Niklas Frank

 

Der Vater - Eine Abrechnung

1993    282 Seiten  DNB.Buch-Vater   Google.Vater-Buch  

1987 bei Bertelsmann, first ed. # 1993 bei Goldmann, TBA 

2005 Neuausgabe  # 2014 Neuausgabe


Auf in die Diktatur!

Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Politik

Ein Wutanfall von Niklas Frank

2020 / 120 Seiten /   DNB.Buch-Wutanfall 

Niklas Frank :  Der Vater  -  Eine Abrechnung   (1993)    - 

Wikipedia.Autor  *1939 in München

DNB.Autor  +  DNB 21 Publi

 

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Blutige Fußnote der Zeitgeschichte   S. 11

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Bruder Norman 2013    +   Google Bruder Norman


Auf in die Diktatur!
Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Politik Ein Wutanfall von Niklas Frank / von Niklas Frank 

Angaben aus der Verlagsmeldung

Niklas Frank ist der Sohn von Hans Frank, dem "Schlächter von Polen" und Hitlers "Generalgouverneur" im besetzten Polen. Er erkennt in Rhetorik und Verhalten heutiger Politiker erschreckende Parallelen zur NS-Zeit. Der Hass, die Empathielosigkeit und der menschenverachtende Humor der Nationalsozialisten finden sich heute wieder in der AfD, aber auch bei Vertretern anderer Parteien. Frank warnt: "Jetzt tauchen wieder Väter von meines Vaters Art auf, die mein Hirn vergiften wollen."
Nicht nur bei Frau Storch, die an der grünen Grenze den Zutritt von Frauen und Kindern mit Waffengewalt verhindern will, und Gauland, der die Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz "in Anatolien entsorgen" möchte, auch bei einem Innenminister, der empfiehlt, Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen, kommt dem Autor die blanke Wut hoch. "Wir wissen genau, dass mangelnde Zivilcourage, fehlendes Mitgefühl und verabscheute Toleranz zu Diktatur und Vernichtungslagern führen. Wer trotzdem mit Parteien oder Politikern sympathisiert, die offen demokratiefeindlich sind, macht sich mitschuldig. Denn nur Demokratie kann Menschlichkeit garantieren."

 


 

Meine deutsche Mutter  (2005)   DNB.Die Mutter

 


 

 


Der Sohn

Niklas Frank, 1939 geboren, im bayerischen Neuhaus am Schliersee und in Krakau aufgewachsen, wird nach 1945 von der Mutter in pietätvollem Gedenken an den feinsinnigen, musisch, intellektuell und rhetorisch begabten Vater erzogen. Erst allmählich erkennt der Heranwachsende das ganze Ausmaß der Verbrechen des Vaters, dessen Leben er dann in jahrelanger Arbeit rekonstruiert.


Der Vater

Hans Frank, 1900 geboren, studierte von 1919 bis 1924 Jura, promovierte zum Dr. jur., verteidigte in der Weimarer Republik NS-Schläger und Funktionäre der Nazipartei. 1930 Reichstagsabgeordneter, avancierte er nach 1933 zum bayerischen Justizminister, Reichskommissar für die Gleichschaltung der Justiz, Präsident der »Akademie für Deutsches Recht« und, 1934, zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich.

1939 wird er »Generalgouverneur« des von Hitlers Wehrmacht überfallenen Polen, residiert auf der Krakauer Burg als deutscher Herrenmensch über sein »Reichsnebenland«, plündert mit seiner nicht weniger raffgierigen Frau Juden und Polen aus, während ringsum im Land in den Vernichtungslagern Millionen von Menschen ermordet werden.

1945 setzt sich Hans Frank nach Bayern ab. Von den Amerikanern verhaftet, wird er im Nürnberger Prozeß wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und 1946 hingerichtet.

 


 

tagesspiegel.de/kultur/niklas-franks-vaterbuch-eine-deutsche-familie/8064254.html 

2013

STEFAN BERKHOLZ 

Eine deutsche Familie 

Niklas Frank streitet mit seinem Bruder über den Vater – den "Schlächter von Polen"

-

Niklas Frank eilt ein Ruf als Vatermörder voraus. Der Journalist wurde bekannt durch seine Abrechnungen erst mit dem Vater und dann mit der Mutter. Nun hat Frank seine Familientrilogie quasi vollendet. Auch seinem Bruder Norman hat der ehemalige „Stern“-Reporter kurz vor dessen Tod noch den Prozess gemacht. Eine deutsche Familiengeschichte mit all ihren Abgründen liegt damit geschlossen vor.

1987 veröffentlichte Niklas Frank die Abrechnung mit seinem Vater, der kühle, schmucklose Titel: „Der Vater“. Es war ein Paukenschlag, eine persönliche Anklage gegen den Generalgouverneur im besetzten Polen, den als „Schlächter von Polen“ in die Geschichte eingegangenen Vater Hans Frank – eine Anklage und ein später Prozess gegen den eigenen, vom Militärgericht 1946 in Nürnberg gehenkten Vater. Das Buch trug dem Sohn Niklas Frank anonyme Morddrohungen ein, Verrisse, Häme, blanke Ablehnung.

Doch Frank ließ sich nicht irre machen und wurde zum Störenfried einer aus seiner Sicht wohlfeilen Geschichtsschreibung. „Der Vater“ war ein einziger Wutschrei, ohnmächtig, abgründig, aufwühlend. Auch der Bericht über die Mutter, 2005 unter dem Titel „Meine deutsche Mutter“ erschienen, war vielen nicht geheuer und auch nicht geschmackvoll genug. Man fragte sich pikiert, ob eine solche Abrechnung mit der eigenen Mutter aller Öffentlichkeit nötig sei.

Nun also der dritte Band zur Familiengeschichte über den Bruder Norman, mit einem Zitat von ihm als Titel: „Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn“. 

In diesem Zwiespalt bewegt sich der Dialog zwischen den Brüdern. Niklas Frank konfrontiert seinen Bruder mit den Dokumenten und entlarvt die lebenslangen Widersprüche einer standhaften Verdrängung. Die Brüder ringen miteinander, werfen sich gegenseitig Grobheiten an den Kopf, Lügen, Wahrheiten, Beschimpfungen. Sie belauern sich, giften sich an, sind eifersüchtig aufeinander, lieben sich, streiten sich, verletzen sich.

Für beide ist diese Auseinandersetzung sehr schmerzlich. Beide sind intelligent, schlagfertig, belesen. Der eine, Niklas, ist gewappnet mit all seinen Vorkenntnissen und den Dokumenten aus grauer Vorzeit, den Briefen der Familie, den Reden des Vaters, den Äußerungen von Zeitgenossen. Der andere hört sich die Unerhörtheiten an, schluckt, glaubt es nicht, nimmt eigene Irrtümer zur Kenntnis, eigene Verdrängungen, Lügen, die Abgründe deutscher Geschichte. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Bruder Norman erinnert sich nicht an die SS-Kaserne neben seiner Schule in Krakau, nicht an halbnackte Juden, die in bitterer Kälte Kohlensäcke abladen mussten, nicht an die Peitschenhiebe, nicht an Quälereien aus purer Lust und auf offener Straße. Der Bruder will sich nicht erinnern, er kann sich nicht erinnern.

Doch ein Schulfreund von Norman erinnert sich sehr wohl und schreibt es sogar auf. Der Schulfreund hat ein Büchlein für seine Enkel gemacht, damit nichts vergessen wird. Frühjahr 1944: Auf einem Lkw sieht der Schulfreund von Norman jämmerliche, abgemagerte, heruntergekommene Gestalten. Hinten auf dem Lkw steht der Zielort in großen Buchstaben gemalt: Auschwitz. Das Vernichtungslager ist förmlich plakatiert.

In langer Reihe hängen an Telefonmasten die Toten an Galgen. Zur Abschreckung vor aller Augen. Darüber konnte keiner hinwegsehen. Wie konnte später gesagt werden, man habe nichts gewusst? Und die Spottlieder und antisemitischen Witze? In aller Munde, herzhaft und gehässig gebrüllt und selbstgefällig weitergetragen. Auch das ist bei Niklas Frank nun nachzulesen. Der Autor macht all das plastisch, er kennt keine Tabus, reiht eine Ungeheuerlichkeit an die andere. Und macht damit, stellvertretend für die Deutschen, auch seinem geliebten Bruder den Prozess.

Frank leuchtet in die Abgründe einer deutschen Familie. Er enthüllt die Tragik gespaltener Seelen. Drei Geschwister bleiben auch nach dem Tod des Vaters national und faschistisch. Auch die Mutter rückt nicht ab vom alten Denken. Bruder Norman flüchtet sich in den Alkohol, erinnert sich lieber an das Glück der Kindheit und die Abenteuer der Pubertät, will alles andere vergessen.

Ein paar Anekdoten aus großer Zeit sind ihm im Gedächtnis geblieben. Mit Roland Freisler, dem geifernden „Blutrichter“ Hitlers, beim Frühstück: witzig war der, erinnert sich Norman. Als Fünfjähriger saß er auch auf Hitlers Schoß: beißend ironisch denkt Norman daran zurück, mehr nicht. Schön gefärbte Bilder eben. Damit kommen die Brüder der Wahrheit nicht näher. Und doch erkennt Bruder Norman ab und an etwas, nimmt den Dokumenten die Beweiskraft ab – und widerruft im nächsten Moment das schreckliche Erwachen. 

Niklas Frank, der Autor, kommt sein Leben lang nicht los von seiner mörderischen Familie und der Scham über die deutschen Verbrechen. Seit Jahrzehnten wühlt er im Urschlamm und möchte verstehen, begreifen, wissen, warum. Eine Frage der Selbstachtung? Eine Frage des Überlebens? Ein Ringen mit dem Trauma, ein Kampf gegen die Verpanzerung.

Niklas Frank hat ein tabuloses, ein tragisches und sehr schmerzhaftes Buch geschrieben. Die Wucht der Worte ist überwältigend. In dieser Befragung, in diesem Dialog zwischen zwei Brüdern kommt keiner ungeschoren davon, auch der Leser nicht. Ein umwerfendes Buch, bitter, trostlos, verzehrend. Eine Entblößung, herausfordernd, selbst zerfleischend, klar und einfach und packend geschrieben. Ein Lehrstück.

„Wir waren eine verschwiegene Familie“, bekennt Norman irgendwann. Bruder Niklas hat dieses Schweigegelübde brachial zerschlagen.

Stefan Berkholz

 

Vorwort   

von Ralph Giordano

 

1.

5-10

Vor Ihnen, liebe Leser, liegt keine leichte Lektüre, wohl aber eine einmalige — das vorausgeschickt. Es gibt, jedenfalls in der mir bekannten Literatur, kein zweites Beispiel für die Anklage eines Sohnes gegen den eigenen Vater, die sich neben die von Niklas Frank gegen Hans Frank stellen könnte. Der war, von 1939 bis Anfang 1945, Herr über das »Generalgouvernement«, größtes Menschenschlachthaus, das es je gegeben hat. Dort lagen die meisten der großen Todesfabriken und Vergasungshöllen des nazistischen Vernichtungs­apparates, und dort, auf dem Wawel, Krakaus geschichte-schwerer Burg, residierte >Der Vater<.

Man kann aus allem, aus jeder Situation, jeder Position, aus jedem Verhältnis »aussteigen«, kann sagen: »Das will ich nicht mehr, damit habe ich weiterhin nichts zu tun, davon löse ich mich.« Nur aus einer Bindung, aus einer Verstrickung geht das nicht — aus Verwandtschaft! Sag hundertmal: »Du bist nicht mehr meine Mutter, meine Tochter, mein Sohn, mein — Vater!« Sag es, und du bleibst doch, was du warst und was du bist. Auch wenn du es nicht mehr sein willst, umsonst — da kommst du nicht heraus.

Das ist die Verzweiflung des Niklas Frank, denn dieser Vater war eines der größten Monster der Geschichte. Davon wird der Grundton des Buches bestimmt, davon sind die Kriterien des Autors geprägt.

2.

Aber die Ästhetik! —?
Die kann nur erbleichen und sich dünne machen — in diesem archaischen Konflikt jedenfalls hat ihres­gleichen nichts zu suchen.

Wer Niklas Franks Buch und Sprache unter diesem Vorzeichen attackiert, wer sie fäkalistisch oder sexistisch nennt, verquer oder übersteigert, der hat auch nach fast fünfzig Jahren absoluter Informations­freiheit über den staatlich institutionalisierten Nationalsozialismus nichts begriffen: Letztlich kann keine menschliche Sprache das Universum seines Verbrechertums ausdrücken. Alles aber auch alles wird nur ein Versuch bleiben, die Wirklichkeit zu artikulieren.

Das all denen ins Stammbuch, die behaupten: Was der Sohn da mache, das sei »noch viel schlimmer als das, was der Vater gemacht hat...« 

Ich erinnere mich an solche Stimmen als Reaktion auf die Erstver­öffentlichung von »Der Vater« in Leserbriefspalten, diesen Foren deutscher Spießeroffen­barungen. Und ich bin sicher, solche Töne werden sich nun auch wieder melden. Diesen gefährlichen, diesen absichtsvollen Schöngeistern gilt mein besonderes, mein allertiefstes Mißtrauen!

3.

Wie war das gewesen, diese langsam dämmernde Erkenntnis in Niklas Frank: »Der also ist mein Vater!« — ? Wie fängt solch biographischer Schrecken an, wie entwickelt, wie vertieft er sich? Wie wandelt sich Ungläubigkeit in Staunen, Staunen in Verstörung, Verstörung in Entsetzen, Entsetzen in verbales Gekreisch? Wir können es nur ahnen, es uns nur fragmentarisch zusammensetzen aus den Hunderten und Aberhunderten von Aufschreien, aus denen dieses Buch besteht.

Da wird am Anfang die Todesangst des in Nürnberg verurteilten und hingerichteten Hans Frank beschworen — die Furcht vor dem gerechten Sterben. Dahinter aber tut sich die Blutkulisse auf, der Massenmord an Millionen, deren »Schuld« in nichts als in ihrer biologischen Existenz auf Erden bestand und an deren grausamem Ende wenige mehr beteiligt waren als dieser »Vater«.

6/7

In seinem »Generalgouvernement« waren alle Schranken niedergebrochen, jedes Tabu aufgehoben, das Unvorstellbare Wirklichkeit geworden, materialisiert in Schädelstätten wie Belzec, wie Sobibor, wie Treblinka — der »Zivilisations­bruch«. Auf den Sohn, noch Zukunft, wartet die Erkenntnis, daß sein Vater eine Schlüssel­figur dieses »Bruches« war. Wie wird man damit fertig?
    Nie! — lehrt dieses Buch.

4.

Ach, die »königlichen Kindertage«! Der kleine Niklas hinter den Zinnen über Krakau und vor polnischen Fürstengräbern, liebevoll bewacht von SS-Soldaten, transportiert von motorisierten Edelkutschen — Horch, Mercedes — und eingedickt in die hehre Haussphäre von Dichtung und Musik.

Später dann — unter konvulsivischen Zuckungen des Geprellten, Getäuschten, Erwachten, wie denn anders? — die Entlarvung dieser »Kultur« als das, was sie war: die zwei Seiten ein und derselben deutschen Spießerseele, jener deutschen »Innerlichkeit«, die mühelos Auschwitz und Beethoven, Maidanek und Goethe in sich vereinen konnte. Und immer wieder vereinigen könnte, wenn man sie nur ließe — Lemminge, unaufhaltsam ihrem selbstverschuldeten Ende entgegenstrebend (was um ihretwillen nicht weiter schade wäre, zuvor aber wiederum Millionen Tote kosten würde).

Also inmitten dieser ebenso grausigen wie vorübergehenden Herrschaft hoch vom Wawel aus, fünf Jahre schließlich, als die väterliche Herrlichkeit zu Ende ging (und mit was für einer Mutter dazu!) — der Sohn.

Der quält sich dann nach 1945, aufwachsend, durch die Tortur der sich von Tag zu Tag mehrenden Erkenntnisse über die eigene Herkunft; gewahrt, fassungslos, wie die Kinder anderer Nazigrößen, etwa die Tochter Görings, dennoch fröhlich dahinleben; weiß, daß das nicht sein Weg ist. Hat auf dieser langen, langen Wüstenwanderung Halluzinationen, die stumm seinen inneren Zustand herausbrüllen: Millionen von Galgen an den deutschen Autobahnen, und daran baumelnd, nach Bruch des Genicks, all die NS-Richter und -Staatsanwälte, die Partei-»Goldfasane«, die

7/8

Block- und Zellenwarte, die Generäle und Denunzianten, »von denen keiner das Recht hatte weiter­zuleben«, schreibt Niklas Frank. 

Wahr gesprochen, doch nicht eingetreten. Statt dessen, so wird dem Sohn bald klar, entpuppen sich die Verlierer des Zweiten Weltkrieges als die eigentlichen Sieger, verwandeln sich die Täter in Opfer, werden nicht sie, sondern die Überlebenden des NS-Völker-, Massen- und Serienmords angegeifert: Es könne nicht gleiches mit gleichem vergolten werden...
     Wehe, Ihr Herren, wehe Euch, wenn es so gewesen wäre!

5.

Es kommt noch unerträglicher.
     »Wissen Sie, wie gut die Beamtenschaft im Generalgouvernement war?« fragte einer von ihnen mit Stolz in der Stimme den Sohn von Hans Frank. Und gibt sich dann selbst die Antwort: »Das sieht man daran, daß wir alle in der Bundesrepublik glänzende Stellungen erreicht haben.«

Da ist sie, die Fratze der Zweiten Schuld, also die Verdrängung der Ersten unter Hitler dann nach dessen Ende, die kollektive Ex-kulpierung, der Große Frieden mit den Tätern - in der alten BRD auf ihre, in der ehemaligen DDR auf deren Weise.

Aber einer von denen, der Fürchterlichsten einer, der wenigstens hat, mit wenigen Spießgesellen, doch dran glauben müssen, gepriesen sei das Tribunal: der eigene Vater!

Ein grauenhafter Triumph? Doch nur für jene Phantasielosigkeit unserer Gegenwart, die sich die Verkommenheit dieses Herrscherlebens von »Führers« Gnaden und seines Mordambientes im »Generalgouvernement« nicht vorstellen kann oder will, die aber vor allem nicht begreift, was es heißt, auf dem Wawel »Sohn« gewesen zu sein.

Was denn, wenn auch der Vater davongekommen wäre, wie andere der ersten Garnitur des Vernichtungsapparates unter dem Dach des Reichssicherheitshauptamtes? Wie wohl, so fragt Niklas Frank völlig beispielbezogen, hätte sich der Übergang vom Hitlersatrapen Hans Frank zum Unionschristen vollzogen? Auf den Stühlen des bayerischen Landtages oder gar des Bundestages?

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Es kam anders, in seinem Falle jedenfalls und ausnahmsweise.

Der Sohn forscht, wie es anders kam — wie der Vater vom Leben zum Tode befördert worden ist. Er will es wissen, durch die Zeugen. Und findet dabei heraus, daß Hans Frank so verlogen starb, wie er gelebt hatte.

Der Delinquent, an jenem 16. Oktober 1946 gerade so alt wie das Jahrhundert, schon angesichts des Stricks, an dem er gleich hängen wird, zu Franziskaner-Pater Sixtus O'Connor, der ihn auf dem letzten Gang begleitete: »Als ich noch ein kleiner Junge war, hat mir meine Mutter jeden Morgen, bevor ich zur Schule ging, ein Kreuz auf die Stirn gemacht. Bitte, Pater, tun Sie das auch.« Pose, Lüge — bis zum letzten Atemzug buchstäblich. Und sich so unsäglich treu, wie sie eben waren, diese Herrenmenschen.

Einer von ihnen war, ganz oben in der Auschwitz-Hierarchie, »Der Vater«.

6.

Niklas Frank speit seinen ganzen Ekel auf Papier, nein, er kotzt den Verrat der frühkindlichen Sehnsüchte, die unlösbare Sohnesbindung an die Horrorbiographie dieses Vaters und das Entsetzen darüber dem Leser direkt vor die Füße.

Mir schrieb er bei seiner Anfrage um ein Vorwort und einige Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches: »Ich war selbst erstaunt, in welch pubertäre Sprache ich teilweise verfiel. Natürlich hätte ich das alles ändern können, aber ich wollte es doch lieber >original< lassen.«

Gut so! richtig, daß die Verbaldrastik erhalten blieb, immer noch ein wahres Blumenbeet, gemessen an dem Universum von Blut und Tränen, an dem Hans Frank an so entscheidender Stelle mitgebaut hatte. Aber die Abrechnung des Sohnes mit dem Vater ist gleichzeitig auch eine Abrechnung mit der deutschen Fähigkeit, die selbst geschaffenen Leichengebirge mit denen fremder Regimes zu kompensieren (»Die anderen haben auch Verbrechen begangen«); ist Abrechnung mit der notorischen Forderung der Dauerschwindler: »Es muß doch endlich einmal Schluß gemacht werden« (sie haben mit dem, womit sie Schluß machen wollen, nie angefangen!); Abrechnung mit all den Verdrängern (»KZs sind gar keine deutsche Erfindung, sondern eine britische — gegen die Buren«); den Minimalisierern (Es waren gar keine sechs Millionen Juden, die umgebracht worden sind«) und den Relativierern (»Stalin hat noch mehr Menschen töten lassen«).

Zu keinem anderen Zeitpunkt der Geschichte hatten Söhne und Töchter, Enkel und Enkelinnen sowiel Anlaß, sich gegen die eigenen Eltern und Großeltern zu kehren, wie deutsche Generationen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts. Die Mehrheit ihrer Erzeuger, und auch deren Erzeuger bereits, haben versagt, haben ihre humanitäre Orientierung verloren (wenn sie denn je eine gehabt haben) und hatten nach ihrem Versuch, die Welt in Klumpen zu schlagen und darüber die deutsche Weltherrschaft zu errichten, nichts anderes im Sinne, als möglichst rasch davonzukommen — ungeschoren und un-belehrt.

Die Schande unserer Tage, der Flächenbrand des fremdenfeindlichen und antisemitischen Rassismus, von ihrer Wurzel her ist sie nichts als die späte Quittung für den fehlgeschlagenen Versuch der deutschen Nachkriegsgesellschaft, sich an der Hypothek und am Erbe des Nationalsozialismus vorbeizumogeln.

Im Chor derer, die sich dagegen wehrten und weiter wehren werden, wird die Stimme Niklas Franks ihren besonderen Platz haben.

10

Ralph Giordano 

 

 

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