detopia.de 

Stephen Emmott

Zehn Milliarden

Ten Billion = 10 Mrd. = 1010

 

 

2013 by Penguin, London 

2013 by Suhrkamp 

 

2013   204 Seiten

 

DNB.Buch    suhrkamp.Buch 

Wikipedia.Autor  *1960 in England 

Youtube.Autor    Google.Buch  

 


detopia-2017: 

Emmott.PDF    A.Weisman.2013   R.Taylor.1970    T.Löbsack.1974    G.Fuller.1993    H.G.Wells.1945   Heimrath.2012   Meissner.2017   G.Brandt.2013   M.Ferst.2002

 

detopia-2016: E.htm   Ordner   Ökobuch    J.Foster.2011   J.Lovelock.2006    C.Lauter.1998    U.Horstmann.1983   H.Welzer 

 

 

 

 

 

 

 

Stephen Emmott verantwortet als wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors weltweit führende Forschungs­projekte auf dem Gebiet der Computational Science. Außerdem lehrt er das Fach in Oxford. 2012 gelang ihm mit seinem Bühnenstück <Ten Billion> ein Sensationserfolg am Royal Court Theatre in London.

 

Audio 2013 von Vera Linß  

Audio 2014 von Johannes Kaiser 

Audio 2014 April Thomas Palzer 

Audio 2014 Interview im DLF-Radiofeuilleton 

Audio 2014 Schweizer Radio 

Video 1:30 mit Emmott deutsch 

Video 1:30 mit Emmott englisch 

 

www:

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theeuropean.de/daniel-dettling/7622-buchbesprechung-stephen-emmott-zehn-milliarden 

intellectures.de/2013/11/15/interview-stephen-emmott  

 

Verlagstext: 
Für die Herstellung eines Burgers braucht man 3000 Liter Wasser. Heute produzieren wir in zwölf Monaten mehr Ruß als im gesamten Mittelalter. Allein in diesem Jahr fliegen wir sechs Billionen Kilometer. Und unsere Enkel werden sich die Erde mit 10 Milliarden Menschen teilen müssen. Sind wir überhaupt noch zu retten? Stephen Emmott zeichnet erstmals ein zusammenhängendes, aktuelles und für jeden verständliches Bild unserer Lage. Kein theoretischer Überbau, kein moralischer Zeigefinger, nur die Fakten. Und die unmissverständliche Botschaft: »Wir sind erledigt.« Es ist der letzte Weckruf, den wir nicht überhören dürfen!

 

"I think we’re fucked."

Ich denke / ich glaube / ich bin überzeugt

davon, dass

wir / erledigt sind / am *rsch sind / gef*ckt sind.

  


detopia-2018: 

Erdbevölkerung und Wachstum

(zirka Jahr: rund Milliarden)

Jahr 0:  0,25     1800: 1     1930: 2

1960: 3       1974: 4      1987: 5      1999: 6      2011: 7  

Wenn man 'weiterzählt': 

 2024: 8      2037: 9      2050: 10 

 

 

»Wir haben den Sinn für gemeinsames Handeln verloren«

(ähnlich auch im Radiofeuilleton oben; deto-2018)

 

intellectures.de/2013/11/15/interview-stephen-emmott    15.11.2013  #  Der Klimaforscher Stephen Emmot glaubt, dass es keinen Ausweg mehr aus dem selbstgewählten Untergang gibt und schreibt dennoch dagegen an. Warum er das tut, erklärte er mir in Berlin.

 

1) Herr Emmott, in Ihrem Buch »Zehn Milliarden« machen Sie deutlich, dass wir uns den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn wir nicht umgehend sorgsamer mit unseren Ressourcen umgehen. Ihre Erkenntnisse werden als »letzter Weckruf« beworben, weil Sie Perspektiven aufzeigen, wie eine rapide wachsende Weltbevölkerung bei schwindenden natürlichen Ressourcen langfristig auf diesem Planeten leben kann. Ist die Lage tatsächlich so schlimm?

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich der letzte Weckruf ist. Darum ging es mir anfangs auch nicht. Ursprünglich wollte ich ein Manifest gegen die intellektuelle Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit in unseren Gesellschaften schreiben. Denn die Situation, in der wir uns befinden, ist doch folgende: Wir steuern sehenden Auges auf zahlreiche globale Probleme zu, von denen wir wissen, dass sie durch das rapide Wachstum der Weltbevölkerung verstärkt werden. 

Und dennoch tun wir als Gemeinschaft nichts, um diese Probleme anzugehen – schon gar nicht mit der Dringlichkeit, die die gegenwärtige Situation erfordert. Gegen diese Bequemlichkeit schreibe ich mit diesem Buch an. Ob das tatsächlich der »letzter Weckruf« ist, wird man sehen. Aber es spricht wenig dafür, dass die von mir aufgeworfenen Fragen demnächst ernsthaft diskutiert werden.

2) Sie gehen in Ihrem Buch dramaturgisch vor. Es gibt Seiten, auf denen steht nur ein Satz, andere sind bis zum Rand gefüllt. Was ist die Idee hinter diesem Konzept?

Ich habe im vergangenen Jahr eine Vorlesungsreihe gehalten, die quasi ein erster Entwurf für dieses Buch war. Dabei habe ich verschiedene dramaturgische und rhetorische Mittel angewandt. Ich habe beispielsweise Pausen gemacht oder einige Sekunden geschwiegen, um so Dinge zu betonen, die mir wichtig waren und meinen Zuhörern Zeit zu geben, einigen Fakten nachzuspüren oder sie sacken zu lassen. Um diese Dinge auch im Buch zu betonen, wollten mein Verleger und ich solche Mittel in gedruckter Form wiederfinden, weshalb wir mit der Typographie und dem Seitenaufbau gespielt haben. 

Manche mögen das, andere nicht, aber die Kritik, dass man nicht gegen Verschwendung andiskutieren könne, wenn man ein Buch so gestaltet, wie wir es gemacht haben, ist einfach absolut lächerlich. Unsere Probleme sind doch deutlich größer, als das mein Buch da überhaupt irgendwie ins Gewicht fallen würde. Über die eigentlichen Probleme und ihr komplexes Zusammenspiel möchte aber niemand sprechen. Ich wollte in diesem Buch die kritischen Aspekte in ihrer hohen Verbundenheit aufzeigen und zugleich dem Ottonormalverbraucher einen verständlichen Zugang zu dem Thema ermöglichen, um ein Nachdenken über unsere Verhaltensweisen und Debatten über notwendige Veränderungen anzustoßen.

3) Dann lassen Sie uns darüber sprechen. Sie thematisieren unter anderem die Auswirkungen der globalen Bevölkerungsexplosion auf Ressourcen wie Nahrung, Land oder Wasser. Was kommt da auf die Menschheit zu?

Um eines voranzustellen: Alle Probleme, die ich aufzeige – unser hoher Energieverbrauch, der Klimawandel, dessen schädliche Folgen für die Landwirtschaft und damit für die Produktion von Nahrungsmitteln, der Wassermangel, die unablässige Schädigung und Zerstörung unserer Ökosysteme durch Verbrauch und Verschmutzung – hängen zusammen und können nicht einzeln gelöst werden. Weil die Weltbevölkerung weiterhin rasant wächst, werden wir künftig mehr Energie, noch mehr Nahrungsmittel, mehr Agrarflächen und mehr Wasser benötigen als bislang. 

Es wird immer wieder behauptet, dass das Wachstum der Weltbevölkerung auf zehn Milliarden die Menschheit vor Probleme stellen wird. Ich sage, wir können die Zehn-Milliarden-Perspektive getrost vernachlässigen. Bereits mit den gegenwärtig etwas mehr als sieben Milliarden Menschen sind diese Probleme doch schon längst da. Das rasante Bevölkerungswachstum wird dazu führen, dass die Probleme noch schneller noch gravierender werden.

4) Für diese Ansichten werden sie von nicht wenigen kritisiert.

Es gibt einige Leute, die nicht wahrhaben wollen, dass wir ein grundsätzliches Ernährungsproblem haben. Die erklären dann, dass ich offenbar die grüne Revolution der 1960er Jahre verpasst habe, mit der die Anzahl der Hungerkatastrophen zurückgegangen ist. Für mich sind diese Argumente Zeichen intellektueller Faulheit. Natürlich habe ich registriert, dass die Hungerkatastrophen seit der grünen Revolution zurückgegangen sind. Aber wer sagt denn, dass die Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Hochertragssorten und deren industrialisierter Anbau weltweit nicht die Ursache der zahlreichen Umweltschäden ist, mit denen wir heute zu kämpfen haben? 

Extreme Wetterereignisse im Rahmen des Klimawandels nehmen rapide zu. Die Qualität der Böden in Regionen mit dem stärksten Bevölkerungswachstum nimmt immer schneller ab. Die Gesamtfläche des kultivierbaren Lands weltweit schrumpft. Schon jetzt verschlingt die Landwirtschaft 70 Prozent des weltweiten Trinkwassers. Wollen wir künftig die Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung auch nur ansatzweise im gleichen Maße erfüllen, müssten wir bis 2050 die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln jedoch verdoppeln. Wir haben aber keine weiteren 70 Prozent Trinkwasser. Und als wäre das nicht schon genug, hat die grüne Revolution eine Vielzahl an Monokulturen hervorgebracht, die überaus anfällig für Krankheiten und Schädlinge sind, die meist hochresistent gegen die herkömmlichen Schädlingsbekämpfungsmittel sind. Die Vorstellung, dass die grüne Revolution einfach so weitergehen und die Ernährungsfrage lösen wird, ist ein Hirngespinst.

5) Was heißt das perspektivisch? Müssen wir das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen, neue Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung einer wachsenden Weltbevölkerung suchen oder unsere Lebensweise radikal verändern?

Ich diskutiere in meinem Buch zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Die eine besteht darin, dass wir uns mithilfe neuer Technologien aus der Misere heraustüfteln, also auf Geoengineering und andere moderne Techniken setzen. Ich habe allerdings keine Belege dafür gefunden, dass wir bereit sind, das in dem Ausmaß zu machen, wie es angesichts der Lage notwendig wäre. 

Die andere Möglichkeit besteht darin, dass wir unsere Lebensweise verändern. Und wenn ich »wir« sage, dann meine ich unsere Spezies, die Menschheit, und nicht ein paar tausend Leute, die dazu übergehen, Elektroautos zu fahren. Wenngleich wir auch als Individuen kollektiv aktiv werden müssen. Wir müssen, jeder für sich und alle gemeinsam, dringend darüber nachdenken, wie wir unser gesamtes System und seine Funktionsweisen verändern können – politisch, ökonomisch und gesellschaftlich. Dieses Umdenken findet jedoch nicht statt und das ist fatal. Weder die Wirtschaft, noch die Politik und auch keiner von uns will sich soweit einschränken, wie es notwendig wäre.

6) Dies stellt natürlich auch die Marktgläubigkeit an ein permanentes Wachstum infrage.

Das ist richtig. Verrückterweise wird dieser Glauben momentan bestätigt, denn genau das passiert momentan: alles wächst. Aber das geschieht auf absolut untragbaren Grundlagen mit einem überaus schädlichen Ausgang. Was wir uns dabei immer vor Augen halten müssen: unser energieintensiver, ressourcenvernichtender Lebensstil ist zur globalen Blaupause geworden. Das Nachahmen dieses Lebensstils wird die bereits bestehenden Probleme noch einmal verschärfen und keines davon auch nur ansatzweise lösen. Aber wer will es den Menschen in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen schon verdenken, dass diese genauso leben wollen wie wir?

Diese Hoffnung und die Notwendigkeit, unsere Lebensweise radikal zu verändern, sind schwer unter einen Hut zu bringen. Bei dieser Frage schwingt auch eine starke ethisch-moralische Komponente mit. Wir sind nicht in der Position, diesen Menschen das Recht auf ein Leben im Wohlstand abzusprechen. Und weitere drei Milliarden, die noch gar nicht geboren sind, wollen ebenfalls Wohlstand genießen. Diesen gordischen Knoten zu lösen, erfordert eine Art und Weise der Debatte, wie ich sie nirgendwo auf der Welt erkennen kann.

7) Sie sprechen hier von ernsthaften und problembewussten Diskussionen? Sehen Sie dafür nicht einmal Ansätze?

Nein, leider nicht. Solche Debatten müssten bei den G8- und G20-Treffen oder beim Weltklimagipfel stattfinden. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Gipfel dafür genutzt würden. Stattdessen müssen wir auf dreißig Jahre Worte ohne Taten zurückblicken und haben wahrscheinliche weitere solcher Jahrzehnte vor uns.

8) Mir scheint die Lösung der ethisch-moralischen Komponente entscheidend. Was schlagen sie also vor?

Dieses Problem ist zu komplex für einfache Antworten. Menschen mögen einfache Antworten und Lösungen, aber das wird der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Zu viele Dinge spielen in eine ernsthafte Lösung dieser hochkomplexen Frage hinein: die Wirtschaft, die Globalisierung, das Individualverhalten der Menschen, der Verbrauch von Ressourcen – all diese Themen sind für sich schon kompliziert. In ihrer Verbundenheit verbieten sich dann einfache Antworten.

9) Der Verbrauch der Ressourcen durch die Menschheit steigt in einem höheren Ausmaß als die Weltbevölkerung. Woran liegt das?

Dies liegt vor allem am globalen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens, was bei dem Einzelnen zur Tendenz führt, mehr zu konsumieren. Zum Beispiel ist die Nachfrage nach Fleisch deutlich gestiegen. Fleisch ist in seiner Produktion jedoch alles andere als ressourcenschonend. Weltweit steigt auch die Nachfrage nach Luxusartikeln, die alle mehr Energie benötigen.

10) Süßwasser ist eine der wichtigsten Ressourcen. In Ihrem Buch sprechen Sie von dem Konzept des »virtuellen Wassers«. Was hat es damit auf sich?

Über dieses Konzept wird viel zu selten gesprochen, dabei ist es entscheidend, wenn wir über unseren Lebensstil nachdenken. Es geht dabei um das Wasser, was zur Herstellung von Konsumgütern benötigt wird, aber im Produktionsprozess verschwindet. Mir war es wichtig, dieses Thema hervorzuheben. Wenn wir allein 3.000 Liter Wasser benötigen, um einen einzigen Burger zu produzieren, dann ist das doch eine Tatsache, die nicht nur bemerkenswert, sondern auch bedenkenswert ist. Das meiste von dem Wasser geht bei der Fleischproduktion verloren, durch Bewässerung und Verdunstung auf landwirtschaftlichen Flächen.

Eine aktuelle Studie amerikanischer Wissenschaftler zeigt auf, dass virtuelles Wasser eine der Hauptursachen für das Problem des sinkenden Grundwasserspiegels ist und bis 2050 der wichtigste Grund für Störungen im internationalen Handel sein könnte, weil einige Länder einfach nicht genug Wasser haben werden, um mit anderen Staaten mithalten zu können.

11) Nicht zu vergessen die Tatsache, dass der Transfer von Wasser in wasserarme Regionen nur sehr schwer umzusetzen ist, in diesen Gebieten aber zugleich die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen leben.

Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an. In den am stärksten bevölkerten Regionen sind die zu bewältigenden Herausforderungen, etwa was extreme Wetterereignisse, Wassermangel, Umweltverschmutzung und Bodendegradation betrifft, am höchsten. Die ärmsten Staaten werden am stärksten von den absehbaren Veränderungen unseres Ökosystems betroffen sein. Es werden aber auch die Wohlstandsstaaten nicht verschont bleiben. Teile von Frankreich, Spanien, Italien oder den USA werden zunehmend mit ähnlichen Problemen konfrontiert sein.

12) Glauben Sie, dass es Menschen schwerfällt, zu akzeptieren, dass Dinge begrenzt sind?

Ich vermute, dass Menschen bereit sind, kleine persönliche Einschränkungen hinzunehmen. Die Kenntnis des eigenen ökologischen Fußabdrucks beeinflusst zweifellos das Verhalten der Menschen. Und auch der Umstieg auf Elektroautos, das Recyceln von Papier und Kunststoff – Menschen sind bereit, das zu tun. Aber diese gut gemeinten Gesten sind keine adäquaten Lösungen für das Problem, vor dem die Menschheit im globalen Maßstab steht.

13) Die Verweigerung, etwas zu ändern, beginnt meist auf der individuellen Ebene und dem Zweifel, allein etwas ausrichten zu können.

Weil wir in einer individualistischen Konsumgesellschaft leben, meint der Einzelne, er könne nicht mehr tun, als den eigenen Konsum zu reduzieren. Mein Eindruck ist, dass wir unseren Sinn für gemeinsames Handeln verloren haben. Wir haben verlernt, darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam leben wollen. Aber dieses gemeinsame Nachdenken über das Miteinander, diese Kernaufgabe des politischen Diskurses, findet nicht mehr statt.

14) Ich war von ihrem »rationalistisch-pessimistischen« Blick auf technische Lösungen überrascht. Sie kommen ja selbst aus einer technikaffinen Umgebung. Woher also dieses Skepsis?

Ich habe versucht, Belege dafür zu finden, dass wir uns aus den Problemen, vor denen wir stehen, heraustechnologisieren könnten und schlichtweg keine gefunden. Selbst wenn die technischen Möglichkeiten, die derzeit diskutiert werden, machbar wären, bräuchten wir umgehend ein weltweites Umsetzungsprogramm. Ich kann hier keine Bemühungen erkennen. Was das Geoengineering betrifft, fehlen sogar Belege, dass es so funktioniert, wie man es sich erhofft. Ich sage nicht, dass man nicht weiter nach technischen Lösungen suchen sollte, aber darin die Lösung zu sehen, halte ich für zu weit gesprungen. 

Darüber hinaus halte ich gar nichts von der Annahme, dass sich die Menschheit schon als clever genug erweisen wird, um rechtzeitig die richtigen Maßnahmen zu finden. Technik hat uns in diese Probleme hineingeführt. Sie wird meines Erachtens nicht das ideale Mittel sein, uns wieder aus diesen Problemen herauszuholen.

15) Die Lösung liegt also im politischen Diskurs?

Zugegebenermaßen ist Politik heute vor allem von kurzfristigen nationalen Wachstumsbestrebungen geprägt. Ich warne daher vor allzu viel Optimismus. Eine sinnvolle Perspektive scheint mir aber der Blick auf die Generationen nach uns zu sein, der aktuell die Debatten über die öffentliche Verschuldung von Staaten prägt. Immer wieder fällt in dieser Diskussion der Satz, dass die Staatsschulden den Kindern und Enkelkindern nicht zumutbar seien. Ich frage mich, warum dieser Satz nicht im Zusammenhang mit dem riesengroßen Experiment fällt, das wir aktuell mit unserer Erde durchführen. Es kann doch niemand verneinen, dass wir mit einer Klimakrise konfrontiert sind, dass es im globalen Maßstab beträchtliche Engpässe in der Nahrungsmittel- und Trinkwasserversorgung gibt. 

Ich denke, wir brauchen wieder Politiker mit Visionen und großen Ideen, um diese Fragen zu lösen. # 

 

# # # # # #

 

Perlentaucher zu <Die Zeit> am 05.09.2013    url: perlentaucher  emmott  zehn-milliarden 

Harald Welzer  glaubt nicht mehr wirklich daran, dass die Zivilisation in Sachen Klimawandel noch die Kurve kriegt. Alle Fakten sprechen dagegen, zu viel ist kaputt und ein radikales Einlenken der Politik und der Menschen allgemein ist nicht in Sicht, erklärt er. Stephen Emmotts <Zehn Milliarden> schlägt genau in diese Kerbe, verrät der Rezensent. Das Fazit nach einer erschöpfenden Aufzählung der erschütternden Fakten lautet: "We're fucked". In der deutschen Übersetzung ist daraus ein gemütliches "Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten" geworden, wundert sich Welzer, was komplett Emmotts kathartischem Prinzip zuwider läuft, wie der Rezensent erklärt. Wenn es einen Ausweg gibt, dann liegt er im "Schock der Ausweglosigkeit" und in dessen ästhetischem Erleben, das ist wahrscheinlich die Motivation des Klimaforschers und Oxfordprofessors: die Fakten haben es nicht richten können, soll die Kunst ihr Glück versuchen, fasst Welzer zusammen. An einen glücklichen Ausgang glauben aber weder Autor noch Rezensent. Für Welzer bleibt es dabei: wir sind am Arsch.  

 

 

 

Der renommierte Forscher Stephen Emmott 

will das Publikum mit Fakten zum Klimawandel aufrütteln. Ob das hilft? 

Von Harald Welzer

DIE ZEIT  37/2013 vom 14.09.2013 

zeit.de/2013/37/sachbuch-stephen-emmott-zehn-milliarden 

 

Die erste Geschichte: 

Vor Jahren war ich auf einer Open-Space-Konferenz zur Lage des Klimas. <Open Space> heißt, dass weder die Themen im Detail festgelegt sind noch die Referenten. Man meldet in Abstimmungsrunden thematische Workshops an, erläutert kurz, was man dort zu bearbeiten gedenkt, und schaut, wie viele Leute das interessant finden. Workshops gab es zum Thema Forschungsförderung, zu Szenarien der künftigen Klimaentwicklung, zu <Kultur und Klimawandel> und einen weiteren, vorgeschlagen von einem britischen Kollegen, zum Thema <What if we fail?>. 

Dabei sollte es um die Frage gehen, welche soziale und politische Situation man zu erwarten habe, wenn eintritt, was die Klimaforschung mit überwältigender Evidenz prognostiziert: vermehrte Extremwetter-Ereignisse, Anstieg der Meere, Schmelzen des arktischen Eises und so weiter. Klar, dass solch eine Entwicklung die geopolitische Architektur heftig in Turbulenzen stürzen würde. Daher die Frage: <Was ist, wenn wir recht haben?> 
Die meisten angebotenen Workshops der Konferenz waren gut besucht. Bei dem des britischen Kollegen waren nur zwei Teilnehmer: er selbst und ich.

Die zweite Geschichte: 

Im vergangenen Jahr fand in Hannover eine wissenschaftliche Tagung statt, weil sich das Erscheinen des Berichts <Grenzen des Wachstums> zum 40. Mal jährte. Mehr als 160 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt kamen, um ein Resümee zu ziehen, wo man heute stehe. Dennis Meadows höchstselbst hielt den Eröffnungsvortrag und teilte den Anwesenden mit, dass er heute keinen Pfad zu einer nachhaltigen Entwicklung mehr sehe. Zu viel sei irreversibel ausgebeutet, zerstört, vermüllt, überlastet worden, als dass ein Umsteuern noch möglich sei. Die einzige Strategie, die er noch empfehlen könne: Stellt euch auf extrem wachsenden Stress ein, macht euch für die kommenden Krisen bereit, trainiert eure Widerstandskräfte.  

Die Reaktion der Zuhörer: donnernder Applaus. 
Die Konsequenz für den weiteren Verlauf der Tagung: keine.  

Alle hielten sie ihre vorbereiteten Power-Point-Vorträge, fast alle mit katastrophalem Ausblick. Die Klimaerwärmung schreitet so ungebrochen voran wie das Bevölkerungswachstum, die Überfischung der Meere, die Übernutzung der Böden. Alle Redner beendeten ihre Vorträge mit der dringenden Aufforderung, "sofort zu handeln", um das Schlimmste noch zu verhindern.

Die dritte Geschichte: 

In London ist letztes Jahr am <Royal Court Theatre> mit großem Erfolg ein Bühnenstück aufgeführt worden, das <Ten Billion> heißt und im Wesentlichen darin besteht, dass jemand alle wichtigen Fakten zum drohenden Kollaps deklamiert. Das Stück endet nicht tröstlich. Kurz vor Schluss fasst der Autor und Rezitator Stephen Emmott bündig zusammen: "I think we’re fucked". 

Emmott leitet hauptberuflich ein Microsoft-Labor für rechnergestützte Naturwissenschaft und lehrt außerdem in Oxford. Da kommt also einer aus dem Establishment, stellt sich auf eine Bühne und gibt die absehbare Katastrophe als Stück. Die Leute sind tief betroffen, das Buch ist ein Bestseller, Emmott ein Star. 

Und jetzt die heiße Frage: 

Wie viele derjenigen, die das wahrlich erschütternde und gut gemachte Stück gesehen oder das gleichermaßen aufrüttelnde Buch gelesen haben, werden aus dem ästhetischen Erlebnis eine praktische Folgerung ziehen?

Das ist die interessante Frage an Emmotts Experiment: 

Ist die ästhetische Übersetzung der Daten ein Mittel, das die Leute endlich dem glauben ließe, was sie wissen? 

Der tief greifende Bewusstseinswandel, der in den westlichen Ländern stattgefunden hat, hat ja nie wirklich das Handeln erreicht: Jedes Jahr gibt es einen neuen Rekord im Material- und Energieverbrauch, in den Emissions- und Müllmengen. 

Deshalb ist Emmotts Versuch, den Weg der wissenschaftlichen Aufklärung zu verlassen, zu begrüßen, denn inzwischen sind all die Nachrichten, Statistiken und Diagramme zum Niedergang der Zukunftsaussichten in die kommunikativen Benutzer­oberflächen moderner Gesellschaften eingepreist.

Es hat sich eine Besorgnisindustrie etabliert, die Realängste bewirtschaftet, die aus den Daten resultieren sollten. Sie kanalisiert die Ängste, bis jeder in die Rhetorik des "Wenn wir nicht ..." einstimmt, die aber nur die Ornamentik zum ungebrochenen Weitermachen liefert. 

Das heißt: Die Besorgnis hat einen anderen sozialen und politischen Ort als die Produktion, der Konsum einen anderen als das Bewusstsein, und deshalb geht alles so weiter wie gehabt. Bis es eben nicht mehr weitergeht.

Wenn dem so ist, so Emmotts Ansatz, muss man das Problem ästhetisch angehen, in ein Drama übersetzen, in dem die Zuschauer das bewegende und verursachende Element darstellen und in dem kein Deus ex Machina erscheint, der das Unheil abwendet – "we’re fucked".

Dass aus dieser Formulierung in der Übersetzung ein gemütliches "Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten" geworden ist, läuft dem kathartischen Prinzip zuwider, das Emmott verfolgt. 

In der Originalfassung treibt die Aufzählung aller beunruhigenden Fakten auf ein Finale zu, das keine Hoffnung auf einen guten Ausgang mehr vorsieht. Im Gegenteil: Das Stück endet noch schlimmer, weshalb ich das Ende hier nicht verrate. Das Publikum wird alleingelassen mit dem, was es anrichtet, weil es niemanden als dieses Publikum gibt, das davon ablassen könnte, weiterzumachen.

Emmotts Hinweise auf das Mögliche bleiben vage: Nur eine radikale Verhaltensänderung und eine diese nachvollziehende und unterstützende radikal veränderte Politik könnten noch das Schlimmste verhindern. 

Aber Emmott glaubt nicht daran, dass so etwas geschehen könnte: "Nichts deutet darauf hin, dass dies gerade geschieht oder irgendwann geschehen wird. Ich glaube, alles wird einfach so weitergehen wie bisher." 

In der ästhetischen Logik des Stücks ist angelegt, dass nirgends Hoffnung aufscheint. Insofern erzeugt Emmotts atemlose Aufzählung den Schock der Ausweglosigkeit, aus dem wohl der Impuls zur radikalen Veränderung entstehen soll. 

Das ist eine Strategie der paradoxen Intervention. 

Dumm ist nur, dass die selbst gemachte Apokalypse eben keine ist, die unterschiedslos alle trifft. Sondern sie zieht sich über Jahrzehnte hin und bleibt gerade für diejenigen unernst und unwirklich, die noch davon profitieren, dass alles so weitergeht. 

Man mag der Emmottschen Katharsis allen Erfolg wünschen. Auf ihre Wirkung vertrauen sollte man nicht.

 

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"Das System ist schuld"

2014 bei jungefreiheit.de  archiv 201404011772   Von Volker Kempf bei detopia 

Mit Perfektion treibt der Mensch die Plünderung der Erde voran. Die Belege füllen seit den siebziger Jahren Berge von Literatur. Daß die Zeit seither nicht stehengeblieben ist, macht Stephen Emmott mit seinem Buch <Zehn Milliarden> deutlich. 

Die Fieberkurven der Erde wurden seither länger. Die Ausbeutung der Meeresfauna lag 1975 noch bei etwa 50 Prozent, heute sind es über 80. Das Artensterben auf einer Skala von 600.000 v. Chr. bis zur Gegenwart dargestellt weist für die letzten Jahrzehnte eine nahezu senkrechte Linie nach oben auf. Der Kohleverbrauch steigt stetig, der Straßenverkehr ebenso. Zehn Milliarden Erdenbewohner werden zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert. 

Die Folgen haben schon andere vor Emmott vorgerechnet. Doch an den üblichen Reflexen hat sich nichts geändert. Windkraft, Energieeffizienz, Sparlampen und Dosenpfand werden als Lösungen aufgeblasen. Charakteristisch ist eine Rezension von Vera Linß, die ihre journalistische Laufbahn beim DDR-Fernsehen begann und nun im Deutschlandradio moniert, Emmott würde zu sehr auf die Bevölkerungszahl abstellen und nicht auf das kapitalistische System. Die Zahl der Menschen sei eine nachgeordnete Größe, das Wirtschaftssystem hingegen alles entscheidend.

Was das für ein System soll das sein, das mit zehn Milliarden Menschen nachhaltig wirtschaftet? Ein paar Windkraftanlagen, etwas Energieeffizienz, Sparlampen und Dosenpfand werden zu großen Lösungen aufgeblasen. Eine naturwissenschaftliche Denkweise fehlt hingegen völlig. 

Diese Lesart und Wirklichkeitsverweigerung regiert in den Redaktions­stuben. Nicht das Wirtschaftssystem, sondern die wachsende Zahl der Menschen und die Oberflächlichkeit des reflexiven Bewußtseins an den Schaltstellen von Medien und Pseudowissenschaft sind es, die alles noch schlimmer machen, als es ohnehin schon ist. Hierüber müßte ein Buch geschrieben werden. #

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Düstere Aussichten für den Planeten  -  Von Vera Linß   bei dradio 3.12.2013

 

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Der Klimaforscher Stephen Emmott zeichnet in seinem Buch "Zehn Milliarden" ein düsteres Bild der Zukunft der Erde. 
Ein Text, der den Leser ohne Hoffnung zurücklässt.

 

"We’re fucked." Diese Worte wählt Stephen Emmott für den Zustand unseres Planeten. Und weil die deutsche Übersetzung in dieser Hinsicht viel zu zahm daher kommt – "Wir sind nicht mehr zu retten" heißt es da – möchte man gleich in Englisch trotzig entgegen halten: "So what?"

Denn dieses Büchlein macht sprachlos, hilflos und fassungslos zugleich und man weiß nicht, worüber man zuerst wütend sein soll. Über all die Fakten, mit denen der Brite die Leser malträtiert, oder über den Autor selbst, weil er uns ohne jede Hoffnung zurücklässt.

Auf zweihundert Seiten zeichnet der Oxford-Professor, der in Cambridge auch ein Microsoft-Forschungslabor leitet, ein grauenvolles Bild vom Versagen unserer Zivilisation. Eine Weltbevölkerung von "Zehn Milliarden" – das ist die kritische Größe, auf die die Menschheit zum Ende dieses Jahrhunderts hinsteuert. 

Zu diesem Zeitpunkt, ist sich der Klimaforscher sicher, wandelt sich das Leben auf der Erde zur Hölle, denn die wichtigsten Ressourcen des Planeten sind dann erschöpft.

Mit knappen, lakonischen Worten beschreibt Stephen Emmott, wie "verschiedene Revolutionen" – Agrarrevolution, Revolution des Gesundheitswesens, industrielle Revolution – dazu geführt haben, wo wir heute stehen. Dass mehr Nahrungsmittel produziert wurden, die Bevölkerungszahlen explodiert sind und unser konsumorientierter Lebenswandel schon jetzt unser Ökosystem zerstört.

Die Zahlen, die er anführt, machen Angst. 

Sechs Billionen Flugkilometer werden pro Jahr geflogen, 2,6 Milliarden Autos wurden seit ihrer Erfindung produziert. Der Wasserverbrauch ist in den letzten hundert Jahren um das siebenfache gestiegen. Fast ein Drittel des tropischen Regenwaldes ist abgeholzt, 87 Prozent des Meeres sind überfischt, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wächst. Wetterextreme sind häufiger als je zuvor.

Eindrucksvoll zeigt Emmott, wie eins ins andere greift, eine Entwicklung offenbar unvermeidlich die nächste nach sich zieht. 

Manchmal stehen nur einzelne Sätze auf einer ansonsten leeren Seite, Fotos in schwarz-weiß und Grafiken helfen dem Vorstellungsvermögen nach.

Der Forscher sieht es als Teufelskreislauf: Mehr Menschen brauchen mehr Nahrungsmittel, was zwangsläufig zur weiteren Ausbeutung von Wasser, Bodenschätzen, Flora und Fauna führt, bis der Planet umkippt. Für Europa bedeutet das: Der Kontinent wird sich in Zukunft gegen Millionen Klimaflüchtlinge abschotten (müssen).

Das Schlimmste an diesem Szenario: Für Stephen Emmott ist es unvermeidbar. Er glaubt weder an alternative Energiegewinnung noch daran, dass die Menschen im Westen – was nötig wäre – ihr Konsumverhalten ändern. Damit ist für ihn die Sache erledigt.

Ärgerlich ist, dass er sich an der Idee einer drohenden Überbevölkerung festbeißt und auf eine notwendige Kritik an der kapitalist­ischen Produktions­weise verzichtet. 

So schockiert sein Buch zwar und ruft jede Menge Schuldgefühle hervor. Gleichzeitig aber ist man erschlagen von der Masse an Schrecklichkeiten, die er der Menschheit prophezeit. Das paralysiert und lässt auch den kleinsten Schritt sinnlos erscheinen.  #

 


 

Deutschlandradio Kultur – Lesart vom 16.02.2014  

Von Johannes Kaiser  

 

deutschlandradiokultur zukunftstrends-ein-manifest-gegen-die-gleichgueltigkeit 

Der Klimaforscher und Oxford-Professor Stephen Emmott möchte aufklären. Dafür stellt er sich auch auf die Bühne des Royal Theatre in London, um seinen mit alarmierenden Daten gespickten Weckruf in die Welt zu schicken. Unsere Ökosysteme und die Wirtschaft werden kollabieren, warnt Emmott.

"Ich wollte einfach nur herauszustellen, dass wir in Schwierigkeiten sind und uns noch größere Schwierigkeiten einhandeln, wenn wir weiterhin wachsen; und wir unternehmen nicht wirklich viel dagegen. Das Buch sollte vor allem ein Manifest gegen die Gleichgültigkeit sein. Wir sind kollektiv, so empfinde ich das, allzu gleichgültig gegenüber den Problemen, die wir anhäufen und die sich bemerkbar machen. Ich wollte das Buch so gestalten, dass es möglichst vielen Menschen zugänglich ist, eingeschlossen jene, die normalerweise keine Bücher lesen. Es ist nicht als Umweltbuch gedacht, sondern als Buch über uns. Ich habe mich dazu entschlossen, ein sehr kurzes Buch zu schreiben, weil ich denke, so sollte ein Manifest aussehen: ein auf den Punkt gebrachtes Statement über eine Sache, die von allerhöchster Wichtigkeit ist.“

Auf knapp 200 Seiten zählt Stephen Emmott im Schnellverfahren die wichtigsten Probleme auf, denen sich die Menschheit in nächster Zukunft gegenübersieht und dazu gehören Überbevölkerung, Wassermangel, Klimawandel, Nahrungsmittelkrise, Artenschwund, Ressourcenknappheit. Zu jedem Thema präsentiert er kurz, knapp, fast schon stichwortartig die Fakten und zieht daraus die Schlussfolgerungen. Sie sind alles andere als beruhigend. Beispiel Ernährung:

“Wir stehen vor dem grundsätzlichen Problem, eine Möglichkeit zu finden, bis 2050 neun Milliarden von uns zu ernähren und dann zehn Milliarden in den Jahrzehnten danach. Wir können es teilweise lösen, indem wir die Nahrungsmittelverschwendung reduzieren oder sogar eliminieren. Aber auch das wird nicht ausreichen, um neun oder zehn Milliarden zu ernähren.“

Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt derzeit sogar noch stärker als die Weltbevölkerung und das ist Stephen Emmotts Ansicht nach drei Gründen zu verdanken: Je reicher wir werden, desto mehr essen wir. Je reicher wir werden, desto mehr essen wir aus bloßem Zeitvertrieb. Je reicher wir werden, desto mehr Fleisch essen wir. Das aber hat erhebliche Konsequenzen. Um all diese Fleischesser tatsächlich mit Geflügel, Schweinen, Rindern versorgen zu können, müssen erheblich mehr Futtermittel, vor allem Soja und Getreide angebaut werden.

Eine Tafel Schokolade verschlingt 27.000 Liter Wasser Dazu braucht man Kunstdünger und Pestizide sowie Ackergeräte und Transportmittel, also große Mengen zusätzlicher Energie, sprich Erdöl. Das wird bald knapp werden. Um neue landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen, müssen noch mehr Wälder als bisher gerodet werden. Die fallen damit als Wasserspeicher und Wasserfilter aus. Gleichzeitig muss ein immer größerer Teil der Äcker künstlich bewässert werden. Bereits heute verbraucht die Landwirtschaft 70 Prozent allen Trinkwassers, während gleichzeitig über eine Milliarde Menschen unter extremer Wasserknappheit leiden. Die Verhältnisse werden sich noch verschlimmern, so Emmott:

“Wir entnehmen Grundwasser in viel rascheren Ausmaß, als es wieder aufgefüllt wird. Das ist ziemlich überraschend, wenn man berücksichtigt, dass die Wasserreservoire sehr bedeutend sind. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die Grundwasserreserven schneller abnehmen, als sie ersetzt werden. Grundwasser wird vor allem für Bewässerung eingesetzt.“

Stephen Emmott rechnet vor, was das konkret bedeutet: In allen Produkten des täglichen Lebens steckt virtuelles Wasser, also Wasser, das für ihre Herstellung verbraucht wurde. Um ein Hähnchen zu erzeugen, werden 9.000 Liter Wasser benötigt, eine Tafel Schokolade verschlingt sogar 27.000 Liter Wasser und besonders pervers: um eine Plastikliterflasche für Wasser herzustellen, braucht man vier Liter Wasser. Schlussfolgert der Autor im Buch:

“Kurzum: Wir konsumieren Wasser genau wie Nahrungsmittel in einem Ausmaß, das völlig untragbar ist.“

Stephen Emmott hat in seinem Buch zahlreiche Studien verarbeitet, ohne dass er sie noch einmal ausdrücklich erwähnt oder per Zitat belegt. Es gibt keine Fußnoten, nur einige kommentierte, aus diversen Wissenschafts­veröffentlichungen übernommene Statistiken und eine Handvoll beeindruckender Fotos. Seine Aussagen mögen für diejenigen, die sich mit der Materie bereits auseinandergesetzt haben, nicht neu sein. Allerdings hat keiner bislang so drastische Rückschlüsse aus unserem verschwenderischen Lebensstil gezogen. Welches Thema er auch aufgreift, nirgends sieht er Anlass zu Optimismus. Das Artensterben, der Verlust der Biodiversität schreitet rasch voran. Der Klimawandel verstärkt sich rapide. Die Politik unternimmt nichts.

Unmissverständlicher Warnruf “Allem Anschein nach werden auf 20 Jahre der leeren Worte und des Nichtstuns weitere 20 Jahre der leeren Worte und des Nichtstuns folgen.“

Selbst die grünen Energietechnologien, die Erneuerbaren bieten für Stephen Emmott keine Lösung. Sie kommen zu spät, können den steigenden Energiebedarf nicht abdecken, ihre Herstellung erfordert mehr Metalle und Seltene Erden, als vorhanden sind. Atomenergie wäre für ihn eine Alternative. Doch auch hier passiert nichts.

“Ich würde sagen, es ist ein realistischer Ausblick auf die Zukunft, außer, wir unternehmen etwas dramatisch Anderes und verändern unser Verhalten. Dieser Pessimismus ist schon beabsichtigt. Es geht darum, die Situation, so wie sie ist, darzustellen. Das Problem ist: Sie ist im Hinblick auf den Ausblick tatsächlich sehr pessimistisch. Wir könnten das ändern, wenn wir wirklich die Beweise dafür berücksichtigten, was passiert, wenn wir versagen.“

So schlüssig Stephen Emmott argumentiert, so einleuchtend seine Schlussfolgerungen, so unmissverständlich sein Warnruf, seine Brandschrift wird wie so viele vor ihr vermutlich ungehört verhallen. 

Es sei denn, wir würden unser Verhalten tatsächlich radikal verändern. 

Das aber steht nicht zu erwarten. ##

 


 

Ein Notfall planetarischen Ausmaßes

Von Thomas Palzer      SACHBUCH 

deutschlandfunk  sachbuch-ein-notfall-planetarischen-ausmasses 

 

Stephen Emmott: "Egal, aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet: Ein Planet mit zehn Milliarden Menschen wird der reinste Alptraum sein."

Der Brite Stephen Emmott, 1960 geboren, ist Klimaforscher, Oxford-Professor für Computerwissenschaften und Leiter eines Microsoft-Labors. 2012 gelang ihm mit seinem Bühnenstück "Ten Billion" (Zehn Milliarden) ein Sensationserfolg in London. 

In seinem gleichnamigen Buch zeichnet er ein düsteres Bild der Zukunft des Menschen: Emmott glaubt, dass die Erde und ihre Bewohner nicht zu retten sind.

Zehn Milliarden Menschen werden vermutlich am Ende dieses Jahrhunderts auf der Erde leben - vor 50 Jahren waren es noch drei Milliarden. Dazwischen befinden wir uns in der Gegenwart und produzieren in zwölf Monaten mehr Ruß als im gesamten Mittelalter.

"Millionen von Arten leben auf unserer Erde", steht auf Seite 8 von Stephen Emmotts Sachbuch-Schocker "Zehn Milliarden". Auf der Seite daneben steht: "Nur eine beherrscht sie. Wir."

Stephen Emmott hat sein Buch, das auf dem gleichnamigen erfolgreichen Theaterstück basiert, ein bisschen wie eine Power-Point-Präsentation angelegt. Manchmal steht auf einer Seite nur ein einziger Satz oder es stehen dort deren zwei. Und darauf folgt dann auf einer Doppelseite ein Foto, welches das gerade Gesagte mit mehr als tausend ungedruckt gebliebenen Worten unterstreicht. Zum Beispiel eine Reifendeponie bei Stockton, Kalifornien. Sieht aus wie auf dem Mars. Oder Emmott präsentiert uns ein Diagramm, das eindrücklich zeigt, dass wir uns auf direktem Weg in den Abgrund befinden. Haben wir noch eine Zukunft?

9.000 Liter Wasser für einen Schlafanzug

"27.000 Liter Wasser werden ungefähr benötigt, um ein Kilo Schokolade herzustellen. Das sind ungefähr 2.700 Liter pro Tafel. Daran sollten sie denken, wenn Sie es sich das nächste Mal im Schlafanzug auf dem Sofa gemütlich machen und Schokolade futtern. Aber auch in puncto Schlafanzug habe ich schlechte Nachrichten für Sie: So leid es mir tut, aber zur Herstellung Ihres Baumwollschlafanzugs waren ebenfalls 9.000 Liter Wasser notwendig ... Wir konsumieren Wasser genau wie Nahrungsmittel in einem Ausmaß, das völlig untragbar ist."

Wissen wirkt nicht nur rekursiv, es kann durch die Prognosen, die sich davon ableiten, falsifiziert und als nur vermeintliches Wissen entlarvt werden. Wenn man uns sagt, dass jede dritte Ehe geschieden wird, erhöht sich unsere Bereitschaft, sich scheiden zu lassen. Warnungen warnen uns also nicht nur, sie können sogar im Gegenteil dazu beitragen, dass wir uns in trügerischer Sicherheit wiegen. Wir lassen uns gewissermaßen vorsorglich scheiden.

Wenn wir nun wissen, dass manche der Katastrophen, die der Welt von so unterschiedlichen Akteuren wie dem Schriftsteller George Orwell, der WHO oder der Bundesregierung in ihrem Waldschadensbericht vorhergesagt wurden, nicht oder nur in erheblich verkleinertem Maßstab eingetroffen sind, so mag sich unsere Skepsis gegenüber Weltuntergangsszenarien insgesamt erhöhen. 

Aids, Waldsterben und BSE sind in unterschiedlichem Maß, aber stets als letztlich katastrophal eingestuft worden, doch hat sich zum Glück keine der Prognosen als wirklich zutreffend erwiesen. Auf jeden Fall bis jetzt. Zudem verstärkt der andauernde Alarmismus bestimmter politischer Kräfte die Abwehrhaltung.

Sollte die Welt bei Beibehaltung ihres Kurses also tatsächlich auf ein nahes Ende zusteuern, stehen die Chancen schon aus den angeführten Gründen schlecht, dass wir uns noch rechtzeitig auf eine Korrektur besinnen und das Ruder herumreißen. Wir sind des allenthalben verkündeten und prophezeiten Untergangs einfach müde geworden. Hundemüde. Wir sind enttäuscht von einem Wissen, dem wir vertraut haben und von dem wir regelmäßig enttäuscht worden sind. Der Weltuntergang hat einfach noch nicht stattgefunden.

Wir glauben nicht mehr an ihn.

"Dies ist ein Buch über uns. Es ist ein Buch über Sie, Ihre Kinder, Ihre Eltern, Ihre Freunde. Es geht um jeden Einzelnen von uns. Und um unser Versagen. Unser Versagen als Individuen, das Versagen der Wirtschaft und das unserer Politiker. Es geht um den beispiellosen Notfall planetarischen Ausmaßes, den wir selbst geschaffen haben. Es geht um unsere Zukunft."

Emmott sieht schwarz

Der Autor Stephen Emmott scheint sich des Problems der Rekursivität von Wissen im Hinblick auf Prognose und Frustration bewusst zu sein. Er hat ein dramatisches Buch mit dem unheilvollen Titel <10 Milliarden> geschrieben, an dessen Ende er verkündet, dass er glaube, dass wir nicht mehr zu retten seien.

Stärker kann eine Dosis eigentlich nicht sein, die man verabreicht, um wachzurütteln. Sie ist maximal, denn sie basiert auf der Schocktherapie. Der Arzt Emmott, der sie verschreibt, rechnet nicht mit dem Fortbestand der Menschheit, aber weil er sich von realen Ärzten unterscheidet, die stets sicher sind, dass wir sterben, wenn sie sagen, dass wir sterben, besitzt dieser Arzt noch einen Funken unausgesprochener und verheimlichter Hoffnung.

Paradoxe Intervention nennt sich das. Insgeheim glaubt er, dass wir es, wenn es ihm nur gelingt, uns wachzurütteln, doch schaffen könnten. Deshalb hat er dieses verheerende Buch geschrieben. Womöglich ist er Vater einer Tochter oder eines Sohnes, und es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als den Fortbestand seiner Gene auf diese Weise sichern zu wollen. Aber genau das ist das Hauptproblem, wie wir sehen werden.

"Ich habe einem der nüchternsten und klügsten Forscher, die mir jemals begegnet sind, einem jungen Kerl aus meinem Labor, der sich weiß Gott in diesen Dingen auskennt, die folgende Frage gestellt: Wenn er angesichts der Situation, mit der wir derzeit konfrontiert sind, nur eine einzige Sache tun könnte, was wäre das? Was würde er tun? Wissen Sie, was er geantwortet hat? Ich würde meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht."

Emmott will mit seinem Buch schockieren, und das gelingt ihm. Und zwar ausschließlich mit wissenschaftlich gesicherten Fakten. Mit schlichten Extrapolationen. Mit nahezu gesichertem Wissen. 

Wer das Buch gelesen hat – und das beansprucht nicht mehr als eine Stunde Lebenszeit -, dem wird, was unsere Zukunft anbelangt, schwarz vor Augen geworden sein.

"Zwischen 1900 und 2012 wurden weltweit insgesamt etwa 2,6 Milliarden Autos (Pkws, Busse, Lkws und andere Nutzfahrzeuge) produziert. Bis 2050 werden vermutlich weitere vier Milliarden Fahrzeuge die Fabriken verlassen."

 

Zehn Milliarden Menschen werden wohl nicht Auto fahren können

Ist uns bewusst, dass die Herstellung eines einzigen Autos ein wahres Vermögen verschlingt, keineswegs nur die läppischen 12.000 Euro, die man beim Händler im Schnitt dafür haben will. Um ein Auto herzustellen, benötigt man Eisenerz, das gefördert und dorthin befördert werden muss, wo daraus Stahl hergestellt werden kann. Der Stahl muss zu einem Autowerk transportiert werden. Auch die Reifen wachsen nicht auf Bäumen, sondern werden aus Kautschuk produziert, welches nicht dort wächst, wo man Reifen daraus macht. Muss also auf Kosten von Energie transportiert werden. Und der Kunststoff des Armaturenbretts beginnt als Öl in der Erde, das Leder der Sitzpolster als Tier, die ihrerseits Wasser und Futter brauchen. Das Blei in der Batterie kommt auch von irgendwo her. 

Man sieht leicht: Zehn Milliarden Menschen in Zukunft werden kaum alle Auto fahren können. Wenn unsere Fabriken aber trotzdem zehn Milliarden Autos hergestellt haben sollten, wird es uns nicht mehr geben.

Dankenswerterweise geht Emmott kurz darauf ein, was in den Medien Prominente gern anraten, wenn es darum geht, wie man unsere Lage verbessern könnte. Etwa, indem man das Ladegerät aus der Steckdose zieht, wenn das Handy aufgeladen ist; oder, indem man unter der Dusche pinkelt, statt die Toilettenspülung zu benutzen; oder, indem man zwei Blatt Toilettenpapier benutzt statt drei.

"Egal, aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet: Ein Planet mit zehn Milliarden Menschen wird der reinste Alptraum sein."

Es gibt nur eine Lösung für den Riesenschlamassel, in dem wir bis zum Hals stecken, das lässt sich nach der Lektüre von Emmotts Sachbuch-Schocker mit einem Satz sagen: Wir brauchen weltweit eine Kein-Kind-Politik. 

Sonst sind wir am Ende des Jahrhunderts nicht 10 Milliarden, sondern 28 Milliarden. Und dann müsste man wahrscheinlich wirklich lernen, mit einem Gewehr umzugehen. #

 


"Wir sind erledigt"

Von Gerhard Klas  

Deutschlandfunk – Andruck - Das Magazin für Politische Literatur  


09.09.2013  :
deutschlandfunk.de  wir-sind-erledigt 

 

Der Klimawandel sei längst im Gange, die Menschheit treibe die globalen Probleme selbst voran, meint der Autor Stephen Emmott. Er untermauert in seinem aktuellen Buch seine Thesen mit zahlreichen Fakten. Ein zugespitzter Weckruf, der wachrüttelt.

Die Aussagen von Stephen Emmott sind knapp, prägnant, eindeutig. Die Menschheit steht vor dem Abgrund. So könnte man das mit Bildern und Diagrammen reich illustrierte Buch zusammenfassen: Smog in Hongkong, Berge von Autoleichen, durch Bergbau vernarbte Erdoberfläche, brennende Reifenhalden. All das erinnert an Apokalypse. Keine göttliche, sondern eine von Menschen gemachte, wie Stephen Emmott nicht müde wird zu betonen.

"In <Zehn Milliarden> geht es um uns. Es geht darum, wie wir all unsere globalen Probleme selbst vorantreiben. Darum, wie jedes dieser Probleme drängender wird, indem wir einfach weitermachen und wachsen."

Mit zahlreichen Daten und Fakten untermauert Stephen Emmott seine These: Bisher sind weltweit 2,6 Milliarden Autos produziert worden, bis 2050 werden – geht es nach den Prognosen der Internationalen Automobilherstellervereinigung – weitere vier Milliarden vom Band rollen. Allein seit 2005 ist der Kohleverbrauch – ebenso wie der motorisierte Verkehr eine der Hauptquellen der weltweiten CO²-Emissionen – um ein Drittel gestiegen. Das Ziel der internationalen Staatengemeinschaft, dafür zu sorgen, dass sich das Klima maximal um zwei Grad erwärmen soll, kann schon gar nicht mehr gehalten werden. Davon ist Emmott überzeugt. Vier bis sechs Grad seien realistisch. Mit unabsehbaren Folgen. Aber schon jetzt steht fest: Die Häufigkeit extremer Wetterereignisse hat durch die Klimaerwärmung in den vergangenen Jahren bereits drastisch zugenommen, wie Stephen Emmott anhand verschiedener Datenquellen belegt. 

Seine kurzen Rundumschläge stellen Zusammenhänge her, die in der Medienberichterstattung höchstens am Rande zur Sprache kommen.

"Während der russischen Hitzewelle 2010 verhängte der Kreml ein Exportverbot für Getreide; Chaos an den Rohstoffmärkten und ein beispielloser Anstieg der Preise von Grundnahrungsmitteln waren die Folgen. Im Anschluss kam es in Asien und Afrika zu Hungerrevolten - Unruhen, aus denen die Aufstände hervorgingen, die wir heute unter dem Namen "Arabischer Frühling" kennen."

Bisweilen reduziert Stephen Emmott multiple Ursachen gesellschaftlicher Entwicklungen. Auch seine Quellen haben unterschiedliche Aussagekraft: Sie reichen von seriösen Wissenschaftsinstituten bis hin zu Lobbyorganisationen der Wirtschaft. An einigen Stellen erweckt er den Eindruck, als suche er sich die passenden Zahlen aus einem Potpourri zusammen. Aber die Trends, die er skizziert, sind dennoch nicht von der Hand zu weisen: Zum Beispiel, dass das Auftauen der Permafrostböden in Alaska und Sibirien weitere fossile Energiequellen und Rohstoffe zugänglich machen wird. Das wird die Anreicherung der Atmosphäre mit Treibhausgasen wiederum beschleunigen.

"Unsere vorhandenen Erdöl-, Kohle- und Gasreserven sind mehrere Billionen Dollar wert. Werden unsere Regierungen und die großen Öl-, Kohle- und Gasfirmen dieser Welt – die zu den einflussreichsten Konzernen überhaupt gehören – sich wirklich dafür entscheiden, das Geld einfach im Boden liegen zu lassen, während die Nachfrage nach Energie unaufhörlich steigt? Ich bezweifle es."

Stephen Emmott deutet hier zwar an, dass ein System, das gesellschaftlichen Fortschritt mit Profitmaximierung gleichsetzt, nicht dazu geeignet ist, die anstehenden Probleme zu lösen. Auch kritisiert er, dass die externen Kostenfaktoren – sprich die Umweltschäden, die durch industrielle Produktionen entstehen – den Unternehmen nicht in Rechnung gestellt werden und die wohlfeilen Selbstverpflichtungserklärungen der Konzerne kaum das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. 

Aber eine explizite Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise ist nicht die Sache von Stephen Emmott. Stattdessen bemüht er immer wieder die These von der Überbevölkerung.

"Wir können unserem Planeten nichts Schlimmeres antun, als weiterhin so viele Kinder zu bekommen, wie wir es gegenwärtig im globalen Durchschnitt tun. ( ... ) Nur ein Schwachkopf würde leugnen, dass nicht unendlich viele Menschen auf diesem Planeten leben können. Die Frage ist nur, wo die Grenze liegt: bei sieben Milliarden (also der aktuellen Weltbevölkerung)? Bei zehn Milliarden? Bei 28 Milliarden? Ich glaube, wir haben diese Grenze bereits überschritten, und zwar deutlich."

Stephen Emmott lässt bei der Frage - wie viel kann man diesem Planeten zumuten - gravierende Faktoren aus: Der Ressourcen- und Energieverbrauch pro Kopf ist sehr unterschiedlich: Ein US-Amerikaner verbraucht mehr als zehn Mal so viel Energie wie ein Inder. Und die Tatsache, dass zum Beispiel in China Unterhaltungselektronik – von Hifi bis Smartphone – für den Konsum in Japan, den USA und der EU produziert wird, relativiert die absoluten Zahlen des bevölkerungsreichsten Landes in Bezug auf den ökologischen Fußabdruck zusätzlich.

Immerhin richtet Stephen Emmott seinen Aufruf zum Konsumverzicht am Ende des Buches nicht an die arme Bevölkerung des globalen Südens, die zur Verwüstung des Planeten bisher wenig beigetragen hat.

"An dieser Stelle sollte man darauf hinweisen, dass mit "wir" diejenigen gemeint sind, die im Westen und Norden unseres Planeten leben. Es gibt nämlich anderswo drei Milliarden Menschen, für die es derzeit lebenswichtig wäre, mehr zu konsumieren, vor allem mehr Wasser, Nahrungsmittel und mehr Energie."

Unsere Lebens- und Produktionsweise stellt Stephen Emmott - wie bereits erwähnt - nicht grundsätzlich infrage. So ist es auch nur folgerichtig, dass er ausgerechnet der Atomenergie eine unverzichtbare Rolle als Übergangstechnologie zuweist. Gegenüber neuen Technologien ist er jedoch skeptisch.

"Wir haben die Möglichkeit, etwas an unserer Lage zu ändern. Wahrscheinlich nicht mithilfe neuer Technologien, sondern indem wir unser Verhalten radikal ändern."

Die radikalen Veränderungen bleiben bei Stephen Emmott weitgehend abstrakt, nicht viel mehr als Schlagworte.

Ganz anders als seine Zustandsbeschreibung der Welt, die sehr konkret und ungeschminkt daherkommt. Sie bietet einen zugespitzten Überblick und will zu Recht wach rütteln. Jedoch lässt der Weckruf Leserinnen und Leser etwas ratlos zurück. Ganz wie Stephen Emmott.

"Ich bin nicht optimistisch was die Zukunft anbelangt, wenn ich ehrlich bin. Wissenschaftler legen sich bei den großen Fragen ungern fest, aber ich glaube, es ist Zeit, dass Wissenschaftler Stellung beziehen. Und ich persönlich glaube: Wir sind erledigt."

Dieses "Wir" bedarf einer weiteren Präzision: Die heute beruflich und politisch aktive Generation wird allenfalls einen Vorgeschmack bekommen. Die Suppe auslöffeln müssen die nächsten Generationen. #

 


 

Das Buch wird sicher bejahend und nickend zur Kenntnis genommen

und dann machen wirklich alle weiter wie immer.

Im RBB von Gerrit Bartels, kulturradio, Di, 22.10.2013      kulturradio.de rezensionen buch 2013 stephen-emmott-zehn-milliarden

auch:  Wir sind verloren #  27.10.2013  von Gerrit Bartels  #  tagesspiegel.de/kultur/wir-sind-verloren/8989580.html 

 

Ob Sätze, die ganz allein auf einer Seite stehen, größere Wirkkraft entfalten als solche in einem herkömmlichen Fließtextverbund? Zum Beispiel ein Satz wie "Millionen von Arten leben auf unserer Erde.", der auf einer linken Seite steht und dann auf der nebenstehenden mit einem anderen korrespondiert: "Nur eine beherrscht sie. Wir." Oder: "Unser Wasserproblem wird unweigerlich sehr unangenehme Folgen für die Landwirtschaft, unsere Gesundheit und die Ökosysteme haben." 

Ein Weckruf

Stephen Emmott, britischer Klimaforscher, Oxford-Professor und wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors, hat sich ganz bewusst dafür entschieden, in seinem Buch 10 Milliarden nur mit wenigen Worten und Sätzen zu operieren. (und dazu mit beeindruckenden Fotos und ein paar Diagrammen) Er will schockieren, er will seine Leser aus ihrer Lethargie reißen. Denn er ist überzeugt, dass "wir die Situation, in der wir uns jetzt befinden mit Fug und Recht einen Notfall nennen können – einen beispiellosen Notfall planetarischen Ausmaßes." Deshalb ist sein Buch betont alarmistisch gehalten, es soll ein Weckruf sein, inklusive des plakativen Titels. Die drängendsten Probleme

10 Milliarden Menschen wird die Weltbevölkerung aller Voraussicht nach spätestens Ende dieses Jahrhunderts betragen, im Vergleich zu den sieben Milliarden, die es jetzt sind, und den erst drei Milliarden, die es vor 50 Jahren waren. Von dieser Zahl ausgehend buchstabiert Emmott dann die drängendsten Probleme des Planeten durch: Immer mehr Menschen auf der Erde benötigen immer mehr Wasser und immer mehr Nahrung, und dieses Wasser und diese Nahrung müssen irgendwo herkommen. Was zum Beispiel zur Folge hat, dass noch mehr Anbauflächen benötigt werden und noch mehr Wald diesen landwirtschaftlich genutzten Flächen zum Opfer fällt. Und dass auch der Wasserverbrauch weiter steigt, denn, so Emmott: "Erschütternderweise werden 70 Prozent des auf der Erde verfügbaren Trinkwassers für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen verwendet." Fakten über Fakten

Das Wasser und die Nahrung müssen natürlich transportiert werden, und auch die vielen Millionen und Milliarden Menschen mehr wollen sich in der Welt bewegen, weshalb der Güter- und Personenverkehr weiter zunehmen wird, was wiederum im Verbund mit der erhöhten Nahrungsmittelproduktion die Treibhausgasemissionen verstärkt und den Klimawandel beschleunigt. Und immer so weiter – ein schlechtes führt zum schlechten anderen. Emmott scheut sich dabei nicht, sich zu wiederholen.

Jeder seiner Sätze soll treffen, soll nachhaltige Wirkung entfalten, so wie es Emmott schon einmal am Theater erfolgreich durchexerziert hat: Das Buch <10 Milliarden> basiert auf dem Theaterstück <10 Billion>, das der Wissenschaftler vergangenes Jahr am <Royal Court Theatre> in London zur Aufführung brachte und nach der Premiere ständig ausverkauft war. Darin rezitierte Emmott nichts anderes als Fakten über Fakten zur Katastrophe des Planeten Fakten, die nun auch in seinem Buch zuhauf zu finden sind. Zum Beispiel, dass für die Produktion eines Baumwollschlafanzugs 9000 Liter Wasser benötigt werden; für die einer Tasse Kaffee, bevor sie gekocht wird, sage und schreibe 100 Liter Wasser; und für die Herstellung einer 1-Liter-Plastikflasche (in die dann ein Liter Wasser kommt) auch schon vier Liter Wasser. Will heißen: "Wir konsumieren Wasser genau wie Nahrungsmittel in einem Ausmaß, das völlig untragbar ist."

Man muss diesen Zahlen, so wie sie dastehen, einfach glauben. Das ist ein Problem dieses Buches, und im britischen <Guardian> ist Emmott auch schon eine Reihe von Fehlern nachgewiesen und überhaupt unwissenschaftliches Arbeiten vorgeworfen worden, nicht zuletzt weil er sich bei zahlreichen anderen Publikationen bedient hat. Andererseits sind Klimawandel und Treibhauseffekt inzwischen unbestreitbare Tatsachen, das Bevölkerungswachstum, das Artensterben, der absehbare Wassermangel, das Nutzbarmachen von immer mehr Landoberfläche des Planeten und nicht zuletzt das damit im Zusammenhang stehenden "Land Grabbing" inklusive der Spekulation damit. Insofern darf man Emmott schon vertrauen.

Problematischer wird es, wenn Emmott auch neuen Arten von Energiegewinnung wie Solar- oder Windkraftenergie keinen großen Wert beimisst. 

Und er überhaupt nur wenig Lösungsansätze zum Abwenden der Katastrophe anzubieten hat. Die Politik ist für ihn ein Teil des Problems, nicht der Lösung, was nach unzähligen Klimagipfeln und anderen Treffen nachzuvollziehen ist. Und dann fordert Emmott: "Wir müssen unseren Konsum reduzieren. Deutlich." Und auch mit den Ressourcen der Welt sollen wir viel sparsamer umgehen. Mit dem "Wir" meint er die westliche Welt, die Bewohner der Nordhalbkugel. Denn andererseits gibt es "anderswo drei Milliarden Menschen, für die es derzeit lebenswichtig wäre, mehr zu konsumieren, vor allem mehr Wasser, mehr Nahrungsmittel und mehr Energie." Provokant, aber wirkungslos

Da steckt natürlich ein Widerspruch drin, beides lässt sich nicht ohne weiteres auseinanderdividieren; und Konsumreduktion und Ressourcenschonung ist natürlich schön und gut gesagt, auch, dass wir "irgendetwas Radikales tun" müssen. Bloß was soll das, wenn Emmott doch so sicher um die Vergeblichkeit solcher Appelle weiß? "Ich glaube, alles wird einfach so weitergehen wie bisher. Business as usual." Und: "Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten." Tja, könnte man sagen, dann mal los, dem Untergang entgegen, der kommt unweigerlich. Stephen Emmott will natürlich provozieren. Es scheint für ihn zwar fünf nach zwölf zu sein, doch die Hoffnung auf vielleicht tatsächlich radikale Kehrtwenden hat er – sonst hätte er dieses Buch gar nicht geschrieben; aber, dafür muss man kein Prophet sein.

"10 Milliarden" wird sicher bejahend und nickend zur Kenntnis genommen – und dann machen wirklich alle weiter wie immer. ##


 


 

Irgendetwas Radikales   

Von Eckart Löhr  Über Stephen Emmotts Untersuchung <Zehn Milliarden> 

literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18484  

Stephen Emmott, wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors und in dieser Position verantwortlich für Forschungsprojekte auf dem Gebiet der rechnergestützten Naturwissenschaften, legt in „Zehn Milliarden“ auf circa 200 Seiten die bloßen Fakten zur derzeitigen ökologischen Situation unseres Planeten dar. Herausgekommen ist dabei ein Kompendium der Umweltzerstörung – und wenn das Buch überhaupt einen Mehrwert hat, dann ist er wohl hier zu finden.

Allerdings lassen sich die meisten Zahlen und Graphiken problemlos auch im Internet recherchieren und so wirkt das Ganze ein wenig wie eine Wikipedia-Copy-And-Paste Veröffentlichung. Da er neben der Präsentation seiner Daten völlig auf weitergehende Analysen oder theoretische Betrachtungen verzichtet, war es wohl seine Absicht, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Das wird ihm möglicherweise auch gelingen und dagegen ist ja erst mal nichts einzuwenden.

Was sich dagegen einwenden lässt, ist die Tatsache, dass bereits die Prämisse, von der Emmott ausgeht, falsch ist.

Seine zentrale These, die ja bereits durch den Titel des Buches impliziert wird, lautet nämlich, dass der Hauptgrund für die derzeitige globale ökologische Krise im zunehmenden Bevölkerungs­wachstum zu sehen ist.

Das aber ist aus zwei Gründen falsch.

Zum einen sind es gerade nicht die bevölkerungsstärksten Länder wie China und Indien oder das bevölkerungsreiche Afrika, die maßgeblich für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verantwortlich sind, sondern in erster Linie der Westen – dessen Bevölkerungswachstum stagniert und zum Teil sogar rückläufig ist –, sprich die USA und Europa. Unser Konsum und damit verbunden unser Energieverbrauch und wiederum damit verbunden unsere Kohlendioxidemissionen, verursacht durch das Verbrennen fossiler Stoffe, liegen um ein Vielfaches höher, als in den genannten Ländern. Der richtige Titel müsste demnach vielmehr „1 Milliarde” heißen, denn das entspräche in etwa der Bevölkerung Amerikas und Europas.

Damit soll nicht gesagt sein, das Bevölkerungswachstum stelle kein Problem dar. Es ist ein Problem! Es aber ins Zentrum der Betrachtungen zu rücken, lenkt von der Verantwortung ab, die zuallererst bei uns liegt. Es wäre vielmehr die Aufgabe des Autors gewesen, zu zeigen, dass wir durch eine drastische Verringerung der Produktion auf allen Gebieten den Schwellenländern die Möglichkeit zur nachholenden Modernisierung (die ohnehin unvermeidbar ist) geben müssen und damit verbunden ist die Verpflichtung, ihnen dafür unsere Umwelttechnik kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Wenn Emmott am Ende des Buches schreibt, dass wir unseren Konsum reduzieren müssen und in einem Satz betont, dass mit „wir“ „diejenigen gemeint sind, die im Westen und Norden unseres Planeten leben“, zeigt das immerhin ein gewisses Verständnis für die Problematik. Leider hat er es versäumt, dieser Erkenntnis in seinem Buch Ausdruck zu verschaffen.

Ein weiteres Manko ist die Tatsache, dass der an der Universität Oxford lehrende Professor für wissenschaftliches Rechnen und Bioinformatik von falschen Zahlen und Prognosen ausgeht, wenn er etwa schreibt, dass wir am Ende dieses Jahrhunderts nicht zehn, sondern möglicherweise 28 Milliarden Menschen sein werden. Rein rechnerisch mag diese Zahl richtig sein, aber lange vorher werden einige Faktoren dafür sorgen, dass dieser Fall nicht eintritt.

So kommt Jorgen Randers, verantwortlich für den „Neuen Bericht an den Club of Rome“, der eine globale Prognose für die nächsten vierzig Jahre darstellt, zu einem völlig anderen Ergebnis. Seine Analyse zeigt, dass die Weltbevölkerung „in den frühen 2040er-Jahren einen Höchststand von etwa 8,1 Milliarden Menschen erreicht. Danach wird die Weltbevölkerung immer schneller sinken. […] Die meisten Menschen leben dann in einer urbanen Umwelt und unter Bedingungen, die eine große Kinderzahl nicht als Vorteil erscheinen lassen.“

Richtig ärgerlich wird es dann aber auf Seite 164. Dort schreibt Emmott doch allen Ernstes, dass „allein die Kernkraft unser Energieproblem lösen [könnte]“. Anschließend fügt er beinahe enttäuscht hinzu, dass der weltweite Ausbau der Kernenergie wohl nicht stattfinden wird, da „sie so teuer und bei der Bevölkerung unbeliebt [Hervorhebung durch den Rezensenten] ist.“

Kein Wort zur Problematik der Endlagerung abgebrannter Brennelemente, kein Wort zu Tschernobyl und – man fasst es kaum – kein Wort zum mehrfachen Super-GAU in Fukushima, dessen zerstörte Reaktorblöcke auch nach zwei Jahren noch nicht unter Kontrolle sind.

Noch dazu erwähnt der Autor mit keinem Wort, dass unsere angebliche Energiekrise in Wahrheit eine Konsumkrise ist und nur auf dieser Ebene gelöst werden kann, was nichts anderes bedeuten würde, als das kapitalistische Wirtschaftssystem in Frage zu stellen. 

Diese Kritik sucht man in Emmotts Buch allerdings vergeblich.

Und was soll man eigentlich von einem Autor halten, der am Ende seines Buches vorschlägt „irgendetwas Radikales [zu] tun“, ohne zu sagen, was er damit meint? Aber vielleicht bedeutet „irgendetwas Radikales“ ja seine indirekte Aufforderung sich zu bewaffnen, denn so endet dieses Buch: „Ich habe einem […] Forscher die folgende Frage gestellt: Wenn er angesichts der Situation, mit der wir derzeit konfrontiert sind, nur eine einzige Sache tun könnte, was wäre das?“ Die Antwort: „Ich würde meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht.“

Es ist schade, dass Emmott durch eine falsche These, schlechte Recherche, unzulängliche Analyse und mangelnder Lösungsvorschläge die Chance vergeben hat, ein allgemein­verständliches Buch zu schreiben, das wirklich in der Lage wäre, die Leserinnen und Leser aufzurütteln. So bleibt nur das nüchterne Fazit des Autors „Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten“. Im englischen Original heißt das übrigens noch etwas konkreter „I think we´re fucked“.

Allerdings ist es weder angebracht, noch besonders förderlich ein so hoffnungsloses Fazit zu ziehen, denn damit ignoriert der Autor zum einen die vielen positiven Entwicklungen, die weltweit zu beobachten sind und zum anderen unterschätzt er die Fähigkeit des Menschen sein Denken und Handeln radikal zu verändern, wenn es darauf ankommt. 

So stellt dieses Buch einen guten Vorwand dar, nichts gegen die sich abzeichnende Katastrophe zu tun, da ja ohnehin alles vergeblich wäre.

Mit etwas gutem Willen könnte man dieses Buch vielleicht noch als den Versuch einer paradoxen Intervention verstehen. 
In Anbetracht einer Vielzahl hervorragender Veröffentlichungen zu diesem Thema kann man es aber auch einfach nur überflüssig finden. #

 


 

ASPEKTE  11.10.2013    Am Abgrund   Das aufrüttelnde Manifest " Zehn Milliarden"     zdf.de/aspekte/am-abgrund-30138964.html 

Angenommen, wir wüssten, dass ein Asteroid auf die Erde zurast, der den größten Teil allen Lebens zu vernichten droht. Würden die Menschheit nicht alle verfügbaren Mittel einsetzen, um dieses Schicksal abzuwenden? Würden unsere Regierungen nicht in hektische Aktivität ausbrechen? Und würden unsere Wissenschaftler nicht alles daran setzen, eine Strategie zum Überleben unserer Spezies zu finden? Kein Zweifel.

Tatsächlich befinden wir uns in einer solchen Situation. Es gibt nur keinen Asteroiden. Das Problem sind wir. Am Ende dieses Jahrhunderts werden wir zehn Milliarden Menschen auf der Erde sein. Doch schon heute nutzen wir alle verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen unseres Planeten. Unser Bedarf an Nahrungsmitteln aber wird sich allein bis 2050 verdoppeln. "Notfall planetarischen Ausmaßes" ---  Wie das gehen soll? "Gar nicht", sagt Stephen Emmott, Professor für rechnergestützte Naturwissenschaften in Cambridge und Leiter eines Microsoft-Labors.

Emmott ist sich sicher: "Wir stehen vor einem beispiellosen Notfall planetarischen Ausmaßes". Bevölkerungsexplosion, Klimaerwärmung, Artensterben, Wasserknappheit. Aber wir tun so, als ließe sich das lösen, wenn wir nur artig unseren Müll trennen und ab und an mal den Bus nehmen, statt mit dem eigenen PKW zu fahren. Mit "Zehn Milliarden" hat Emmott ein aufrüttelndes Manifest gegen das Verdrängen geschrieben.

Als Naturwissenschaftler vertraut er auf die nackten Zahlen. Und die lassen nur einen Schluss zu: Wir haben bereits verspielt. Um es mit Dante zu sagen: "Lasst, die ihr das liest, alle Hoffnung fahren!"

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Buchlesegedanken von detopia-2017:

 

 

Was soll man dazu noch weiter sagen? Was soll 'unsereiner' dazu beitragen? Was soll 'Der kleine Mann' dazu sagen? Der Steuerzahler? Der Verbraucher? Der Konsument? Der (GEZ-) Gebührenzahler? Der Arbeit-NEHMER?

Emmott ist verdienstvoll. Sein Buch ist verdienstvoll. Es ist nötig. Man muss solange neue Bücher versuchen, bis einem nichts mehr einfällt, wie man das gleiche noch anders predigen/aufbereiten könnte.

Es war von Anfang an klar, dass es einmal vorbei ist – sogar war klar, dass vorfristig und selbstverschuldet ('selbstgewollt' sagen manche, etwa Horstmann).

Die frühe Christen wussten es, und nicht nur sie. "Und wir können sagen, wir seien dabei gewesen." (G. Fuller)

Die ersten Tageszeitungen vor 200 Jahren zersplitterten schon die Aufmerksamkeit, lenkten sie auf 'Ereignisse'/Spektakel; und verdrängen bis heute das gute Buch, das Autorenbuch, das Sachbuch. (Und wenn wir hier konsequent sein wollten, dann müssten wir sogar das gute Buch selbst anklagen; nämlich, weil es zu viele von ihnen gibt: Millionen.)

Heute: Fernsehsender wie Sand am Meer. Webseiten wie Sand im Meer. Kinofilme, Oper, Theater, Radiosender, Zeitschriften, Youtube, Spiele, Fotos. Und: Jährlich 100.000 neue Bücher.

Ja.

So ist die Lage.

Man dringt nicht mehr durch. Niemand erreicht die Ohren (der Masse, ja: der Massen).

Und selbst wenn: Meine These für diesen Fall lautet: Auch das würde nichts (ver-) ändern. 

Die Menschen können nicht anders (sein) als so wie immer. Sie können nicht neu denken. Ich kenne nur wenige, die das überhaupt jemals auch nur versucht haben.

Es hat sich ja bis heute auch keine utopische Partei gegründet. Jedenfalls ist mir keine aus Deutschland in den letzten hundert Jahren bekannt. Landauer hat bisl was versucht. Und viele Einzelpersonen haben mehr auf die Beine gestellt als (nur) Bücher zu schreiben.

"Partei" kann auch ein Verein sein, sogar ein nur informeller. Aber ich will auf folgendes hinaus: Es gibt seit 100 Jahren nicht genügend Leute dafür. Mitglieder. Gründungs­mitglieder. Klages war 1913 alleine. Und seit 100 Jahren finden sich keine 20 Leute in Deutschland, die sich auf 10 utopische Punkte einigen und diese unterschreiben.

Man mag die die 12 Artikel des sozialistischen Bundes von 1907 entgegenhalten. Aber: Wo waren die Nachfolger? Diejenigen, die nachrückten, wenn die Alten verstarben?

Das wäre doch toll, wenn der Landauers Sozialistische Bund durchgehend bis heute exisitierte. 

Der Leser wird mir wütend entgegenhalten, dass ja eben gerade "die Reaktion" die Guten ermordet habe. Und erst der Hitlerfaschismus; der sowieso.

Vielleicht widerlegt der Leser meine These. Das muss jetzt und hier nicht geklärt werden. 

In den letzten 40 Jahren seit der Gründung der Grünen Partei steht es jedenfalls fest: Man findet keine 20 Leute in Deutschland, die ein detopisches Manifest unterschreiben würden.

Ein detopisches Manifest ist eines, das dem Jahr 3000 verpflichtet ist, also der Abschaffung aller Ursachen für ein früheres Dahinscheiden des Menschengeschlechtes.

Oder in anderen Worten: Etwas, was Emmott in sein Buch hineinschreiben müsste (und sicher gerne hätte). Er zählt die Probleme auf (und die Krisen und die Trends). Und Stephen Emmott reckt den Hals, um zu erspähen: "Was also können wir überhaupt noch tun?" (Seite 156). 

Und da wäre es doch schön, wenn er als dritte Möglichkeit Detopia erwähnen könnte, auch wenn nur mit der Vor- und Nachbemerkung: Alles nur graue utopische Theorie.

"Oder wir ändern unser Verhalten, und zwar radikal." (Seite 157).

"Wenn wir eine eine globale Katastrophe verhindern wollen, müssen wir irgendwas Radikales tun – und ich meine wirklich tun." (Seite 202, und auf der Rückseite.)

Stephen Emmott schreibt "wir" – und nicht "unsere Enkelkinder". 

Er tut das aus drei Gründen: 

a) Point-of-no-return: Wenn das Erdsystem den Schalter umgelegt hat, dann kann es durchaus so sein, dass sich die Lebensbedingung für große Säugetiere (=Mensch) langsam (oder schnell) verschlechtert. Das Aussterben dauert dann zwar Jahrhunderte, aber mensch (mann-frau-kind) kann dem nicht mehr ausweichen: der Schalter kann nicht zurückgeschaltet werden. Daher: WIR = Wir-jetzt-Lebenden.

b) Eher zusätzlich 'sieht es so aus' bzw. 'sieht es ganz so aus', als das es schneller geht als gedacht bzw. schlimmer kommt als gehofft oder beides zusammen. Das bedeutet, dass wir die Katastrophe 'selber noch erleben werden', die zu verhindern, WIR uns heute nicht bereit erklären.

c) Und dazu gehört auch, dass wir präzise wissen, was alles die Katastrophe NICHT verhindert. Und dazu gehört, dass wir uns (auch) daran halten: Nichts tun, was die Katastrophe nicht verhindert. Dasselbe mit anderen Worten: Eben nicht: "Irgendwas tun, denn Hauptsache wir tun was." Das wäre dann so, wie der neue beliebte Volksspruch: "Wir haben aber wenigstens darüber geredet."

 

So ist die Lage. Und so ist meine Meinung zur Lage. Und diese Meinung ist nicht sehr 'Christus-kompatibel'. Es ist also von nun an falsch, 100% seiner Freizeitenergie in Brot für die Welt 'zu investieren' – und 'die detopischen Lösung' nur verächtlich anzuschauen. (U.T., 2017)

 

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https://detopia.de

 

Stephen Emmott    Zehn Milliarden   Ten Billion   (2013)