Hans-Joachim 
Schellnhuber 

Professor, Klimaschutz, Klimawirkung,
Klimafolgen, Klimaforschung,
Klimawandel, Tipping Point

Selbstverbrennung (2015)

Wikipedia.Autor  *1950

DNB.Autor  53 Publi

Google.Autor 

pik-potsdam.de

scilogs.de/klimalounge 

detopia:

S.htm   Klimabuch 

2015-Buch   Umweltbuch

S.Rahmstorf   H.Welzer   P.Crutzen 

 

Audio

2006 Der große Luftozean  

2006 Film <Der Planet> mit dem Autor   

2006 Karawane ohne Ziel: Nairobi  

2007 15 Nobelpreisträger kommen 

Audio 2007-2008   

2009 Obwohl es keine Anzeichen ... 

2009 Über Phil Jones 

2009 Ottmar Edenhofer  

2012 Gesellschaftsvertrag 

 

Schriften

1999 Amerikanisches Roulette -  Süd.Z.  (leicht-ironisch, sanft-literarisch) 

2001 Ko-Evolution  (2001)  H. Schellnhuber in der FAZ   

2001 Sieben neue Klima-Plagen  (2001) Von Ottmar Edenhofer   

2006 Der Klimawandel im 18-cm-Taschenbuch auf 144 Seiten bei Rahmstorf 

2009 "Manchmal könnte ich schreien" Interview ZEIT 

2012  ich-glaube-nicht-an-den-masterplan-fuer-die-welt  FAZ

 

 

 

Hans-Joachim Schellnhuber in der ZEIT am 17.08.2006  

 

Ich glaube, dass die Menschheit mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit die nächsten hundert Jahre überleben wird. Dies klingt optimistischer, als es wirklich ist. Denn es bedeutet, dass wir es mit einer Chance von 1:10 nicht schaffen werden.

Selbstverursachte und natürliche Ereignisse könnten uns vernichten. Ein Asteroid könnte auf uns stürzen, eine Supernova unseren Planeten verbrennen – beides sehr, sehr unwahrscheinliche Ereignisse außerhalb unserer Kontrolle. 

Schon wahrscheinlicher ist es, dass wir uns selbst auslöschen. Zu der Möglichkeit eines vernichtenden Atomkrieges ist meiner Auffassung nach durch den »Krieg gegen den Terrorismus« eine weitere hinzugekommen: Ich könnte mir vorstellen, dass ein Supervirus, ein biologischer Kampfstoff, aus irgendeinem Labor dieser Welt entweicht und die Menschheit dahinrafft. Deshalb sollten wir unbedingt jede Form dieser Forschung unterlassen und natürlich auch alle vorhandenen Atomwaffen endlich beseitigen. 

Die realistischste Gefahr für die Menschheit geht jedoch von der globalen Erwärmung aus. Ich glaube zwar nicht, dass sie unsere Spezies vernichten wird, auch nicht in tausend Jahren, denn an den Polkappen würden immer noch Menschen überleben. 

Aber der anthropogene Klimawandel kann die Qualität unseres Lebens erheblich vermindern. Im schlimmsten Fall verursachen und erleben wir einen so genannten galoppierenden Treibhauseffekt, bei dem sich die Folgen des Klimawandels gegenseitig aufschaukeln. 

Beispielsweise könnte das Grönlandeis schmelzen und dadurch wiederum Meeresströmungen zum Erliegen bringen; die Ozeane würden daraufhin weniger Kohlendioxid aufnehmen, und der Treibhauseffekt würde sich weiter verstärken. Bei diesem Öko-GAU könnte sich die Temperatur der Erde in 100 Jahren um 10 oder sogar 12 Grad Celsius erhöhen. Dann wäre unsere Welt eine völlig andere: Europa würde zur Sahara, Wirtschaftssysteme brächen zusammen, es gäbe Kriege um bewohnbaren Boden. 

Ich halte diesen schlimmsten Fall zwar für nicht wahrscheinlich, aber für grundsätzlich möglich. Das Risiko liegt vielleicht bei 1:1000. Wir brauchten deshalb dringend eine Art »Manhattan-Projekt«, bei dem die 100 bis 200 weltbesten Wissenschaftler einige Jahre in einem virtuellen Kolleg zusammenarbeiten, um zu erforschen, ob dieser Worst Case tatsächlich eintreten kann. 

Und wenn die Antwort Ja lautete, müssten wir schnellstmöglich eine neue Weltgesellschaft erfinden, klimafreundliche Städte bauen, die Landwirtschaft auf Energieproduktion umstellen, riesige Solarfelder und CO2-Speicher errichten. 

Wir haben die Potenziale, die globale Erwärmung zu bremsen, da bin ich optimistisch. Nur was unsere Fähigkeit anbelangt, diese Potenziale zu nutzen, bin ich schon skeptischer.

Wenn wir hier versagen, dann könnte der Klimawandel indirekt doch noch zur Auslöschung der Menschheit führen: Ein Gemisch aus Kernwaffengebrauch, Terrorismus und Umweltkonflikten um Boden, Energie und Wasser könnte uns am Ende ausradieren.

 

"Kapitulation ist feige"  

H-J Schellnhuber mit Fritz Vorholz und Frank Drieschner in ZEIT am 22.11.2012      Der "Atomjournalist" Drieschner bei detopia 

URL: zeit.de 2012 48 Klimapolitik Hans-Joachim-Schellnhuber    

 

 

ZEIT: Herr Schellnhuber, kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz warnen Sie vor schrecklichen Folgen der globalen Erwärmung. Mit Verlaub, uns erscheint das wie ein Ritual. Wenn das Megaevent vorbei ist, werden Sie wahrscheinlich wieder sagen, die Beschlüsse seien zwar unzureichend, die Welt sei aber trotzdem noch zu retten.

Schellnhuber: Dieses Ritual bleibt so lange notwendig und sinnvoll, wie eine Destabilisierung des Weltklimas noch vermieden werden kann. Und es führt eben kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es bittere Folgen haben wird, wenn der Klimaschutz weiter auf der Stelle tritt. Wenn also die Erderwärmung nicht bei einem Plus von rund zwei Grad stabilisiert wird und stattdessen bis Ende des Jahrhunderts doppelt so stark ausfällt.

ZEIT: Worin liegt der Unterschied zwischen zwei und vier Grad?

Schellnhuber: Das war genau die Kardinalfrage. Tatsächlich hat bisher niemand so recht zusammengetragen – Region für Region, Sektor für Sektor –, was vier Grad bedeuten. Wenn man das tut, wie wir in unserer Studie für die Weltbank, dann verschlägt es einem auch als Forscher den Atem. Es wird harte Treffer geben.

ZEIT: Wie wird Deutschland getroffen?

Schellnhuber: Deutschland gehört interessanterweise zu den Regionen, die am spätesten betroffen sein werden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Irgendwann werden auch wir Hitzerekorde erleben von 42 Grad und mehr. Flüsse wie der Rhein werden öfters mal austrocknen. Es wird auch mehr Überschwemmungen geben, vergleichbar der Elbeflut von 2002. Wir registrieren schon heute eine Zunahme sogenannter Trogwetterlagen mit heftigem Regen. Alles bekannte Ansagen, aber die Tage des Wandels rücken näher. Das Wetter wird extremer, bedroht die Menschen hierzulande allerdings noch lange nicht in ihren Existenzgrundlagen. Anderswo sieht es für Millionen wesentlich düsterer aus.

ZEIT: Wo?

Schellnhuber: Nehmen wir die Tropen. Dort herrschen seit Jahrtausenden sehr stabile klimatische Verhältnisse. Nachts ist es fast genauso warm wie tagsüber, es gibt keine echten Jahreszeiten. Diese Verhältnisse, Durchschnittstemperaturen von rund 26 Grad, haben den tropischen Regenwald entstehen lassen. Erwärmt sich die Erde nun im globalen Mittel um vier Grad, dann heißt das für die Tropen plus fünf oder gar sechs Grad. Das würde Umweltschwankungen so weit jenseits des dort Gewohnten erzeugen, dass die großen Regenwälder wohl kaum auf Dauer überleben könnten.

ZEIT: Und das bedeutet...

Schellnhuber: ... dass die Menschen in den Tropen wahrscheinlich einem Klimaschock ausgesetzt sein werden. Um zu überleben, müssten sie sich neu erfinden, wie es so schön heißt, am besten innerhalb weniger Jahrzehnte. In Afrika beispielsweise leben heute gut eine Milliarde Menschen, gegen Ende des Jahrhunderts könnten es rund drei Milliarden sein. Diese stark wachsende Bevölkerung würde in einer Vier-Grad-Welt nicht genug Nahrung erzeugen können, unter anderem weil mit dem Regenwald vielerorts auch die dünne Schicht fruchtbaren Bodens verschwände und sich zugleich der Wasserkreislauf veränderte. Afrika geriete regelrecht in einen Schraubstock.

ZEIT: Wenn der Kontinent die wachsende Zahl der Menschen nicht ernähren kann...

Schellnhuber: ... dann wird es eben Hungertote oder mehr Abtreibungen geben, sagen Zyniker, und alles pendelt sich neu ein. Ich sage, dieser Gedanke ist unerträglich. Klimawandel ist kein Schicksal, sondern menschengemacht. Also sind wir dafür verantwortlich, etwas gegen ihn zu tun. Sonst kollabieren in manchen Regionen irgendwann nicht nur die natürlichen Systeme, sondern eben auch die Gesellschaften.

ZEIT: Oder die Menschen emigrieren.

Schellnhuber: Können Sie sich das wirklich vorstellen? Millionen Klimaflüchtlinge? Ich möchte dieses Szenario erst gar nicht durchspielen.

ZEIT: Einverstanden, aber die ungemütlichen Zeiten sind nach siebzehn erfolglosen Weltklimakonferenzen kaum noch vermeidbar. Es wäre fahrlässig, sich nicht darauf vorzubereiten.

Schellnhuber: Nein, genau umgekehrt. Die Vier-Grad-Welt ist dermaßen abschreckend, dass wir alles daransetzen sollten, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen. Selbst dann läge die Erwärmung noch jenseits des Erfahrungsbereichs unserer Zivilisation, und hierauf müssen wir uns in der Tat vorbereiten, Stichwort Anpassung. Aber es gilt immer noch in erster Linie Emissionen zu vermeiden. Vermeiden, vermeiden, vermeiden!

ZEIT: Sie fordern, was seit zwei Jahrzehnten nicht funktioniert, allen Bekenntnissen zum Trotz.

Schellnhuber: Es wird schwierig, die Zwei-Grad-Linie zu halten, Herrgott ja. Und es wird umso schwieriger, je länger die Mehrheit der Politiker weltweit zaudert. Warten die Entscheider und ihre Wähler tatsächlich weitere zehn Jahre, dann wird die Zwei-Grad-Brandmauer wohl zur Filmkulisse verkommen. Aber noch ist es nicht so weit. Noch hält sich meine Frustration deshalb in Grenzen.

ZEIT: Sie können viel einstecken.

Schellnhuber: Es ist ja nicht so, als gäbe es keine Erfolge. Immerhin haben wir einige bequeme Unwahrheiten aus dem Weg geräumt. Die erste lautete, es gebe keine Erderwärmung, die zweite, der Mensch habe nichts damit zu tun. Leider sämtlich dummes Zeug.

ZEIT: Die dritte bequeme Unwahrheit?

Schellnhuber: Wird so schlimm schon nicht werden. Falsch, wie unsere aktuelle Studie zeigt. Die vierte bequeme Unwahrheit ist die alles entscheidende. Sie lautet: Ist ohnehin alles zu spät. In bitterer Ironie ließe sich diese Logik so zusammenfassen: »Es gibt keinen Klimawandel – und nichts kann ihn stoppen.«

ZEIT: Kann ihn noch etwas aufhalten?

Schellnhuber: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Klimapolitik dramatische Maßnahmen gegen eine dramatische Bedrohung beschließt, liegt bei vielleicht zehn Prozent. Ich nenne das die Restchance. In der Kerntechnik gibt es das Restrisiko, das sich durch Multiplikation einer sehr kleinen Eintrittswahrscheinlichkeit mit einem immensen Schadenspotenzial ergibt; es ist deshalb immer noch sehr groß. Bei der Restchance verhält es sich ähnlich. Der Gewinn aus einem vielleicht nur mit gnädigen Schicksalsmächten realisierbaren Klimaschutzes – immerhin die Bewahrung unserer Hochzivilisation – ist den Einsatz allemal wert.

ZEIT: Klingt kompliziert.

Schellnhuber: Ist aber ganz einfach: Die kühle Vernunft gebietet, für den Klimaschutz zu kämpfen.

ZEIT: Auch wenn es fast aussichtslos ist?

Schellnhuber: Ich habe früher leidenschaftlich Fußball gespielt, und meine Mannschaft lag zur Halbzeit auch schon mal zurück. Wir sind aber nie auf die Idee gekommen, deshalb gar nicht mehr anzutreten. Sollen wir also jetzt nicht mehr aus der Kabine kommen, nur weil die Klimapolitik bisher erfolglos war? Weil Italien mit zwei Treffern vorne liegt?

ZEIT: Also durchhalten, auch wenn klar ist, dass zwei Grad nicht zu erreichen sind?

Schellnhuber: Das ist eben ganz und gar nicht klar. Wenn der globale CO2-Ausstoß bis 2020 sein Maximum erreicht, danach bis um das Jahr 2070 auf null sinkt und anschließend der Atmosphäre jährlich noch drei bis vier Milliarden Tonnen CO2 entzogen werden, ist das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen. Technisch und ökonomisch spricht im Prinzip nichts dagegen. Es kostete die Menschheit nur wenige Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Was bisher allein fehlt, ist politischer Wille.

ZEIT: Ohne Regierungsprogramme geht es nicht.

Schellnhuber: Da haben Sie recht. Aber Regierungen tragen Verantwortung, gerade für die Zukunft. Wenn es beispielsweise um das Leben eines Kindes geht, dann frage ich doch die besten Ärzte, ob eine Heilung möglich ist. Sollten sie diese ausgeschlossen haben – nun, dann muss ich nach Hause gehen und trauern. Wenn aber ein Spezialist sagt, es gibt eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent auf Heilung, dann werde ich doch alles dafür tun, sogar mein ganzes Vermögen opfern. Der entscheidende Punkt ist jedoch: Beim Klimawandel geht es nicht um ein einziges Kind. Es geht um alle! Da kann die Politik sich nicht davonstehlen.

ZEIT: Dann erklären Sie bitte Ihren Heilungsplan für den Planeten.

Schellnhuber: Denken wir mal vom Ende her. Nach 2070 müsste CO2 aus der Atmosphäre herausgeholt werden, ungefähr ein Zehntel der heutigen Jahresemissionen. Aufforstung wäre eine Möglichkeit. Womöglich in Kombination mit der Verbrennung von Biomasse und anschließender CO2-Bunkerung unter der Erde. Zudem gibt es chemische Verfahren, die heute noch zu teuer sind, aber sicher billiger werden. Die drei bis vier Milliarden Tonnen, um die es geht, sind zu schaffen.

ZEIT: Mag sein. Aber wie wollen Sie dafür sorgen, dass schon bald weniger Klimagas in die Atmosphäre hineingeblasen wird?

Schellnhuber: Durch das Umstellen unserer Energiesysteme auf erneuerbare. Durch den vorübergehenden Einsatz von Gas statt Kohle. Dadurch, dass die nötigen Technologien für das Bunkern des bei der Verbrennung von Kohle und Öl entstehenden CO2 anwendungsreif entwickelt werden. Schnelle Erfolge ließen sich bei den kurzlebigen Treibhausgasen erzielen, etwa bei Ruß aus Auspuffen. Überfällig ist auch eine drastische Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudebereich – es gibt Hunderte, Tausende Dinge, die zu tun sind.

ZEIT: Trotzdem ist das Ziel in immer weitere Ferne gerückt.

Schellnhuber: Das sehe ich auch. Viele sagen deswegen jetzt: Seid mal realistisch, wir wissen doch, wie Politik funktioniert. Doch diese Klimakapitulation ist voreilig, vielleicht sogar ein bisschen feige. Immerhin haben die Staaten der Welt auf den viel geschmähten Gipfeltreffen beschlossen, dass es bis 2020 einen Weltklimavertrag geben soll. Solange 2020 nicht durch ist, so lange ist auch das Spiel nicht abgepfiffen. Es lohnt sich, um jeden Tabellenpunkt, um jedes Zehntelgrad zu kämpfen. 

 

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Zu Klaus Podak, Gegenwart der Zukunft, 2000

Die Texte dieses Bandes erschienen zuerst in der Süddeutschen Zeitung. 

Die Rechte liegen bei den jeweiligen Autoren.

Wagenbachs Taschenbuch 367 Originalausgabe

© 2000 für diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 1071g Berlin, in freundlicher Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung, München.

Umschlaggestaltung Groothuis & Consorten unter Verwendung einer Illustration von Hendrik Dorgathen.

Das Karnickel auf Seite 1 zeichnete Horst Rudolph. Gesetzt aus der Berkeley und der Frutiger von der Offizin Götz Gorissen, Berlin. Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier und gebunden von Pustet, Regensburg. Printed in Germany. Alle Rechte vorbehalten. ISBN 3 8031 2367 4

 

Inhalt
7 Vorwort
15 Hans Joachim Schellnhuber Amerikanisches Roulette
23 Stefan Rahmstorf  Die Weh fährt Achterbahn
30 Josef H. Reichholf  Planet der Menschen, Planet der Rinder
38 Robert Priddle Der Sonne entgegen 
46 Francis Fukuyama   Der programmierte Unmensch
55 Jens Reich   Der Mensch haut sich um
63 Mark Benecke  Der Tod bleibt immer Sieger
71 Elizabeth G. Armstrong  Erst der Chip, dann das Skalpell
80 Wolf Singer  Der Geist tickt auf 40 Hertz
90 LucSteels  Engel mit lnternetflügeln
99 Neil Postman  Müssen Toaster sprechen?
108 Frank Close  Auf dem Ozean dunkler Materie
118 Dennis L. Meadows Der Kaiser ist längst nackt
126 Rudi Dornbusch  Mutlos im schwankenden Boot
135 Kenichi Ohmae   Unterwegs in eine völlig andere Welt
144 Samuel P. Huntington Wohin die Macht driftet
152 Jurij Afanassjew  Rußland an der Jahrtausendschwelle
161 Lester Thurow   Kolumbus irrte richtig
175 Klaus M. Leisinger Zeitbombe Mensch
182 Richard Rorty  Keine Zukunft ohne Träume
191 Willibald Sauerländer  Das Alte immer neu genießen
201 Joachim Kaiser   Winnetou oder die Waldsteinsonate
208 Gert Raeithel  Brodeln im Sprachmeer
217 Benjamin Henrichs  Neunzig Minuten Ewigkeit
225 Arthur C. Clarke Das 2i. Jahrhundert
235 Zu den Autoren

 

Vorwort
Vier frische Ziffern, nichts weiter. Eine Zwei, eine Null, eine Null - noch eine Null: 2000.
Wir fangen neu zu zählen an und nennen, erregt, was da kommt, das dritte Jahrtausend. Das ist zwar reine Willkür, aber was der Mensch willkürlich in die Welt setzt, für sich und andere, daran muß er auch glauben. An den Meter zum Beispiel, an die Stunde, die Sekunde, das Dezimalsystem oder die Datumsgrenze. Alle nützlich und bewährt, aber völlig willkürlich festgesetzte Größen - und uns streng vorgeschrieben, und das ist gut so, denn ohne solche Willküreinheiten wäre das Chaos auf Erden noch desaströser, als es ohnehin schon ist. Schon deshalb beugen wir dankbar das Knie vor der Willkür dieser Wende und sinnen den Vorzügen des Millenniums nach, das mit vier Ziffern frisch über das Land kommt.
Und was haben wir gewonnen bis jetzt? Prognosen vor allem; 1999 war das Jahr des Vorauswissens und das Jahr der Rückblicke. Wir zappeligen Wesen, balancierend, bilanzierend auf der scharfen Schneide (dem Nullmeridian) der Gegenwart, wo die Zeit geschieden wird in Vergangenheit und Zukunft, blickten pausenlos zurück, wußten ständig voraus. Wissen wir aber nun, was kommt, worauf es ankommt? Schlichter gefragt: Was haben wir gelernt? Skeptischer: Haben wir etwas gelernt?
Die globalen Rückblicke lassen sich einfach zusammenfassen. Das 20. Jahrhundert war grauenhaft, eines der schrecklichsten von allen: Kriege, Katastrophen, Barbarei - beispiellos, in noch nie dagewesenen Ausmaßen. Noch niemals in der sogenannten Humangeschichte wurden so viele Menschen mit tech-nisch-bürokratisch-institutionalisierten Methoden, auf »vernünftige«, rational geplante, subtil durchdachte Weise so bestialisch von Menschen gequält und ermordet. Ein das Säkulum protokollierender Alien hätte mit Sicherheit an seinen Heimatplaneten gefunkt: Der Mensch, merkwürdigerweise, ist des Menschen schlimmster Feind.
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