Horst Möller (Hg.)

Der rote Holocaust und die Deutschen

Die Debatte um das 
Schwarzbuch des Kommunismus

1999 by Piper Verlag München 
ISBN  3-492-04119-1

Die Beiträge aus französischen Zeitungen 
wurden übersetzt von Bertold Galli 

Horst Möller :  Der rote Holocaust und die Deutschen  (1999)  Die Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus  - 

1999  (*1943)  246 Seiten 

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literaturkritik.de  ausgabe=200006 

detopia: 
M.htm 
 Kommbuch  Gulagbuch 

Schwarzbuch Komm 
Rezension Seewald  

 

Inhalt

Horst Möller - Vorwort (11)

 

Autoren-
verzeichnis
 
(247) 

Das »Schwarzbuch des Kommunismus« hat eine beispiellose Debatte zum Thema Kommunismus ausgelöst. 

In allen Medien, Universitäten und Akademien wird die Frage diskutiert: Was waren die Verbrechen des Kommunismus — und wie sind sie zu bewerten?

Seit seinem Erscheinen im Mai 1998 steht das »Schwarzbuch des Kommunismus« ganz vorne auf den Best­sellerlisten. Kaum ein Buch ist in den letzten Jahren so begrüßt, aber auch so bekämpft worden, bis hin zu Demonstrationen und Gegenpublikationen. Insbesondere der Vergleich mit den Untaten des National­sozialismus, den Stephane Courtois in seiner berühmten Einleitung angestellt hat, sorgt weiterhin für Diskussionsstoff. 

Horst Möller, geboren 1943, Professor Dr. phil., ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und lehrt Neueste Geschichte an der Universität München. Er hat zahlreiche Bücher zur Zeitgeschichte veröffentlicht, die zu Standardwerken geworden sind. Zuletzt erschien »Europa zwischen den Kriegen« (1998). 

 

Teil 1  Ausländische Reaktionen

Das Jahrhundert des Kommunismus in einer Schreckensbilanz  (21)  Philippe Cusin
Ein Buch läßt den Streit über die Verbrechen des Kommunismus wieder aufleben (26) Die Debatte in LE MONDE
Lenins Leichen. Über den neuen französischen Historikerstreit  (41)  # Thierry Chervel
FRANCOIS DUFAY: Kommunismus. Im Angesicht der Wahrheit ... 44 #
JEAN-FRANCOIS REVEL: Kommunismus. 85 Millionen Tote! ... 49
NICOLAS WEILL: Ein Massengrab, so groß wie die Erde  (55) 

JENS PETERSEN: Die Verwandlung des Gartens in eine Kaserne. Lösungen eines Bannes: Der Begriff des Totalitarismus kehrt in sein Ursprungsland Italien zurück (59)
JENS PETERSEN: Abschied von einer Illusion. Das Schwarzbuch des Kommunismus und Italiens Kultur (66)
RUDOLF WALTHER: Das Schwarzbuch des Kommunismus ... 70
STEFAN KARNER: Die zum Opfer fielen ... 74
JUTTA SCHERRER : »Laßt die Toten ihre Toten begraben.« Warum Rußland von den sowjetischen Massenverbrechen nichts wissen will (80)
WACLAW DLUGOBORSKI: Da war noch mehr als die Toten. Auch die Lebenden wollen sich wiederfinden: Das Schwarzbuch des Kommunismus weist aus osteuropäischer Sicht Lücken auf (86)

 

Teil 2   Die historische Perspektive  (97)

  • Der verstörende Unterschied - Gerd Koenen - Warum Stalinismus und Nazismus doch nicht ---  (97) 

  • Die einäugigen Vergleicher. Ist der intellektuelle Bann des Kommunismus wirklich gebrochen? ... 106 Eck. Jesse

  • Der rote Schrecken. Historikerstreit à la francaise: Sind die Verbrechen der Kommunisten denen der Nazis vergleichbar? ... 111 FOCUS:

  • Von der Unmöglichkeit einer historischen Bilanz. Das vieldiskutierte Schwarzbuch des Kommunismus nun in deutscher Übersetzung ... 114 Chr. Geulen

  • Karl Marx, der Visionär und Kulturimperialist. ALBERT C. SELLNER: Zum Schwarzbuch des Kommunismus - ein Essay über die Quellen des großen Hasses (118)

  • Tausend Jahre Glückseligkeit. Oder: Was bedeutet schon eine Generation? HEINRICH MAETZKE:
    Das Schwarzbuch zu den Jahrhundertverbrechen der Kommunisten  (124)

  • Im Reich des Bösen. Das Schwarzbuch des Kommunismus und die Fakten der historischen Forschung (130) MANFRED HILDERMEIER

# Der Holocaust und andere Demozide  (137)  Manfred Henningsen, ZEIT

# Der Terror gehörte schon mit zum Anfang. Nun in deutscher Übersetzung: Das in Frankreich erarbeitete Schwarzbuch des Kommunismus (145) ULRIKE ACKERMANN

#  Wer hört denn noch auf die Signale? In Frankreich löste es Streit aus, nun erscheint das Schwarzbuch des Kommunismus in Deutschland (150) CHRISTIAN RUF

#  Das Schwarzbuch des Kommunismus: »Eine Vorstudie zur Topographie des Grauens« (154) MANFRED FUNKE

# Mythos Mord. Über den Totalitarismus ... 157  Alexander Schuller

 

Teil 3.  Die politische Debatte 

Die Schwierigkeiten mit dem Erbe von Marx, Lenin und Stalin  (175) Thankmar von Münchhausen 
HEINRICH AUGUST WINKLER: Wider die linken Tabus. Der Historikerstreit zum Schwarzbuch des Kommunismus - Rückblick auf ein Jahrhundert des Schreckens  (175) 
TONY JUDT: Die Schwarzen Bücher der Geschichte. Ein Gespräch mit Christoph Winder  (183) 
CHRISTIAN SEMLER: Das Elend linker Immunisierungsversuche  188
KONRAD LÖW: Eine Abrechnung mit dem Weltkommunismus. Deutsche Version des Schwarzbuchs des Kommunismus erschienen - erschütternde Anklageschrift (197) 

JOACHIM KÄPPNER: Ein Blick zurück im Zorn. Eine neue historische Debatte: ---   (202)
VOLKHARD KNIGGE: »Die große Vereinfachung macht dumm.« Ein Gespräch mit Joachim Käppner  207
RICHARD HERZINGER: Angst vor dem letzten Menschen. Bertolt Brecht, Ernst Bloch und die apokalyptische Faszination des Kommunismus  211 
ULRIKE ACKERMANN: Feindliche Nähe. Deutscher und französischer Historikerstreit ... 218

Joachim Gauck: Das Ritual der Antifaschisten. Erfahrungen im Umgang mit den Gegnern des.... SdK  (227) 
Stephane Courtois: Antwort an meine Kritiker. Rede vor der Alfred Herrhausen Gesellschaft....   (232) 

   

Vorwort 

 von Horst Möller 

11-18

Kann man von »rotem Holocaust« sprechen? Das »Schwarzbuch des Kommunismus« trägt diese Bezeichnung weder im Titel noch in den Kapitel­überschriften, doch kehrt in der durch das Werk ausgelösten Diskussion diese Kennzeichnung immer wieder. Selbst eine Sammlung von außerordentlich kritischen Stellung­nahmen verwendet sie — wenn auch mit Fragezeichen — im Titel. 

Tatsächlich enthält die Charakterisierung »roter Holocaust« bereits das Problem, an dem sich die Kontroverse entzündet: Sind die Verbrechen kommunistischer Diktaturen des 20. Jahrhunderts derart massenhaft, daß eine ursprünglich für den Massenmord an den Juden verwandte Wortprägung auch das Wesen weltweit millionen­fach verübter kommunistischer Verbrechen trifft? 

Zweifellos bedeutet die Anerkennung dieser Begriffsverbindung eine Analogie zum planmäßig organisierten Massenmord, den die nationalsozialistische Diktatur an mehr als sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs begangen hat. Eine Analogie aber ist selbstverständlich weder Apologie noch Gleichsetzung. Im strengen Sinne singulär ist jedes der Massenverbrechen, die die totalitären, sich selbst durch eine fanatische Ideologie legitimierenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts begangen haben. 

Durch ihre totalitäre Zielsetzung der Gleichschaltung, die religiöse, soziale, nationale und andere Minderheiten aus der Gesellschaft ausgrenzte, sie diffamierte, entrechtete, vertrieb oder gar ermordete, wurden viele Millionen Menschen planmäßig organisiert zu Opfern, ganz gleich, wie ihre Ermordung motiviert wurde. Um die objektive, empirisch fundierte Analyse kann sich keine ernstzunehmende geschichts­wissenschaft­liche Interpretation herumdrücken.

Die Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen — gleich, welcher Ideologie, gleich, welchen Herrschafts­systems, gleich, in wessen nationaler Verantwortung sie begangen worden sind — ist ein Prüfstein jeglicher humanitär, ethisch oder politisch motivierten Argumentation:

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Sie wird unglaubwürdig, wenn sie ausschließlich Verbrechen einer der Diktaturen des 20. Jahrhunderts anprangert, bei anderen aber wegsieht oder sie nicht wahrhaben will. Gefahren für rechtsstaatliche Demokratien gehen von allen Extremismen aus, unabhängig davon, welcher Herkunft, Richtung oder Zielsetzung sie sind.

Die Autoren, die in einer Reihe von Länderstudien die kriminelle Praxis kommunistischer Herrschaftssysteme untersucht haben, machen eine erschreckende Bilanz auf — eine Bilanz, die sich an der Zahl der Opfer orientiert, die allein durch ihre Zahl eine Wortwahl nahelegt, die der Ungeheuerlichkeit dieser Massenmorde Rechnung trägt. Ob mit Fragezeichen oder ohne: Die Diskussion über den Begriff ist zwangsläufig eine Diskussion über den Inhalt. Während die Massenmorde der national­sozialistischen Diktatur von keinem ernstzunehmenden Historiker, Politiker oder Publizisten bestritten oder bagatellisiert werden und sie seit langem im gesellschaftlichen Bewußtsein innerhalb und außerhalb Deutschlands als Wesensmerkmal des Nationalsozialismus gegenwärtig sind, hat sich die Diskussion über die Massenmorde der kommunistischen Regime, sei es zu Zeiten Lenins, Stalins, Maos oder Pol Pots, nicht in gleichem Maße zu der Einsicht verdichtet, daß das organisierte Verbrechen ein Wesensmerkmal aller bisher real existierenden kommunistischen Diktaturen gewesen ist, obwohl auch darüber kein Zweifel bestehen kann.

Daher überraschen auf den ersten Blick der Riesenerfolg und die heftigen Kontroversen, die das Schwarzbuch des Kommunismus sogleich nach der Publikation der Originalausgabe in Frankreich 1997 im Verlag Robert Laffont wie auch die um zwei deutsche Beiträge erweiterte deutsche Ausgabe im Piper Verlag 1998 gefunden und ausgelöst haben. Schon drei Monate nach Erscheinen waren in Frankreich etwa 200.000 Exemplare verkauft, die deutsche Ausgabe erreichte bis Jahresende 1998 innerhalb von sieben Monaten zehn Auflagen. Inzwischen veröffentlichten Pierre Rigoulot und Ilios Yannakakis bereits eine Darstellung der französischen Debatte über das Werk: Unpave dans l'Histoire. Le debat francais sur Le Livre noir du communisme (Paris 1998). Die Diskussionen in den großen Zeitungen und Zeitschriften erstreckten sich auch in Deutschland zum Teil über Monate.


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Sieht man einmal von der schieren Größenordnung der im Schwarzbuch dargestellten Opferzahlen (weltweit 80 bis 100 Millionen, die zum Teil nachgewiesen werden, zum Teil aber auf Schätzungen beruhen) ab, dann handelte es sich hier wie dort im Kern um eine seit langem geführte, immer wieder auflebende Kontroverse.

So hat beispielsweise der ehemalige Kommunist Arthur Koestler in seinem zuerst 1940 erschienenen Buch <Darkness at Noon>, das 1948 unter dem Titel <Sonnenfinsternis> auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, aus eigener Anschauung über die stalinistischen Schauprozesse in der Sowjetunion während der dreißiger Jahre berichtet, der Tausende kommunistischer Funktionäre — also der eigenen Partei — zum Opfer fielen. 

Hannah Arendt, die vom national­sozialistischen Regime wegen ihrer jüdischen Herkunft in die Emigration gezwungene Philosophin, hat in ihrem zuerst 1951 in englischer Sprache, dann bald darauf auch in Deutschland veröffentlichten epoche­machenden Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft im Anschluß an das in den dreißiger Jahren zuerst in den USA entwickelte Totalitarismus­modell völlig zu Recht nationalsozialistische und kommunistische Herrschaft gleichermaßen als totalitäre Diktaturen beschrieben und schon damals den »Rassenkampf« des einen Regimes mit dem »Klassenkampf« des anderen verglichen: Seinerzeit führte diese Charakterisierung keineswegs zu heftigen Reaktionen, wie dies während des sogenannten Historikerstreits Mitte der achtziger Jahre gegenüber einer verwandten Begriffsbildung Ernst Noltes der Fall war.

Schon im Frankreich der vierziger und fünfziger Jahre wurde lebhaft über die Verbrechen des Kommunismus und die Frage gestritten, ob sie wesens­notwendig zu dieser Ideologie gehören oder nicht: Simone de Beauvoir beschrieb in ihrem berühmten Roman <Les Mandarins> 1954 zwar literarisch typisiert, aber doch mit Realitätsgehalt den Disput zwischen den Pariser Intellekt­uellen: Damals waren Informationen über die Verbrechen des bolschewistischen Regimes in der Sowjetunion in den Westen gelangt; Arthur Koestler, dem man bis dahin schwerlich Antikommunismus hatte vorwerfen können und der in dem Roman Simone de Beauvoirs ebenfalls auftritt, teilte die persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse seinen Gesinnungsgenossen in Paris mit und wandte sich schließlich vom Kommunismus ab; doch war er keineswegs der einzige, der aus Erfahrungen lernte.


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Les Mandarins schildert eindringlich die allmähliche Entfremdung und das schließliche Zerwürfnis der beiden antifaschistischen Intellektuellen Albert Camus und Jean-Paul Sartre über diese Frage: Während Camus sich vom Kommunismus löste, beharrte Sartre — nicht allein im Roman — auf der Meinung, jede Kritik an der kommunistischen Realität in der Sowjetunion nütze dem Faschismus und dem Kapitalismus und müsse deshalb — zutreffend oder nicht — unterdrückt werden. In diesem Disput ging es nicht nur um die stalinistischen Schauprozesse, sondern auch um die Arbeitslager — den später von Alexander Solschenyzin 1974 aller Welt vor Augen geführten <Archipel Gulag>. 

Jörge Semprun nahm 1980 in seinem Roman <Quel beau dimanche> die vergleichende Perspektive wieder auf.

Wer die Wahrheit über kommunistische Herrschaft wissen wollte, der konnte sie also längst wissen aus diesen Büchern wie aus zahlreichen weiteren. Doch darum ging es nicht: Der Kommunismus blieb über Jahrzehnte, wie es Raymond Aron in seiner 1954 veröffentlichten Streitschrift über die Sucht nach Weltanschauung treffend formuliert hatte, »Opium für Intellektuelle«, er blieb dies bis zum Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa seit 1989. 

Manche der kommunistischen Intellektuellen haben sich von dieser Sucht befreit, als sowjetische Panzer (in der Regel durchaus kommunistische) Reform- oder Protest­bewegungen nieder walzten: zuerst 1953 in Berlin, dann 1956 in Budapest, schließlich 1968 in Prag, oder als sich der Kommunismus an der Macht als imperialistisch erwies, beispielsweise 1979/80 in Afghanistan oder schon 1950 im Koreakrieg.

Auf der anderen Seite erlangte die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, mit denen erstmals eine amtierende Parteiführung mit den eigenen Verbrechen — genauer, einem kleinen Teil der von Stalin befohlenen Verbrechen — abrechnete, bei ihrem Bekanntwerden eine durchaus ambivalente Wirkung: Zum einen provozierte die »Entstalinisierung« das Entsetzen über den kriminellen Charakter der Herrschaft Stalins und der Machtinstrumente des Kommunismus, zum anderen eine irrige Schlußfolgerung. Die neue Illusion leitete aus der vermeintlichen »Selbstreinigung« des Kommunismus die Möglichkeit eines Reformkommunismus mit menschlichem Antlitz ab.


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So zählte es zu den historisch abwegigen Versuchen, allein die stalinistische Phase der Sowjetunion mit kriminellen Akten in Verbindung zu bringen und Lenin davon freizusprechen. Doch tatsächlich beginnt die rücksichtslose Eliminierung politischer Gegner, der gezielte politische Terror, bei Lenin selbst: Er praktizierte ihn nicht nur, sondern versuchte auch, ihn theoretisch zu rechtfertigen.

Seit den sechziger und siebziger Jahren schien der Eurokommunismus einen solchen Weg der »Selbstreinigung« zu eröffnen, die kommunistischen Parteien des Westens gewannen daraufhin erneut Attraktivität für linke Intellektuelle. Dieser Hintergrund erklärt die Heftigkeit der französischen Debatte (die zwar gegenüber einigen Autoren auch persönliche Züge annahm bzw. deren Zusammenarbeit untereinander betraf), die vor allem aber alle Zeichen eines Intellektuellen­diskurses trug: Aus enttäuschten Illusionen entwickelten sich Frustrationen und Aggressionen.

Das 1995 veröffentlichte Werk des bedeutenden französischen Historikers Francois Furet <Le passe d'une Illusion>, das 1996 unter dem Titel <Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert> auch auf Deutsch erschien, bildete den Auftakt dieser erneuten intellektuellen Auseinandersetzung. Dabei handelte es sich — wie bei einigen Autoren des Schwarzbuchs — um einen Autor, der selbst bis zum Ungarn-Aufstand 1956 Kommunist gewesen war, und Jahrzehnte später eine der beherrschenden Repressions­ideologien dieses Jahrhunderts analysierte. Die französische Debatte besitzt trotz ihres intellektuellen Charakters zweifellos Konsequenzen für die politische Linke, was Premierminister Lionel Jospin auch sogleich erkannte, nahm er doch die KPF, seinen kommunistischen Koalitionspartner, gegen Angriffe auf ihre Ideologie in Schutz.

In Deutschland endete die Debatte über das Schwarzbuch, die durchaus auch rein geschichts­wissenschaftlich geführt werden könnte und müßte, bei dem spezifischen nationalen Trauma der nationalsozialistischen Diktatur und der Frage der Vergleich­barkeit — als ob sich irgend etwas an der Beurteilung und Verurteilung nationalsozialistischer Verbrechen änderte, wenn man auch diejenigen des Kommunismus erforscht und darstellt.


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Daß eine solche Diskussion mit Niveau geführt werden kann, beweisen beispielsweise die Beiträge, die die französische Zeitschrift le debat im März/April 1996 von Renzo de Felice, Francois Furet, Eric J. Hobsbawm, Ernst Nolte, Richard Pipes und Giuliano Procacci veröffentlichte — oder auch der 1998 in Buchform publizierte Briefwechsel zwischen Francois Furet und Ernst Nolte. Ein Teil dieser Auseinander­setzung wird paradoxerweise geführt, als ob das Schwarzbuch weniger Theorie und Praxis kommunistischer Herrschaft im 20. Jahrhundert untersuchte als das Thema »Die Deutschen und der National­sozialismus«.

Tatsächlich aber stellt ein Vergleich — der in keinem Falle eine Gleichsetzung bedeutet — erst die zweite Stufe dar, nachdem ein hinreichender Grad an empirischer Sicherheit in bezug auf die Massenverbrechen des Kommunismus gewonnen ist. Strukturelle Ähnlichkeiten haben schon vor vielen Jahren Historiker von hohem Rang wie Karl Dietrich Bracher herausgearbeitet. Und heute ist der Vergleich für die Geschichts­wissenschaft unentbehrlich.

Die politischen Konsequenzen liegen auf der Hand: Gelingt der Nachweis, daß alle existierenden kommunistischen Herrschafts­systeme des 20. Jahrhundert nicht allein gescheitert sind, sondern — nach Zeit und Ort in unterschiedlichem Ausmaß — Massenverbrechen begangen haben, dann delegitimiert dies alle politischen Zielsetzungen und Parteien, die sich im Prinzip auf marxistische Ideologie stützen: Die heftige Reaktion von dieser Seite ist also verständlich, geht es bei solchen historischen Erkenntnissen doch nicht allein um die Vergangenheit, sondern um Gegenwart und Zukunft.

Auf der anderen Seite bedürfen das methodische Instrumentarium des Schwarzbuchs, die national differierende empirische Absicherung der Ergebnisse und ihre unterschiedliche Reichweite, der weiteren wissenschaftlichen Diskussion: Bieten manche Beiträge, beispielsweise der von Nicolas Werth über die Sowjetunion — über die auch zuvor schon einschlägige Untersuchungen und Schätzungen veröffentlicht worden waren — sehr viel gesichertes Material und demgemäß abgesicherte Erkenntnisse, so gilt das naturgemäß nicht in gleichem Maß für diejenigen Beiträge, deren Quellenbasis sehr viel unsicherer ist, beispielsweise die Massenverbrechen kommunistischer Herrschaft in asiatischen Ländern.

Doch in solchen Fällen schlagen die Abhandlungen oftmals eine erste Bresche, die weitere Forschung anregen wird. Insofern ist die kritische Diskussion notwendig für den Fortgang der Erkenntnis — eine Erkenntnis, die am Ende dieses in den meisten Erdteilen an grauenhaften Exzessen so reichen Jahrhunderts notwendig ist. Auch in bezug auf den Kommunismus kann das Wissen um die historische Realität zur Immunisierung gegenüber Extremismen aller Richtungen beitragen.

Die hier veröffentlichten Texte bieten nur eine kleine Auswahl aus der weit umfassenderen Diskussion: Diese Auswahl zielt darauf ab, einerseits in bezug auf Frankreich, Deutschland und Italien nationale Spezifika der Diskussion zu veranschaulichen und andererseits sowohl die wissenschaftlich-methodischen als auch politischen Implikationen der deutschen Debatte exemplarisch vorzuführen.

Dabei versteht es sich von selbst, daß unterschiedliche, ja gegensätzliche Einschätzungen über das Schwarzbuch zu Worte kommen — solche also, die die Erträge dieses Werkes positiv würdigen und daraus generelle Schlußfolgerungen über die kommunistische Herrschaftspraxis ziehen, aber auch kritische Beiträge, die sich auf methodische Probleme und sachliche bzw. empirische Grenzen der derzeitigen Erforschbarkeit des Themas für alle dargestellten Länder beziehen. 

Zwei Beiträge, die der Herausgeber gerne aufgenommen hätte, fehlen: <Gauck an alle> (Kurt Pätzold) und <Nekrophiler Antikommunismus> (Wolfgang Wippermann). Leider war ein Abdruck dieser Texte nicht zu ermöglichen.

Trotz der Analogie in Fragestellung und Zielsetzung des Werkes, die der Herausgeber Stephane Courtois im Einleitungs- und vor allem im Schlußkapitel beschrieben hat, bleibt das Schwarzbuch ein Sammelwerk verschiedener Autoren zu unterschiedlichen Staaten und Epochen, freilich eine Gesamtsicht, an der künftig kein ernsthaft Interessierter mehr vorbeigehen kann. Und folglich setzen die hier abgedruckten Beiträge ganz unterschiedliche Akzente, doch gilt nach den Worten Hegels bekanntlich: »Das Wahre ist das Ganze«.

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Horst Möller 

 

 

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