Heinz Friedrich (Hg.)

Leben ohne Zukunft?

Gedanken über die Hoffnung

 

Ein Buch-Symposion

"Wir heißen Euch hoffen!"

 

1987 bei DTV

Originalausgabe

22 Beiträge auf 213 Seiten 

Herausgegeben von Heinz Friedrich

Heinz Friedrich (Hg.) Leben ohne Zukunft? Gedanken über die Hoffnung

1987     210 Seiten

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Umweltbuch

Leben ohne Utopie? (Strasser)

Zu dumm für die Zukunft? (Löbsack)

 

Inhalt

Leben ohne Zukunft?
Ein Wort zuvor von Heinz Friedrich
  (7)

 

Die Autoren  (209)

 

Umschlaggestaltung: Celestino Piatti # Gesamtherstellung: C. H. Beck'sche Buchdruckerei,Nördlingen

 

Dieser Band erscheint gleichzeitig auch in englischer Sprache ('Facing the Future') als Festgabe der Münchner Rotary Clubs zur Rotary World Convention 1987 in München.

 

 

 

"Die Hoffnung ist ein viel größeres Stimulanz des Lebens als das Glück"

Friedrich Nietzsche

  1. Hoffnung als Mut zum Sein oder Pflanzen wir noch das Apfelbäumchen? - von Friedrich Kalb  (11)

  2. Arten der Hoffnung - von Horst Jürgen Helle  (21)

  3. Dürfen wir heute noch neugierig sein? - von Wolfgang Wild  (30)

  4. Über das »Prinzip Hoffnung« - von Johannes Gründel (38)

  5. Skepsis und Hoffnung. Was wir heute aus der Geschichte lernen können - von Thomas Nipperdey  (51)

  6. Die Idee der Universität. Eine begrabene Hoffnung der verwalteten Welt? - von Nikolaus Lobkowicz  (59)

  7. Kunst für alle Zukunft - von Wolfgang Braunfels  (69)

  8. Hoffen und Harren. Das Warten auf bessere Zeiten in der Musik - von Karl Schumann (76)

  9. Die heillose Welt des Fernsehens. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit als Medienbotschaft - von Dietrich Schwarzkopf (82)

  10. Wir heißen Euch hoffen - von August Everding  (89)

  11. Bauen mit Zukunft - Baukunst ohne Hoffnung? - von Hans-Busso von Busse  (95)

  12. Unter dem Zeichen des Phoenix. Kultur als Hoffnung. Der Aufbau der im Krieg zerstörten Münchner Residenz - von Tino Walz (109)

  13. Heimat, Hoffnung und der Weg ins Freie. von Alexander Freiherrn - von Branca  (118)

  14. Hoffnung für die Natur? Wohlstand für zehn Milliarden Menschen - ein ökologisches Problem - von Hans Wolfgang Levi (126)

  15. Gedanken zum technischen Fortschritt - von Edgar Lüscher  (138)

  16. Wissenschaft und Gentechnologie zwischen Gegenwart und Zukunft - von Anton Mayr (146)

  17. Das ärztliche Gespräch. Gedanken zum Thema »Hoffnung« in einer technisierten Medizin - von Gerhard Paal  (160)

  18. Leben ohne Zukunft? Überlegungen eines Psychiaters - von Hanns Hippius (171)

  19. Hoffnungen und Erwartungen am Beginn des Lebens - von Josef Zander  (179)

  20. Hoffnung im unternehmerischen Kalkül - von Eberhard Witte  (189)

  21. Führung und Verantwortung in der Wirtschaft - von Hermann Clemm  (195-208)

   

Leben ohne Zukunft?

Ein Wort zuvor

von Heinz Friedrich

7-10

Hoffnung - was ist das? Ein Hirngespinst, mit dem sich Menschen etwas vormachen, um nicht an sich und der Welt zu verzweifeln? Oder sind Hoffnungen ein Lebenselixier? Sind sie Illusionen, besitzen sie Realität?

Um mit der zuletzt genannten Frage zu beginnen: Realität haben sie nicht. Hoffnungen sind Hoffnungen auf Realität, aber keine Garantien auf Realität. Sie sind Projektionen des Willens in die Welt der Vorstellungen - um mit Schopenhauer zu sprechen. Erweisen sich Hoffnungen deshalb als irreal? Nein, irreal sind Hoffnungen nicht. Sie entpuppen sich vielmehr, genauer betrachtet, als lebensimmanent. Hoffnungen sind überwiegend irrational, aber sie besitzen seelische Realität. Hoffnungen lassen hoffen. Das heißt, sie machen dem Menschen Mut und bewahren ihn damit vor Depression und Resignation. Schicksalsergebenheit ist keine Lebensform. Wer sich in sein Schicksal ergibt, liefert sich dem Schicksal aus. Er setzt ihm keinen eigenen Willen mehr entgegen.

Wer hofft, gibt nicht auf, und wer nicht aufgibt, lebt aktiv. Er erwartet etwas vom Leben, nämlich Erfüllungen. Nicht allein in dem vordergründigen Sinn von Wunsch-Erfüllung (dieser spielt natürlich auch eine Rolle), sondern in dem tieferen Sinn menschlicher Bestätigung.

Der marxistische Philosoph Ernst Bloch widmet sein Hauptwerk dem »Prinzip Hoffnung«. Er spricht diesem Prinzip die Kraft zu, einer »noch unfertigen Welt« Entwürfe künftiger Möglichkeiten (Utopien) zu empfehlen - künftiger Möglichkeiten, in denen sich der Mensch gesellschaftlich zureichender einrichten könne als in der bisher bekannten, durchaus nicht besten aller denkbaren Welten.

Die gesellschaftliche Utopie als Projektion der Hoffnung: das ist ein Gedanke, der nicht nur linke Gemüter erregt, bewegt und auch hinreißt. Er hat fast schon religiöse Züge, weil er das Ziel der Hoffnung zwar in verheißungsvollstem Licht erscheinen läßt, die realen Wege zu ihm hingegen im Dämmerlicht des Ungewissen beläßt.

Die Hoffnung setzt Glauben voraus. Zwar kann Glaube Berge versetzen, Hoffnungen erfüllen kann er jedoch nicht. Er kann nur die Hoffnung verstärken, daß der Glaube in der Lage sei, Berge zu versetzen. Das ist die Rezeptur jeder Ideologie, das ist aber auch die Grundlage aller Religionen, den griechischen Mythos ausgenommen. Er war auch keine Religion.

Prinzip Hoffnung also. Kein Prinzip? Doch, aber nicht vornehmlich ein Prinzip gesellschaftsverändernder Utopie, sondern ein Lebensprinzip, das allen Organismen eingeboren ist, das sie bewegt und beseelt. Der Philosoph Karl R. Popper, kein Marxist, hat einmal gesagt, daß alles Lebendige stets nach einem »besseren Leben«, was besagt: nach besseren Lebensbedingungen strebe. Und das »bessere Leben« sei auch stets ein »höheres« Leben. Dieses Streben nach besserem, höherem Leben sei das eigentliche Agens der biologischen Evolution ebenso wie der humanen (geschichtlichen). Goethe hat diesen Gedanken 150 Jahre zuvor im zweiten Teil des >Faust< vorweggenommen, wo er die Himmlischen sagen läßt: »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen ...«.

Streben, Taten, Vorwärtsdrang und Selbstbehauptung - ohne Hoffnung sind diese menschlichen Leistungsfaktoren nicht denkbar. Denn wozu das alles, wenn (frei nach Goethe) den Tröpfen alle Hoffnung schwände?

Im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten sagt der Esel zu dem Hahn, der in den Suppentopf wandern soll: »Etwas Besseres als den Tod findest du überall.« Hier ist das Lebensprinzip Hoffnung auf den einfachsten Existenznenner gebracht: Solange das Leben als etwas Besseres dem Tod vorgezogen wird, keimt das Pflänzchen Hoffnung. Daß es keimt, bestätigt sein Dasein und berechtigt dazu.

Denn Hoffnung ist immer optimistisch, sie erwartet das Positive. Würde sie das Negative erwarten, wäre sie eine Befürchtung. Furcht aber ist das Gegenteil von Hoffnung.

Zwar kann jemand zwischen Furcht und Hoffnung schwanken oder gar zwischen beiden Polen hin- und hergerissen sein; als Dauerzustand jedoch ist ein Zwiespalt wie dieser unerträglich. Depression ist die Folge.

Hoffnung zu haben ist eine positive Entscheidung für das Leben. Wer hofft, bejaht die Welt auch dort, wo er sie unerträglich findet; er hält die angetroffenen Verhältnisse für veränderbar.

Veränderung - auch ein Lebensbegriff. Leben ist Veränderung. Veränderungen müssen nicht immer (und vor allem nicht ausschließlich) Revolutionen sein; es gibt auch evolutionäre (konservative) Veränderungen. Ohne den Mut aber und den Optimismus zur Veränderung erstarrt Leben, das geistige ebenso wie das kreatürliche, zur Lebenskruste. Die Blüten welken, und die Samen werden taub. Doch wie soll Leben sich verändern ohne Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben? Was sich verändern will, fühlt sich unter den gegebenen Umständen nicht mehr wohl. Dieses Gefühl des Unbehagens lediglich gegen ein anderes auszutauschen, das wäre eine sinnlose Veränderung; sie würde nichts erbringen, zumindest nichts, was die Grundbefindlichkeit entscheidend verbesserte und damit der Hoffnung Erfüllung verhieße.

Das Wort »Hoffnungslosigkeit« ist ein schreckliches Wort. Es ist das unmenschlichste Wort, das es überhaupt gibt. Selbst der Begriff »Trostlosigkeit« besitzt dagegen noch einen letzten schmalen Ausweg. Hoffnungslosigkeit jedoch: das ist das Ende aller Hoffnung und damit die Aufgabe aller positiven Aspekte des Daseins.

In unseren Tagen wird oft von Hoffnungslosigkeit gesprochen angesichts von Hunger und Elend, aber auch angesichts zunehmender Zivilisationsneurosen. Wenn Drogen die Hoffnung ersetzen müssen, ist es um die Gesellschaft (oder Teile derselben) schlecht bestellt. Drogen gaukeln keine Hoffnungen vor, sie betäuben nur die Hoffnungslosigkeit. Wo aber in einer Gesellschaft die Hoffnungslosigkeit zu grassieren beginnt, helfen weder Wohlstand noch Sozial­leistungen über die seelische Not hinweg, die durch die Verkümmerung eines zentralen Lebenselements entsteht. Es sind die seelischen Deformationen in erster Linie, die Hoffnungslosigkeit erzeugen; erst in zweiter Linie sind es die materiellen.

Um die Problematik dieses Sachverhaltes zu erörtern, haben sich Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen, Männer der Wirtschaft, Künstler und Vertreter der Medien zu einem einzigartigen Buch-Symposion zusammengefunden. Sie alle erörtern das Thema Hoffnung, reich facettiert und auch differenziert, aber doch in dem einen Punkt übereinstimmend, nämlich dem: daß Leben ohne Hoffnung ein Leben ohne Sinn sei, und daß ein Leben ohne Sinn ein existentieller Nonsens sei.

Es ist bekümmernd und auch beschämend, daß dieser Nonsens, je näher sich das Jahrhundert seinem Ende zuneigt, immer häufiger auftaucht und den Mitlebenden gedanklich sogar als intellektuelle oder ästhetische Sensation (sprich: Schock) empfohlen oder sogar verpaßt wird.

Wir heißen Euch hoffen - so lautete unmittelbar nach dem Krieg der Titel eines Theaterstückes. Auch ein Beitrag in diesem Buch trägt diesen Titel. Das Buch selbst präsentiert sich mit einem Fragezeichen. Die Aufsätze, die eigens für dieses Buch geschrieben wurden, versuchen darauf eine Antwort zu geben.

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Heinz Friedrich (Hg.) Leben ohne Zukunft? Gedanken über die Hoffnung