Arno Gruen

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Wikipedia.Autor  *1923 in Berlin (1936: USA) bis 2015 (92)

DNB.Autor  (122)   dnb.Person   dnb.Nummer (91)

bing.Autor     Goog.Autor  

detopia

G.htm    Psychobuch     Sterbejahr 

detopia:   L.Mause     H.Maaz      T.Bauriedl    A.Janov      A.Miller 

 

 1984 Verrat 2

1997 Mitgefühl

 

Audio: 

2010  WDR-Tischgespräch mit Gruen in Zürich  49min

2013  Interview dlf  11min

2014  Wider dem Gehorsam  6min

2015  Gespräch + Nachruf  36min

 

Bücher:

1984  Der Verrat am Selbst  — Die Angst vor der Autonomie bei Mann und Frau 

1997  Der Verlust des Mitgefühls — Über die Politik der Gleichgültigkeit   

2000  Der Fremde in uns  

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1987  Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: Eine Theorie der menschlichen Destruktivität  (DNB)

2003  Verratene Liebe — Falsche Götter (DNB)

2006  "Ich will eine Welt ohne Kriege" (DNB)

2013  Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden (DNB)

2014  Wider dem Gehorsam - oder wie Erziehung und Demokratie zusammenhängen.  DNB.Buch  - Bing.Buch

 


Arno Gruen, am 26. Mai 1923 in Berlin geboren, emigrierte 1936 in die USA, wo er 1961 als Psychoanalytiker bei Theodor Reik promovierte. Tätigkeiten an verschiedenen Universitäten und Kliniken, zuletzt Professor an der Rutgers-Universität, New Jersey. Daneben seit 1958 psychotherapeutische Privatpraxis. Zahlreiche Publikationen in Fachzeitschriften und Zeitungen. 2001 wurde Gruen mit dem Geschwister-Scholl-Preis für <Der Fremde in uns> ausgezeichnet. Arno Gruen lebt seit 1979 in der Schweiz. 

 

 

aus wikipedia-2022

Gruen veröffentlichte seit Ende der 1960er Jahre Aufsätze zu den Grundthemen seines Denkens, die sich in Anlehnung an Erik Eriksons Begriff der Autonomie mit der Entwicklung des Selbst befassen. Ein zentraler Gedanke ist hierbei der postulierte Widerspruch zwischen Autonomie und Identifikation in der Entwicklung von Identität: „Vielleicht sollten wir den Unterschied zwischen Identität und Identifikation deutlich machen, indem wir erkennen, dass Identifikation nicht die Basis für eine eigene Identität bildet. Dass Identifikation und Identität einen Widerspruch in sich bergen, weil Identifikation eben nicht zur Entwicklung einer autonomen, originären Identität führt“.

1984 erschien Der Verrat am Selbst. Gruen bündelt hier seine Einsichten als Psychotherapeut zu einer umfassenden Kritik an der kulturell vorherrschenden Ideologie der Macht und des Herrschens, die defiziente und pathologische Formen der Subjektwerdung zur Normalität erhebt. Der gängige, kriegerische Begriff von Autonomie beruhe auf einer auf Abstraktionen aufgebauten Idee des Selbst, das, um die eigene Wichtigkeit und Unabhängigkeit zu behaupten, seine Gefühle abspaltet und dessen vermeintliche Freiheit sich in dem Zwang erschöpfe, sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern (zu) müssen. Gelingende Autonomie sei dementgegen (…) derjenige Zustand, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist.[7] Wo Hilflosigkeits- und Ohnmachtserfahrungen ebenso forciert wie verleugnet werden müssen, da trete das Prinzip der Macht an die Stelle der schon im Säugling angelegten Fähigkeit des Menschen zu Kommunikation und Empathie. Das letztlich jedoch unzerstörbare Autonomiebedürfnis des Menschen gehe, wo es sich nicht als verfehlte Anpassung in destruktiven Formen gegen die Außenwelt richte, in den Untergrund.

Gruens Arbeit als Therapeut war demnach von dem Bemühen und der Hoffnung gekennzeichnet, auch in schwerwiegenden Störungsbildern larvierte und entstellte Formen ursprünglicher Autonomie aufzudecken und zu befreien. Im Rahmen dieser Auffassung kritisierte er auch die klassische Psychoanalyse, deren grundlegender Mythos tatsächlich seine Lesart bestätige: „Das ist es, was Ödipus wirklich verkörpert: die ursprüngliche Verletzung, die sich zum Streben nach Dominanz verwandelt (…) Was oft als das Durcharbeiten eines Ödipus-Komplexes (…) gilt, ist die Befreiung von Skrupeln, das Verstärken von Ehrgeiz, Wettbewerb und Macht. Die tiefen Verletzungen, die zu Gefühlen unakzeptabler Hilflosigkeit und Ängsten führen, können in einer Therapie, die der Ideologie der Herrschaft und der Macht verhaftet ist, nicht wirklich berührt werden.“[8]

Das 1987 veröffentlichte Werk Der Wahnsinn der Normalität (Realismus als Krankheit) führt den Gedanken fort. Gruen fragt nach den Einflüssen, die im Sinne seines Autonomieverständnisses zu Isolation, Selbstentfremdung und einer zerstörerischen Geisteshaltung führen, die gleichzeitig als sogenannte „Normalität“ gehandelt wird. Er sieht seine Analyse als Teil der philosophischen Debatte über die menschliche Destruktivität.[9]

Der Kampf um die Demokratie ist 2002 erschienen. Gruen begann mit dem Schreiben des Buchs im Mai 2001. In diese Zeit fielen die Terroranschläge am 11. September 2001. Dieses Ereignis beeinflusste den Inhalt des Buchs. Es beschäftigt sich mit den Ursachen der menschlichen Destruktivität und ihren mannigfaltigen Ausprägungen.

 

Der Fremde in uns erschien ebenfalls 2002. Gruen beschreibt darin, wie Abweisungen/Zurückweisungen durch die Eltern in der frühen Kindheit zu einer nur schwach ausgebildeten Identität führen können. Die dadurch entstehende innere Leere wird oft durch die Neigung kompensiert, starken Personen oder Ideologien zu folgen, oder auch durch ein einfaches, polarisierendes Weltbild, das einen Feind als Ursache aller (oder zumindest der wichtigsten) Probleme benennt. Gruen belegt dieses Grundmuster durch Fälle aus seiner eigenen Praxis wie auch durch historische Fälle. Neben „normalen“ Kriminellen führt er auch Nazi-Größen wie Göring, Heß, Frank und Hitler an.

Dem Leben entfremdet erschien 2013. Gruen schreibt in einer Vorbemerkung: „Dieses Buch spiegelt die Entwicklung meines Denkens, das mit dem Verrat am Selbst begann“. Gruen stellt fest: „Wie in Shakespeares Hamlet vollzieht unsere Kultur ein Nichtsein, das auf abstraktem Denken beruht und unser grundlegendes empathisches Bewusstsein verneint und verleugnet. Es geht darum, dieses wieder zum Herzstück unseres Seins zu machen“. Das Buch ist eine Fundamentalkritik der bestehenden Zivilisation.

Über die „zerstörerische Dynamik des Gehorsams“ legte Gruen 2014 ein weiteres Essay-Buch vor. „Gehorsam meint, dass man das eigene Selbst nicht wirklich entwickeln kann“, lautet seine Grundthese, und: „dass man keine wirkliche Verantwortung für sich selbst entwickelt.“[10]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Amazon zu verschiedenen Büchern von A.Gruen


Wahrer Kern, aber viele, nicht immer nachvollziehbare Postulate       2013 Von Rico

Man kommt wirklich schwer in das Buch rein. Zu Beginn scheint das Buch eine Generalabrechnung mit unserer (westlichen) Gesellschaft. Hat man sich erstmal da durch gekämpft kommen viele Erklärungen über die Zusammenhänge und Entwicklung von Empathie und Gesellschaft. Ich, der sich damit eher als Hobby beschäftigt, finde viele Erklärungen schlüssig und sie passen in mein Weltbild bzw. in meine Wahrnehmung. Aber nicht immer. Hin und wieder vergaloppiert sich meines Erachtens Hr. Gruen, in dem z.B. wesentliche Einflussfaktoren ausgeblendet werden und eine fast vollständige Reduktion auf die Empathie als Basis der Ausführungen genutzt wird. Diese Reduktion geht mir an manchen Stellen zu weit, so daß er dann auch falsche Schlussfolgerungen zieht. Alles in allem finde ich jedoch, dass hier durchaus ein wahrer Kern drin steckt. Insofern würde ich jedem das Lesen dieses Buches empfehlen.


Gewagte Thesen   2013  Von Mx  
"Indem es Mitgefühl mit sich selbst und Einfühlungsvermögen unterdrückt, verschenkt es auch die Möglichkeit, frei zu sein" lautet seine These. Ich möchte behaupten, dass das Gegenteil der Fall ist. 


Irreführender Untertitel           2013   Von Peter Schmidt

Kleine Korrektur und Kritik am irreführenden und unglücklich gewählten Untertitel des Buches "Warum wir wieder lernen müssen, zu empfinden": In der Psychologie unterscheidet man schon vor Beginn des 20 Jahrhunderts zwischen "Empfindung" und "Gefühl". EMPFINDUNG: z.B. Wärme, Druck, Berührung. GEFÜHL (u.a.): Angenehmsein, Unangenehmsein. Ausführlicher in: [...]. Alltagssprachlich verwenden wir wohl „Gefühl“ und „Empfindung“ oft gleich, doch ist der korrekte Gebrauch – überraschender Weise – keine simple psychologische Spitzfindigkeit, sondern führt leicht dazu, unser Verständnis des Fühlens z.B. in emotional belastenden Situationen nicht richtig einordnen zu können und im Ernstfall sogar (mit) in die emotionale Katastrophe, z.B. in den Suizid. 


Wider das helden- und statuenhafte Erstarren     2013  Von Happyx 

Der Mensch denkt prinzipiell in den Polen mitfühlend, emphatisch und kognitiv, egozentrisch. Arno Grün arbeitet diese Unterschiede bzw. die schiefe Ebene dieser Pole und die damit verbundenen Problem heraus. Man möchte die dem Leben zugrunde liegende Unsicherheit übertrumpfen durch Sicherheiten, durch Macht, Ruhm und Geltung. Die Verletzung des Todes, die Möglichkeit des Schiffbruchs wird ausgesperrt. Es entstehen in der Folge äußere Panzer, die irgendwann nach innen wirken und reine Statuen, Sprechblasen und kalte Herzen zementieren.

Neben der Habgier als sicherheitsmäßiger Absicherung ist die Sucht nach Geltung, Macht und Darstellung noch trunkener und verzehrender. Unsicherheit und Angst, Verletzlichkeit und Hilflosigkeit werden ausgeblendet. Sie sind Schwächen, werden verneint, sie sind weiblich. Immer tiefer treibt uns die Konkurrenzwirtschaft in diese kalten Panzer. Arno Grün beschreibt alle Bewussteins-, Trieb- und Handlungsebenen: erschreckend wahrhaftig und brutal realistisch sezierend.

Die Angst, dass man versagt, wächst unbewusst exponentiell je stärker man die Angst negiert und Panzer um sich wickelt. Das Ur-Eigene wird zum Fremden, zum Feind, den man in der Folge in anderen Menschen angreift und lustvoll zerstört. Dieser Ursprung aller Hassgefühle ist ein brutales, kaltes Gefängnis. Die dramatsich wachsende Angst in kapitalistischen Gesellschaften vor Statusverlust, Arbeit und Demütigungen drängen immer mehr Menschen dazu, andere Menschen als Feinde zu finden, um sich vom Selbst-Hass zu befreien.

Besonders Kinder sind dieser Angstspirale ausgeliefert, da die Eltern im brutalen Wettbewerb stehend keine zugrundelegenden Basisgefühle mehr schaffen können, die das Menschsein jenseits von Konkurrenz und Angriff gründen.

Arno Gruen beschreibt die Lösungswege:

Man kann sich selbst nur befreien, indem man dem anderen hilft, sich emphatisch öffnet. Liebe - und nicht Profit, Größe oder Leistung - ist das entscheidende Merkmal unserer Evolution. (S173) Es gilt das Primat der Wirtschaft zu durchbrechen und das Sein wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Die Lösung: seine eigenen Schwächen und Schiffbrüche annehmen, die der anderen mitfühlsam mittragen - dies würde es ermöglichen, uns selbst wieder zu lieben und andere ebenso, eine naturgemäße Balance zwischen empathischem und selbstorientiertem Verhalten zu finden.

Die Welt gerät aus den Fugen, in uns und außerhalb, wenn uns diese Balance nicht mehr gelingt.

Dieses Buch liest man atemlos, zustimmend - eine zuschlagende Axt für das gefrorene Meer in uns! Warum gibt es an dieser Stelle keine Buttons zum Abstimmen? Kunden können nur über die Rezensionen anderer, aber nicht über ihre eigenen Rezensionen abstimmen. Aus diesem Grund erscheinen die Buttons für eine Abstimmung nur, wenn Sie die von anderen verfassten Rezensionen ansehen.

Zur Gewalt neigende Extremisten lehnen ihre eigene Menschlichkeit ab, weil sie einst (in der Kindheit) zur unmittelbaren Bedrohung wurde. Deshalb suchen sie einen Anderen, der seine Menschlichkeit offen nach außen trägt, ein Feindbild und finden so einen Weg, die eigene abgelegte Menschlichkeit weiter zu bekämpfen. Solche Menschen beschwören .... rückhaltlos den Gehorsam zur Autorität. Zeit ihres Lebens kämpfen sie deswegen gegen einen Feind außerhalb ihrer selbst. Sie befinden sich in einem permanenten Kriegszustand. (S. 145)

Diese Menschen sind ideale Träger einer Profiteurwirtschaft der Reichen, mit Thatcher und Reagan erlebten sie eine Initialzündung, deren weitere Party seit dem Ende des Kommunismus andauert. Charles Moore, ein ehem. Chefredakteur britischer konservativer Zeitungen, schreibt: Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären. (S. 148) 


Dem Leben entfremdet, 14. Oktober 2013 Von Ursula Westerbarkey 

Mir erscheinen die Thesen von Arno Gruen manchmal sehr einseitig, weshalb das Lesen des ganzen Buches dann etwas langweilig wird.


Eine weitere hervorragende Schilderung unseres Sozialdramas, das niemand wissen darf     2013 Von Chimaeron

Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden (Kindle Edition) Einmal mehr bestätigt mir Arno Gruen mit seinen Werken meine Wahrnehmung bezüglich der Dynamik in Gesellschaften. Er ist wie Alice Miller einer der großen Psychoanalytiker, welche die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse durch unsere Erziehung und im sozialen und politischen Umfeld ausweiten. An Beispielen aus Literatur und der Geschichte zeigt er wie unsere Wahrnehmung und unser Handeln durch pathologische Prozesse bestimmt wird. Wie unbewußt wir uns durch sie leiten lassen und abbhängig davon sind unsere durch Gewalt zurück gebliebenen Fähigkeiten mit noch mehr Destruktivität sich selbst oder anderen gegenüber zu kompensieren um ein idealisiertes Bild von uns aufrecht zu erhalten. Sehr emfehlenswerte Lektüre für alle die Interesse und Grundkenntnis für Psychotraumata und Persönlichkeitspsychologie haben und Zusammenhänge verstehen wollen oder sich selbst finden möchten. 


"Dem Leben entfremdet "      2013 Von Beate Loew 

"Dem Leben entfremdet" ist eines der besten Sachbücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es beleuchtet auf gut verstehbare Weise die Sachzwänge und Mechanismen unsrer modernen Gesellschaft. Arno Gruen gelingt es sehr gut, verständlich zu machen, wie sich Phänomene der Jetztzeit, z.B. der Fundamentalismus, entwickeln und ausbreiten können. Nachvollziehbar und auf eine neue Weise erklärt er, wie sich und vor allem warum sich Unterdrückte immer wieder mit ihren Unterdrückern solidarisieren. Ich bin noch nicht durch, aber ich muss gestehen, es liest sich wie ein Krimi und manchmal bleibt einem der Atem weg, wenn man Zusammenhänge begreift. 


Der Verlust der Menschlichkeit      2013   Von M. Lehmann 

Effizienz ist eines der wichtigsten Wörter der Zeit geworden. Leistungsfähig, dynamisch, immer nachweisen, dass „man es noch bringt“.

In einer Gesellschaft, die auf Wettbewerb ausgerichtet ist, in der „Geiz ist geil“ lange ein geflügeltes Schlagwort war. Ein Wettbewerb, der nicht nur den Kunden die preiswertesten Angebote offerieren will, sondern der auch untereinander in eine „Wettbewerbshaltung“ bringt. Sei es im öffentlichen, beruflichen Leben, sei es im privaten „Hobby“, wo nicht wenige auch ältere Herrschaften mit aller Technik und Hilfsmitteln ausgerüstet verbissen für den nächsten Marathon trainieren. Die Bühne, wo man es „ so richtig zeigen kann“.

Das ist eine nicht unbedingt neue Ausgangslage, schon Erich Fromm hat vor Jahrzehnten zwischen „Haben und Sein“ unterschieden. In ähnlicher Zielrichtung mit einem ernsten Unterton und scharfem Blick wendet Arno Gruen in seinem neuen Buch den Blick auf unsere Lebensweise und Lebenshaltungen, vorrangig im Blick auf den „wirtschaftsorientierten Westen“. Wobei Gruen nicht in einer einfachen „Kritik am System“ verbleibt, sondern den Blick wesentlich tiefer richtet. In der Sorge um die zunehmende „Ersetzung“ des empathischen Denkens allein mit kognitiven Herangehensweisen.

Tiefer auf die Veränderung der „weichen“ Faktoren menschlichen Seins, der inneren Errungenschaften von Humanismus und Aufklärung. Der Fähigkeit, „miteinander“ das Leben zu gestalten, lebendig und empathisch. Und der Folgen auch im Umgang mit sich selbst, die eigene Werteleiter, in der Effizienz, ein erfolgreicher „Schein“, ein „mithalten um jeden Preis“ ganz oben stehen.

Was sich ausdrückt in einem „Leben in einer Scheinwelt ohne Mitgefühl“, wie Gruen formuliert und sehr, sehr überzeugend dem Leser nicht nur vor Augen, sondern auch „in die Emotion“ führt. Eine Beobachtung, eine Erkenntnis, die in diesem Buch fortführt, was Gruen in seinem früheren Werk „Der Verrat des Selbst“ bereits zum Schwerpunkt gesetzt hatte.

Vielfach sieht er die Zeichen am Horizont und benennt diese präzise und klar, wie sich die Lebensweise verändert, dem Menschen das Menschliche beginnt zu nehmen und die existenzielle Frage des „Sein oder Nicht-Seins“ drängend in den Raum tritt.

„Denken wir aber ohne Mitgefühlt (das, was Menschen gerne „realistisch“ nennen), dann leben wir in einer Scheinwelt aus Abstraktionen, die Kampf und Konkurrenz zu den Triebkräften unserer Existenz machen. In dieser Welt...... dominiert die Gewalt“.

Eine Diagnose, die Gruen durch vielfache Bereiche des alltäglichen Lebens nun durchdekliniert. Von den „großen“ Themen des Terrorismus und „Sublimierung und Machttrieb“ bis zu (auch heute noch nicht nur in südlichen Gefilden Europas und Afrikas verbreiteten) alltäglich erscheinenden Haltungen der „männlichen Ehre“.

Wobei Gruen auch bei diesen alltäglichen Themen kein Blatt vor den Mund nimmt. „Männliche Ehre und andere Ammenmärchen“ zeigt klar auf, wie er all diese Versuche vermeintlicher „Alpha“ Tiere und die Grundhaltung von Konkurrenz und Kampf im Kleinen wie im Großen bewertet. Da, wo „Besitz“ das Selbstbild erzeugt und hierzu auch die eigene Frau, die Kinder, alles Mögliche mit gehören sollen.

Eine deutlich benannte Sorge aufgrund seiner Beobachtungen. In sachlicher, kühler Sprache. Sezierend, nicht lamentierend und daher umso beeindruckender für den Leser. Natürlich geht und ginge es auch anders, wie Gruen ebenfalls aufzeigt. Bleibt zu hoffen, dass seine Diagnose und seine Wege „zurück zur Empathie“ nicht ungehört bleiben.

„Die Gier muss bekämpft werden“.

Ein kluges, sachliches, nichtsdestotrotz erschreckendes Buch, weil vieles von dem, was Gruen schreibt, für jeden Leser im Alltag beobachtbar und nachvollziehbar ist. Und ein überzeugendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit statt Konkurrenz, für Sein statt Schein, für Leben statt „Stylen“ und „Haben müssen“, um das eigene Selbstbild zu stärken. Lesen Sie weiter... › 


Ein wichtiges Buch 25. Juni 2013 Von dami charf

Arno Gruen macht in diesem Buch eine radikale Analyse unserer Gesellschaft und traut sich unsere gesamte Kultur, ja die Grundlagen unserer Kultur in Frage zu stellen. Diese Kritik ist für unser Überleben wichtig, denn wenn wir uns nicht umorientieren werden immer mehr Menschen krank und depressiv. Das einzige was ich schade finde, aber von einem Psychoanalytiker vielleicht auch nicht zu erwarten ist, ist ein Hinweis darauf, dass die Abkehr von einem empathischen Empfinden auch die Abkehr oder Verleugnung des Körpers mit sich bringt oder das eine das andere bedingt. Unser Körperempfinden und lauschen auf unser wohl- und unwohl sein, würde Menschen wieder näher zu sich selbst bringen. 


Arno Gruen hat recht, aber....     2013 Von Christian Döring 

Mit Allem was der Autor hier in seinem Buch sagt, hat er recht. Ich unterschreibe jedes Wort von ihm, aber dennoch bin ich auch zugleich ein wenig enttäuscht von ihm. Arno Gruen beobachtet und analysiert sehr genau wie wir Menschen uns mit unserem täglichen Tun und Handeln in eine Sackgasse manövrieren.

Was er jedoch nicht tut, vielleicht ist dies auch gar nicht möglich, er sagt mir nicht, wie ich als Einzelner aus dieser Sackgasse wieder herauskomme oder will er mir mit leeren und theoretischen Sätzen vermitteln, dies ist auch nicht mehr möglich?

Gruen sagt: "Liebe - und nicht Profit, Größe oder Leistung - ist das entscheidende Merkmal unserer Evolution. Unsere Zivilisationsentwicklung beeinträchtigt Liebe und damit Empatie nachhaltig, oft zerstörerisch." Dann fordert der Psychoanalytiker von uns die Anwendung des von ihm favorisierten "erweiterten Bewusstseins". Was dies bedeutet, erklärt er sehr gut zuvor. Aber ich denke, dies ist nicht praktizierbar. Liebe lässt sich nicht verordnen!

Außerdem, wer mit Liebe unserem kälter werdenden Alltag begegnet, hat der eine Chance Nachahmer zu finden? Wird der nicht viel eher ausgelacht und zieht sich wieder zurück in die geschlossene Front?

Wie gesagt, dieses Buch ist wichtig gelesen zu werden, aber praktikable Auswege aus unserer Misere hab ich keine entdeckt!

 


Ein leidenschaftliches Plädoyer, den Weg des Lebens neu zu entdecken     2013 Von Winfried Stanzick 

Die Empathie, eine mitfühlende Achtsamkeit dem Leben gegenüber wird in den letzten Jahre in vielen Büchern und Ratgebern immer wieder genannt als eine unverzichtbare Eigenschaft, die Eltern, Erzieherinnen und Lehrer ihren Kindern vermitteln müssten, um sie zu selbstgewissen und selbstbewussten, aufrechten Menschen zu erziehen.

Der bekannte Pädagoge Jesper Juul hat in seinem neuen Buch „Aggression“ gerade beschrieben, wie es gelingen kann, Aggressionen zu integrieren, benennt die Empathie als das „Gegengift zur Gewalt“ und plädiert für eine Kultur, die auf die Resilienz des Menschen baut.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen geht in seiner hier vorliegenden Studie „Dem Leben entfremdet“ viel tiefer. Er denkt radikaler und grundsätzlicher, wenn er nachweist, wie unser Bewusstsein und unsere Wirklichkeit nicht etwa von Empathie o.ä. beherrscht sind, sondern von Krisen, Hass, Exzessen und Gewalt. Das geht bis zur grundsätzlichen Verachtung alles Menschlichen.

Die Wissenschaft, die Technik und vor allem die Informatik formen ein abstraktes Bewusstsein von der Welt und entfremden die Menschen vom Leben. Ihr eigentlich natürliches Mitgefühl für andere Menschen und ihre Wahrnehmung der Welt werden zunehmend abgewertet und sogar ersetzt durch ein „unnatürliches und nicht mehr menschliches Bewusstsein.“

Und so kommt es, so Gruen, dass die Menschen ihr selbstzerstörisches Handeln und Leben nicht mehr als solches wahrnehmen und erst recht nicht mehr die Ursachen dafür benennen können. Ihnen ist das empathische Bewusstsein verloren gegangen, das dafür nötig wäre.

In einer kritischen Fundamentalkritik an unserer gesamten Zivilisation lässt er zunächst wenig Positives erblicken, bevor er am Ende mit den Worten des Dalai Lama so etwas wie eine Perspektive weist: „Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir den Anderen helfen. Die Voraussetzung für das Überleben unserer Spezies sind Liebe und Mitgefühl, unsere Fähigkeit, anderen beizustehen und ihren Schmerz zu teilen … Leid zu verstehen .. bedeutet wirkliche Empathie zu verstehen… Das Gefühl der Verbundenheit mit allen Lebewesen kann nur erreicht werden, wenn wir erkennen, dass wir alle vereint und voneinander abhängig sind.“

Jeder, so sagt Gruen, kann dazu beitragen und in seinem Leben beginnen: „Wenn wir den Prozess der Selbstentfremdung unterbrechen, uns selbst mit all unseren Schwächen und unserem Selbst annehmen und die Schwächen anderer respektieren, dann können wir uns selbst und andere wieder lieben lernen.“

Ein leidenschaftliches Plädoyer, den Weg des Lebens neu zu entdecken. #

 

 

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