Matthias Horx 

Berufsoptimist, Zukunftsoptimist

"Trendforscher"

1997:  Zukunftsmanifest 

2007:  Zukunftsoptimismus 

2007: Weltartikel: Warum ich nicht an die Klimakatastrophe glaube. Über den Zusammenhang von Religion und Klimakatastrophe.

1997

Wikipedia.Autor  *1955 in Düsseldorf

DNB.Horx   60+ Publi

Google Kritik    Amazon.Autor  

Horx.com    Zukunftsinstitut.de  

detopia: 

H.htm   Besserwisser

Maxeiner/Miersch   S.Rahmstorf 

R.Kreibich über Horx   J.Ditfurth 

 

 

Audio mit M. Horx im DLF:

2007 zu Buch 2007    

2009 zu Finanzkrise    

2011 zu seinem Buch Megatrends 

 

 

detopia-2019: 

Das Problem an MMH und ihren Konkurrenten auf dem Markt der Lohnschreiber ist deren Verwurstung der Sprache im Stile der kapitalgesteuerten Reklameindustrie samt deren redaktionellen Zulieferer aus der Sensationspresse. Man begreift kaum und kann kaum etwas erwidern.

"Untergangs-Ideologen, Panik-Publizisten, Apokalypse-Spiesser und andere Angst-Gewinnler" (Horx 1997, Untertitelzeile) 

Gemeint ist die Bildzeitung. Ich bin auch gegen die Bildzeitung! Und gegen die Endzeitthriller im Fernsehen. (Im Kino darf es meinetwegen, wegen der Infofreiheit.)

"Apokalyptiker der 70er und frühen 80er Jahre prophezeiten den endgültigen Knall bevorzugt für die kommende Jahrtausendwende. Bis dahin sollten sich alle Umwelt­probleme zum großen Finale angestaut haben. Jimmy Carters Expertenstudie Global 2000 verlieh der Zahlenmystik ein amtliches Gütesiegel." (Maxeiner 1996, S.115)

H.v. Ditfurth schrieb 1985 in seinem Buch zu den Einwendungen gegen Global 2000. (MM kennen das Buch, denn sie zitieren es; aber eine andere Stelle.)

Aber hier im Satz von MM 1996 (zusammen mit deren Sätzen davor) ist das Problem, dass sie - quasi - behaupten, Global 2000 würde behaupten, dass am 1.1.2000 der Atomumweltkrieg stattfindet ("endgültiger Knall", "großes Finale"). Man lese selber etwas Global 2000 hier bei detopia oder im inet. - Weiterhin ist problematisch, dass MM Global 2000 quasi als "Zahlenmystik" bezeichen. Wenn man länger nachdenkt, dann bezieht sich "Zahlenmystik" wohl auf die "Apokalyptiker der 70er und frühen 80er Jahre."; aber Global 2000 arbeitet nur mit Zahlen (das war die Aufgabe) und sollte auch Schlußfolgerungen gerade konkret für das Jahr 2000 aussprechen. Ergo ist auch Global2000 gemeint, mitgemeint.

"Jimmy Carters Expertenstudie": Das Wort ist falsch. Aber das (die normale Sprache) muss das (deutsche) Volk selber erkennen bzw.: Ich kann es nur länger erklären, und dafür habe ich keine Leser (die solange durchhalten).

 - Aber es sollte klar sein: Ein bzw. der Präsident (des stärksten Staates der Welt; und mit einem sog. Präsidialsystem) hat vor dem Kongreß (=Parlament der USA) diesen Vorschlag gemacht (für Global 2000) und der Kongreß hat zugestimmt (1977). Man formuliert auch gut so: Die USA hat ihre Behörden beauftragt. - Wo ist da die "Expertenstudie"? Wo ist das Recht für dieses Wort? -- Es haben Unmassen von normalen Angestellten mitgearbeitet. Und das "Hochrechnen" wird in der Statistik seit hundert Jahren in Universitäten gelehrt. -- Es gibt hier die verschwörungstheoretische Unterstellung, im größten kapitalistischen Land der Welt würden nur Sozialisten im Staatsdienst arbeiten (die entsprechende Zahlen frisieren, um dem Land und der Welt die De-Industrialisierung und ihre Ökotümpel aufschwatzen und aufzwingen zu wollen.)

 


Wie oft bei detopia gesagt:

Verschwörungstheorien bzw. Wahrheit läßt sich nur  mit mündlicher Hilfe aufdecken. Schriftlich (nur) als gleichberechtigte Hälfte der Wahrheitsfindung.

Und zusätzlich setzt es den wahrheitswilligen Hörer-Leser-Widersprecher voraus.

 


 

 

 

2007

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Buch (auch gegen Horx) von Holger Rust 2009:

amazon.de/Zukunftsillusionen-Kritik-Trendforschung-Holger-Rust 

Holger Rust gilt als der pointierteste und wirkungsvollste Kritiker der feuilletonistischen „Trend- und Zukunftsforschung“. In seiner aktuellen Expertise zu den jüngsten Angeboten der Branche unterzieht er die Methoden und Befunde der vielfältigen Trend- und Zukunftsagenturen aus wissenschaftlicher wie aus wirtschaftspraktischer Perspektive einer profunden Analyse. Er kommt dabei zum Ergebnis, dass die meist vollmundigen Versprechungen weder methodologisch noch inhaltlich fundiert sind. In einer dezidierten Analyse diagnostiziert er vor allem im Hinblick auf die Anwendbarkeit der Trend- und Zukunftsdiagnosen rhetorisch aufgeputzte Trivialität und strategischen Opportunismus. Die so genannten „Megatrends“ sind, wie der Autor nachweist, durch die Analysen öffentlicher und wissenschaftlicher Forschungsinstitutionen sattsam bekannt und stehen jedem Interessenten zur freien Verfügung. Die gängige Trend- und Zukunftsforschung erweist sich vor diesem Hintergrund inhaltlich und methodologisch als teurer und, wie die Analysen zeigen, nicht selten irreführender Umweg. Der Autor zeigt klare Alternativen und belegt die Stärke einer pragmatischen Soziologie für die wissenschaftliche wie die wirtschaftliche Praxis gleichermaßen.

 

Dr. Chr. Donninger zu Buch von Rust: Scharlatane versus Seriöse?  (2010)

Das Ziel des Buches ist eine Abgrenzung und Verteidigung der seriösen Sozialwissenschaft gegenüber den Quacksalbern a la M.Horx. 

In den ersten drei Kapiteln entwickelt Rust Kriterien für seriöses wissenschaftliches Arbeiten. Das ist notwendig, allerdings auch ein bisserl zäh zu lesen. 

Dann geht er aber mit viel Lust und Kenntnis auf Horx et.al. los und es wird sehr vergnüglich. 

Ein mehrfach wiederholter Vorwurf ist "strategischer Opportunismus". Da kam mir das Schmunzeln. Ich war in den 1980er Jahren Statistiker am Institut f. Höhere Studien (IHS) in Wien. Ein nach allen Kriterien seriöses Institut. Meine erste Frage an die Sozialwissenschafter war "Was soll aussa kumma?". Ich war beliebt, weil ich ein gutes Handerl hatte um die Daten so zu massieren, dass das Richtige herauskommt. Die Situation ist seither nicht besser geworden. 

Im Gegenteil, für den jetzigen Chef des IHS ist "strategischer Opportunist" eher noch ein Kompliment. Horx ist ein Minnesänger des Neoliberalismus. Er hat ihn aber nicht erfunden (dazu reichts auch nicht). Die neoliberalen Stammväter Friedman, Hayek und Co. haben dafür den Ökonomie-Pseudonobelpreis bekommen. Warum gilt Friedman als seriös und ist der Nachbeter Horx auf einmal ein Scharlatan? 

An einer Stelle sinkt auch Rust auf Horx'sches Niveau: "Der Zusammenbruch der Long Term Capital Management wenig später verstärkte die Desillusioniergung (in die Zukunftsforschung C.D.). Immerhin basierte die Strategie bei LTCM auf den Theorien von M.Scholes und R.Merton, die 1997 den Nobelpreis für ihre finanzmathematische Theorie der Bewertung von Finanzderivaten erhielten und Mitglieder der Geschäftsführung waren. Der Grund für den Zusammenbruch des Fonds lag am Ende einfach darin, dass Anleger gegen alle Theorie irrational handelten und massenhaft ihre Anteile verkauften". 

Das ist voller Unsinn. Die Strategie von LTCM basierte auf Konvergenz-Arbitrage. Man nützt dabei geringe Preisunterschiede von praktisch identischen Finanzprodukten auf unterschiedlichen Märkten aus. Laut der Ökonomischen Theorie eliminieren die Märkte diese Preisdifferenzen. Der Markt hat sich quasi nur kurzzeitig geirrt. Konvergenz-Arbitrage nützt diese kurzzeitigen Abweichungen vom perfekten Markt aus. 

Im Sommer 1998 meldete Russland den Staatsbankrott an. Die Differenzen wurden nicht - wie von Scholes und Merton erwartet - kleiner, sonderen haben sich dramatisch vergrößert. LTCM hatte ein Spielkapital von 4 Milliarden $, spekulierte aber mit bis zu 500 Milliarden. Innerhalb weniger Wochen haben die Margin-Calls das Fondsvermögen aufgefressen. Wie so oft hat der Leverage (dt.Hebel) - das Verhältnis von Spieleinsatz zu Spielkapital - den Spekulanten erschlagen. Die Anleger haben das Geld keineswegs abgezogen. Das geht bei einem Hedge-Fond gar nicht so leicht. Sie haben sich nur geweigert zusätzliches Geld in ein Fass ohne Boden zu werfen. Das war aus ihrer Sicht sehr rational. Ein weltweites Finanzdesaster a la 2008 konnte nur durch das energische Einschreiten der FED unter Alain Greenspan verhindert werden. 

LTCM ist ein Lehrbeispiel dafür, dass die klassische Ökonomie mit ihrer Anbetung des Marktes einfach Schrott ist. Wenn sie die eigene Theorie Ernst genommen hätten, dann hätten Scholes&Merton auch gar nicht spielen dürfen. Laut klassischer Ökonomie gibt es keine Arbitrage, es gilt das "no-free-lunch" Prinzip. LTCM hat den Anlegern aber gerade diesen free-lunch versprochen. 

Diese Schlussfolgerung passt nicht in die Grundkonzeption des Buches. Hie die bösen Scharlatane, da die guten seriösen Wissenschafter. Darum greiftt Rust wohl auf die anekdotischen Erzählung vom irrationalen Anlegerverhalten zurück. Etwas drastisch formuliert könnte man sagen: Die Wissenschaft war einst die Magd der Theologie. Heute ist sie eine Nutte des Kapitals. Wobei es unter dem ältestente Gewerbe auch Abstufungen gibt. Billige Praterhuren a la Horx oder gehobenes Escort-Service. Das IHS hat seinen Standplatz am Gürtel. #

 


(d-2009:)

Ich bin Horx-Maxeiner-Miersch insofern dankbar, weil ich aus ihnen lerne, daß ich abwarten darf und Tee trinken. Sie verhöhnen jeden, der sich Mühe gibt. Ein wirksames Mittel, alles ins Lächerliche zu ziehen. 

Bei Matthias Horx beschränke ich mich auf seine beiden Bücher von 1997 und 2007. Zu seinen anderen Bücher nur Rezensionen. 

Prinzipiell habe ich gar nichts gegen Optimismus und Anti-Alarmismus, ja mehr noch: Alarmismus ist schädlich, verdirbt einem die (Tages-) Laune und bringt nichts (hinsichtlich Engagement bei der Verbesserung der beklagten Zustände). Das ist so bei O.K./Mafia,  Islamisierung, Drogengefahr aller Art, usw.  # Insofern: danke, Herr Horx.    

Nur: Jetzt uns andere Extrem zu fallen, und zu behaupten, alles ist tutti, easy, und die Unsichtbare Kapitalistische Hand führt alles automatisch zum Guten - das geht auch nicht.  

Horx liest sich schwer durch seine neuen (englischen) Begriffe und Konstrukte, Arbeit ist flüssig. Aber gut: Bei den 2 obigen Büchern mache ich das mal mit. (Man will sich ja weiterbilden. :-)    

Eines muß ich zur Alarmismus-These von MMH sagen: MMH kritisieren die (alarmistischen, populistischen) 'Medien'. Das tue ich auch. Aber der 'Feind meines Feindes' ist irgendwie ganz anders als ich. Ich kann MMH nicht verstehen. Vielleicht lassen wir's dabei. Jedenfalls trägt die Schnoddersprache von MM nichts zur Klarheit bei, und auch nicht die (englischen) Worterfindungen von Horx. #


Große Enttäuschung     2008 von Thorner bei Amazon zum Buch <Technolution>  

Das Thema Zukunft und Technologie ist nicht einfach. Das Buch startet mit einer sehr persönlichen Jugenderfahrung und steigert sich schnell in wenig nachvollziehbare theoretische Modelle, welche wissenschaftlich aussehen. Historische Vergleiche sind schwach und plötzlich kommen Aussagen wie: <Was wir verstehen müssen, wenn wir uns mit der Zukunft der Technik beschäftigen, ist, dass Technik keine Zukunft ist, sondern eine Erzählung>. Nach einigen solcher Sätze musste ich das Buch leider nach der Hälfte aufgeben. #

 

Was ist nur an diesem Autor dran?  2009   Von Janis Fest, Mannheim, bei Amazon zu <Wie wir leben werden> 

Das Buch dieses äußerst kontrovers diskutierten Autors, eines Zukunfts"forscher"s (mit abgebrochenem Studium), spricht viele Themen zu kurz an, viele wichtige Aspekte (bspw. Klimawandel) schwächt es ab bzw. ignoriert aktuelle Lehrmeinungen. 

Hinzu kommt der arrogante-allwissende Schreibstil, der sich u.a. daran bemerkbar macht, dass der Autor die englischen Zitate nicht übersetzt. Mein größtes Problem ist, dass man ein mitteldickes Sachbuch liest und am Ende nicht schlauer ist als vorher. #

 


( Replik bei Stefan Rahmstorf und Rolf Kreibich )

detopia-2019: Eine "Kathedrale" ist ein Bauwerk, eine "Epedimie" hat mit Bakterien und menschlicher Gesundheit zu tun. Horx zweckentfrmdet Begriffe (die ihm nicht gehören) und vermatscht die Sprache. Das wird uns noch teuer zu stehen kommen (wenn unser Hauptmittel zur Kommunikation in Horxsche Dialekte zerfällt.) 

 

Matthias Horx 2007: 

Warum ich nicht an die Klimakatastrophe glaube

Über den Zusammenhang von Religion und Klimakatastrophe

WELT 13.03.2007   =  welt.de/759237 

 welt.de Warum-ich-nicht-an-die-Klimakatastrophe-glaube  

 

Nun ist es also amtlich. Alle Zweifel sind ausgeräumt, die nörgelnden Kleingeister widerlegt oder als "Klimaleugner" enttarnt. Der Mensch, so haben es herrschende Gremien, Regierungen und öffentliche Meinung beschlossen, ist Verursacher einer Erderwärmung, die in ihrer "Gefährlichkeit durch nichts zu übertreffen ist". 

Der IPCC-Bericht vom 1. Februar 2007 brachte den großen Durchbruch des Themas ins öffentliche Bewusstsein. Seitdem marschieren die Bilder in einer nie gekannten Synchronizität über Bildschirme und Titelseiten: Die Zukunft, das sind glühende Feuerbälle, Stürme, und kalbende Gletscher und traurige Eisbären. 

Umweltminister Sigmar Gabriel, sprach davon, dass nun "ein Führer der Welt" gefordert sei. Die Bildzeitung schrieb auf der Titelseite in gigantischen Lettern: <WIR HABEN NOCH 13 JAHRE ZEIT!> Und einige Tage später: <MÜSSEN WIR DEUTSCHEN ALLEIN DIE WELT RETTEN?> 

Wenn's ans (deutsche) Weltretten geht, sind keine Zweifel mehr erlaubt. Und genau das ist das Problem. Wir hören einen süßlichen Chor singen, düster, aber gleichzeitig jubilierend - den Abschlusschor von Berthold Brechts <Die Maßnahme>:

Euer Bericht zeigt uns, wieviel
Nötig ist, die Welt zu verändern:
Zorn und Zähigkeit, Wissen und Empörung.
Schnelles Eingreifen, tiefes Bedenken
Kaltes Dulden, endloses Beharren
Begreifen des Einzelnen und Begreifen des Ganzen: 
Nur belehrt von der Wirklichkeit, können wir
Die Wirklichkeit ändern.

   Waldsterben: eine Erinnerung   

Vor mehr als 35 Jahren, im Sommer des Jahres 1981, brachte der SPIEGEL sein berühmtes Titelbild, auf dem rauchende Fabrikschornsteine einen dürren, verkrüppelten Wald überragen. Seitdem war ein Begriff geprägt: Waldsterben, LE Waldsterben in Frankreich, THE Waldsterben im angelsächsischen Sprachraum.

Mindestens einmal pro Jahr wird der neue Waldschadensbericht veröffentlicht. In den Zeitungen findet sich klein auf Seite 3 oder 27 dann immer dieselbe Meldung: "Dem Wald geht es immer schlechter." Oder "Wald erholt sich nur langsam". Derweil gehen wir wandern, und wie immer ist der Wald grün. Aber das Waldsterben ist längst unsterblich geworden.

Als chronisch neugieriger Journalist und alter Waldgänger (mich treibt es jeden Herbst hinaus in die Pilze) habe ich lange an diesem Thema recherchiert

Für mich steht heute fest, dass das Waldsterben ein MYTHOS ist. 

Ein Mythos, der es allerdings "in sich hat".

Ist der Wald krank? Ja, so wie alle Organismen "krank" sind. Der Wald ist ein lebendiges Biotop, in dem ständiger Wandel vorherrscht; Wachsen, Werden und Vergehen. Bäume haben Alterungs- und Greisenphasen wie Menschen. Es gibt Umwelteinflüsse: trockene Sommer, nasse Sommer, Schädlingsbefall. Es gibt Fehler der Forstwirtschaft, falsche Pflanzungen auf falschem Boden. 

  Der Wald lebt, weil er vergeht   

Die jährliche Messung der Katastrophe misst das Normale – und verkauft es uns als Abnormalität. Was aber hat das Waldsterben mit dem Klimawandel zu tun? Beide Phänomene bilden, im Sinne der Kognitionspsychologie, eine KIRCHE. Da sind zunächst die Katakomben: 

Jene Ebene unseres Tiefenbewusstseins, mit der die jeweilige Angst unsichtbar verbunden ist. Im Fall Waldsterben ist dies die deutsche (mitteleuropäische) Bindung an den Wald als Mythos- und Lebensraum. Wir Deutschen KOMMEN aus dem Wald, aus dem gewaltigen, finsteren, feuchten, "mütterlichen" Biotop, das wir in Jahrtausenden genutzt und gerodet haben. Dieses Roden war AUCH eine Zerstörung, eine Schändung, für die wir eine Bestrafung fürchten. (Anders als bei den Engländern, Franzosen, Italienern, die schon vor vier Jahrhunderten ihre Wälder abholzten und soziokulturell andere Wege gingen).

Zweitens der Kirchturm: 

die Signal- und Symbolwelt, mittels der sich ein Glaubens-Phänomen im kollektiven Bewusstsein verankert. Beim Waldsterben kann man die NEGATIVE SELEKTION VON EXTREMEN, den so genannten "Kirchturmeffekt", besonders gut studieren. In der Tat gab es in den 70er Jahren Fabriken (die heute längst geschlossen oder saniert sind), die starke SO2-Rauchfahnen freisetzten; so wurden regionale Wälder tatsächlich zerstört, und die Bilder der Baumgerippe gingen durch die Medien. Die Folge: Noch heute kann niemand durch den Wald gehen, ohne lichte Kronen wahrzunehmen: AHA-Waldsterben! Gesunder Wald wird hingegen aus unserem Wahrnehmungsraum ausgefiltert.

Eine solche Konditionierung unserer Wahrnehmung liegt allen modernen Angst-Syndromen zugrunde: Wenn wir gerade eine Fettleibigkeits-Pandemie "branden", sehen wir überall nur noch dicke Menschen. Wenn gerade eine "Die-Familie-wird-durch-moderne-Phänomene-zerstört"- Welle durch Land rollt, wirken plötzlich auch die Meiers von nebenan wie ein schrecklich asozialer Haufen...

Drittens: die Priesterschaft.

Für die Forst-Lobby, die in der Industrialisierung der 60er Jahre einen massiven Einflussverlust erlebte, war das Waldsterben eine hervorragende Gelegenheit, ihre Interessen zu re-organisieren. Tausende von Förstern, Botanikern, Biologen, Forstwissenschaftler und Waldgurus machten sich auf den Weg in die Wälder; bis heute zählen sie fleißig kranke, gesunde und halbkranke Bäume. Inzwischen ist ein ehernes Ritual daraus geworden, ein Kultus mit etlichen Millionen fest gebundener Gelder, Berichte, Protokolle, Subventionen.

  Das Waldsterben kann nicht mehr sterben – es ist ein Zombie  

In dieser dreieinigen Architektur – Katakomben, Kirchturm, aktive Priesterschaft - funktionieren alle Epidemien der Angst. Denken wir an die unzähligen Alarme, die wir in den letzten Jahren durchgemacht haben, und die nur im Deutschen diese wunderbare phonetische Eindringlichkeit und wundersame Experten-Vermehrung erlangten: "Atomtod" – "Rinderwahn" – "Vogelgrippe" – "Feinstaub" - "Demographische Katastrophe" – "Krieg der Kulturen" – "neoliberalistische Globalisierung" - "Neue Unterschicht" – "Prekarisierung". 

Gegen die Kathedrale der Klimakatastrophe sind allerdings alle bisherigen Angstepidemien kleine Kirchlein. Es geht um die Deutungsmacht des mächtigsten aller archaischen Symbole: des Wetters. Jeder Regenschauer ist nun ein Anzeichen. Jeder milde Winter ein Menetekel. Jeder Sturm ein Armageddon. Wer DIESE Angst beherrscht und funktionalisieren kann, verfügt über den zentralen Code der Menschheitsängste. Im Namen dieses Traumas haben sich ganze Kulturen in den Abgrund gestürzt. Wie etwa die Maya, deren mächtige Priesterkaste immer blutigere Opferrituale zelebrierte, um die gnadenlosen Wetter- und Naturgötter zu besänftigen.

Der Planet des Wandels 

Im dritten vorchristlichen Jahrtausend, nach der kleinen Zwischeneiszeit, lagen die Temperaturen in den Alpen 2 Grad Celsius über den heutigen, weshalb neolithische Wanderer wie der "Ötzi" die Berge durchqueren konnten (und bisweilen dabei schockgefroren wurden). Nach 850 vor Christus sanken die Temperaturen stark ab, die Pässe wurden unüberwindbar. Um Christi Geburt wurde es wieder wärmer – in der Blütezeit des römischen Reiches existierte eine dauerhafte Garnisonsverbindung über das Schnidejoch nach Norditalien. Im Hochmittelalter war es in Zentraleuropa so warm, dass man in Klöstern und Kirchen nur selten fror. In England wurde in großem Maßstab Wein angebaut. Und dann kippte das Klima, wie so oft in der Erdgeschichte: In der "kleinen Eiszeit" zwischen 1550 und 1750 (Breughels holländische Winterlandschaften, eine gefrorene Themse in London), fror Europa erbärmlich, fielen Ernten aus – der Beginn des 30jährigen Krieges könnte hier eine weitere Ursache finden.

Und in all den Zyklen kamen und gingen die Gletscher, mal sanft, mal polternd, mal langsam, mal abrupt – nur dass vor Jahrtausenden keine dramatischen Fernsehbilder, kommentiert von düsteren Meteorologen in die Wohnzimmer flimmerten. 

Was für das Klima bestimmter Erdteile gilt, ist im langfristigen planetaren Maßstab noch dramatischer. Mindestens viermal in der Urgeschichte kam es zu ausgedehnten Wärmeperioden. Vor 400.000 Jahren dauerte die "Global Warming"- Phase 30.000 Jahre. Auch in den letzten 3,5 Millionen Jahren taute die Antarktis, wie der Jenaer Geowissenschaftler Lothar Viereck-Götte anhand von Bohrkernen herausfand, mehrmals auf und wieder zu.

Der Kohlendioxidgehalt, heute das Schlüsselindiz der Global-Warming-These, variierte in all diesen Äonen heftig. Vor einer halben Milliarde Jahren lag er bei 28 Prozent der Atmosphärengase, um dann in mehreren Kaskaden abzufallen. Der Sauerstoffanteil der Atmosphäre lag 300.000 Jahre vor unserer Zeit bei 30 Prozent, fiel dann auf 12 Prozent ab (vor 200.000 Jahren), und stieg dann langsam auf die heutigen 21. Prozent.

Die bittere oder auch befreiende Wahrheit ist: 

Es gab nie (und wird nie) ein "Normklima" geben, in dem es ruhig, berechenbar, "nachhaltig", "stabil" zugeht. Sagen wir: 25 Grad im Sommer, 35 Zentimeter Schnee im Winter, blauer Himmel mit ab und an einem mäßigen Schauer. Also jenes Wetter, gegen das alle Abweichung als Desaster gedeutet wird.

Der Mensch: ein Terraformer

Im Jahre 2005 entdeckte der US-Klimaforscher William Ruddiman bei der Überprüfung langfristiger Klimamodelle eine Anomalie. Vor zehntausend Jahren, so Ruddiman, hätte es nach den astronomischen Zyklen, die das Klima prägen, eigentlich deutlich kälter werden müssen. Als Ursache für die Abweichung machte Ruddiman einen bislang unbeachteten Faktor aus: den Menschen. Aber eben nicht den industriellen, die fossilen Energieträger verheizenden Menschen. Sondern den paläolithischen und frühagrarischen Hominiden. Nur durch gewaltige Rodungen und Holzverbrennung konnten die Kohlendioxidwerte steigen. 

Und damit eine Abkühlung entlang des sogenannten Milankovitch-Zyklus verhindert werden.

"Terraforming" wurde vor einigen Jahren jener Prozess getauft, bei dem man ganze Planeten klimatisch umformt – eine utopische Technologie, die eines Tages helfen soll, den Mars zu besiedeln. Aber nun wissen wir, dass Terraforming schon längst betrieben wird. Viele Landschaften sind das Produkt anthropomorpher Wechselwirkungen. Die Abholzung des Mittelmeergebietes hat erst das mediterrane Klima entstehen lassen. Die Reisterassen Fernasiens verstärken schon seit Jahrtausenden das Mikroklima aufsteigender, regenreicher Winde.

Die Pflanzenwelt ist der erste große Terraformer des Planeten. Die "Erfindung" der Photosynthese vor eineinhalb Milliarden Jahren durch die Cyanobakterien (Blaualgen) brachte dem Planeten seine erste Klimakatastrophe – die Luft wurde nun mit Sauerstoff "vergiftet" - für die damaligen Lebewesen reines Gift. Vor 530 Millionen Jahren endete die "kambrische Explosion" – das größte Artensterben aller Zeiten vernichtete 95 Prozent aller Arten. Das gigantische Massensterben ließ innerhalb kurzer Zeit die Meere umkippen - der Kalziumgehalt des Meerwassers verdreifachte sich. Für die überlebenden Meeresorganismen ein tödliches Problem. Doch wie immer blieb die Evolution nicht untätig. 

Im zähen Wirken von Selektion und Adaption brachte sie den zellulären Mechanismus des "Kalzifizierens" hervor. Die Meeresorganismen "lernten", den Kalk auf ihrer Außenfläche zu verhärten.

Die Dinosaurier, die eine Viertelmilliarde Jahre lang diesen Planeten dominierten, waren ganz hervorragende Terraformer; nicht so sehr, weil sie mit ihrem Gewicht die Landschaft plattwalzten, sondern weil sie mit ihren Fressgewohnheiten und Dungkapazitäten ganze Ökosysteme formten.

Gerade wenn wir die "Gaia"-Hypothese – die Erde als lebendiger Organismus – ernst nehmen, müssen wir den engen Rahmen homozentrischen Denkens sprengen. Die Evolution hat auf ihrem langen Weg vom Einzeller zur Intelligenz unendlich viele Technologien erfunden. Warum, muss man ketzerisch fragen, "durften" die Blaualgen das Nervengift Sauerstoff herstellen, die Dinosaurier den ganzen Planeten umformen – aber Menschen haben gefälligst spurenlos auf diesem Planeten zu leben – in einer ökologischen Null-Nische, oder wie man heute zu sagen pflegt "nachhaltig"? Was man auch zynisch mit "am besten gar nicht" übersetzen könnte...

Der unruhige Planet

Anfang der fünfziger Jahre habe ich mich Ende Januar im Sportschwimmbad auf der Margareteninsel in Budapest stundenlang bei 20 Grad gesonnt. Einige Tage später war der Winter zurückgekommen. In alten Chroniken kann man nachlesen: Im Sommer 1304 trocknete der Rhein aus. 1624 blühten um die Weihnachtszeit in Hildesheim Rosen. 1718 regnete es von April bis Oktober nicht ein einziges Mal. Dennoch sprach kein Mensch von einer bedrohlichen Klimaverschiebung... 

So schrieb ein Leserbriefschreiber in der WELT am 12. Februar 2002. Die einsame Stimme eines "Klimaleugners". Aber gerade deshalb ist diese Stimme so kostbar: Ein kleiner Widerstand gegen einen übermächtigen Wahrnehmungs-Kontext.

Als Systemanalytiker, der sich intensiv mit prognostischen Techniken auseinandersetzt, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass sich das Klima nicht wirklich voraussagen lässt. Alle "brute force" unserer Mega-Computer reicht nicht einmal aus, Regen und Sonnenschein für Kleindettelhausen in 7 Tagen vorherzusagen. Unser Planet dreht sich exzentrisch um die Sonne. Die Erdachse unterliegt Unwuchten, die Aktivitäten der Sonne selbst können massive klimatische Auswirkungen haben, auch die Magnetfelder erzeugen Klimaeffekte, Sonnenwinde, kosmische Strahlungen. Ebenso verändern die auf der Erde lebenden Organismen ständig Wetter und Klima. Beim turbulenten Prozess, den wir "Leben" nennen, werden unentwegt Substanzen freigesetzt, entstehen Atmungs- und Verdauungsprodukte, die wiederum Rohstoffe für neues, anderes Leben sind.

Evolution ist kreative Abfallwirtschaft. 

Der globale Erwärmungsprozess, der sich in den letzten Jahrzehnten abzeichnet, wird eine Erwärmungsphase von vielen sein. Wir wissen KEINESWEGS, welche Dimensionen er haben wird, wann er sich umkehrt. 

Die Klimaveränderung setzt unsere Technologien einem starken Evolutionsdruck aus. 

Exzesse des Energieverbrauchs und der Substanzfreisetzungen, wie sie in der "Rohphase" der industriellen Zivilisation auftraten, werden beendet, technologische Transformationsprozesse beschleunigt.

Menschen sind adaptive Wesen. Sie lernen. Sie können Wandel gestalten. 

Daran glaube ich. 

Und ich werde diesen Glauben verteidigen, gegen alle dunklen Auguren des Untergangs, gegen alle Hohepriester, die uns im Namen der Schuldhaftigkeit des Menschen von den Kanzeln "finale Maßnahmen" verkünden.  

 


 

"Ich zweifele an der Klima-Katastrophe" 

Interview mit Matthias Horx, 08.06.2009,   derwesten.de  WAZ 2009   

 

 

Niemand bürstet so lustvoll gegen den Strich wie Trendforscher Matthias Horx. Im WAZ-Interview klagt er über Zukunftspessimismus, verkannte Chancen der Krise, Zweifel an der Klima-Katastrophe und darüber, wie linkes Dagegensein und rechte Rückwärtsgewandtheit sich aufs Schönste verbinden. „Warum die Welt nicht schlechter wird“, heißt es im Untertitel ihres heutigen Vortrags in Essen. Das müssen Sie mal erklären. Wenn Sie 100 Menschen fragen, sagen 90, aber klar wird die Welt täglich schlechter.

Horx: Deshalb muss es noch lange nicht stimmen. Wenn man sich etwas intensiver mit den großen, globalen, langfristigen Trends beschäftigt, wird schnell deutlich, dass die historische Entwicklung unterm Strich positiv ist. Natürlich gab und gibt es Rückschläge, es gibt vor allem in anderen Kontinenten noch existentielle Armut, aber dass wir heute in einer anderen Welt leben als vor 100 Jahren - und zwar in einer besseren, was Lebenserwartung, Bildung, Lebenschancen und allgemeinen Wohlstand angeht -, das ist doch offenkundig. Denken sie nur, welche Erfolgsgeschichte Europa heute hinter sich hat. Man fragt sich natürlich, warum die allgemeine Wahrnehmung eine derart andere ist.

Ja, warum? Der Blick zurück in die Geschichte könnte doch wirklich zum Optimismus verleiten.

Horx: Die Annnahme, dass die Welt den Bach heruntergeht, ist uns offensichtlich näher, sie bringt offenbar echte Vorteile. Journalisten zum Beispiel können mit einer negativen Botschaft erheblich mehr Aufmerksamkeit erlangen als mit einer positiven. Wir sprechen auch vom „Alarmismusvorteil“: Wer die Welt mit düsteren Farben malt, dem ist Aufmerksamkeit gewiss.

“Bad news are good news”, wie man in der Branche sagt.

Horx: So ist es. Aber warum ist das so? Erstens sind die Medien heute in einer brachialen Konkurrenz-Situation, in der die entscheidende Knappheit die Aufmerksamkeit des Publikums ist. Zweitens interessieren wir uns auch deshalb für Katastrophen, weil wir selbst verschont wurden. Es gibt so etwas wie einen „apokalytischen Voyerismus“. Und daraus entsteht ein schiefes Weltbild. Wenn sie Leute fragen, wie geht es Ihnen persönlich, dann sagen die meisten: eigentlich gut! Ihre Stadt oder Gemeinde? Eigentlich ganz prima! Dem Land geht es schon deutlich schlechter und dem Rest der Welt richtig dreckig. Das ist so etwas wie ein „autistischer Selbstwohlfühl-Effekt“: Wir erzielen durch solche Sichtweisen einen Gewinn für unser Selbst-Erleben. Schließlich gibt es auch ein typisch deutsches Angsthasentum, dessen Wurzeln in unserer Mentalität und Geschichte liegen – das ist hierzulande fast so etwas wie ein medial geförderter Breitensport.

Nicht verzagen trotz Finanzkrise: Auch diese bietet Chancen, meint Trendforscher Horx. Nun gut, aber dass wir übermäßig Grund zum Optimismus hätten, erscheint in der derzeitigen Finanzkrise wirklich absurd.

Horx: Das sehe ich differenzierter. Finanz- und Wirtschaftskrisen sind zunächst mal eine Konstante der Ökonomie. Es gab sie immer, das können Sie bis ins alte Ägypten zurückverfolgen. Wirtschaftskrisen, so hart sie vorübergehend für den Einzelnen sein mögen, leiten letztlich unverzichtbare Erneuerungsprozesse ein, sie führen zu einer höheren Innovationsrate. Die jetzige Krise lässt sich auch als Ende eines 20-jährigen Booms lesen, in dem viele Unternehmen ihr Geschäft einfach aufgebläht statt innovativ verändert haben. Denken Sie an die Autokonzerne, die immer schnellere, immer schwerere Autos bauten statt intelligentere; oder der Handel mit seinen immer größeren Läden und immer spottbilligeren Preisen, ganz zu schweigen von den Banken mit ihren bizarren Derivaten. Jetzt plötzlich können wir über Innovationen reden, die lange Zeit keiner ernst genommen hat. Alle mögen jetzt Elektroautos, selbst die Automanager sind ganz begeistert davon. Das nenne ich den „Krisen-Segen“.

Die Krise als Chance – das klingt zynisch.

Horx: Das ist wie im persönlichen Leben. Ein Leben ohne jedes Scheitern und ohne Krise ist doch meist sehr dröge und langweilig. Eine Krise zu bewältigen, ist eine enorm wichtige Erfahrung, sie führt zu geistigem UND materiellem Wachstum.

Sie sehen eine Ära kommen, die Sie Softkapitalismus nennen. Was ist das?

Horx: Wir beobachten seit Jahrzehnten den Wandel von einer produktionsorientierten Ökonomie hin zu einer wissensgestützten, und dabei verändern sich auch die kulturellen Formen des Kapitalismus. Das Humankapital ist in einer Industriegesellschaft nicht so wichtig, da können sie Arbeiter einfach austauschen. Aber je komplexer die Wirtschaft wird, desto wichtiger wird auch der „Faktor Mensch“. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Unternehmen in dieser Krise viel weniger Personal abbauen als in früheren vergleichbaren Phasen. Man will die Leute halten, weil man mehr und mehr auf sie angewiesen ist. Das zeigt, dass es in Richtung auf einen „softeren“ Kapitalismus geht, eine Marktwirtschaft, in der die Arbeitskraft nicht mehr nur eine Ware ist. Wir erleben gleichzeitig eine Rückkehr des Staates und eine neue Werte-Debatte, in der sich die Menschen fragen, ob das Streben nach immer mehr Materie eigentlich den „heißen Kern“ einer Gesellschaft ausmachen kann.

Und was wäre die Alternative?

Horx: Der Trend weg vom Tonnagedenken, hin zum qualitativen Wachstum muss noch viel stärker werden. Ein Beispiel: Wir können nicht verhindern, dass Milliarden aufsteigende Arme in der globalen Ökonomie, in den Schwellenländern, ebenso Auto fahren wollen wir wir. Und wir müssen es so hinkriegen, dass das nicht den Planeten ruiniert. Das bedeutet, wir brauchen Energie- und Mobilitätssysteme jenseits von Öl und Gas. Es geht nicht mehr länger um Schneller-mehr-lauter-bunter, wenn wir an Innovation denken. Zukunfts-Innovation heißt: systemischer, menschlicher, eleganter - smarte Technik, die dem Menschen hilft.

Das setzt starke Veränderungen in den Köpfen voraus.

Horx: Aber es sind auch viele Menschen auf dem Weg dorthin. Ich treffe zurzeit viele Menschen auch aus dem Big Business, die sich sehr ernsthaft fragen: Muss ich mein Leben ändern? Was können wir in Zukunft anders machen? Wie können wir diese Prozesse einer „smarten Technik“ vorantrieben? Das sind interessante Signale.

Andererseits konstatieren Sie aber auch einen „Biedermeier-Bolschewismus“. Das hört sich weniger freundlich an.

Horx: Wir können sehen, dass sich die alten, schon überwunden geglaubten Ideologien wieder Bahn brechen. Und es gibt diese große Harmoniesehnsucht gerade in Deutschland, die bei ökonomischen Umbrüchen wieder hochkommt. Die moralinsaure Debatte, die viele Medien beherrscht, führt nur menschliche Opfer vor – der arme Arbeitslose, der vom bösen Kapitalismus entlassen wurde. Das führt dann zu einer völlig unterkomplexen Analyse nach dem Motto: Wenn der Staat sich den Problem annimmt, dann wird alles wieder prima. Ich nenne dieses Phänomen deshalb Biedermeier-Bolschewismus, weil es eine Mischung aus Spießertum und „Dagegensein“ ist. Das Schlechte von 68, das nörgelnde Dagegensein, hat sich mit dem Schlechten der Konservativ-Kultur, dem Rückwärtsgewandten, zusammengetan. Heraus kommt ein reaktionäres Linkssein. Alles soll wieder so „sicher“ werden, wie es angeblich früher war, und auf keinen Fall darf sich etwas verändern.

Die Leute wollen eben gerne, dass alles bleibt wie es ist. Das ist doch menschlich.

Amerikanischer Optimusmus - in Deutschland nicht gerade weit verbreitet. Horx: Das Problem ist nur, es funktioniert nicht. Eine Gesellschaft wie unsere braucht Wandel, um existieren zu können. Sicherheit können wir nur in Veränderung erzeugen. Diese Veränderung muss ja nicht immer radikal sein, aber jeder muss auch seinen Teil dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft schlauer, gebildeter, menschlicher werden kann. Wir haben alle Barack Obama bewundert, und wie die amerikanischen Gesellschaft seinen Willen zum Neuanfang aufgegriffen hat. Yes, we can – das ist die Formel einer Hoffnung, die besagt: Eine bessere Gesellschaft ist möglich! Wir können aus Fehlern und Unzulänglichkeiten lernen! Warum ist so etwas nicht in Deutschland möglich? Eine Zukunfts-Gelassenheit, statt dem ewigen Geschrei?

Diesen Impulswollen Sie anscheindend nach Kräften fördern?

Horx: Genau, es geht mir als Zukunftsforscher nicht so sehr um Prophezeiungen, eher darum, die Zukunft als gestaltbare Aufgabe darzustellen. Das ist hierzulande schon eine Titanenaufgabe.

Apropos Zukunft: In nächster Zeit werden uns wieder einige Klima-Konferenzen heimsuchen. Für einen Zukunfts-Optimisten wie Sie eine schreckliche Zeit, oder?

Alte Industrien - keine Option für die Zukunft? Bei ThyssenKrupp in Duisburg (Bild) sieht man das vermutlich anders. (Foto: ap) Horx: Zum Verständnis: Ich sage nicht, es gibt keinen menschlich bedingten Klimawandel. Ich zweifele lediglich an der Klimakatastrophe. Das ist ein entscheidender Unterschied. Klimatischen Wandel gibt es aber in der Geschichte der Erde seit vielen Millionen Jahren, oft kam er kurzfristig, oft innerhalb langer Perioden. Wir müssen damit leben. Wir müssen adaptiv sein.

Wieso haben Sie es dann zu einem Lieblingsgegner der deutschen Klima-Päpste gebracht?

Horx: Ich habe den apokalyptischen Droh-Zeigefinger etwas beleidigt. Von Wolf Lotter, dem Autor des Buchs „Die Kreative Revolution“ stammt das schöne Zitat: „Sehet, der Untergang kommt! Tuet Buße! Diese Phrase bedeutet damals wie heute: Her mit Eurer Kohle!“ Ich glaube einfach nicht, dass die Erwärmung in jener katastrophalen Form stattfindet wie es uns weisgemacht wird. Heute ist ja jede ungewöhnliche Wetterlage angeblich Vorbote einer Katastrophe, was ich für medial aufgebauschten Unsinn halte. Zweitens bin ich der Meinung, dass wir als technische Kultur durchaus in der Lage sind, Neue Technologien zu erfinden, um die Effekte des CO2 abzuschwächen. Wir müssen zum Beispiel in der Tat umsteigen auf neue, postfossile Energieformen. Nur: Ich traue uns das zu. Damit schere ich natürlich aus der apokalyptischen Rhetorik aus, mit der man die Menschen so schöne Schuldgefühle machen kann.

Aber vielleicht ist Angst gar kein so schlechter Ratgeber, vielleicht entsteht so erst Handeln.

Horx: Manchmal mag das stimmen, aber ungerichtete und exzessive Angst zerstört unsere Fähigkeit zum vernünftigen und zielgerichteten Handeln. Die ständige apokalyptische Berieselung hat einen kontraproduktiven Effekt. Je mehr man die Leute erschreckt, desto weniger handeln sie – wieso soll ich etwas tun, wenn sowieso alles zum Teufel geht? Schauen Sie, wie viele große Katastrophen sind schon durch unsere Angstkathedrale getrieben worden! Ich erinnere ans Waldsterben, Atomtod, Schweinegrippe, Rinderwahnsinn, tödliche Flüssigeier in Nudeln, an Spermasterben, den Krieg der Generationen, das Überrollen Europas durch den Islamismus, an Überalterung, Vergreisung und Gammelfleisch, an ganze Heerscharen von apokalyptischen Reitern, die jetzt in den Museen verstauben. Einige von diesen Ängsten haben sich als prima Instrumente des Rechtpopulismus herausgestellt, was auch einiges über ihre Qualität sagt.

Stimmt das alte Klischee, wonach in Deutschland alles schlimmer ist, Stichwort „German Angst“?

Horx: Viele Ängste sind anthropologisch bedingt. Als Spezies sind wir nun einmal sensibel gegenüber der Umwelt, wir fürchten uns seit Tausenden von Jahren vor Fluten, Trockenheiten, eben Klimaveränderungen. In Deutschland verbindet sich das Alles aber auch noch mit historisch gewachsenen Ängsten, die mit der deutschen Geschichte zusammenhängen: das Trauma des Totalverlusts von Wohlstand und Zivilisation in den furchtbaren Kriegen des 20sten Jahrhunderts ist tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Wir trauen dem Frieden nicht und auch nicht dem Fortschritt. Dieses Misstrauen pflanzt sich fort von Generation zu Generation. Es dauert eine ganze Weile bis der neurotische Teil der Ängste abgebaut ist. Eigentlich lässt sich erst dann ein realistisches, unvoreingenommenes Bild von der Welt und ihrem Wandel gewinnen. Und ein spannender Blick in die Zukunft.

 


 

Horx: Wenn die Zukunft eintritt ist sie schon vorbei 

Von Carla Bender,  07.10.2009,    rationalgalerie.de     rationalgalerie Horx 2009  

Was ist ein Zukunftsforscher? Einer, der vier grundverschiedene Szenarien für die Zukunft voraussagt und dann wahrscheinlich behaupten kann: Ich hab´s ja gewusst. So wie die nette ältere Dame mit der Kristallkugel Glück am dritten Tag prognostiziert aber nie sagt, wann die Zählung der Tage anfängt. So eine Dame ist Matthias Horx.

Halt, sagen Sie, der ist doch ein Mann. Aber sicher nicht mehr lange. Denn jüngst erklärte Horx in der "Süddeutschen Zeitung", dass "Die Finanzkrise . . . auch eine Testosteron-Krise" ist und wenn mehr Frauen an der Macht wären, dann wäre alles ganz anders. Also wird Horx, der seit Jahren immer mal wieder einen Trend erfindet, sich diesem sicher anschliessen, in die Kleider seiner Frau schlüpfen und mit zarter Stimme das Lied vom "Megatrend Frauen" singen: Frauen seien nicht so risikobereit, seien verantwortungsbewusster und ihr Machtwillen sei nicht so ausgeprägt.

Das schöne an der Zukunftsforschung ist, dass ihre Ergebnisse, wenn die Zukunft eintritt, meist vergessen sind. Doch diesmal hat Horx ja von der Jetztzeit gesprochen und die ist, selbst für einen Schwadroneur wie ihn, kontrollierbar: Es war die Witwe Schaeffler, die ihren Kugellager-Laden durch ein hochriskantes Übernahmeprojekt in die Krise geführt hat und nahezu das Reifenunternehmen Conti mit in den Abgrund gerissen hätte. Und, so erzählt uns das Grundgesetz, der Bundeskanzler ist im Kriegsfall der oberste Kommandeur der Bundeswehr. Haben wir einen Krieg in Afghanistan? Haben wir eine Frau als Kanzler? Die dämliche Wirklichkeit kann den Trend-Erfinder Horx nicht erschüttern. Denn natürlich ist "Eine Krise . . . auch immer eine Chance". Die Chance auf Mord und Selbstmord eingeschlossen.

Manchmal wirft der Sumpf Blasen und dann sondert er solche Sätze ab: "Die Krise ist ja auch eine heilsame Erfahrung". Solche Horx-Sprüche werden den Arbeitslosen mächtig Trost spenden.

Horx, der über ein eigenes "Zukunftsinstitut" verfügt, lebt in der Steueroase Österreich. Wenn es um seine finanzielle Gegenwart geht, denkt der gebürtige Düsseldorfer praktisch. Auch deshalb ist er im Beirat von "berlinopolis" einem Lobbyunternehmen, das der Deutschen Bahn Dienste der besonderen Art leistete: Im Tarifkonflikt zwischen der Bahn und den Lokführern mischte sich "berlinopolis" mit Leserbriefkampagnen, bezahlten Umfragen und tendenziösen Medienbeiträgen massiv in den Konflikt ein. Natürlich ohne den wahren Absender zu nennen. 

Horx, der 2001 weissagte, "Globalisierung macht glücklich", prophezeite auch schon mal einen "Aufschwung der Geburtenrate" den die böse Statistik bis heute nicht bestätigen will und war (mit dem Henryk-M.- Broder-Bund "Achse der Guten") natürlich für den Irak-Krieg. Zu solch erleuchteten Positionen befähigte den Trend-Hascher ein Studium der Soziologie von immerhin 12 Jahren ohne Abschluss und eine Mitarbeit am Sponti-Blatt "Pflasterstrand". In dessen Umgebung lernte er auch Joschka Fischer kennen. Ob er auch Mitglied in Fischers Schlägertruppe war, ist nicht bekannt.

Bekannt ist Horx´ Verhältnis zu Geld: Rund 10.000 Euro nimmt er die Stunde. Wie viel er dem Beate-Uhse-Konzern für seine Studie "Sexstyles 20/10" abgeknöpft hat, verrät er nicht. Aber dass sich der Aktienkurs der Beate Uhse AG seit der Herausgabe der Studie im freien Fall befindet, weiß jeder Börsianer. 

Von keiner Ahnung getrübt gibt Horx immer noch einen "Zukunftsletter für Entscheider in Wachstumsmärkten" heraus. Im jüngsten Brief empfiehlt er zum Beispiel "Mikro-Banking", weil eine Bank in Utah ihr Geschäft durch die Vergabe von Krediten in Höhe von 1,2 Millionen Dollar verdoppelt habe. Solche Nachrichten sind von verblüffender Wissenschaftlichkeit. Schon, weil wir erfahren, dass eine Bank tatsächlich Kredite vergibt. Dann, dass diese exemplarische Trend-Bank im letzten Jahr wahrhaftig Kredite von ganzen 600.000 Dollar vergeben hat und in diesem Jahr Geld in der irren Höhe der Kosten eines kompletten Einfamilienhauses in guter Lage verleiht. Weniger verblüffend allerdings ist, dass die halbwegs seriöse "Süddeutsche Zeitung" einem Schmock wie Matthias Horx ein Drittel einer Seite im Wirtschaftsteil einräumt, es entspricht der Lage: Der deutsche Wirtschaftsjournalismus ist am Ende seiner Analysefähigkeit angelangt, ihm helfen nur noch Gelegenheits-Mystiker wie Horx.  

 

 

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