Meinhard Stark

"Ich muß sagen, wie es war" 
Deutsche Frauen des Gulags 
(Metropol 1999) 287 Seiten

 

Frauen im GULAG.
Alltag und Überleben - 1936 bis 1956
(Hanser 2001, dtv 2003) 553 Seiten 

    

2001    xxx Seiten   *19xx

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detopiaS.htm   Gulagbuch 

I.Iljin   Applebaum   F.Klier    U.Rumin  A.Fleck  Kersnowskaja    S.Leonhard   J.Ginsburg    Solschenizyn mit Frauenkapitel 

"Dergleichen hat es bis jetzt noch nicht gegeben." 
 Michael Jeismann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2002

"Der bislang unfassendste Versuch, den Schrecken eines Gulags mit den Instrumenten der Empirie begreiflich zu machen." Sonja Zekri, Süddeutsche Zeitung, 30.1.2002

 

"Da Alexander Solschenizyn den Alltag der Frauen im Gulag ... nur auf einigen Seiten beschrieb, blieb Jahrzehnte lang eine publizistische Lücke bestehen. Meinhard Stark hat sie gefüllt. Der Berliner Historiker hat ein monumentales Werk vorgelegt, das sich erstmals der Archivunterlagen eines Lagerkomplexes ... bedienen konnte. Sein Fundament aber sind die Erinnerungen von fast hundert der drei bis vier Millionen weiblichen Gulag-Häftlinge, denen Stalin und seine Schergen einen Großteil ihres Lebens geraubt haben. Ihre Erinnerungen hat Stark retten können ..." 

Frank Nienhuysen, Süddeutsche Zeitung, 4.8.2003 

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Vorwort  

zu "Frauen im Gulag" (2001) 

von Meinhard Stark 

 

  Überlieferungen  

 Das von einem Bretterzaun umgebene Häuschen stand gleich neben dem Friedhof. Notdürftig war das Dach mit Teerpappe gedeckt, über die einige Leisten genagelt waren. Wenn man durch die nicht verschlossene Eingangstür ging, mußte der Kopf eingezogen werden. 

Der kleine Flur hatte nur einen festgetretenen Erdboden. In der warmen Küche stand ein großer russischer Lehmofen. Die dahinter aus Brettern gezimmerte Liege erinnerte eher an eine Pritsche, obwohl auf ihr eine Matratze und eine Zudecke lagen. Den kleinen Nachbarraum trennte ein Vorhang aus Stoff. An den Wänden beider Zimmer hingen meist selbstgefertigte Heiligenbilder. Jeweils in einer Ecke stand ein kleines Altartischchen, auf dem tagsüber ständig eine Kerze brannte. 

Hier lebten Serafima Alikina und ihre Schwester Aleksandra Okunjewa. Annähernd fünf Jahrzehnte zuvor hatten sowjetische Sicherheitsbeamte in einem Dorf bei Tschistopol die jungen Frauen verhafteten. Das Vergehen: ihr religiöser Glaube. Die Strafe: Serafima 25 Jahre, Aleksandra 5 Jahre Haft. 

Sie sind zwei von 91 Frauen, die sich an ihr jahrelanges Leben und Leiden im GULAG erinnern. Das Gespräch mit den gläubigen Schwestern fand im Winter 1998 statt. Mehr als acht Stunden erzählten die ehemaligen Häftlinge aus ihrem Leben, erstmals so ausführlich und detailliert. 

"Ich habe Angst davor, mich zu erinnern", sagt die 82jährige Serafima an einer Stelle, "wenn ich daran zurückdenke, muß ich sofort weinen. Manchmal kann ich gar nicht glauben, daß ich das war im Lager und das alles aushalten konnte. Die Kälte, der Hunger, nackt in der dunklen Strafzelle, zwischen Ungeziefer und Ratten. Es fällt mir heute manchmal schwer zu glauben, daß ich das alles überstanden habe." 

Bevor die Schwester Aleksandra begann ihre Lebensgeschichte zu erzählen, betete sie und bekreuzigte sich. Nach Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den 20er und 30er Jahren kam sie schnell auf die Verhaftung und die Zeit im Lager zu sprechen. Immer wieder stockte der Redefluß, suchte die Frau nach Worten. "Es ist nicht so, daß ich das alles vergessen habe", warf Aleksandra entschuldigend ein, "aber es regt mich zu sehr auf, wenn ich davon erzähle. Die Hände und Füße beginnen zu zittern." 

Nach 30 Minuten bricht die 79jährige ihre Erzählung ab. Sie kann vor Erregung nicht weiter sprechen. "Das Überleben war doch kein Spaß" sagte sie zum Schluß. Die ältere Schwester nimmt das Gespräch wieder auf und erzählt über die Jahre davor und danach. Irgendwann sagt sie: "Wir müssen uns erinnern und dürfen das Geschehene nicht vergessen."

Dieser Aufgabe fühlen sich auch andere ehemalige Lagerhäftlinge verbunden. Die Jüdin Nadeschda Joffe betrachtet ihre in der Sowjetunion Anfang der 70er Jahre heimlich aufgeschriebenen Lagererinnerungen als Pflicht jenen gegenüber, "die mit mir in den Gefängniszellen und auf den Doppelpritschen der Lager für die Langzeithäftlinge in Kolyma saßen, die hinter den Gittern der Stolypinschen Waggons reisten, denen, die neben mir in Reih und Glied marschieren mußten". 

Die in der Sowjetunion aufgewachsene und seit einigen Jahren in Deutschland lebende Lea Horn fühlte die Verpflichtung, an ihren Vater, an ihre zwei Brüder und an all die Gestorbenen zu erinnern und andere Menschen, mehr darüber erfahren zu lassen. "Den Toten bin ich das schuldig", lautet ihr Fazit. Ähnlich empfindet die Russin Anna Kandalina. Sie hat 40 Jahre darauf warten müssen, wie sie meint, ehe jemand kam, dem sie ihre Hafterlebnisse mitteilen konnte. "Ich möchte, daß man die Wahrheit erfährt und offen darüber spricht, wobei ich dabei nicht an mich denke", äußert sie an einer Stelle, "die Menschen sollen erfahren, was die Sowjetmacht dem Volk angetan hat." 

Auch Irmgard Schünemann möchte mit ihren Erinnerungen Zeugnis ablegen, nicht nur für sich, "sondern für alle, die dort für nichts und wieder nichts ihr Leben lassen mußten". Maria Dyck schreibt am Ende ihres 33seitigen Berichtes: "Die Welt muß es wissen, muß unser Los kennen, damit sich dieses Grauen nicht wiederholt." Die Weißrussin Praskowja wollte, wie sie sagte, einfach über ihre Leidenszeit mit jemandem sprechen. Aufschreiben konnte die 88jährige nichts, denn die Erinnerungen versetzten sie jedesmal in kaum beherrschbare Erregung. 

Während der Zeit der Perestroika, Ende der 80er Jahre, schrieben viele Zeitungen in der Sowjetunion über Verfolgte des staatlichen Terrors. Aber warum berichtete man nur über die "großen Leute", über Militärs, Gelehrte und Mitglieder des ZK der Partei, beklagte Sinaida Gribina-Kaverina, warum war so wenig über einfache Menschen zu lesen? Der Moskauer Verlag "Nowyi Mir" brachte 1990 Alexander Solschenizyns Buch "Archipel GULAG" heraus. Das Buch wurde millionenfach vertrieben und war in aller Munde. Überlebenden des Terrors machte man es zum Geschenk. 

Nicht wenige sahen sich erneut als Objekt, als "lebendige Exponate", wie Nora Pfeffer ihr in Moskau entstandenes Gedicht nannte: 

"Heute sind wir große Mode. Wir — und die vielen Toten. Und die wenigen lebendigen Exponate, die den Vorzug haben, ausgefragt werden zu können. Und man fragt uns aus — aus purer Neugier, aus augenblicklanger Teilnahme. Und wir erzählen auch zuweilen etwas aus jenem Leben, um nicht unhöflich zu erscheinen und auch, damit sich nie wiederhole das Golgatha von Millionen... 

Und es gibt auch welche unter euch, denen sich das Herz umdreht im Leibe vor Wehe. Und es gibt auch welche unter euch, denen die Tränen über die Wangen rollen bei unsrem Erzählen... 

Aber bitte, macht euch Gedanken darüber, daß wir dabei unsere Wunden spüren, in den Eingeweiden unserer Seele wühlen und grausame Schatten heraufbeschwören, als ob sie wieder lebendig wären. Aber bitte, macht euch Gedanken darüber, daß wir das neugierige und auch das mitleidüberströmte Ausfragen mit Qualen der Einsamkeit schlafloser Nächte und dem Wüten teuflischer Mächte in alpschweren Träumen bezahlen."

 

  Gespräche 

Anfang der 90er Jahre verebbte das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit an den ehemaligen GULAG-Häftlingen. In dieser Zeit begannen die Forschungen für dieses Projekt. Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre haben sich 37 Frauen bereit erklärt, über die Leidensjahre im Lager und in der Verbannung zu erzählen. Die jüngste unter ihnen war Ende 60, die meisten weit über 80 Jahre alt. 

In Berlin stieß ich auf die ersten Frauen, die mich später auch mit anderen Leidensgefährtinnen bekannt machten. Viele Ehemalige meldeten sich auf eine Zeitungsannonce in Deutschland. Andere Kontakte vermittelten die Häftlingsorganisationen Memorial in Tschistopol (Tatarstan) bzw. Adilet in Karaganda (Kasachstan). 

Die Wohnungen der oft alleinlebenden Frauen waren meist bescheiden und praktisch eingerichtet. Bücher fanden sich da und dort, bei mancher ein ganzes Regal, und an den Wänden Fotos von Familienangehörigen. Durchschnittlich zehn Stunden währten die Gespräche, in denen die Frauen sich an ihre Kindheit und Jugend erinnerten, die Untersuchungshaft, den Transport ins Lager, die Jahre hinter Stacheldraht und jene danach. Immer wieder ist von Mitgefangenen, Freundinnen wie Rivalinnen, die Rede, denen sie in den Haftjahren begegneten. Mit Haß und Verbitterung sprachen die Verfolgten selten, meist hingegen mit souveräner Sachlichkeit, zuweilen mit nachdenklicher Trauer und tränenden Augen. 

Alle Frauen erzählten erstmals in dieser Ausführlichkeit über ihr Leben. Die in der Sowjetunion und in der DDR Lebenden schwiegen in den ersten Jahren nach der Haftentlassung vor allem aus Angst vor erneuter Verfolgung. Wer über die Verfolgung in späteren Jahren öffentlich redete, lief Gefahr, nicht nur selbst sozial ausgegrenzt zu werden, sondern auch das berufliche Vorankommen der eigenen Kinder zu gefährden. Sofia Main verweigerte noch aus einem anderen Grund ihrer Tochter biographische Mitteilungen: Sie wollte die 1946 im Lager geborene Elvira nicht mit ihren Hafterfahrungen emotional belasten. Auch von einem kleinen Tagebuch, das die Gefangene einige Wochen führte, wußte die Tochter nichts. Erst 1995, als die kleine Familie nach Deutschland übersiedelte, ließ Sofia Einblick in die heimlich gemachten Aufzeichnungen im Lager nehmen.

Das zwar auch heute beschränkte aber immerhin bestehende öffentliche Interesse, das Gefragtwerden kam den Frauen entgegen und überwand ihre Jahrzehnte bestehende Angst, zu sprechen und half ihnen, sich detailliert zu erinnern. Dadurch gelang eine Stimulierung des Gedächtnisses und eine schrittweise Annäherung an Vergangenes. Nicht alles Erlebte und Erfahrene ist für die Einzelne jedoch gleichermaßen erinnerbar, die Rückschau bleibt lückenhaft. "Manches habe ich total vergessen, von einigen Ereignissen den Zusammenhang verloren", räumt Maria Dyck ein, "anderes dagegen steht so deutlich vor meinen Augen, als sei es gestern geschehen." 

Aber nicht alles Erinnerte ist auch aussprechbar. Vor allem Situationen, in denen die Frauen völlig ausgeliefert waren und seelische oder körperliche Demütigungen zu ertragen hatten, sind schwer vermittelbar. Manches Erlebnis kleideten die Gesprächspartnerinnen nur zögerlich in leise Worte und schreckten dann doch vor der Öffentlichkeit zurück.

Niemand kann sich an alles gleichermaßen gut erinnern. Manche Erlebnisse und Erfahrungen verdrängten die Frauen, zu mancher Erinnerung oder Nieder­schrift fehlte einfach die Kraft. Alle Frauen litten gleichermaßen und jede für sich selbst und auf ihre Art. Mimi Brichmann meint, sie hätte während ihrer achtjährigen Lagerhaft noch Glück gehabt und nicht so schmachten müssen wie andere Frauen. Frieda Mayer-Melikowa wurde kurz vor dem Ende ihrer achtjährigen Haft erneut im Lager festgenommen und erhielt weitere acht Jahre. Sie dachte an Selbstmord, scheute aber als gläubige Frau davor zurück.  

Der Schmerz war individuell und sperrt sich gegen eine Hierarchie des Leidens, die vermerkt, wer mehr oder wer weniger schwere Lagerjahre zu bewältigen hatte. 

Selbst wenn manch äußere Lagerumstände in der Erinnerung positiv ausfallen, so können die dort ertragenen inneren Verletzungen bis heute anhalten. Zudem waren die Wertmaßstäbe verschoben, denn die Frauen orientierten sich immer weniger an den Erfahrungen vor, als an denen während der Haft. 

Wenn manche Häftlinge, etwa Elinor Lipper, Susanne Leonhard oder Jewgenia Ginsburg, häufiger oder ausführlicher als andere zu Wort kommen, darf auch dies nicht als eine Rangfolge des persönlich Erlittenen aufgefaßt werden. Die Überpräsenz mancher Berichte ist lediglich der individuellen Überlieferung geschuldet und schmälert keinesfalls das Leid der anderen Mitgefangenen.

Die Erfahrungen aller Überlebenden gestatten mosaikartig ein Bild des Geschehens, obgleich das Erinnerte, ausgesprochen oder niedergeschrieben, nicht reale, sondern angenäherte Vergangenheit darstellt. Aber es ist die einzige Chance über die Haft im GULAG etwas zu erfahren, und zwar von jenen, die hinter dem Stacheldraht litten. Gerade sie kommen zu Wort, die ehemaligen weiblichen Gefangenen. In ihren Erfahrungen zeigen sich sowohl allgemeine Tendenzen des Erlebten, als auch verschiedene Extreme. Orte und Zeiten lassen sich allerdings aus verschiedenen Gründen nicht immer genau bestimmen.

An einen erinnert sich Tamara Ruschenzewa:

"Man schlug mich zulange in der Lubjanka und Butyrka, während der Transporte und in den Lagern. Mein Gedächtnis hat man kaputtgeschlagen. Besonders vergessen habe ich die Daten und Namen der Orte, wohin mich das Schicksal trieb, oder besser gesagt Stalins Regierung."

Frieda Mayer-Melikowa sieht eine andere Ursache für das Erinnerungsdefizit in der Schwere des Durchlebten. Starke seelische und körperliche Erschütterungen können die Fähigkeit des Gedächtnisses, Erlebnisse zeitlich und räumlich zu bestimmen, durchaus beeinträchtigen. 

Andere Daten oder Orte werden dagegen zu Klammern der Erinnerung, innerhalb derer das Erlebte geschildert wird. Zudem wechselten die Gefangenen befehlsgemäß alle ein bis zwei Jahre den Lagerort. In der ständigen Neuverteilung sah die Lageradministration ein wichtiges Instrument der Kontrolle über die Häftlinge. Die Überlieferungen beziehen sich daher auch auf kein einzelnes Lager oder einen bestimmten Zeitraum, sondern auf Erfahrungen, die Frauen zwischen 1936 und 1956 im weitverzweigten Archipel GULAG machten. Diese Herangehensweise birgt in sich jedoch auch den Nutzen, ähnliche äußere Bedingungen und Erfahrungen der Lagerhaft an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten in den Blick zu nehmen und auf eine gewisse Kontinuität der Lagerzustände zu verweisen.

Forschungen über einzelne Lagerkomplexe und die Erfahrungen der dort inhaftierten Gefangenen sind ohne Frage dringend erforderlich und müßten aufgrund des voranschreitenden Alters der letzten Überlebenden zügig begonnen werden.

 

  Berichte  

Neben den lebensgeschichtlichen Gesprächen lagen 14 unveröffentlichte Berichte von ehemaligen Gulag-Frauen vor, die Memorial-St.-Petersburg und Krasnojarsk bzw. einzelne Gefangene zur Verfügung stellten. Die meisten davon entstanden Ende der 80er Jahre in der Sowjetunion, zu einer Zeit, als auch Frieda Mayer-Melikowa ihre Aufzeichnungen begann. Nun mußte sich die über 80jährige beeilen, denn sie erblindete zusehends. Lieber hätte sie gleich im Herbst 1962 mit ihrer Niederschrift begonnen. 

Zu diesem Zeitpunkt kehrte die Deutsche nach 16 Jahren im Lager und vierjähriger Verbannung in ihre Heimatstadt Tbilissi, Georgien, zurück:

"Nur wenige nahmen mich mit offenem Herzen auf. Mißtrauen und Mißachtung uns Gewesenen gegenüber war die Einstellung der meisten. Als ich das auch von meinen nächsten Angehörigen zu spüren bekam, reifte in mir die Überzeugung, daß es meine moralische Pflicht ist, über meine Familie und mich selbst zu erzählen." 

Angst hielt Frieda Mayer-Melikowa Jahrzehnte zurück, erst im Oktober 1997 erschienen ihre Erinnerungen im Selbstverlag. Helene Kutscherowa-Koch begann Ende der 60er Jahre Aufzeichnungen über ihre achtjährige Lagerzeit zu machen. Plötzlich mußte sie schreiben, erinnert sie sich: "Es gibt Gedanken, die man mit niemandem besprechen kann. Das mußte ich niederschreiben, und das war für mich eine Erleichterung." Sie verstand ihre Notizen und Gedichte aber auch als Gegenrede auf die Geschichtsverfälschung der Breschnewjahre. Das Schreiben behielt die Frau für sich, nicht einmal ihr Ehemann hatte Kenntnis davon. Wenn er schlief, setzte sich Helene Kutscherowa-Koch an den Tisch und begann mit der Niederschrift. Manchmal wartete sie auf diese Abende, an denen sie wieder ein paar Zeilen zu Papier bringen konnte. Bis heute liegen ihre Manuskripte ungedruckt in einer Schublade.

Zu den 40 publizierten Erinnerungen, die für dieses Buch herangezogen wurden, gehört eine 1991 erschienene Bilderchronik über den GULAG. Jefrosinija Kersnowskaja vertraute bereits in den Jahren 1963 und 1964 mehreren Schulheften ihre biographischen Erfahrungen an. Schließlich entstanden ca. 700 farbige Zeichnungen und 1.500 Textseiten, die das Lagerleben beschrieben. Ursprünglich drängte die kranke Mutter, sie wollte mehr über das Schicksal der Tochter erfahren. Am Grab der Mutter, die vor der Fertigstellung gestorben war, sagte Jefrosinija: 

"Mama! Meine gütige Alte! Ich habe deinen Wunsch erfüllt. Alles, was hier geschrieben steht, ist die Wahrheit. Und die Wahrheit währt ewig. Aber manchmal ist diese Wahrheit grausam... Sollte man eine solche Wahrheit nicht aus dem Gedächtnis bannen? Aber was bleibt dann? Eine Leere, in die sich die Lüge einschleichen kann!" 

 

Die frühesten Berichte, die das Leben weiblicher Häftlinge im GULAG schildern, entstanden verständlicherweise außerhalb der UdSSR. 

Die Polin Marta Rudzka schildert in ihren 1948 verlegten Erinnerungen "Workuta. Weg zur Knechtschaft" die Deportation aus der Westukraine und ihre zweijährige Odyssee durch sowjetische Gefängnisse und Lager. Die frühe Freilassung im Jahr 1941, verdankte die einstige Gutsherrin einer Amnestie für polnische Staatsbürgerinnen und -bürger, die sich der polnischen Armeeformation unter dem Befehl von Wladyslaw Anders im Kampf gegen die deutschen Truppen anschlossen. 

Im Gegensatz zu diesem weithin vergessenen Bericht erlangte das 1949 erschienene Buch "Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel" von Margarete Buber-Neumann internationale Popularität. Die 1940 vom NKWD an die deutsche Gestapo ausgelieferte Autorin schildert in ihrem Bericht sowohl ihren Arrest im Moskauer Butyrka-Gefängnis und in verschiedenen Lagern Kasachstans als auch im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bei Berlin.

Gerade der vergleichende Blick auf beide Diktaturen und ihre jeweilige Haftpraxis erregte den Zorn der östlichen Sicherheitsinstanzen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR observierte und "bearbeitete" die einstige Kommunistin und deren Bekannte in den operativen Vorgängen "Illegale" und "Publizisten" bis Ende der 50er Jahre nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschland. 

Der Erinnerungsband "Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern" von Elinor Lipper erschien 1950. Die 1912 in Brüssel geborene Jüdin verbrachte ihre Lagerhaft im Kolymagebiet und konnte als eine der wenigen Ausländerinnen bereits 1946 die UdSSR verlassen. Die sachlichen und übersichtlichen Erinnerungen enthalten eine Vielzahl von Häftlingsbiographien, Schilderungen der Lagerbedingungen sowie soziologische Beobachtungen über den Haftalltag und das Verhalten der Gefangenen.

 

Auch der bekannte Bericht von Susanne Leonhard überschreitet den rein subjektiven Horizont und informiert nicht nur über das Selbsterlebte, sondern sucht es soziologisch und analytisch zu durchdringen. Die frühe Entlassung der deutschen Sozialistin aus der Verbannung und die Ausreiseerlaubnis aus der UdSSR im Jahr 1948 waren wohl nur aufgrund der Fürsprache ihres Sohnes Wolfgang Leonhard, eines seinerzeit wichtigen, später abtrünnigen SED-Funktionärs, erteilt worden. 

Zunächst ging Susanne Leonhard in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands. "Als ich Ende August 1948 nach dreizehneinhalbjähriger Emigration nach Deutschland zurückkehrte", schreibt sie in ihren Erinnerungen, "beseelte mich der Wunsch, so bald wie möglich die langen Jahre, die ich in sowjetischen Gefängnissen, Zwangsarbeitslagern und Verbannungsorten zugebracht hatte, zu vergessen." 

Bereits im Jahr darauf floh Susanne Leonhard in die Bundesrepublik Deutschland und ließ sich in Stuttgart nieder. Schnell war der Entschluß gefaßt, nun doch Erinnerungen niederzuschreiben, und schon im Mai 1950 lag die erste Fassung vor. Mit ihrem Bericht wollte sie sich den politischen Kreisen zuordnen, "die den Kampf gegen beide Fronten, gegen die monopolkapitalistisch-imperialistische Versklavung und gegen die stalinistisch-expansionistische Versklavung aufgenommen haben".

In eineinhalb Jahren schrieb die 53jährige mehr als 800 Druckseiten und dies unter den widrigsten materiellen Bedingungen: "teils herumvagabundierend, teils im Flüchtlingslager, ohne Geld, ohne Bleibe". Ein Verleger fand sich auch in der demokratischen Bundesrepublik nicht so bald. "Ja, wer hat heute Interesse für ein Buch, das auf dem Standpunkt <Weder Ost noch West / Eine einige sozialistische freie Welt> steht?? Niemand - wenigstens niemand mit Geld." - schreibt am 22. Juni 1951 Susanne Leonhard einer Freundin. Erst fünf Jahre später erschienen ihre beeindruckenden Memoiren und Betrachtungen über die sowjetische Lagerwelt in der Europäischen Verlagsanstalt in Frankfurt am Main. 

Obgleich in den nächsten Jahren weitere Auflagen folgen, scheint der Bericht über den GULAG schon in den 70er Jahren in der bundesdeutschen Öffentlichkeit weithin in Vergessenheit geraten zu sein.

 

Die weltweit bekanntesten, heimlich in der Sowjetunion verfaßten Erinnerungen stammen von Jewgenia Ginsburg, einer ehemaligen Kommunistin. Die zweibändige Ausgabe, "Marschroute eines Lebens" und "Gratwanderung", erschien erstmals 1967 bzw. 1979 in Italien. "Dieses Buch hat über dreißig Jahre mit mir gelebt", schreibt die Autorin im Epilog des zweiten Bandes: "Zuerst als Idee, später als Manuskript, in dem ich viele Passagen immer wieder umgeschrieben, große Textabschnitte gestrichen, nach dem präzisesten Ausdruck und einer reiferen Betrachtungsweise gesucht habe." 

Mit dem "Sammeln des Materials", der bewußten Speicherung von Erlebnissen, Eindrücken, Namen und Fakten begann die Jüdin unmittelbar nach ihrer Verhaftung 1937 in Kasan. Das kontinuierliche Schreiben begann 1959. Drei Jahre später lag ein 400seitiges Manuskript vor; ein persönlicher, emotionaler, von der Seele geschriebener Bericht, den die Autorin aus Unzufriedenheit allerdings wieder vernichtete. 

Die heimliche Arbeit begann von neuem. Nachdem unter Chruschtschow in der sowjetischen Zeitschrift "Nowyi Mir" im November 1962 die Erzählung "Ein Tag im Leben von Iwan Denissowitsch" von Solschenizyn veröffentlicht wurde, bekam auch Jewgenia Ginsburg neuen Auftrieb. Doch mit den Hoffnungen auf eine Veröffentlichung in der UdSSR hatte sich, so die nunmehr Mitte 50jährige, 

"in mir leider auch der <innere Redakteur> eingenistet, der mich in jedem Absatz mit dem üblichen Einwand: <Das wird die Zensur nicht passieren> korrigierte. Ich begann, nach verschlüsselten Formulierungen zu suchen, und verdarb oft gelungene Stellen, wobei ich mich damit tröstete, daß es ja nur dieser eine Satz sei - kein allzu großes Opfer dafür, daß ich veröffentlicht würde und endlich die Menschen erreichen könnte." 

Sowjetischen Lesern wurde der Text allerdings nur im Untergrund, im "Samisdat" zugänglich. Dutzende, vielleicht sogar Hunderte mit Hand oder Schreibmaschine angefertigte Kopien gingen illegal von Leserin zu Leserin, von Leser zu Leser. Nachdem Jewgenia Ginsburg alle Hoffnungen auf eine Veröffentlichung in der Sowjetunion aufgeben mußte, befreite sie sich auch wieder von ihrem <inneren Redakteur>. Beim Schreiben der "Gratwanderung" ließ sich die Autorin von keinerlei sachfremden Erwägungen mehr einschränken. Dieser Band, so heißt es im Epilog, enthält 

"keine tendenziösen Beschönigungen und keine bewußten Auslassungen. In meinem Alter, wenn man das Leben schon aus einiger Distanz betrachtet, hätte es keinen Sinn mehr, sich zu verstellen. So habe ich also die Wahrheit geschrieben. Nicht die ganze Wahrheit (die ganze habe ich vermutlich auch nicht gekannt), doch nur die Wahrheit!"

 

Etwa im gleichen Zeitraum arbeitete Alexander Solschenizyn an seinem 1974 in der Schweiz veröffentlichtem Werk "Archipel GULAG", im dem sich das Kapitel "Die Frau im Lager" auf 22 Seiten mit Erfahrungen weiblicher Häftlinge befaßt. Der Autor erwähnte auch eine Mitgefangene Jewgenia Ginsburgs, die Sozialrevolutionärin Ekatarina Olitzkaja, deren umfangreiche Erinnerungen wenige Jahre zuvor in Frankfurt am Main, allerdings nur auf Russisch, publiziert wurden. 

In der UdSSR erschienen erst wieder während der Regierungszeit Gorbatschows ab Ende der 80er Jahre Erinnerungen weiblicher GULAG-Häftlinge. Für das Entstehen und die Herausgabe der Berichte leisteten die Organisationen Memorial und WOSWRASCHTSCHENIE, in denen sich ehemalige Gefangene und historisch interessierte Menschen zusammenfanden, einen unersetzlichen Beitrag. 

Der Sammelband "Dodnes tjagoteet", 1989 in Moskau erschienen, präsentiert biographische Überlieferungen, vor allem intellektueller, der kommunistischen Bewegung nahestehender Frauen. Mit den politischen und sozial-ökonomischen Veränderungen seit Anfang der 90er Jahre verschlechterten sich nicht nur die materiellen Produktionsbedingungen für weitere Memoiren. Die anhaltende gesellschaftliche und ökonomische Krise in Rußland bewirkte nicht nur das schwindende öffentliche Interesse an den Verfolgten, sondern blockierte auch deren Bedürfnis, von dem erlittenen Unrecht schriftlich Zeugnis abzulegen. 

Nur so scheint sich, angesichts von Millionen inhaftierter Frauen, eine überaus spärliche Publizität neuer Erinnerungsberichte in den 90er Jahren zu erklären lassen. Wenige, meist kurze, broschierte Überlieferungen fanden überhaupt Leserinnen und Leser. Eine landesweite Verbreitung scheiterte nicht nur an den viel zu kleinen Auflagen, sondern auch am Fehlen eines funktionierenden Buchvertriebs. Um so mehr sind die Autorinnen und ihre Förderer zu würdigen, die über diese Unwägbarkeiten hinweg, ihre Erlebnisse aufschrieben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Stellvertretend genannt seien die ehemaligen Häftlinge: Ariadna Efron, Ada Federolf, Walentina Iewlewa, Galina Lewinson, Agnessa Mironowa-Korol, Nina Monitsch, Galina Nurmina, Tamara Ruschenzewa, Alja Tartak und Nina Hagen-Torn.

 

Herkunft 

Die ehemaligen Gefangenen stammen aus unterschiedlichen sozialen und nationalen Gruppen. Aber auch ihre Lebenserfahrungen, politische Vorstellungen und kulturelle Prägungen beeinflußten ihr Verhalten im Lager. 49 Frauen sind in Rußland bzw. der Sowjetunion geboren und aufgewachsen, also Staatsbürgerinnen der UdSSR. Unter ihnen befinden sich 24 Russinnen, 13 Deutsche, fünf Jüdinnen, zwei Ukrainerinnen sowie fünf Frauen anderer bzw. unklarer Nationalität. Aus dem Ausland stammen 42 weibliche Häftlinge, darunter 20 Deutsche, sechs Jüdinnen, fünf Ukrainerinnen, vier Polinnen, vier Österreicherinnen und drei Frauen anderer bzw. unklarer Nationalität. 

Der über dem Lagerdurchschnitt liegende hohe Anteil ausländischer Häftlinge muß nicht in jedem Fall kritisch gedeutet werden und das kollektive Erfahrungs­bild verzerren. Der Blick einer Fremden kann auf manche Erscheinung in sowjetischen Lagern durchaus unverstellter oder gelegentlich klarer ausfallen als die Sicht Einheimischer. Das bezieht sich nicht nur auf Schilderungen der für Westeuropäerinnen noch weniger gewohnten Existenz­bedingungen, wie Unterkünfte, Hygiene, Kleidung oder das Klima sondern auch auf Betrachtungen über Mentalität und Verhaltensformen von Häftlingen und Lagerpersonal.

Der sozialen Herkunft nach stammen 31 Frauen aus dem Mittelstand, zwölf aus dem Arbeitermilieu sowie je elf aus der Bauern- und der Unternehmerschaft. Der eigenen beruflichen Tätigkeit nach waren 43 als mittlere Angestellte in Wirtschaft, Staat oder Partei beschäftigt, 24 lernten bzw. studierten noch und insgesamt zehn Frauen zählten zur Gruppe der Arbeiterinnen und Bäuerinnen. Die sowjetischen Sicherheitsinstitutionen inhaftierten alle hier zu Wort kommenden Gefangenen für vermeintliche konterrevolutionäre Verbrechen. Die Vorwürfe lauteten "konterrevolutionäre Agitation" bzw. Tätigkeit, "Spionage", "Vaterlandsverrat", oder man nahm Ehefrauen von bereits inhaftierten Männern als "sozial gefährliche Elemente" in Sippenhaft

23 Frauen waren Mitglieder der Kommunistischen Partei, 15 weitere verstanden sich als Sympathisanten des Sowjetsystems. Überdurchschnittliche Organisiertheit und Loyalität herrschte vor allem unter großstädtischen Russinnen und bei den Ausländerinnen, vor allem Deutschen, die Anfang der 30er Jahre als Fachkräfte oder politische Exilantinnen in die Sowjetunion kamen. 

Antisowjetisch artikulierten sich dagegen polnische und ukrainische, vor allem aber russisch-orthodoxe Gefangene. Als Gruppe betrachtet entsprechen die berichtenden Frauen nicht unbedingt dem nationalen, sozialen und politischen Häftlingsprofil, soweit das zumindest heute definiert werden kann. Zu wenige Überlieferungen existieren gerade von Vertretern des Hauptteils der Gefangenen, nämlich parteilose Arbeiterinnen und Bäuerinnen. Um so bedeutsamer sind die hier eingeflossenen lebensgeschichtlichen Gespräche mit den russisch-orthodoxen Bäuerinnen Serafima Alikina, Anna Kandalina oder Aleksandra Okunjewa. Vertreterinnen dieser Häftlingsgruppe hinterlassen im Gegensatz zu Intellektuellen bzw. Angestellten selten schriftliche Berichte und stellen sich eher zurückhaltend für Interviews zur Verfügung. Zusätzliche Kenntnisse erhalten wir über solche Frauen durch Häftlingsakten und mehr noch durch die Erinnerungen ihrer Mitgefangenen. 

Mit 16 Jahren verbüßte die Rußlanddeutsche Frieda Mayer-Melikowa die längste Haftstrafe im Lager. Weitere sechs Frauen verblieben mehr als zehn Jahre hinter Stacheldraht. Die übergroße Mehrheit, 54 weibliche Häftlinge, verbüßten zwischen sechs und zehn Jahren. 21 Frauen waren bis zu fünf Jahren inhaftiert. Die verbliebenen Frauen bestrafte man mit Verbannung. Mit Strafansiedlung in unwirtlichen Gebieten östlich des Urals hatten auch Haftentlassene zu rechnen. Mehr als 60 der 91 Frauen verbrachten als Verbannte mehrere, teils bis zehn Jahre unter wie es hieß "Kommandantur", d. h. ständiger Polizeiaufsicht. 

Die Mehrheit der Frauen (39) war zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung zwischen 21 und 30 Jahren alt; 27 Frauen hatten zwischen 31 und 40 Lebensjahre hinter sich. Nur drei Frauen waren bereits über 41. Von den elf Frauen unter 20 hatte das NKWD zwei Minderjährige verhaftet. Mehr als 80% der berichtenden Frauen gehörten zu den jungen, kräftigen und überlebensfähigeren Gefangenen. Das entspricht weitgehend dem Ende der 40er Jahre bestehenden Altersdurchschnitt der Lagerhäftlinge. Jüngere Häftlinge hatten häufiger Zugang zu leichteren Tätigkeiten, guten Posten oder kleinen Funktionen, einer wichtigen Voraussetzung zum Überleben. Über ältere Frauen sowie die Verstorbenen und Erschossenen erfahren wir nur vermittelt aus den Berichten der jüngeren Gefangenen oder den Akten der Verfolger. 

 

  Akten  

Das vorliegende Buch stützt sich nicht nur auf die Erinnerungen der Verfolgten, sondern auch auf Überlieferungen der Verfolger, also derjenigen, die im Auftrag der sowjetischen Staatsführung über die Moskauer Hauptverwaltung Lager die Haft organisierten und sicherstellten. Die Täter hielten ihr Vorgehen ebenso für legitim wie die Aufbewahrung ihrer schriftlichen Hinterlassenschaften. 

Bereits im Frühjahr 1936 befahl der amtierende Volkskommissar für Innere Angelegenheiten der UdSSR, Genrich Jagoda, die "Archive aller Besserungsarbeitslager des NKWD, alles was über die Geschichte, Praxis und Arbeit der Lager sowie deren Baustellen spricht, (...) zu konzentrieren. Die Systematisierung der Archive und die entsprechende Klassifikation des Materials", so heißt es weiter, "hat historische Bedeutung für das Studium sowie für die Verallgemeinerung von Arbeitserfahrungen bei der Errichtung und Leitung der OGPU-NKWD und der Umerziehungsarbeit in den Lagern." Zwischen 1936 und 1956 sind Millionen Akten angelegt worden. Ein Aktenordner begleitete jeden Häftling durch das Lager, und jeder Angestellte des Lagerpersonals verfügte über eine Kaderakte, die allerdings keiner von beiden je zu Gesicht bekam. 

Befehle, Berichte, Anweisungen und Instruktionen der GULAG für die Administrationen der einzelnen Lagerkomplexe über einen Zeitraum von 20 Jahren füllen Tausende Aktenordner. Allerdings haben nicht alle Bestände die Zeiten unversehrt überstanden. Bis heute faktisch bar jeglicher Kontrolle, hatten die Verantwortlichen der entsprechenden Institutionen jederzeit die Möglichkeit, nach Bedarf einzelne Schlüsseldokumente oder ganze Konvolute vernichten zu lassen. Bestände der Hauptverwaltung Lager sind im Moskauer Staatsarchiv der Russischen Föderation deponiert und seit Anfang der 90er Jahre zugänglich. Allerdings sind der russischen Historikerin Irina Schtscherbakowa zufolge bislang erst 10% des Überlieferten für die Forschung freigegeben worden. 

Die Akten der "Operativ-tschekistischen Abteilung", das heißt der Lagergeheimpolizei, die für Repressionen und Spitzel zuständig war, befinden sich nach wie vor im Bestand des Archivs des Föderalen Sicherheitsdienstes und stehen der Forschung nicht zur Verfügung. Im Russischen Staatsarchiv existieren Akten zu praktisch allen Bereichen der Lagerhaft: Lagerordnung bzw. Haftregime, Tagesablauf, Festlegungen zur Zwangsarbeit, Versorgungsnormen für Ausrüstung und Verpflegung, Direktiven für die Kultur- und Erziehungsarbeit oder die medizinische Betreuung. Die entsprechenden Befehle und Instruktionen schufen den administrativen Rahmen der Haft und bestimmten die Existenzbedingungen jedes einzelnen Häftlings. 

So regelte die von der Moskauer Lagerhauptverwaltung erlassene "Instruktion zum Regime der Unterbringung der Häftlinge in Besserungsarbeitslagern und Kolonien" des NKWD/MWD aus den Jahren 1939, 1947 und 1954 bis ins kleinste die Haftordnung aller in der UdSSR existierenden Lager und deren Außenstellen. Immer wieder wechselnde Festlegungen der Versorgungsrichtlinien für Verpflegung, Bekleidung und Ausrüstung nahmen unmittelbar Einfluß auf die Existenzbedingungen und entschieden schließlich über Leben und Tod des Einzelnen. Nicht unerheblich für die Inhaftierten war auch der Befehl "Über das Verbot der Anwendung verschiedenster Maßnahmen der Nötigung oder der physischen Einwirkung auf die Häftlinge" vom 4. April 1953. 

Nunmehr machte sich der Minister des Innern der UdSSR, Berija, zum Verfolger von Vergehen, die 15 Jahre lang unter seiner Ägide nicht nur geduldet, sondern bei Bedarf obligatorisch waren. Selbst der Befehl spricht von "verbreiteter Anwendung verschiedenster Foltermethoden: wie grausames Prügeln der Verhafteten; Fesselung mit Handschellen auf dem Rücken rund um die Uhr, die in einzelnen Fällen mehrere Monate andauerte; längere erzwungene Schlaflosigkeit; Arrest unbekleideter Gefangener in kalten Strafzellen". 

Dem Innenminister zufolge kam Folter nur bei der Ermittlungstätigkeit der NKWD/MWD-Organe vor. Häftlingserfahrungen belegen jedoch, daß physische Gewalt gegen Gefangene auch im Lager ein Mittel der Disziplinierung war, ohne dabei vor Frauen halt zu machen. Überhaupt sahen die Verantwortlichen der Moskauer Administration keine Veranlassung zwischen männlichen und weiblichen Häftlingen zu unterscheiden. Alle wesentlichen Bestimmungen zum Haftregime, zum Arbeitseinsatz und zur Versorgung trafen für beide Geschlechter zu. Sonderbestimmungen, die lediglich für Schwangere und Mütter galten, sorgten in der Realität nicht unbedingt für eine verbesserte Existenzsituation der Lagerfrauen und deren Kinder, sondern — aus Sicht der Administration — für den geregelten Umgang mit dieser Häftlingsgruppe.

Die bisherigen Kenntnisse über die Befehle und Weisungen der Moskauer Hauptverwaltung Lager können nun erstmals im Archiv eines Lagerkomplexes, nämlich des Karagandinsker Besserungsarbeitslagers (KAR-Lag) in Kasachstan, überprüft werden. Bezugnehmend auf den Jagoda-Ukas vom Frühjahr 1936 befahl wenige Monate später der Chef der Verwaltung des KAR-Lag für alle Struktureinheiten des Lagers die Sammlung von Dokumenten folgender Bereiche: Entstehung, Produktionstätigkeit, "kulturerzieherische" Arbeit, Organisation des sanitären Dienstes, Bewachung, Lagerregime, Personalbestand der Führung, "tschekistische", ingenieur-technische Kader sowie Leiter der Abteilungen, Unterabteilungen und Zweigstellen. 

Die Ausführung des Befehls wurde von einer speziellen Archivgruppe innerhalb des KAR-Lag organisiert und kontrolliert. Diese Befehle bildeten die langjährige Arbeitsgrundlage des KAR-Lag-Archivs, das als überlieferter Bestand bis heute besteht. Bis zur Auflösung des Karagandinsker ITL 1957 sind Dokumente, Befehle, Weisungen, Inspektionsergebnisse und vor allem Viertel-, Halb- und Jahresberichte der verschiedensten Verwaltungsebenen über alle relevanten Bereiche der Lagerstruktur und -organisation, der Zwangsarbeit, der Häftlinge und des Lagerpersonals archiviert worden - insgesamt ca. 15.000 Akteneinheiten. 

Die Häftlingskartei enthält ca. 800.000 Registrierkarten mit jeweils 20 biographischen Angaben aller Gefangenen, die zwischen 1931 und 1957 im KAR-Lag auch zeitweilig inhaftiert waren. Darüber hinaus lagern in den Archivregalen mehr als 70.000 vollständige Akten von Gefangenen, die dort starben oder erschossen wurden. So ist es möglich, den Leidensweg von bislang völlig unbekannten Häftlingen zu rekonstruieren. 

Etwa den der gläubigen Geschwister Warwara, Uljana, Fekla und Maria Ignatenko, die wegen Verweigerung der Zwangsarbeit im KAR-Lag erschossen wurden. Wir wüßten auch nichts von der Ermordung der ehemaligen Kommunistin Maria Dawtjan, die das Lager-NKWD wegen unbedachter politischer Äußerungen anklagte und wegen "antisowjetischer Agitation" unter Kriegsbedingungen zum Tode verurteilte. 

Wir könnten auch nicht in das Antlitz der 54jährigen Maria Sakatowa schauen, als jemand auf den Auslöser drückte und ihr Haftfoto entstand. Und wir hätten auch nicht das Schicksal mehrere religiöser Frauen zur Kenntnis nehmen können, die man noch nach ihrer Erschießung fotografierte. Die Auswertung und Einbeziehung von Häftlings- und Verwaltungsakten eines regionalen Lagerarchivs stellt wissenschaftlich gesehen ein völliges Novum dar. Nicht nur ein kritischer Umgang mit dem von den Verfolgern hinterlassenen Schriftgut ist geboten, sondern dessen Überprüfung an anderen Dokumenten und Überlieferungen. Ebenso notwendig ist die Abwägung ihres Wahrheitsgehaltes an den Erinnerungen und Erfahrungen der einstigen Verfolgten.

Denn es sind in erster Linie die Berichte der Zeuginnen, die uns am Alltag, am Leiden und am Überleben im Lager als nachgeborene Beobachter teilnehmen lassen.

Sich das Erlebte und Erfahrene so intensiv und detailliert in Erinnerung zu rufen, war für die Frauen schwer und bedrückend. Die meisten saßen allein am Tisch und schrieben sich verlassen in die Vergangenheit, ungewiß ob sich jemand dafür interessieren würde. Auch das gemeinsame Gespräch endete wohl oder übel mit Einsamkeit, in der eine erregte alte Frau zurückblieb. Zwei Wochen nach einem Interview schrieb mir Lea Horn: "Ich habe mich bereits ein wenig erholt und wieder beruhigt, von all dem Bösen, an das ich mich wieder erinnern mußte. Ich wollte, es wäre schon alles aus der Welt." 

 

 Dank  

Ihnen, den schreibenden und erzählenden Frauen gilt meine Hochachtung und mein herzlichster Dank. Mit Zuneigung und Nachdenklichkeit erinnere ich mich der ehemaligen Häftlinge, denen ich persönlich begegnen durfte. Meine Anteilnahme gehört auch den Frauen, die ich nur durch ihre schriftlichen Zeugnissen kennenlernte. Und ich möchte jener gedenken, die in jüngster Zeit verstorben sind.

Mit Dankbarkeit erinnere ich mich der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedenster Institutionen im In- und Ausland, die diese Forschungen maßgeblich befördert haben: 

so das Archiv des Karagandinsker Besserungsarbeitslagers, Karaganda, Kasachstan; das Archiv des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation, Moskau; das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien; das Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen; die Polskiej Akademii Nauk, Instytut Studiów Politycznych, Warschau; die MEMORIAL-Büros in Krasnojarsk, Moskau und St. Petersburg; das MEMORIAL-Büro und das Pasternak-Museum in Tschistopol Republik Tatarstan; das Gedenk-Zentrum in Tscheremschan, Republik Tatarstan; die Staatliche Vereinigung der Museen der Republik Tatarstan, das ADILET-Büro in Karaganda, Kasachstan; die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin; das Archiv der Stanford University, USA; das Staatliche Museum der industriellen Entwicklung der Region Norilsk, Russische Föderation; das Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau; die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen; das Seminar für Osteuropäische Geschichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; der Verbund der staatlichen Museen der Republik Tatarstan, Kasan und das Zentrale Staatsarchiv der historisch-politischen Dokumente der Republik Tatarstan, Kasan. 

Mein Dank gilt aber auch all jenen Menschen, die halfen Dokumente zu übersetzen, die Texte kritisch lasen, wertvolle Hinweise gaben und mich zur Weiterarbeit ermunterten, 

so Mimi Brichmann, Dittmar Dahlmann, Tiggo Eichler, Manfred Hahn, Wladislaw Hedeler, Bernd Keil, Henry Lewenstein, Uta K. Link, Heinz-Dietrich Löwe, Anders Lundgren, Barry McLoughlin, Thomas Meyer, Ilse Münz, Lutz Niethammer, Hans Schafranek, Ulrike Schröder, Irina Schtscherbakowa, Almut Seebass, Olga Sidor, Carola Tischler und vor allem meiner Frau, Annette Stark.

Im Jahr 1956 wurde die Moskauer Hauptverwaltung Lager aufgelöst. Ein Jahr zuvor bin ich geboren. Dennoch versuchte ich durch die Zeugnisse der Überlebenden und die Hinterlassenschaften der Täter einen Einblick in das Leben hinter dem Stacheldraht zu geben. 

"Nur die da können es verstehen, wo selbst mit uns haben aus einem Napf gelöffelt", schrieb eine Bäuerin an Alexander Solschenizyn. 
Sicher können wir nicht alles verstehen, aber wenigstens davon wissen.

 

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Klappentext 

Ein Report, der detailliert über den Alltag und den Überlebenskampf der Frauen in den sowjetischen Straflagern berichtet. Meinhard Stark hat mit ehemaligen Gulag-Frauen Gespräche geführt sowie Lagerberichte und umfangreiche Aktenbestände in Moskau und Kasachstan ausgewertet. Entstanden ist dabei ein Buch, das eines der großen politischen Verbrechen des 20. Jahrhunderts protokolliert.


Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2003 

Tief beeindruckt ist der Rezensent Frank Nienhuysen von dieser Abhandlung zum Alltagsleben von Frauen im sowjetischen Gulag von Meinhard Stark. Zentral seien für den Autor die Erinnerungen von ungefähr 100 Frauen, die beispielhaft die Situation der insgesamt 3 bis 4 Millionen weiblichen Gulag-Häftlinge in der Sowjetunion widerspiegeln. Reißerische Elemente und politische Bewertungen versuche der Autor zu vermeiden. Als "monumentales Werk" beschreibt der Rezensent denn auch diese detaillierte Zusammenstellung der angefallenen Datenmenge, die ihn schon mal an die Arbeit eines "überfleißigen Buchhalters" erinnert. Einen Makel sieht der Rezensent in der Akribie des Autors allerdings nicht, sondern eher eine sich beim Lesen langsam offenbarende "Rekonstruktion einer der düstersten Etappen der Sowjetgeschichte".


Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003 

Überzeugend ist diese Studie für Bianka Pietrow-Ennker vor allem wegen der umfangreichen Primärquellen, die der Autor aufgetan hat. So hat er nicht nur im Moskauer Staatsarchiv nach Unterlagen über die Straflager gesucht, sondern war auch in Karaganda in Kasachstan, wo sich einer der berüchtigtsten Lagerkomplexe befand. Dieser Reichtum an Unterlagen, ergänzt durch Interviews mit Gulag-Insassinnen sowie unveröffentlichten und publizierten Erinnerungen, macht die Qualität dieser Untersuchung aus, schreibt die Rezensentin. Interessant findet sie in Starks bisher umfassendster Monografie zu diesem Thema besonders die Darstellung der Überlebenstechniken der Frauen in der Hölle des Lagerlebens. Dass sich der Autor dabei ausführlich mit der Strategie sowohl der Wachen wie auch der Gefangenen auseinandersetzt, hält Pietrow-Ennker für einen weiteren Pluspunkt dieser gelungenen Arbeit.


Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2003 

Ein "Protokoll des Schreckens" nennt Rezensent Michael Jeismann den Band "Frauen im GULag. Alltag und Überleben 1936 bis 1956", den Meinhard Stark auf Grundlage zahlreicher Interviews mit Frauen, die die stalinistischen Zwangslager überlebten, verfasst hat. Stark gelingt es nach Einschätzung Jeismanns, sowohl die Organisation und Administration des Schreckens von der Verhaftung bis zum Tod oder der Entlassung als auch die Erfahrungswelt einfacher weiblicher Häftlinge zu rekonstruieren. Zudem konnte Stark erstmals anhand von Akten das Verhältnis von Moskauer Zentrale und der örtlichen Verwaltung der Lager genauer bestimmen, hält Jeismann fest. In diesem Punkt hätte sich der Rezensent allerdings eine etwas bessere Herausarbeitung der neuen Erkenntnisse gewünscht. Jeismann hebt hervor, dass Frauen die Haft anders erfahren haben als Männer, obwohl im Lager Männer und Frauen offiziell gleich behandelt wurden: die Frauen litten stärker unter den desolaten hygienischen Zuständen und waren sexueller Gewalt und brutalster Behandlung sowohl durch männliche Häftlinge als auch durch das Wachpersonal ausgesetzt. "Wer der Erhebung zum sowjetkommunistischen Menschen für unwürdig oder unfähig gehalten wurde", so der Rezensent, "wurde systematisch unter den menschlichen Stand gedrückt: Vernichtung bei lebendigem Leib." Unfasslich ist für ihn beides: "Wie die Frauen über diese Erfahrungen schweigen und wie sie darüber reden konnten."  


 

28.03.2003  / Von Michael Jeismann  FAZ

Rausgewinkt, erschossen 

Interviews mit Stalins Überlebenden: Meinhard Stark über das Schicksal von Frauen im GULag 

Die alte Frau zittert am ganzen Leib und kann nicht weitersprechen. "Das Überleben war doch kein Spaß", sagt sie schließlich, wie zur Entschuldigung. Szenen wie diese dürfte Meinhard Stark öfter erlebt haben, als er in den vergangenen zehn Jahren Interviews mit Frauen führte, die die Stalinschen Zwangslager überlebt haben. Jahrzehntelang war Schweigen die Voraussetzung für das Weiterleben gewesen. Nach 1990 aber, als Solschenizyns "Archipel GULag" 1990 auf russisch erscheinen konnte, beschlich die Zeitzeugen bald das Gefühl, daß sie wie "lebendige Exponate" der Zeitgeschichte herumgereicht wurden. Sie waren Mode, weil sie die Stimmen und Gesichter aus einer Welt waren, die man politisch wie wirtschaftlich endgültig verlassen wollte. Ein Gruseleffekt zur politischen Neuorientierung.

Die Frage ist, was die Befragung der Überlebenden an Neuem über das Regime der Straflager erbringen kann. Es ist daran zu erinnern, daß neben Solschenizyns Werk die Berichte von Margarete Buber-Neumann "Als Gefangene bei Stalin und Hitler", von Jewgenia Ginsburg und Susanne Leonhard dem Westen vor Jahren bereits Aufschluß über die sowjetischen Lager gaben; im vergangenen Jahr erschien noch der Erfahrungsbericht von Käthe Fraedrich unter dem Titel "Im GULag der Frauen".

Es handelt sich hierbei allerdings um die Zeugnisse politisch besonders aktiver und bewußter Zeitgenossen, die nicht das Erleben und die Verarbeitung der Mehrzahl der Häftlinge spiegeln. Zudem wußte man bis vor kurzem noch wenig über die Organisation, Verwaltung und Politik der einzelnen Lager als auch über die Rolle der Moskauer Hauptverwaltung Lager.

Dem Historiker Meinhard Stark ist es gelungen, sowohl die Organisation und Administration des Schreckens von der Verhaftung bis zum Tod oder zur Entlassung des Häftlings als auch die Erfahrungswelt einfacher weiblicher Häftlinge zu rekonstruieren. Indem er Zugang zum Karagandinsker Besserungsarbeitslager (Karlag) in Kasachstan hatte, wurde es zum ersten Mal auch möglich, anhand der Akten das Verhältnis zwischen der Moskauer Zentrale und der örtlichen Verwaltung der Lager genauer zu bestimmen. Dabei kennzeichnet Stark auch die Verschärfungsschübe, die seit 1937 noch die kleinsten Vergünstigungen beschnitten und den Tod der Häftlinge einkalkulierten. Man wünschte sich allerdings, daß Stark, der auch die oben bereits erwähnten Berichte vom Lagerleben in seine Darstellung einbezieht, den Zugewinn an Erkenntnis deutlicher reflektiert und herausgestellt hätte.

Oft weggerissen von ihren Männern und Kindern, wurden die Frauen in eine Terrorwelt gestoßen, die offiziell gar nicht zwischen Männern und Frauen unterschied. Stark unterstreicht dagegen, daß die Erfahrung der Lagerhaft von Frauen und Männern nicht dieselbe war. Frauen litten unter den desolaten hygienischen Verhältnissen noch stärker als die Männer, sie waren häufig sexueller Gewalt und bestialischer Behandlung sowohl durch männliche Häftlinge als auch durch das Wachpersonal ausgesetzt - wobei offiziell noch den Frauen die Schuld am Zustandekommen solcher Verbrechen gegeben wurde. Zahlreich waren die Fälle, in denen Frauen unter unsäglichen Bedingungen in den Lagern Kinder zur Welt brachten - was ihre physische und emotionale Lage nicht leichter machte. Insofern hatten die Frauen in der Lagerwelt in der Tat ein eigenes Schicksal, so groß die Unterschiede unter den Frauen selbst auch waren.

Stark beginnt seine Ausführungen mit einem Rückblick auf die Entstehung der Lager: Lenin hatte in einem Telegramm vom 9. August 1918 an eine örtliche Sowjetinstanz befohlen, "Verdächtige" in ein "Konzentrationslager", so der wörtliche Ausdruck, zu sperren, knapp einen Monat später wurde die Geheimpolizei von der sowjetischen Regierung offiziell beauftragt, die "Klassenfeinde in Lagern zu isolieren". Die Häftlinge, einige tausend, sollten zu dieser Zeit noch "umerzogen" werden, vorausgesetzt, sie galten nicht als Systemgegner. Mit dem Solowezki-"Besserungsarbeitslager", das 1923 auf einer Inselgruppe im Weißen Meer, hundertfünfzig Kilometer südlich des Polarkreises, eingerichtet wurde, setzte die Systematisierung und Professionalisierung einer Verfolgungskette ein, die von der willkürlichen Verhaftung über Untersuchungshaft, Verhör und "Gerichtsurteil" bis zum Transport und den Lagern reichte. Im Jahr 1930 erließ die Regierung dann auch ein Statut über die "Besserungsarbeitslager": Besserung durch Arbeit hieß nun die Aufgabe, und der Weißmeer-Ostsee-Kanal war die erste "Großbaustelle des Kommunismus", auf der ausschließlich Häftlinge tätig waren.

Die Zahl der Internierten schnellte in den folgenden Jahren rasant hoch: 1938, auf dem Höhepunkt der "Großen Säuberung", befanden sich schon über zwei Millionen Menschen in den Lagern, die nun an der Peripherie des Sowjetreichs errichtet wurden. Von der Verhaftung an wurde dem Häftling eines erbarmungslos immer wieder klargemacht: "Du warst einfach weg vom Leben", wie eine frühere Inhaftierte formuliert. Schon die "Untersuchungshaft" hatte kein anderes Ziel, als durch die grauenhaften hygienischen und sonstigen Bedingungen die Integrität und geschlechtliche Identität der Frauen zu zerstören. Das Ausziehen und Rasieren durch die männlichen Wärter oder das Entfernen aller Knöpfe und Bänder von der Kleidung waren Bestandteil einer Strategie aus Sadismus und Gleichgültigkeit. 

Wenn überhaupt konkrete Gründe für die Verhaftung angeführt wurden, so handelte es sich in der Regel um geringfügige Verstöße gegen Anordnungen, die vor allem während der Kriegszeit kaum einzuhalten waren. Frauen, die unerlaubt - und sei es nur für kurze Zeit - ihren Arbeitsplatz verließen, erhielten fünf Jahre Lagerhaft, an dessen Ende nicht einfach die Rückkehr ins vertraute Leben stand, sondern die Ansiedlung in irgendwelchen fernen Verbannungsgebieten, wo die Existenzbedingungen unwesentlich besser als im Lager waren. Stark berichtet in diesem Zusammenhang von der Chuzpe der Nadescha Joffe. Sie war, da ihre Mutter im Sterben lag, von einem Sonderurlaub zu spät zurückgekehrt und wurde zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Als sie das Urteil mit den Worten "Was soll's, ein Dank dem Genossen Stalin für die glückliche Zukunft" quittierte, verlängerte das Gericht die Strafe umgehend auf fünf Jahre.

Das Protokoll des Schreckens, das Stark minutiös verfertigt, gewährt genauen Einblick in eine Welt, die nicht mehr zur Menschheit gehören sollte. Wer der Erhebung zum sowjetkommunistischen Menschen für unwürdig oder unfähig gehalten wurde, wurde systematisch unter den menschlichen Stand gedrückt: Vernichtung bei lebendigem Leib. Mit Vorsatz und Perfidie. Jeder Wachsoldat konnte sich ein Zubrot verdienen, wenn er auf dem Weg zu einer Außenstelle einen Häftling "auf der Flucht" erschoß. Also wurde einfach eine der Frauen rausgewinkt und erschossen. 

Und während Stalins Geburtstag kitschig-pompös gefeiert wurde, war das im Lager die schwerste Zeit, weil man hier das freudige Ereignis durch verschärfte Brutalität feierte. Meinhard Stark zeigt auch, wie trotz der Politik der Vereinzelung von seiten der Lagerverwaltung sich noch (zu verheimlichende) Freundschaften und Gruppen bildeten, sogar Widerstand vor allem unter stark religiösen Frauen sich formieren konnte.

Am Ende ist beides unfaßlich: wie die Frauen über diese Erfahrung schweigen und wie sie darüber reden konnten. Und beides muß so schwer gewesen sein wie das Überleben im Lager selbst.  #

 


04.08.2003   Frank Nienhuysen, Süddeutsche, München  

Langsamer Tod im sibirischen Eis 

Wie Stalin und seine Schergen den weiblichen Häftlingen in sowjetischen Arbeitslagern ihre Identität raubten  

Dieser Satz geht beinahe unter im gewaltigen Buch "Archipel Gulag”, dennoch ist es ein nachhaltiger Satz. Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn hat ihn gewählt, als müsse er selbst die sowjetische Hölle noch relativieren. Solschenizyn also, der das Böse selber erlebt und mit seinem Werk über das Stalinsche Lagersystem die Welt aufgerüttelt hat, schreibt nach hunderten Seiten der Schreckensbilder fast lapidar: "Im Lager ergeht es der Frau in allem schlimmer als uns.” 

Da er den Alltag der Frauen im Gulag trotzdem nur auf einigen Seiten beschrieb, blieb Jahrzehnte lang eine publizistische Lücke bestehen. Meinhard Stark hat sie gefüllt.

Der Berliner Historiker hat ein monumentales Werk vorgelegt, das sich erstmals der Archivunterlagen eines Lagerkomplexes – im heutigen Kasachstan – bedienen konnte. Sein Fundament aber sind die Erinnerungen von fast hundert der drei bis vier Millionen weiblichen Gulag-Häftlinge, denen Stalin und seine Schergen einen Großteil ihres Lebens geraubt haben. Ihre Erinnerungen hat Stark retten können, Erinnerungen an eine von Männern dominierte Maschinerie der Tötung, Quälerei, Demütigung.

Spione in den Gulag
"Besserungsarbeitslager” war der euphemistische Begriff der sowjetischen Behörden. Tatsächlich war das Gulag-System eines der fundamentalen Terrorinstrumente, das Stalin dabei half, menschliche Individualität zur eigenen Machtsicherung zu zerstören. Die Lagerordnung war darauf ausgerichtet, einen Menschen "physisch und moralisch zu brechen, seinen Willen, seine Hoffnung und seine Lebensfähigkeit zu vernichten”, sagt Jefrosinija Kersnowskaja, die neun Jahre inhaftiert war. Danach wurde sie für weitere acht Jahre in die Verbannung geschickt.

Bis zu 16 Jahren verbrachten Starks Gesprächspartnerinnen im Gulag, alle aufgrund konstruierter Anklagen: konterrevolutionäre Agitation, Spionage, Vaterlandsverrat, aber oft nahm man auch Ehefrauen von inhaftierten Männern als ‘sozial gefährliche Elemente’ einfach in Sippenhaft. Stark verzichtet auf einen reißerischen Duktus, und auch mit politischen Bewertungen hält er sich weitgehend zurück; im Mittelpunkt stehen bei ihm die Frauen. Er lässt sie erzählen von ihrem Leben unter Stalins Knute, von der Notdurft, die sie vor Männeraugen verrichten mussten, von Kriminellen, die sie zur Rasur der Schamhaare zwangen, von Übergriffen, von Vergewaltigungen. "Die Lageradministration war sich der Wirkung ihrer Vorgehensweise gegenüber Frauen unbedingt bewusst”, schreibt Stark. "Mehr noch. Die Erniedrigung wurde perfektioniert.”

Für Reflexionen blieb den Frauen im Lager nur wenig Kraft. Je länger die Haft dauerte, umso mehr waren sie zurückgeworfen auf den Kampf gegen den körperlichen Verfall, das bloße Sichern der eigenen Existenz, das Austüfteln einer Überlebensstrategie. Viele verloren diesen Kampf, weil er Schwächen nicht duldete. Die bedrohliche Mischung aus Schlafentzug, Kälte, Hunger, Durst und unerträglichem hygienischem Mangel war immer präsent, und sie setzte den Frauen derart zu, dass es ihnen schwer fiel, einen Rest von Würde zu bewahren.

Das Kalkül der Funktionäre also ging auf. Viele Opfer wurden schwermütig, apathisch, unfähig, an mehr zu denken als das nackte Überleben. Manchen krochen Wanzen, Läuse oder Flöhe in die Ohren oder Nasen. "Alle zwei bis drei Monate hatten Frauen in Wladiwostok Gelegenheit, sich im Waschraum zu reinigen”, schreibt Stark, und Elinor Lipper sagt: "Wir waren so verlaust, dass wir gar nicht mehr den Versuch machten, die Läuse zu knacken, sondern wir griffen nur ab und zu unter das Hemd, wenn wir es vor Jucken gar nicht mehr aushielten, fischten eine Handvoll des Ungeziefers heraus und warfen es von uns.” Anna Etterer erinnert sich: "Die Ratten sind über uns drüber gelaufen.”

Weit schlimmer noch war die Furcht vor der willkürlichen physischen Vernichtung, die sich zumeist unheilvoll ankündigte, mit Schritten auf den Gängen, "weit und fern fing es an”, sagt Dodo Garai, "ganz leise zuerst, aber die Frauen hörten es schon. Sie lagen still da und lauschten auf die Schritte des Kommandos, die lauter und lauter wurden. Bei welcher Baracke blieben die Schützen stehen?” Vor allem auf dem Höhepunkt der Stalinschen "Säuberungswelle”, der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, hörte das Morden nicht auf: "Erschossen wurde jede Nacht”, sagt Garai. An den Vorabenden von Feiertagen wurde die Quote noch einmal erhöht, und immer auch dann, wenn Stalin Geburtstag feierte.

Wer von den Exekutionen verschont blieb, drohte an physischer Erschöpfung zu sterben. Zur täglichen Zwangsarbeit wurden die Frauen in gleichem Maße herangezogen wie die Männer. So sollte ihr Geist gebrochen werden, während sie mit bloßen Händen Straßen und Gleise bauten zum Wohle des Sozialismus. Dass die Willkür des Regimes Teil des Terrorsystems war, konnten vor allem die Parteimitglieder kaum ertragen. "Wir waren doch so eifrige Kommunisten, und mit einem Male wurden wir als Verbrecher dargestellt. Warum? Aus welchem Grund?”, fragte sich die deutsche Exilantin Adele Schiffmann. Eine Antwort bekam sie nicht.

Munter zur Arbeit
Meinhard Stark hat viele Antworten bekommen. Anna Kandalina erzählt, sie habe 40 Jahre darauf warten müssen, ehe jemand kam, dem sie ihre Hafterlebnisse mitteilen konnte. "Die Menschen sollen erfahren, was die Sowjetmacht dem Volk angetan hat”, sagte sie, und also redete sie. Und Stark schrieb alles auf. Die Lagertopografie, die Tragedauer von Unterhemden, den Zustand der Latrinen, den Hungeralltag, das Belobigungssystem, das die Frauen bei der Zwangsarbeit ermuntern sollte und doch nur die Ausbeutung perfektionierte, die verschärfte Haft im "Strafisolator”, den Kampf um die Gunst der Vorgesetzten, die Vereinzelung, das Sterben.

An manchen Stellen wirkt Starks Werk ein wenig wie das Werk eines überfleißigen Buchhalters, wenn er beispielsweise in einer Liste über die offiziellen Zutaten für die Kesselspeise zwei Gramm Tee-Ersatz notiert. Aber auch das war Teil des Lagerlebens, und so entsteht Seite für Seite die Rekonstruktion einer der düstersten Etappen der Sowjetgeschichte, einer Zeit, von der die 82-jährige Serafima sagt: "Es fällt mir bis heute schwer zu glauben, dass ich das alles überstanden habe.” Vielleicht gibt Elinor Lipper die Antwort: "Frauen sind weitaus zäher als Männer. Es gibt einen Grad von Erschöpfung, wo ein Mann nichts mehr anerkennt als Essen und Schlafen. Eine Frau versucht auch dann noch, sich einen Rest von Menschentum zu bewahren.” So sehr Stalin das auch zu verhindern suchte.  # 

 

 

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