Noam Chomsky

Die Verantwortlichkeit 
der Intellektuellen

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Media Control - Wie die Medien uns manipulieren

 


Noam Chomsky im Gespräch 

Er gilt als einer der namhaftesten politischen Querdenker in den USA: der Linguist und Philosoph Noam Chomsky. ("Der möglicherweise klügste lebende Mensch"(FR) - "Er spricht eine Sprache der Vernunft, die den Mächtigen und Meinungsbildnern ins Gewissen zu reden imstande ist und die Ohnmächtigen und kritisch Denkenden hoffen lässt", sagt die Jury des Erich-Fromm-Preises, den der 81-Jährige am 24. März 2010 in Stuttgart entgegen genommen hat.

Ulrike Haak und Matthias Krag haben Noam Chomsky zum Gespräch getroffen.

3sat-Kulturzeit 25.03.2010 / Ulrike Haak, Matthias Krag

 

1)  Herr Chomsky, einen Großteil Ihres Lebens haben Sie dem Kampf gegen soziale und politische Strukturen, die Sie verurteilen, gewidmet. Gegen welchen Zustände richtet sich ihre Empörung aktuell?

NC:  Ich weiß nicht, ob man wirklich von Empörung sprechen kann. Zwei Themen sollten jedoch permanent wichtig bleiben, weil sie mit dem Überleben unserer Spezies zu tun haben, alles andere ist im Vergleich dazu unwichtig: Zum einen nukleare Waffen, die fast immer zur Zerstörung unserer Spezies führen könnten, und zum anderen Umweltkatastrophen, die uns zwar gerade noch nicht akut bedrohen, die uns aber bevorstehen. Je länger wir warten, desto katastrophaler dürften sie ausfallen.

Die Europäische Union hat nun die Führung übernommen, um etwas dagegen zu unternehmen. Aber der Widerstand demgegenüber ist in den USA und in China enorm. In den USA versucht eine sehr mächtige und einflussreiche Gruppe, die Bemühungen der EU zu blockieren, die der Geschäftsleute.

 

2)  Die USA steht oft im Fokus ihrer Kritik. Auch Präsident Obama, der in Europa als Held gesehen wird, der nach neuen Konzepten sucht. Sehen Sie nicht auch einen gesellschaftlichen und politischen Richtungswechsel in den USA?

NC:  Es gibt einen Wandel in der Gesellschaft, aber die Politik blieb doch ziemlich gleich. Man muss sehen, dass die Euphorie, mit der Europa auf Obama reagierte, auf einer Illusion basierte. Sie basierte zunächst einmal darauf, dass er nicht Bush war. Bush hatte das Ansehen Amerikas in der Welt auf das unterste Level reduziert. Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit war er enorm arrogant. Nicht nur er: Seine gesamte Administration. Als zum Beispiel Colin Powell den Einmarsch in den Irak ankündigte, erklärte er den Europäern, dass sie selbstverständlich mitziehen müssten. Ihre eigenen Angelegenheiten seien nicht relevant. Natürlich wollte Europa das nicht hören. Was die Europäer hören wollten, hat dagegen Obama formuliert: Ihr seid relevant, wir lieben Euch, zieht ruhig Eure Truppen wieder ab. Somit basierte die Euphorie Europas ihm gegenüber teilweise auf einer Illusion. Es gibt keinen Grund, einen wirklichen Wandel in der amerikanischen Politik zu erwarten.

 

Frage: Aber ist die jüngst beschlossene Gesundheitsreform kein Fortschritt?

Es ist ein sehr schleppender Fortschritt, aber man sollte sich vergegenwärtigen, wo dessen Ausgangspunkt ist. Die USA haben das schlechteste Gesundheitssystem in der industrialisierten Welt. Amnesty International hat erst neulich eine Studie über Muttertod, also über Mütter, die bei der Geburt des Kindes sterben, veröffentlicht, die eine schockierende Statistik aufwies. Die USA kommen nicht besser weg als Dritte-Welt-Länder. 

Das sind Umstände, die der amerikanischen Gesellschaft und ihrem Klassenbewusstsein geschuldet sind. Die Business-Class hat ein extrem hohes Klassenbewusstsein und ist außerordentlich einflussreich. Somit führen diese Leute einen andauernden Klassenkampf, um noch mehr zu gewinnen. Das Marktprinzip gibt denen ungewöhnlich viel Macht, die über das Kapital und die Anlagen verfügen und sie kontrollieren. 

In einem Marktsystem gibt der Handelnde keine Acht auf externe Effekte, sondern nur auf die eigenen Belange. Transaktionen finden nur zum eigenen Profit statt. Die Kosten für andere werden nicht einmal bedacht. Inzwischen ist man sich selbst in der Wirtschaft jedoch über das einig, was schon so lange offensichtlich war: Dass das Risiko unterschätzt wird. Aus mehrerlei Gründen: Einer ist, dass das Systemrisiko nicht bedacht wird. Wenn zum Beispiel die Leute von Goldman Sachs eine Transaktion vollziehen, dann bedenken sie nicht, was für Auswirkungen das für den Rest des Finanzsystems hat. Das bedeutet, dass das Risiko unterschätzt wird. Und dann kommt es zur Krise. Das wissen Studentem bereits im ersten Semester. Aber das ändert nichts an dem, was passiert.

Frage: Mit ihrem sprachwissenschaftlichen Hauptwerk haben Sie das Gebiet der Linguistik haben in den 1950er und 60er Jahren reformiert. Seitdem hat die Linguistik nur noch einen geringen Anteil ihrer Arbeit ausgemacht. Warum?

Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil genau ist. Ich habe zwei parallele Leben und führe beide als Fulltime Job. Aber es ist wahr: Allgemein hat das mehr Dringlichkeit, was uns Menschen direkt betrifft oder bedroht. Die diese linguistischen Ausführungen, die ich in meinem Vortrag ausführte, habe ich mir schon vor einem Jahr überlegt, nur hatte ich noch keine Zeit, sie aufzuschreiben. Weil sie eben nicht so wichtig sind, wie die Themen, über die wir vorhin sprachen. Die sind für die Menschheit viel bedeutender. Deshalb vernachlässige ich die Linguistik natürlich manchmal. Aber ich versuche schon, beidem weiter nachzugehen.

Frage: Haben ihre linguistischen Studien ihre politische Theorien beeinflusst?

Ich war schon lange politisch aktiv, bevor ich etwas von der Linguistik gehört habe. Den ersten Artikel habe ich schon 1939 verfasst und da ging es eher um eine kritische Haltung gegenüber dem, was Common Sense war. Werfen wir einen Blick auf die großen Medien: Das sind einfach riesige Unternehmen, die ein Produkt verkaufen. Das Produkt ist das Publikum und das verkaufen sie einem Markt - dem Markt der Anzeigenkunden. Die großen Medienkorporationen verkaufen also Leute an Firmen, die werben wollen. Es gibt sehr gute Medienbetriebe und sehr kompetente Journalisten, die dort arbeiten. Auch enge Freunde von mir. Sie wissen genau, wie das läuft. Aber ich sage Ihnen: Würden die so weit gehen, das herauszuposaunen, dann wären sie ganz schnell weg von der Bildfläche, weil sie dann die Basis der Mächtigen und deren Autorität untergraben würden.

 

3sat-Kulturzeit 25.03.2010 / Ulrike Haak, Matthias Krag

3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?tab=2&source=/kulturzeit/themen/143123/index.html  

3sat.de/webtv/?100325_chomsky_kuz.rm 

 


 

 

Deutschlandradio Kultur – Kalenderblatt Beitrag vom 07.12.2013 

deutschlandradiokultur.de/noam-chomsky-kaempfer-gegen-die-arroganz-der-macht.932.de.html?dram:article_id=271290 

Der amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky 

Noam Chomsky Kämpfer gegen die Arroganz der Macht 

Vor 85 Jahren wurde der Linguist und Philosoph Noam Chomsky geboren

Von Hans-Martin Lohmann

 

Der Sprachwissenschaftler und Aktivist Noam Chomsky ist die bedeutendste Stimme des "anderen" Amerika – eines Amerika, das sich auf seine alten republikanischen und demokratischen Werte beruft. Heute wird er 85 Jahre alt.

Noam Chomsky scheint unverwüstlich zu sein. Noch immer absolviert der amerikanische Gelehrte, der am 7. Dezember 1928 in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren wurde, anstrengende öffentliche Auftritte, auch in der Bundesrepublik, bei denen er sein Land politisch an den Pranger stellt. Schon seit Jahrzehnten erhebt er seine Stimme gegen jene Arroganz der Macht, die er in der amerikanischen Politik am Werk sieht. In der Weltmacht USA mit ihren ungeheuren militärischen und ökonomischen Ressourcen erkennt er eine permanente Drohkulisse, hinter der zugleich Sendungsbewusstsein und Paranoia lauern.

Chomsky hat noch die Worte von Präsident Obamas Vorgänger George W. Bush im Ohr, der am 1. Juni 2002 verkündete:

"Wir befinden uns in einem Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Amerika wird das Böse bei seinem Namen nennen. Wir werden die Welt in diesem Kampf anführen und müssen imstande sein, in jeder dunklen Ecke der Welt zuschlagen zu können."

Die Rolle des Weltpolizisten, der den anderen Gut und Böse erklärt und in barschem Ton befiehlt, wo es langzugehen hat, hält Chomsky für fatal. Schon die schiere Präsenz der USA auf der Weltbühne, ihr Droh- und Strafpotenzial, sorge dafür, dass die anderen, wer immer sie seien, kuschten.

"Hier geht es nicht so sehr darum, ob der andere tut, was verlangt wird oder nicht, weil die Botschaft sowieso lautet: Du kannst meinen Anweisungen folgen oder nicht, wenn du willst, ich werde dich sowieso auf die eine oder andere Weise zerstören, weil ich die Möglichkeiten und die Macht dazu habe. Es ist wie in dem Film 'Der Pate', in dem der Don irgendeinem Untergebenen einschärft: Du weißt, was du zu tun hast. Das bedeutet, ihm eine Message schicken, und wenn er nicht tut, was von ihm erwartet wird, dann ist er erledigt. Es ist dieselbe instruktive Gewalt."

Kurse für geistige Selbstverteidigung

Angesichts der weltweiten Aktivitäten der amerikanischen Geheimdienste und ihrer Angriffe auf die Demokratie selbst, rät Chomsky:

"Die Bürger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse für geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu können."

Über Noam Chomskys jahrzehntelangem politischen Engagement, das ihm nicht nur Zustimmung, sondern auch heftige Kritik eingetragen hat, vergisst man leicht, dass er als Sprachwissenschaftler ein imponierendes Lebenswerk vorzuweisen hat. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er bahnbrechende linguistische Arbeiten, mit denen er in kürzester Zeit nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa für Furore sorgte.

Mit seinen im Jahr 1957 veröffentlichten Syntactic Structures und mit Language and Mind, Vorlesungen, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, schrieb sich der brillante Gelehrte an die Spitze der zeitgenössischen Linguistik. Seine sprachwissenschaftlichen Forschungen kann man am ehesten als den Versuch beschreiben, die Darstellung natürlicher Sprachen zu formalisieren. Da formale Sprachen in Informatik und Computerwissenschaft eine zentrale Rolle spielen, gelten die Werke Chomskys neben denen des britischen Mathematikers Alan Turing als wegweisend auf dem Gebiet der Computerlinguistik. Bis zu seiner Emeritierung forschte und lehrte Chomsky am renommierten Massachusetts Institute of Technology.

Ein furchtloser Kritiker seines Landes Imponierend an Chomsky ist und bleibt, neben seiner wissenschaftlichen Leistung, sein unermüdliches Engagement als öffentlicher Intellektueller, der sich auch von der Staatsmacht nicht einschüchtern lässt. Sein Ende der Sechzigerjahre publiziertes Buch über Amerika und die neuen Mandarine zeigte ihn als furchtlosen Kritiker seines Landes, der keiner Konfrontation aus dem Wege geht. Diese Haltung hat sich Noam Chomsky bis ins hohe Alter bewahrt, indem er genau das beherzigt, was er einst über die "Verantwortlichkeit der Intellektuellen" geschrieben hat:

"Für eine privilegierte Minderheit hält die westliche Demokratie die Muße, die Einrichtungen und die Ausbildung bereit, die es ihr erlauben, die Wahrheit zu suchen, die sich hinter dem Schleier von Verzerrung und Verdrehung, Ideologie und Klasseninteresse verbirgt … Die Intellektuellen haben die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken."


Mehr zum Thema: 17.02.2013 | Lesart

Liebevoller Blick auf Occupy

http://www.deutschlandradiokultur.de/liebevoller-blick-auf-occupy.1270.de.html?dram:article_id=237677 

Noam Chomsky: "Occupy - Occupied Media Pamphlet Service", Zuccotti Park Press


07.06.2011 | Kultur heute

Perspektiven einer neuen Weltordnung 

http://www.deutschlandfunk.de/perspektiven-einer-neuen-weltordnung.691.de.html?dram:article_id=55634 

Der amerikanische Philosoph Noam Chomsky an der Universität Köln

 

 

"Obama ist nur ein normaler, gemäßigter Demokrat im Stil von Bill Clinton" 

Am 23. März 2010 hatte der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, der seit dem Vietnamkrieg die interventionistische Politik der USA kritisiert, die politischen, medialen und wirtschaftlichen Machtstrukturen untersucht und zu einer im konservativen Lager gehassten Symbolfigur der amerikanischen Linken wurde, den Erich-Fromm-Preis in Stuttgart erhalten.

Zur Begründung hieß es, dass Noam Chomsky die Fähigkeit auszeichne, "die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit unabhängig von Machtinteressen und unbeeinflusst von einer manipulierten öffentlichen Meinung zu erkennen und auszusprechen."

In Stuttgart sprachen David Goeßmann und Fabian Scheidler mit dem großen amerikanischen Intellektuellen.

Telepolis veröffentlicht einige Auszüge aus dem Gespräch.

Das 40-minütige Video-Interview/Audio-Interview (2) ist mit deutschem Voice Over auf der Website Kontext TV (3) zu sehen bzw. zu hören oder auch nachzulesen.

Noam Chomsky beim Gespräch mit David Goeßmann und Fabian Scheidler - 4/2010

heise.de/tp/features/Obama-ist-nur-ein-normaler-gemaessigter-Demokrat-im-Stil-von-Bill-Clinton    2.4.2010


 

1) Präsident Obama erhielt 2009 den Friedensnobelpreis, während er gleichzeitig den Krieg in Afghanistan und Pakistan eskalierte. Ein paar Tage nach seiner Nobelpreisrede in Stockholm ging er nach Kopenhagen und bot nicht mehr an als eine Treibhausgas-Reduktion von vier Prozent bis 2020. Wissenschaftler sprechen von 40 Prozent, die nötig wären. Viele Analysten sagen, dass das schwache Angebot der USA der Hauptgrund war für das Scheitern der Klimaverhandlungen. Was ist aus Obamas versprochenem "Change" geworden? Und was sind die Gründe dafür, dass er die Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt?

Noam Chomsky: Die Frage zielt weniger auf Obama als auf die Erwartungen. Sie basierten auf nichts. Ich bin einer der wenigen, die nicht desillusioniert sind, da ich keine Erwartungen hatte. Ich habe über seine bisherigen politischen Positionen und Erfolgsaussichten noch vor Beginn der Kampagne geschrieben. Ich schaute einfach auf seine Website. Es war ziemlich klar, dass er ein normaler, gemäßigter Demokrat ist im Stil von Bill Clinton. Er hat niemals vorgegeben, etwas anderes zu sein.

Sicher, es gab viel Rhetorik über Hoffnung und Wandel. Aber das funktionierte wie ein unbeschriebenes Blatt. Man konnte darauf schreiben, was man wollte. Obama ist jemand, der sehr persönlich wirkt, und die Menschen waren verzweifelt auf der Suche nach ein wenig Hoffnung. Daher griffen sie danach. Aber es gab keine Basis für irgendwelche Erwartungen.

Obama erhielt einen Preis der Werbeindustrie für die beste Marketing-Kampagne 2008. Er schlug damals die Kampagne von Apple. Die Leute von der Obama-Kampagne wussten, was sie taten. Es war eine sehr erfolgreiche Marketing-Kampagne. Aber wie alle Marketing-Kampagnen nimmt man sie nicht ernst. Wenn man sich die tatsächliche Substanz anschaut, dann hatte man keinen Grund für Erwartungen. Was dann politisch passierte von Seiten der Obama-Administration liegt so ziemlich auf einer Linie mit dem, was man vorhersagen konnte, sowohl in innenpolitischen als auch außenpolitischen Fragen.

 

Die USA und europäische Länder üben seit einiger Zeit schon Druck auf den Iran aus. Sie sehen Iran als eine Hauptbedrohung für Stabilität aufgrund des iranischen Urananreicherungsprogamms. Demgegenüber werden Länder wie Indien, Pakistan und Israel nicht unter Druck gesetzt, obwohl sie bereits Atomwaffen besitzen und den Atomwaffensperrvertrag anders als der Iran nicht unterzeichnet haben. Wie beurteilen Sie die außenpolitische Strategie der Vereinigten Staaten und Europas in Bezug auf den Iran?

 

Noam Chomsky: Iran ist eine Bedrohung, weil es Befehlen nicht gehorcht. Militärisch ist diese Bedrohung so gut wie nicht gegeben. Anders als die Staaten, die sie genannt haben, Israel, Indien and Pakistan, hat Iran sich in Hunderten von Jahren nicht aggressiv verhalten. Den einzigen aggressiven Akt, den Iran begangen hat, war in den 1970er Jahren unter dem Schah, unterstützt von den USA. Man besetzte damals zwei arabische Inseln.

Niemand will, dass Iran oder irgendein anderer Staat Nuklearwaffen bekommt. Das Land wird unbezweifelbar von einem scheußlichen Regime regiert. Aber wendet man die Standards von Staaten an, die die Vereinigten Staaten unterstützen, stellt sich die Sache anders dar. Angesichts von Saudi Arabien und Ägypten kann man Iran in Sachen Menschenrechte kaum kritisieren. Israel ist mit Unterstützung der USA in den letzten dreißig Jahren fünf Mal in den Libanon einmarschiert, ohne glaubhaften Vorwand. Der Iran hat nichts dergleichen gemacht.

Iran stellt eine Bedrohung dar, weil es eine Abschreckung und ein Hindernis bedeutet. Iran ist ein unabhängiges Land, ein großes Land, ein reiches Land. Wenn man dort einen unabhängigen Weg verfolgt, dann untergräbt das die Stabilität.

Aber Stabilität hat eine technische Bedeutung in internationalen Beziehungen. Es beinhaltet die Unterwerfung unter Befehle. Dieser Gebrauch ist so extrem, dass der Herausgeber von "Foreign Affairs", einer der zentralen liberalen Intellektuellen und politischen Analysten, tatsächlich feststellte, dass die Vereinigten Staaten Chile unter Salvador Allende destabilisieren mussten, um Stabilität herzustellen. Und das war kein Widerspruch. Man musste die Allende-Regierung stürzen, die destabilisierende Kraft, um Stabilität zu wahren, d.h. um sie wieder unter US-Befehlsgewalt stellen zu können.

Und es ist dasselbe in der Golfregion. Iran widersetzt sich Befehlen. Daher gefährdet es die Stabilität. Es ist interessant, dass die USA und Europa, wie Sie richtig sagen, weitere Sanktionen fordern und sich Sorgen über den Iran machen. Sie nennen sich manchmal die internationale Gemeinschaft oder die Welt. Aber das ist eine sehr seltsame Definition der Welt. Die meisten Länder der Erde sind blockfreie Staaten. Die meisten Länder, der größte Teil der Weltbevölkerung unterstützen energisch Irans Recht, Uran für friedliche Ziele anzureichern. Die blockfreien Staaten haben das oft wiederholt. Aber sie sind nicht Teil der Welt. In einer Umfrage vor einigen Jahren zeigte sich: Die amerikanische Bevölkerung unterstützt ebenfalls klar und deutlich dieses Recht. Aber auch sie sind nicht Teil der Welt. Zur Welt gehört, wer Washingtons Befehlen folgt. Das beinhaltet der Begriff.

(…)

Der führende israelische Militärhistoriker Martin Levi van Creveld, ein ziemlich konservativer Historiker, veröffentlichte einen Artikel direkt nach der Invasion des Irak. Er sagte darin, nach dieser Invasion wäre der Iran verrückt, keine Atomwaffen zu entwickeln. Wie anders wolle man eine amerikanische Invasion verhindern? Als ein Mitglied der Achse des Bösen, marschierten die USA in den Irak ein. Nicht in Nordkorea. Die haben nämlich ein Abschreckungsinstrument. Das ist offensichtlich. Aber die Chancen – noch einmal: niemand will, dass Iran Nuklearwaffen hat –, dass der Iran Atomwaffen tatsächlich benutzen würde, wenn sie welche hätten, sind winzig. Man kann das bei US-Geheimdienstanalysten nachlesen. Bestückte der Iran eine Rakete mit Waffen, würde das Land möglicherweise ausgelöscht.

Wie schlimm auch immer die herrschenden islamischen Geistlichen im Iran sind, sie haben bisher keine suizidalen Impulse gezeigt. Sie wollen keinen Selbstmord begehen und das ganze Land zerstört sehen, eingeschlossen der Reichtümer der persischen Kultur, wie in Teheran, Isfahan und so weiter. Doch das wäre der unmittelbare Effekt, wenn sie irgendetwas unternehmen würden. Daher bewerten US-Geheimdienst-Spezialisten die militärische Bedrohung des Iran ungefähr auf ein Prozent. Zu klein, um ernsthaft darüber zu reden. Aber Europa und die USA mögen die Pläne des Iran nicht, weil es ihre eigenen Aktionen behindern könnte. Deutschland ist beteiligt an diesen direkten Bedrohungen gegen den Iran. Im Westen scheint das alles gut und richtig, aber für die potentiellen Opfer ist das nicht so.

Kuba und das Mafia-Prinzip

Und Iran ist nicht der einzige Fall. Nehmen wir Kuba. Warum halten die USA an ihrer weitreichenden ökonomischen Kriegsführungen gegen Kuba fest? Die Antwort ist den freigegebenen Dokumenten für die Kennedy-Jahre zu entnehmen. Die Kennedy-Leute warfen Kuba "erfolgreichen Trotz" gegen die US-Politik vor, wie sie die Monroe-Doktrin festschrieb. Es ging also nicht um die Russen, sondern schlicht darum, dass Kuba den US-Befehlen nicht gehorchte.

Die amerikanische Bevölkerung ist vehement für das Ende des Embargos, bereits seit drei Jahrzehnten. Die Welt ist in großer Mehrheit für ein Ende. Nimmt man die Abstimmungen der Vereinten Nationen, dann sind die USA, Israel und einige pazifischen Inseln die einzigen in der Welt, die einem Ende des Embargos widersprechen.

Das Land stellt keinerlei Gefahr für irgendjemanden dar. Doch Kuba muss aus der Sicht der USA bestraft werden wegen seines "erfolgreichen Trotzes". Die Mafia-Doktrin ist eines der wenigen geltenden Prinzipien in internationalen Angelegenheiten. Der Pate akzeptiert keinen Ungehorsam. Das ist zu gefährlich.

Wenn ein kleiner Ladenbesitzer sein Schutzgeld nicht bezahlt, dann geht es nicht eigentlich um das verlorene Geld, sondern ums Beispiel. Das System von Dominanz und Kontrolle könnte erodieren. Daher muss man den Abtrünnigen bestrafen. Daher schickt man auch seine Schläger hin, um den Schuldner zu Brei zu schlagen. Das ist die Mafia-Doktrin. Das ist eines der zentralen Prinzipien internationaler Beziehungen.

Wenn man auf die Geschichte des Kalten Krieges schaut, sieht man, dass die regelmäßigen Invasionen und Interventionen meistens auf dieser Grundlage stattfanden, einschließlich Vietnam, einem großer Krieg, aber das gleiche gilt auch für Guatemala, Iran und andere Interventionen.

Oder nehmen wir den Sturz der parlamentarischen Ordnung 1953 im Iran und die Einsetzung des Schahs: Die Herausgeber der New York Times waren damals für den US-gestützten Coup. Sie sagten, dass werde ein Lehrbeispiel für andere Länder, die fanatischem Nationalismus anhängen und versuchen, Kontrolle über ihre eigenen Rohstoffe zu erlangen. Man könne so etwas nicht akzeptieren. Also stürzen wir die Regierung und installieren einen Tyrannen. Die Iraner sehen diese US-Intervention nicht als vergangene Geschichte. Sie sorgen sich daher.

 

Die zunehmende Unabhängigkeit von lateinamerikanischen Staaten, die sich losmachen von den Vereinigten Staaten: Beinhaltet das Ihrer Meinung nach eine Machtverschiebung?

Noam Chomsky: Das ist sehr wichtig. In den letzten zehn Jahren bewegt sich Lateinamerika zum ersten Mal seit der europäischen Eroberung in Richtung auf eine Art Unabhängigkeit. Die Länder befreien sich. Sie waren bisher immer abhängig von europäischen oder US-Machtinteressen. Nun schließen sie sich mehr und mehr zusammen.

Der Fluch von Lateinamerika war es lange, eine reiche Region zu sein, der es eigentlich besser gehen sollte als Ostasien, aber die geplagt wurde von einer sozialen Struktur, in der ein winziger Sektor des Wohlstands größtenteils europäisiert ist oder sich in den Händen von Europäern befindet, zum Beispiel wohlhabenden Deutschen in Haiti.

Bis heute gibt es eine europäisierte weiße Elite in Lateinamerika, die kontrolliert und die die Ressourcen dominiert. Und dann gibt es ein Meer von Elend. Die Wohlhabenden übernehmen keinerlei Verantwortung für die jeweiligen Länder.

Die Entwicklung geht aber seit einiger Zeit in eine andere Richtung. Die USA mögen das keineswegs. Sie haben ihre Militärbasen in Lateinamerika verloren. Doch es findet gleichzeitig eine Re-Militarisierung auch unter Obama statt.

Bush fing damit an und etablierte eine neue Militärbasis in Kolumbien, das einzige Land, das noch unter US-Dominanz steht. Der Coup in Honduras stellt für die USA möglicherweise eine Chance dar. Man besitzt dort eine wichtige Militärbasis, von der aus man schon Nicaragua bombardierte. Die Obama-Administration unterstützte die Wahlen unter dem Micheletti-Militärregime in Honduras, anders als die anderen lateinamerikanischen Staaten und selbst Europa.

Die USA bekamen gerade zwei neue Marinestützpunkte in Panama. Die sogenannte vierte Flotte wurde reaktiviert, die lateinamerikanische und karibische Gewässer abdeckt. Sie wurde 1950 abgewickelt, weil es keine Verwendung mehr dafür gab nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie wurde 2008 wieder eingesetzt und wird seitdem weiter entwickelt.

Plan eines globalen militärischen Überwachungssystems

Von einer der US-Militärstützpunke in Kolumbien soll die ganze Hemisphäre überwacht werden. Und man hofft, dass dieses Überwachungsprogramm verbunden werden kann mit einem globalen Beobachtungssystem.

Die USA sind militärisch, sowohl bei den Ausgaben, als auch technologisch weit an der Spitze und haben ein System für globale Kontrolle aufgebaut. Die Vereinigten Staaten besitzen ungefähr 800 Militärbasen, einschließlich eines globalen militärischen Überwachungssystems.

Die US-Militärprojekte, die jetzt entwickelt werden, sind sehr erschreckend. Es gibt Pläne für Weltraum gestützte Waffen, Pläne, um offensive Waffensysteme in sehr präzise arbeitende Beobachtungssysteme einzubinden. Mit diesem Instrumentarium kann man erfahren, ob jemand in der Türkei oder anderswo gerade über die Straße geht.

Man arbeitet an Drohnen, die es erlauben, Krieg ohne Soldaten zu führen. Es sind gezielte Tötungen möglich. Die neue Generation von Drohnen, die jetzt geplant werden, nutzen Nanotechnologie, so dass die Drohnen in Zukunft miniaturisiert werden können. Damit kann man in Wohnzimmer von jemanden eindringen und Anschläge verüben.

Das wird in aller Öffentlichkeit geplant. Es wird auf eine Art geheim gehalten, weil die Medien nicht darüber berichten. Die Informationen sind aber öffentlich zugängliche.

"Ich kenne kein westliches Land, das sich in Sachen Demokratie mit Bolivien vergleichen ließe"

Lateinamerika ist dabei besonders im Fokus, weil es sich unabhängig macht. Dort findet man auch das vielleicht beste Beispiel für Demokratie in der Welt: Bolivien. Es ist das ärmste Land in Südamerika. Die indigene Bevölkerung, lange Zeit sehr stark unterdrückt, hat dort die politische Arena betreten. Sie wählten jemanden aus ihrer Mitte.

Die Politik des Präsidenten Evo Morales wird von den Bedürfnissen und Interessen der Menschen bestimmt, nicht umgekehrt. Die Wahl Morales war dabei nur ein kurzer Ausschnitt in einem langen Kampf um drängende Probleme und politische Fragen: die Kontrolle von Ressourcen, Probleme der Gerechtigkeit und so weiter. Ich kenne kein westliches Land, das sich in Sachen Demokratie mit Bolivien vergleichen ließe.

Die USA mögen das natürlich nicht. Es gibt es in Lateinamerika jetzt eine Sezessionsbewegung von der alten europäisierten Elite, mit Unterstützung der USA. Aber die südamerikanischen Länder stehen an der Seite Boliviens.

Einige Bauern wurden in einer Gegend in Bolivien getötet, die traditionell von den Eliten kontrolliert wird. Es fand daraufhin ein Treffen der neuen Vereinigung von südamerikanischen Nationen statt. Diese Vereinigung unterstützte Morales, verurteilte die Gewalt der Sezessionsbewegung.

Morales wies darauf hin, dass Südamerika zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten unabhängig von der Kontrolle westlicher Mächte, insbesondere der USA handele. Aufgrund dieser Unabhängigkeitsbestrebungen entwickeln die USA weitere Militärprogramme, um das zu stoppen.

 

"Die Nato ist heute eine von den USA betriebene globale Interventionsmacht"

Auf der einen Seite werden die EU und Deutschland angesehen als friedenorientierter und moderater. Auf der anderen Seite ist zum Beispiel Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt, liefert militärische Ausrüstung nach Israel und in andere Spannungsgebiete. Welche Rolle sollte die europäische Union, insbesondere Deutschland, in internationalen Beziehungen spielen?

Noam Chomsky: Europa könnte eine größere Rolle spielen, um Frieden international voran zu bringen. Im Fall Iran könnte Europa die Kriegsgefahr abschwächen helfen. Bei den drei Nicht-Unterzeichnern des Atomwaffensperrvertrags, Indien, Pakistan und Israel, die alle ihre Atomwaffensysteme mit Unterstützung durch die USA erlangten, könnte Europa Druck ausüben, so dass diese Staaten den Vertrag unterschreiben müssten und sich in Richtung auf eine nuklearwaffenfreie Zone bewegten.

(…)

Es ist interessant, was mit Europa passiert ist. Gehen wir zum Ende des Kalten Krieges zurück. Der Fall der Berliner Mauer. Wenn irgendjemand der Propaganda der vorangegangenen fünfzig Jahre geglaubt hatte, hätte man erwarten können, dass die Nato sich nun auflöst. Die Nato wurde ja eingerichtet, um Europa vor den russischen Horden zu schützen.

Es gab nun keine russischen Horden mehr. Also okay, dann lass uns die Nato auflösen. Tatsächlich passierte aber das Gegenteil. Die Nato expandierte in Verletzung von Versprechungen, die Gorbatschow gemacht wurden.

Die USA sind sehr vorsichtig und fixieren solche Dinge niemals schriftlich. Gorbatschow war naiv genug zu glauben, was ihm von Präsident Bush, US-Außenminister James Baker und Kanzler Helmut Kohl und anderen versprochen wurde. Sie sagten ihm unmissverständlich, dass sich die Nato nicht einen Millimeter Richtung Osten, nach Ostdeutschland oder anderswo hin ausweiten werde. Es ist nicht verschriftlicht worden, die Akteure behaupten also, sie hätten es nie versprochen. Aber es war sehr eindeutig und explizit.

Gorbatschow nahm an, dass ein Staatsmann, wenn er etwas sagt, es auch meint. Nicht sehr klug. Sofort begannen die USA mit der Expansion Richtung Osten. Jetzt ist die Nato noch darüber hinaus ausgeweitet worden. Tatsächlich ist die derzeitige Strategie der Nato ausdrücklich, Kontrolle über das globale Energiesystems, über Pipelines und Schifffahrts- und Handelsrouten zu erlangen. Das ist die offizielle Rolle der Nato. Sie ist heute eine von den USA betriebene globale Interventionsmacht. Europa muss das nicht akzeptieren.

Wenn man auf die Ursprünge der Nato schaut, sieht man, dass Kontrolle über Europa einer der Gründe für die Gründung der Nato war, um sicher zu gehen, dass Europa nicht einen unabhängigen Weg einschlagen würde: Ein Europa etwa wie bei de Gaulle vom Atlantik bis zum Ural ohne die USA oder wie in Willy Brandts Ostpolitik, eine Politik, die die USA nicht mochten.

(…)

Über Jahrhunderte war Europa eine der blutigsten Gegenden in der Welt. Die liebste Beschäftigung der Europäer war, sich gegenseitig abzuschlachten. Im dreißigjährigen Krieg wurde ein Drittel der europäischen Bevölkerung ausgelöscht. Das ist die Art, in der Europa die Welt erobert hat, indem man dort eine Kultur der Grausamkeit entwickelte.

Das war so extrem, dass, wenn Europa die Welt konfrontierte, niemand in anderen Gegenden bisher derartige Kriege erfahren hatte. Europa war ein grausamer Ort. Ab 1945 änderte sich das. Nicht weil die Gene sich änderten. Die Europäer kapierten es schließlich, dass beim nächsten Mal, wenn sie ihr Lieblingsspiel spielen würden, sich gegenseitig abzuschlachten, sie alles auslöschen würden. Die technologischen Vernichtungsmöglichkeiten hatten einen Punkt erreicht, ab dem man dieses Spiel nicht mehr spielen kann. Also ja, Europa wurde friedlich.

Schaut man auf die politische Wissenschaft, dann findet man dort lange Diskussionen, dass es die Demokratie gewesen sei, die die Europäer friedlich gemacht habe. Ich denke Demokratie hatte wenig damit zu tun. Was sie friedlich machte ist die Einsicht, dass man so etwas nicht mehr machen kann, weil es Selbstmord bedeuten würde.

Heute könnte Europa für friedliche Lösungen eintreten, eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten fordern. Es könnte die Afrikanische Union unterstützen oder südpazifische Anstrengungen. Es könnte viele Dinge tun, welche aktiv eingreifen ins Weltgeschehen, aber nicht aggressiv, sondern für wirklichen Frieden.

 

Links (1) erich-fromm.de  noam-chomsky-erhaelt-am-23-maerz-2010-in-stuttgart-den-erich-fromm-preis&catid=1:aktuelle-nachrichten 

(2)  http://www.kontext-tv.de/node/22

(3 ) http://www.kontext-tv.de

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32381/1.html  

 



 

 

Radikaler Gesellschaftskritiker 

Noam Chomsky: "Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen" 

dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/849309/     LESART      21.09.2008      Rezensiert von Reinhard Kreissl 

 

 

Moderne Gesellschaften haben ihre eigenen Methoden entwickelt, mit grundsätzlicher intellektueller Kritik umzugehen. Man errichtet keine Scheiterhaufen mehr, schickt die Leute nicht mehr in die Verbannung, sondern verleiht ihnen den Titel des Hofnarren. 

Noam Chomsky ist dieses Schicksal widerfahren.

Der als Linguist hoch geehrte Wissenschaftler wird als radikaler Gesellschaftskritiker in akademischen Kreisen weit weniger ernst genommen. Dabei könnte die jetzt im Kunstmann Verlag vorgelegte Sammlung von Chomskys zeitdiagnostischen Beiträgen ein Vorbild für all jene sein, die sich von Berufs wegen mit öffentlichen Belangen beschäftigen. 

Aus deren Sicht aber gilt Chomsky der Kritiker als Netzbeschmutzer oder Dilettant. Ein Verdikt, dem man nicht zustimmen muss, das man aber verstehen kann, wenn man sieht, wie er mit der Zunft der Akademiker ebenso harsch wie zutreffend ins Gericht geht.

"Es spricht einiges für die Schlussfolgerung, dass es in der Tat so etwas wie einen Konsens unter den Intellektuellen gibt, die bereits zu Macht und Wohlstand gekommen sind oder die glauben, dass sie beides erreichen können, wenn sie die 'die Gesellschaft annehmen' wie sie ist und die Werte fördern, die in dieser Gesellschaft 'hochgehalten werden'. Es trifft auch zu, dass dieser Konsensus am deutlichsten bei den verantwortlichen akademischen Experten zutage tritt, die die unabhängigen Intellektuellen der Vergangenheit allmählich ersetzen. Auf den Universitäten entwickeln diese akademischen Experten eine 'wertfreie Technologie' zur Lösung der in der gegenwärtigen Gesellschaft anstehenden technischen Probleme"."

Diese 1967 formulierte Beobachtung hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Wie im Übrigen bei vielen der frühen Analysen von Chomsky zum Beispiel über den Vietnamkrieg und das amerikanische Engagement in Indochina gerade die Lektüre im Rückblick ihre Hellsichtigkeit zu Tage fördert. Das Schalten und Walten des militärisch-industriell-politischen Komplex' in den Ländern der Dritten Welt, im Nahen Osten aber auch auf dem Balkan ist eines der zentralen Themen, das nahezu alle Beiträge des Buches durchzieht. Chomsky gelingt dabei in bewundernswerter Weise der Spagat zwischen faktenreicher Darstellung komplexer Zusammenhänge, klarer Analyse von Mechanismen und heiligem Zorn über die Machenschaften, die er seiner Leserschaft in den verschiedenen Essays vorführt. Das gilt ebenso für seine eher innenpolitisch orientierten Analysen, die von Watergate bis zu den Anschlägen des 11. September reichen. Chomsky vermeidet den falschen Optimismus vieler Kommentatoren, die in der Aufdeckung politischer Skandale, in der Möglichkeit der post-hoc Kritik an schädlichen politischen Entscheidungen die Stärke einer Demokratie bestätigt sehen. Er propagiert einen Realismus des analytischen Blicks, der sich von solchen Formen der Scheinkatharsis nicht blenden lässt.

"Während Watergate die öffentliche Aufmerksamkeit fesselte, sagte Botschafter Godley vor dem Kongress aus, dass die Vereinigten Staaten in Laos zwischen 15.000 und 20.000 thailändische Söldner eingesetzt hatten, eine klare Verletzung der Kongress-Beschlüsse. Dass es schon seit den ersten Tagen der Nixon-Regierung geheime Bombardements in Kambodscha und Nordlaos gab, ist bei weitem die wichtigste Enthüllung der vergangenen Monate. Wäre es eine realistische politische Option, man könnte sich schwerlich einen triftigeren Grund für ein Amtsenthebungsverfahren vorstellen. Aber auch in diesem Fall zielen die Reaktionen zum größten Teil ins Leere. Anscheinend sind die Kongressabgeordneten und politischen Kommentatoren mehr über die Vertuschungs- und Täuschungsversuche irritiert als über das Geschehen selbst."

Chomsky lässt sich nicht auf die moralischen Mysterienspiele ein, mit denen die Politik ihr für ihn verwerfliches Handeln im Nachhinein entschuldigt oder rechtfertigt. Den ohnehin in politischen Diskussionen viel zu selten gehörten Satz: Wir haben uns geirrt oder einen Fehler gemacht. lässt er nicht durchgehen. Was hilft die Einsicht, dass die Bombardierung vietnamesischer Dörfer ein Fehler war, nachdem solche Aktionen zehntausende von unschuldigen Opfern das Leben gekostet haben?

Chomsky weiß, dass er und jeder, der eine gewisse unvoreingenommene Radikalität an den Tag legt, unter den herrschenden Bedingungen des hegemonialen Konsens ein Rufer in der Wüste bleibt. Immer wieder betont er dementsprechend seine Rolle als marginal man. Dennoch entwickelt er eine ungeheure literarische Produktivität als Autor, Aktivist und Redner, der sich den Mund nicht verbieten lässt und die Dinge, die er sieht, beim Namen nennt. Dass diese Art der Benennung selten mit der regierungsamtlichen Propaganda übereinstimmt und damit auch massenmedial untauglich ist, ficht ihn nicht an. Chomsky weiß über die Ökonomie der Massenmedien Bescheid und schreibt erhellend über die verschiedenen Arten der Zensur, von der subtilen Form, die er in der New York Times findet, bis zur brachialen Unterdrückung von Meinungsvielfalt durch Interventionen der USA in Südamerika.

Sein geradezu grimmiger Realismus überrumpelt immer wieder die Tabus des Tages. Die Attacken des 11. September waren ein schreckliches Ereignis, aber, so Chomsky, im Vergleich zu den Menschenopfern derer sich die Politik Amerikas schuldig gemacht hat ist die Aufregung und vor allen Dingen die Reaktion übertrieben.

Auch wenn seine Urteile bisweilen harsch wirken, Chomsky untermauert jeden seiner Kritikpunkte akribisch mit Belegen aus politischen Dokumenten und einschlägigen Untersuchungen. Das führt allerdings gelegentlich dazu, dass man beim Lesen in die Verästelungen der amerikanischen Innenpolitik verwickelt wird was dann zu langatmigen Ausführungen über die Sitzungen dieses Komitees und die Befunde jenes Ausschusses führt. Man hätte hier bei der Auswahl der Artikel für ein deutschsprachiges Publikum etwas sorgfältiger vorgehen können. Auch die Übersetzung von Chomskys trocken bissiger Prosa kommt gelegentlich etwas holprig daher, eine vermeidbare Beeinträchtigung des Lesevergnügens.

Sieht man von diesen, eher von den Herausgebern als vom Autor verschuldeten Mängeln ab, hat man mit diesem Buch ein Vademecum des öffentlichen Gebrauchs der kritischen Vernunft in der Hand, das man gerade jenen empfehlen sollte, die heute das hohe Lied akademischer Exzellenz und gesellschaftlicher Relevanz der akademischen Debatten singen. An der Figur von Noam Chomsky lässt sich der auch hierzulande beobachtbare Auszug des kritischen Geist aus den Universitäten verfolgen: Chomskys Beiträge werden heute vermutlich eher in Diskussionen bei Treffen von Attac als in akademischen Seminaren diskutiert.

 

 

Noam Chomsky: Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen, Verlag Antje Kunstmann, München 20008


 

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