundsechzig, vor vier Jahren. Und auch Heimfahrten gab es, du weißt, wie es ist, Ausgang, Urlaub. Die letzten Tage, «da kommt Freude auf», wie Jugel höhnisch und erleichtert sagte, als der Grundwehrdienst zu Ende ging.

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Und dann das hier, nicht ganz so scharf, weniger Angst, fast keine Überraschungen mehr, aber ekelhafter, quälender. Noch mal von vorn? Wie oft denn noch... In den Aufzeichnungen blättern...

Einen Sonderzug werden sie bereitstellen, gepolsterte Sitze, kleine Abteile. Man kann aus dem Fenster sehen, man kann zusehen, wie diese Landschaft verschwindet. Es ist mild, Tauwetter. Die Strecke Werdau–Gera kennst du, bist sie oft gefahren in den großen Ferien, nach Gotha, wo die Großmutter wohnte in einem Haus zwischen Apfelbäumen und Johannisbeersträuchern. Die Großmutter, die Kuchen backte und ein wollenes Kopftuch trug, ist tot.

Wieder hast du die Tage gezählt, sechs Wochen waren es diesmal, den Wachdienst am Anfang mitgerechnet. <Militärische Ausbildung, obligatorisch>, im Studienbuch auf Seite 52 vorgedruckt: <Bestätigung der Teilnahme an der militärischen, vormilitärischen und Luftschutzausbildung.> Darunter ein Stempel vom Direktorat für Erziehung und Ausbildung, eine <Gesamtnote> ist zu erteilen. Datum, Unterschrift.

Ich habe schon gedient, ich weiß es schon, grüßen, stillstehen, Waffen reinigen, Stiefel säubern, ich weiß es schon, das konnte man nicht sagen, wenn man weiterstudieren wollte im neuen Jahr. Alles begann von vorn ... In diesem Lager kannst du Notizen machen, das wäre in Johanngeorgenstadt oder Plauen unmöglich gewesen.

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Der Dienstplan ist lockerer, mehr Zeit bleibt, ganze Hefte lassen sich füllen, «Briefe schreiben», sagst du. An den jungen Kerl, der Borchert gelesen hatte und Böll, der nicht mitmachen wollte und dann doch die Uniform anzog... Eintragungen, Fetzen, Verse, Geschichten, Zitate, Verletzungen, Beobachtungen, Dialoge, Risse, Erinnerungen. Tage im Leben des Rekruten F., der einer von vielen ist. Der ich sagt, weil es alle betrifft. Und weil es ihn betrifft. Ich, ich, ich, das möchte er sagen. Und wirklich wahr, nicht umsonst, nicht verloren. Vielleicht ist Rache dabei, das hier abzulichten, der Wunsch nach einer <ausgleichenden Gerechtigkeit>...

Diese Armee, diesen Frieden zum Thema machen. Wenn der Mut reicht. Wenn ich Glück habe. Ob es eine Zeit gibt, ruhig zu beschreiben, was ich gesehen und hastig notiert habe, wen getroffen, hier und in Johanngeorgenstadt, in Plauen, als der <Dienst> begann? Worüber gesprochen wurde und wie. Die Gesichter, die Namen, ihre Geschichten. Was gesagt wurde, was nicht. Was getan wurde, was nicht. Und die Farben der Gebäude, der Schornsteine, der Holzzäune, der Drahtzäune. Die ersten Tage und die letzten Tage. Das Warten, Herumhocken, Hoffen, das Absitzen. Man kann Tage zählen, Bandmaß schneiden, Kreuze in die Latten der Umzäunung ritzen, man kann feiern, saufen, Skat spielen, die Neuen bedauern oder verlachen, sie auflaufen lassen. Die Monate vergehen, die Wochen, die Tage, die Stunden vergehen und kommen wieder. Es gibt ein Zählen, Dulden, Ducken, Hinnehmen. Nicht an den nächsten Termin denken. Ich denke daran. Das Tierchen im Laufrad rennt und rennt, will davon­kommen. Es gibt keinen Ausweg, das ist der Ablauf.

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Ist das die Biografie? Schreib es ruhig in dein schwarzes Heft. Nachher kommt Reinhold Lammke, der ist auch gegen den Krieg. Er will reden. Wochenlang sind wir uns hier aus dem Weg gegangen, wir Studienfreunde. Feldwebel ist er, so läuft er im Lager herum. Hat schon mal Lyrik gelesen auf einer Bühne, in einem Wäschekorb hat er gestanden, experimentell, war angeeckt bei der Bezirksleitung, nachher will er kommen.

«Habt ihr gesehen, wie die zur Tür reinkamen und sich abgeduckt haben...» Pilz lacht, wirft sich aufs Bett, «wie die gekrochen sind, das war große, einsame Spitze!» Die Schlacht im Speisesaal am letzten Abend. «Wurst, Brot, Käse, wie die gekrochen sind...»

Es ist der letzte Tag. Du kannst froh sein, morgen ist das hier zu Ende. Ich bin nicht froh. Es war schon einmal zu Ende, dann begann es von vorn. Wie heißt die Straße vor dem Zaun, Werdauer Straße? Straße der Freundschaft, Straße der Einheit? Oder Otto-Grotewohl-Straße? Weiß nicht, habe nicht nachgesehen. Einmal Ausgang, zweimal Arztbesuch in Ronneburg, was sollte ich nachsehen. Was interessiert mich diese leere, breite Straße. Als Posten am Zaun hast du Kinder gesehen an Nachmittagen, drüben vor den Neubauten. Junge Frauen, Kopftücher, Lockenwickler, Pferdeschwänze, Einkaufstaschen, Bälle, Wäscheleinen, Roller mit drei Rädern und einem roten Winker, der sich drehen läßt. Nachts brannte lange Licht in einigen Wohnungen, früh um vier ging es in anderen Küchen an. Schichtwechsel, Busse fuhren, an der Haltestelle

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warteten Männer, rauchten, die Jackenkragen hochgeschlagen kurz vor fünf, sie redeten wenig, Regen, November, Anfang Dezember. Wieder bist du an einem Zaun entlanggetappt, durchgefroren, bis die Ablösung kam. Du großer, großer Idiot. Uniform, Strammstehen, Wache. Was soll ich machen? Flennen? Wegrennen, lachen, schreien? Begreifen sollst du. Und wenn ich es begriffen habe? Es geht schon zu lange. Angst ist keine Begründung, Druck ist keine Begründung, Studium ist keine Begründung, Gesetze, Rausschmiß, Eltern sind keine Begründungen mehr.

Aber wer es am letzten Abend nicht mehr aushält, über den Zaun steigt und hinunterrennt zu den Bahnschienen, für den gibt es vielleicht kein Zurück mehr. Der möchte weg, am hellgrauen Bahnhofsgebäude vorbei, an der dreckverschmierten, weiß-roten Schranke des Übergangs, ganz weg. Nie mehr Tage zählen, nie mehr zum Essen marschieren, nie mehr militärisch grüßen. Kommt ein Zug, ein Auto? Seelingstädt bei Werdau, wer fährt in dieses Nest? Ein Bus mit Schichtarbeitern. Ein Kipper vom Tagebau, der Fahrer raucht, wartet, bis sich die Schranke hebt. Auch so vergeht die Zeit. Jetzt steht er hier, dann dort. Kein Zug, kein Auto, das Bahnhofsgebäude und die Schranke, zwei hochgereckte Zeigefinger. Paß gut auf oder verpiß dich! Gib acht, sieh hin! Renn weg! Warum soll ich hinsehen, ich weiß es schon. Es ist nicht neu, es ist der zweite Aufguß.

Steh doch auf, geh doch weg, renn doch los mit deinem kleinen Mut, deiner jungen Müdigkeit, die das hier mitmacht. Was liegst du und starrst und kritzelst heimlich in dein schwarzes Heft?

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Pilz hat schon seinen Spind ausgeräumt, Rasierzeug, Seife, Unterwäsche, Socken, Schreibzeug, die <persönlichen Sachen> hat er auf Tisch und Holzhocker gepackt. Und die kleine Schachtel auch, die auch, die hat er auch bereitgelegt, will sie ja nicht vergessen: sein Reiseschachbrett. Dazu die zusammengefalteten Zeitungsausschnitte aus der Jungen Welt, Robert-Fischer-Partien. «Amerika», sagt er, wenn er abends schwierige Züge vollzieht, Schenck sieht ihm zu, «Amerika.» Dicht über die kleinen Steckfiguren gebeugt, mit kurzen Seitenblicken auf das Gedruckte. «Es macht Spaß, große Gegner zu haben», sagt er, wenn er abends Weltmeisterschaften gewinnt und Bobby Fischer ist, bevor er die verdreckten Stiefel säubert.

Notizen machst du dir. Versteckst Hefte in der Wandverkleidung, an der Stirnseite des Bettes in ein Loch. Specht weiß es. Die anderen denken, du schreibst Briefe. Willst Schriftsteller werden. Sammelst Worte, Reden, Farben, <Material>. Pilz ist Material und sein Reiseschachbrett auch. Ich bin auch Material, Zulieferer. Du wolltest doch Gedichte schreiben und in der NDL veröffentlichen. Das hier druckt keine NDL. Ein Staatsanwalt wird dich aus dem Verkehr ziehen.

 

Johanngeorgenstadt, Plauen, das erste Kapitel. Dann Seelingstädt, <Bestandteil des Studiums>. Vierzehn Tage früher antanzen als <Gedienter>, Wache schieben im leeren Lager, bevor die anderen kommen, alte Gewehre bewachen und Platz­patronen. Dritter elfter bis einundzwanzigster zwölfter. Heute ist der zwanzigste. Muß man eine Erfahrung zweimal machen? Ja, bis man es weiß. Bist du weißt, warum du mitmachst. Weil ich muß.

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Weil ich nicht gegen sie ankomme. Weil ich studieren will. Noch mal von vorn! Bis du begreifst, was sie aus dir machen. Was du aus dir machst. Was du aus dir machen läßt. Was du mit anderen machst. Was andere mit dir machen. Nicht aus der Übung kommen, der Arsch bleiben, der man schon mal war. Nix Student, Diplom, Literatur, Gedichte, runter, meine Herrschaften, es wurde ein Eid geleistet, die Fahne vergißt keinen, erinnert sich an jeden einzelnen! Ist das klar? Ob das klar ist? Ja, es ist klar. Und was ist, wenn es klar ist? Schnauze, Ruhe im Glied! Das ist.

«Wurst, Brot, Käse, hahaha, wie die gekrochen sind!» Pilz erwischten sie nicht, Sebastian Pilz, den Chemiestudenten, der jung aussieht mit seinen nach hinten gekämmten Haaren, wie sechzehn, siebzehn. Zwei Kinder warten zu Hause und eine Frau, die Eltern kümmern sich, wohnen im selben Haus. «Der Junge studiert an der Universität, er wird Diplomchemiker, bald schreibt er seine Doktorarbeit», werden sie den Nachbarn sagen. Pilz hockte sich im Speisesaal unter den Tisch. Sie erwischten einen mit Halbglatze und abstehenden Ohren, älter schon, zweiter Bildungsweg, Sektion Technologie. Es soll das Studium kosten. Die Schlacht im Speisesaal am letzten Abend. Die Zeit ist abgelaufen, es geht nach Hause, das Weihnachtsfest steht vor der Tür, die Familie, die Feiertage, die Heimkehr ins <Zivilleben>, die Rückverwandlung in Studenten des zweiten Studienjahres, in Söhne, Ehemänner und angehende Leitungskader. Da begann einer zu werfen.

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Traf einen von den Gefreiten, von den EKs, die ihren Tisch am Fenster haben und auf den Schulterstücken ihre schmalen silbernen Balken, auf die sie großen Wert legen: Das hier ist nur ein Klacks, eine lästige Zugabe, sagen diese Balken, die von weitem aussehen wie aufgeklebte, verblichene Silber­papier­streifen, schmal, zu übersehen, es sind alte Uniformen. Ihre wichtige Botschaft ist: Dieses Lager geht uns eigentlich gar nichts mehr an. Mit uns nicht mehr, auch wenn wir etwas mitspielen müssen. Allerdings ohne Hektik geht das alles, haben die anderen begreifen müssen, Uffze und so weiter, was hier so rumspringt. Mit uns nicht, das muß jedem klar sein, auch den jungen Genossen da drüben an den langen Tischen, die hier die ersten Runden drehen, aufgescheucht wie Rehe im Freigehege, wenn Hunde bellen. Studium ist was anderes als Fahne, davon dürft ihr euch jetzt mal überzeugen. Uns haben sie fast alle mit achtzehn geholt, frisch von der Schulbank weg, euch haben sie studieren lassen. Jetzt geht's mal andersrum. Habt ihr das verstanden? Dann macht eure großen Köpfe zu, glotzt nicht so dämlich rüber, auch wenn heute der letzte Tag ist. Bald sitzen wieder alle in der Mensa, als wäre nichts gewesen. Aber Barras ist was anderes, nicht wahr? Die paar Wochen hier sind lächerlich, wir haben anderthalb Jahre runtergerissen. Da hat uns keiner geholfen, keiner von euch Arschlöchern. Wenn wir auf Urlaub kamen mit unseren dicken Wintermänteln und den gestutzten Haaren, habt ihr komisch gegrinst und seid vorbeigegangen. Das ist die Botschaft der Balken. So sitzen die EKs an ihren Tischen am Fenster. Es gibt nämlich Unterschiede!

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Da kam etwas geflogen und traf einen Kopf, eine Schulter, einen Kragen. Vielleicht kam ein Stück Käse geflogen, eine in Silber­papier eingewickelte Ecke, oder ein Apfelgriebs, eine Brotrinde, irgendwas kam angeflogen. Eine wüste Ballerei begann. Der erste Wurf könnte Jux gewesen sein, eine Bogenlampe ins Getümmel, ein kleiner Spaß, so wie eine Prügelei beginnt auf dem Schulhof, wo zuerst gelacht wird und es erst richtig losgeht nach dem zweiten, dritten Schubsen. Vielleicht wollte auch einer ausholen gegen alles, gegen das Lager und das Studium, gegen den Kommandanten und die Vorgesetzten, gegen Weihnachten und die Freundin, die nicht schreibt, gegen die <Esseneinnahme>, gegen Zeitungen und Uniformen, gegen Zäune und lange, leere Straßen, gegen die Guten und die Bösen, gegen Honecker und Hitler, gegen Brandt und Breschnew, gegen die EKs, die überheblich herumsitzen und mittags beim Anstellen einfach nach vorn gehen, weil es ihnen <zusteht tagemäßig>, gegen alle Fressen und elenden Sprüche... Dagegen wollte vielleicht einer ausholen am letzten Tag, als die Abfahrt nahe war unten am kleinen Bahnhof mit der Schranke und den Abstellgleisen. Plötzlich ging es los.

Raus aus dieser Landschaft, ein Zug soll fahren, du willst zusehen, wie die Halden verschwinden, die schlammigen Pfützen, der künstliche flache See, das schnurgerade Ufer, die aufgeschütteten Fahrbahnen, das braune vertrocknete Unkraut, auf dem der erste Schnee klebt, wie das verschwindet und zurückbleibt.

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Specht sagte gestern, er liest nur noch Fachbücher. Schöngeistiges würde ihn ankotzen. Auch Celan und Enzensberger könnte ich haben in der Suhrkamp-Taschenbuchausgabe. Brachte sein Vater mit von den Dienstreisen. Ich: «Warum?» Specht: «Und das hier?» Am ersten Tag mußte er sein Bärtchen abrasieren. Sein Vater ist Leiter des Brecht-Archivs in Berlin.

Marschieren, brüllen. Bücher helfen nicht, Literatur hilft nicht.
Fahnen.
Klassiker.
Enttäuschte Kinder. Ein Sozialismus
Der Unteroffiziere.

Wer konnte ahnen, daß junge Männer, die brav die Uniform angezogen hatten, am letzten Abend, nur Stunden vor der Heimfahrt, unter Tische kriechen, hinter Bänken Deckung suchen, gegen Offiziere Wurstzipfel schleudern werden? Vielleicht kommt der Mut erst, wenn Rettung in Sicht ist.

Die Offiziere gehen durch den Mannschaftsspeiseraum in die Kantine, wo es Bier gibt und etwas besseres Essen.

In den Schulpausen warfen wir mit Kreide, wenn ein Lehrer vergessen hatte, sie im Schrank einzuschließen. Kam die Aufsicht, wollte es keiner gewesen sein. Petzen kam selten vor, und wenn, wurde der Verräter nach der Schule unbarmherzig zusammen­geschlagen.

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Als der Offizier vom Dienst hereinstürmte mit einem grauen Stahlhelm auf dem Kopf, den Riemen geschlossen, die Pistolentasche geöffnet, und geduckt auf den mit den abstehenden Ohren zurannte, der vorn saß und gerade ausholte, einen kleinen grünen Apfel in der Hand, war er der Täter und wurde aus der Sitzreihe gezerrt, sollte mitkommen. Keiner half ihm. Der OvD schrie, ein Offizier vom Wehrkreiskommando, also kein verkleideter Student, kein promovierter Reservist, wie sie hier ziemlich zahlreich herumlaufen. «Das kostet das Studium!» schrie er.

Stille. Ducken.

Eine Zurücknahme der Bewegung. Niemand wollte die Käseecke geworfen haben. Es war nur ein harmloses Winken. Das Studium sollte es nicht kosten. So ernst war es nun auch wieder nicht gemeint, so spaßig. Die Wurfgeschosse wurden unauffällig auf Tische und Teller zurückgelegt, auch fallen gelassen, dicht an den Hosenbeinen vorbei. Ein verlegenes, verhuschtes Grinsen machte sich breit: Wir waren es nicht, der mit den abstehenden Ohren war es, er wurde auch erwischt. Warum läßt er sich erwischen, warum paßt er nicht auf, der Idiot, wenn er am Eingang sitzt. Soll er doch besser aufpassen mit seiner Glatze, jetzt winselt er, «Bitte nicht, bitte nicht», das arme Schwein. Mitgenommen hat ihn der OvD. Mitgegangen ist er. Zugesehen haben wir. Lebensmittel lagen herum, Käse klebte an den Wänden, Mettwurstringe verzierten die Lampen, Brotscheiben den öligen, grauen Fußboden, Flecken von Margarine, <Sahna>. Unser tägliches Brot, das die Tischdienste aus der Küche geholt und ausgeteilt hatten, war Abfall geworden in wenigen Minuten, Munition in den Händen von verrückt gewordenen Rekruten. Unser tägliches Brot gib uns heute. Wer vergibt uns unsere Schuld?

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«Hast du gesehen, wie die in die Hocke gegangen sind mit ihren Schirmmützen. Schiß hatten die, echt Schiß.» Pilz lacht über die erschrockenen Offiziere, Sebastian Pilz, Sektion Chemie, zwei Kinder und eine Frau, Haare nach hinten gekämmt, großer Gegner von Bobby Fischer, ein angehender Diplomchemiker, mit einem Schachbrett in einer kleinen Schachtel. Die Zeitungsausschnitte nicht vergessen, Sebastian Pilz, und den guten Abschluß des Studiums, eine schöne Stelle in der Nähe des Heimatortes, die Eltern wären sonst enttäuscht, sie wohnen im selben Haus und versorgen die Kinder. Im Unterhemd liegt er auf dem Bett. Schreib nicht nur über Pilz. Du hast auch unter dem Tisch gehockt mit neugierigen Augen. Endlich passierte was! Der Beobachter bekam etwas zu sehen.

Wie schnell die Angst kommt. Es muß nur einer mit Stahlhelm und geöffneter Pistolentasche hereinstürmen und losbrüllen. Wie viele werden wir gewesen sein? Hundert, hundertfünfzig. Mit Pilz hunderteinundfünfzig.

Die Tage vergehen und kommen wieder. Warten, marschieren, herumsitzen, abruhen, Manöver, Bandmaß schneiden, abends heimlich eine Schnapsflasche öffnen mit den anderen, einer beobachtet den Flur, bald ist die ganze Scheiße vorbei. Das ist die Hoffnung, das Ziel. Aber die Tage vergehen und kommen wieder, kommen immer wieder. Es führt ein Weg zurück in diese Kasernen und Lager.

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Beim erstenmal waren es achtzehn Monate, nie wieder, hast du in Plauen gesagt, vor der Kaserne, an der Bushaltestelle, als die dunkelgrünen Lkws angefahren kamen mit den Neuen, nie wieder, meine Tage sind vorbei, ich trage Zivil und habe Cordschuhe, habt ihr das verstanden, Zivil! Und die hellgrauen Cordschuhe!

Jahoda aus Markneukirchen ist umgekehrt auf dem Weg zum Bahnhof, der Musikinstrumentenbauer und Unterfeldwebel, er verwaltete die Waffenkammer. «Ich habe mir nie was zuschulden kommen lassen, Waffenkammer ist eigentlich 'ne Stelle für einen Feldwebel, mindestens, keine Patrone hat gefehlt, das kann jeder bestätigen, auch sonst, ich war immer fair, habe nie jemanden angeschissen, nicht mal die Bunten.» Wie wild hatte er die Tage gezählt und zu seiner Frau gewollt, deren schwarze Haare und dunklen, winkenden Blick er jedem zeigte in Postkartengröße, drei Kinder hatte sie mitgebracht in die Ehe. «Wie soll ich das machen, fünf Personen, wo soll ich Instrumente bauen, das Erzgebirge ist weit, hier gibt's keine Werkstätten, bei der Fahne hab ich mein Auskommen. Heimgang, ein freier Mensch sein, das will ich, klar, nicht bloß Urlaub und Ausgang, aber irgendwo ins Büro gehen, ich weiß nicht, Buchhalter, mich von Zivilen anscheißen lassen... Musik könnte ich bissel machen, kann ja gut spielen, wißt ihr ja, Saxophon, Barmusik... Aber rumziehen, abends nie zu Hause, ich weiß nicht... ein freier Mensch...» So redete er und lief los mit den anderen am Entlassungstag, aufgekratzt, erwartungsvoll, triumphierend, am Ziel.

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In der Bahnhofs­halle muß er umgekehrt sein, die anderen haben ihn noch gesucht, haben in der Mitropa und den Toiletten nachgesehen, Jugel wollte ihn ausrufen lassen. Da stand Jahoda schon wieder am Tor, hatte es sich überlegt, durfte bleiben, auch sein Bett behalten und die Waffenkammer. Eine neue Uniform bekam er, das bessere Tuch für den Berufsunteroffizier, vier Wochen später wurde er befördert, ein silberner Stern kam auf die Schulterstücke, Feldwebel Jahoda, Gehaltszulage, Sonderurlaub, das Bild der Frau blieb in der Brieftasche. 

Er hatte nun das Recht, im großen Offiziersspeiseraum zu sitzen und von Soldaten, den <Tischdiensten>, bedient zu werden. Er wird sich neben den dünnen Schmidt gesetzt haben, der Busse fahren wollte und sich zehn Jahre verpflichtete. Weil er eine Brille trug, durfte er Bürodienst machen in der Kartenstelle, dort wurden Leute gesucht. Es war auch ein Befehl, denn zwei Fahrer existierten schon im Regiment, Busfahrer im zivilen Leben wie der dünne Schmidt. Sie wollten eigentlich Panzerfahrer werden, das war ihr Traum, darum hatten sie sich verpflichtet. 

Der Busfahrer aber, der Busse fahren wollte, allerdings dunkelgrün gespritzte, die gefielen ihm irgendwie besser, hatten auch andere Nummernschilder, der lief still, traurig und willig umher, keiner von den Soldaten mußte ihn grüßen. Die meisten grüßten ihn aus Mitleid und Sympathie, weil er anders war als die anderen und nicht mit den Augen drohte. Er nickte, hob sehr spät die Hand an den Mützenrand, war abwesend, wahrscheinlich dachte er an Busse und große Garagen.

Neben den dünnen Schmidt wird sich Jahoda gesetzt haben. Von seiner Rückkehr erzählte mir einer, der sechs Monate später entlassen wurde.

19


«Die anderen haben den Kopf geschüttelt», sagte er, «auch sich gefreut ... die meisten schwirren ab, Highlife und so weiter, von denen wird keiner mal auftauchen und 'ne Flasche Alk abliefern, obwohl sie groß geredet haben... der kam zurück... war ja kein schlechter Kapo, ließ einen in Ruhe, besser so einen als neue Arschlöcher, die jeden Abend Stiefelputz kontrollieren...» Jahoda, der Musik­instrumentenbauer aus Markneukirchen, dem es in einer Waffenkammer besser gefiel.

Du wolltest schnell nach Hause und im September studieren. Frei sein, auch weg vom Mühlgraben, vom Anger. Das Zimmer, nach dem du dich gesehnt hattest, erschien klein, drückend. Die abgeblätterten Wände des gegenüberliegenden Hauses verkündeten eine Botschaft, die du nicht mehr entziffern konntest. Als Kind hattest du Gesichter gesehen in den weißen Salpetergebirgen, weite Landschaften. Jetzt lagen Abzeichen auf dem Tisch, kompanieweise verteilte Blechtrophäen einer unfreiwilligen, lächerlichen Karriere zum <Gefreiten der Reserve>. «Na siehst du», sagte die Mutter, «sogar Auszeichnungen, da müssen sie dich nehmen zum Studium.» Einer hatte Andeutungen gemacht über <Unsicherheiten Ihren Sohn betreffend>. Jetzt war er zurück, sagte nichts, wollte lesen und allein sein. Wem konnte er es erzählen? Wer wollte hören, was zu berichten war? Keiner. Höchstens H., sein ehemaliger Deutschlehrer... 

Aber er war auch nicht <dabeigewesen> Die Älteren kannten den Krieg, den Zusammenbruch, sie lachten über «das bißchen Kaserne» der Jüngeren. Wem sollte er von Rödiger erzählen, von Müller? Wie die Beurteilung zustande gekommen war, wie die Abzeichen verteilt wurden, ein Unteroffizier trug sie in einem Pappkarton. Wie Hertwig am Tor stand... 

20/21

Hast du auch welche erschossen im Krieg, wollte das Kind einmal vom Vater wissen am Abendbrottisch. Davon wollte er nicht sprechen, nein, nein, bestimmt nicht, aber davon wollte er nicht sprechen. Und jetzt, wovon sollte er sprechen? Wer stellte die Fragen? Keiner stellte die Fragen. 

«Biste wieder da. Froh, was?» Das war alles. 

Der Lehrer hörte aufmerksam zu, fragte nicht nach. Keiner fragte nach. Zu Eva gehen, laufen, immerzu laufen, in Zivil, auf Straßen, ohne Termine, ohne Stubendurchgang und Alarmklingel, ohne Rufe und Kleiderordnung, nur gehen, anlehnen, berühren, liegen, Zeit haben, viel, viel Zeit haben. Keiner will etwas wissen. Du warst anderswo, in einer Fremde, sehr nah, du selber, aber anderswo. Und vielleicht als ein anderer. Keiner will etwas wissen. Die Mutter nimmt Wäsche aus der Tasche, die im Korridor steht. Wo ist die Freude, das Schöne, die Freiheit? Das ganz andere neue Leben? In den Büchern nicht mehr. Das ist vorbei. Das andere war stärker, drückender, banaler. Es hatte Macht. Du weißt es, hast es erlebt. Aber du weißt nicht, was zu berichten ist. Welche Antworten zu geben sind.

Du hast den Ekel kennengelernt, die Ohnmacht, das Läppische. Rödiger auf dem Sportplatz. Biellau unter der Schutzmaske. Hertwig am Tor. Dem literarischen Publikum wird es nicht gefallen. Frau Dr. Halbmut wird seufzen und von Bölls frühen Erzählungen zu sprechen beginnen. Keiner will es wissen. Ist alles schon bekannt? Warum hast du es vorher nicht gewußt? Weggehen wirst du von zu Hause. Es gibt kein Zuhause mehr. Das Zuhause verstellt sich, spielt Jugend, Kindheit. Das Zuhause ist fremd. Die Bücher sind fremd. Die schwarzen Hefte sind fremd. 

Du weißt Antworten, Einzel­heiten. Keiner stellt Fragen.

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